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0903
WACHS!  —   1. Berlin-Reise / 1998

#1.15 | Fontane, Kaserne, Mansarde

Sowohl Dorothee als auch Marina hatten mit mir nach Neuruppin fahren wollen, die Fontanestadt am See. Ich hatte die Aufforderung ausgeschlagen, mit dem Hinweis darauf, dass Neuruppin ja auf meinem Rückweg läge und ich die Stätte dann mit meinen Eltern gemeinsam besichtigen könnte.
Neuruppin war aber nicht das Einzige, was im Norden Berlins, also am Wegesrand, lag. Im nördlichsten Vorort Berlins, in Frohnau, hatte Irene den Friedensbeginn 1945 unvergewaltigt überstanden und wollte nun den Ort ihrer Schändungslosigkeit wiedersehen. Ich war darauf gefasst gewesen und hatte die Strecke bis zum Edelhofdamm vom Stadtplan her auswendig gelernt.

Das Haus steht noch, und Guntram und Irene waren zufrieden, wie sauber und ordentlich es aussah. Sie zeigten mir, wo die den Russen zum Opfer gefallenen Frauen gewohnt hatten und wo die Russen selbst ihre Kommandantur gehabt hatten. Guntram war etwas enttäuscht, dass nebenan nicht mehr Wiesenhüters wohnten, dann fuhren wir weiter.
Den Rückweg zur Autobahn hatte ich nicht auswendig gelernt, und es begann sich zu rächen, dass ich ehrgeizigerweise geglaubt hatte, die Piste eine Ausfahrt näher an Hamburg wieder erreichen zu können, statt wie ein Anfänger einfach so zurückzufahren, wie ich gekommen war. Vor allem aber fehlte die Mauer, und so gelangte ich ungehindert in die schrankenlose Mark Brandenburg mit all ihren Wäldern und schilderlosen Ortschaften.
Eine Frau, die ihre Ortskundigkeit dadurch zur Schau stellte, dass sie einen Rollstuhl schob, wurde von mir nach dem Weg gefragt, und sie antwortete hilfsbereit, wenn auch etwas umständlich. Ich behielt alles gut im Kopf und fuhr wie mir geheißen. „Aber herrliche Wälder gibt es hier“, sagte Irene, und nur das kleine ‚aber‘ verriet, dass Irene noch lieber auf der Autobahn gewesen wäre. Sie stand mir aufmerksam zur Seite, als wieder Häuser auftauchten und sagte: „Plattenbau. Wir sind noch in der DDR.“ Ich fand, sie hätte besser gesagt: ‚Wir sind schon in der DDR‘, aber Irene war der Meinung, dass wir nach Berlin zurückmüssten, um auf den rechten Weg zu gelangen.
Endlich sahen wir die Autobahn – allerdings unter uns, von einer Brücke aus. Wir fuhren also die kleine Straße hoffnungsvoll neben ihr her, bis der Pfad im Dickicht endete. Schließlich kamen wir an ein Schild: ‚Berlin-Reinickendorf‘. Ich fuhr in die entgegengesetzte Richtung, musste aber nach ein paar Kilometern aufgeben, weil die Schilder zur Autobahn nach Dresden einfach kein Ende nehmen wollten.
So folgte ich zerknirscht dem Weiser nach Reinickendorf, kam an die Autobahn und schlug die Richtung Berliner Ring ein. Da, malte ich mir aus, müsste ja irgendwann ein Pfeil nach Hamburg zeigen. Mit einem Kameramann bin ich beim Filmdreh mal zwei Stunden lang um Moskau gefahren, weil er den Ring in die verkehrte Richtung gewählt hatte und somit hundertachtzig statt sieben Kilometer zu fahren hatte. Schuld war der Dolmetscher, angeblich, aber aussitzen mussten wir es alle.
Ich bewies mehr Fortune und konnte mich bei Fehrbellin in den Stau nach Hamburg einfädeln. Das war aber nicht so schlimm, denn in Neuruppin wollten wir ja schon wieder runter von der Autobahn. Merkwürdigerweise war die Strecke nach Neuruppin aber genauso verstopft, denn es war ‚Marktfest‘. Schließlich stießen wir aber doch zum Ortskern vor. Ich hielt scharf an der Fußgängerzone, doch Irene mochte nicht aussteigen, sie war nervlich etwas mitgenommen. Guntram begleitete mich und fragte dauernd: „Was findet Dorothee denn hier so schön?“ Dann kamen wir ans Fremdenverkehrsbüro, wo eine heimatverbundene junge Frau uns genau erklärte, wie man zum Fontane-Haus und zu Schinkel käme. „Und wo sind die Kasernen?“, fragte Guntram, „ich war hier nämlich als Soldat.“
„Wir haben hier viele Kasernen“, sagte die junge Frau aufgeschossen. „Waren Sie bei den Vierundzwanzigern?“
„Also, man musste erst durch einen Wald“, wich Guntram aus.
„Wo gibt es denn hier ein gutes Restaurant?“, versuchte ich die Situation zu entschärfen.
„Am See. Hier gleich rechts. Ist zwar gesperrt, aber fahren Sie ruhig durch!“, sagt die Frau.
Auf dem Weg zum Auto bedauerte Guntram, dass er sein Soldbuch nicht dabeihatte, um die Kaserne zu identifizieren, während ich mit Missmut registrierte, dass die Straße, die wir ruhig entlangfahren sollten, am anderen Ende mit Blumenkübeln versperrt war. Rasch entdeckte ich die Besonderheiten von Neuruppin: Alle Wege führen zum See, aber keiner führt am See entlang. So holperte ich eine fahrbahngeschädigte Stichstraße nach der anderen hinunter, sah mir das jeweilige Ufer an und befand, dass die biederen Frittenbuden dort für meine alten Eltern nicht zumutbar seien. Mir schwante, dass in der ehemaligen Ostzone ein vernünftiges Lokal ausfindig zu machen zeitraubender sein würde, als auf Damenkleidern nach Präsidentensperma zu suchen, wie das zurzeit in den USA geschah: Monicagate.
Guntram und Irene waren überraschend unquengelig und vertrauten meinem Urteil, als ich wie Noahs Taube zum Auto zurückkam und erklärte: „Kein Land in Sicht.“ – Allen Häusern am Wegesrand wurde Aufmerksamkeit geschenkt. Bei den instandgesetzten hieß es: „Sieh mal, das ist doch fabelhaft geworden!“, und bei den verrotteten: „Nun guck dir das an, was die hinterlassen haben! Aber die Leute wissen gar nicht, wie gut es ihnen geht, und wählen PDS.“
Bei der vierten Stichstraße hatte ich Glück. Da schmiegte sich die Terrasse eines renovierten Hauses ans Seeufer und bot gegen halb drei noch warme Küche. Wir aßen Suppe und Fisch, alles schmeckte, das Mädchen war freundlich, Irene war aufgeräumt und bestellte sich drei Sorten Kuchen: „Aber von jedem nur ein kleines Stückchen!“, mahnte sie. Guntram aß russischen Zupfkuchen, ich Apfeltorte mit Schlagsahne. Im Übrigen war der See unverbaut und still wie bei Fontane, den wir genau wie Schinkel ungestört ruhen ließen – und zufrieden traten wir die Heimreise an.
Die Autobahn war leidlich frei, mal schlief Guntram, mal Irene, selten beide gleichzeitig, ich versuchte, wach zu bleiben. Gegen sechs Uhr waren wir in Hamburg.

Irene half mir beim Ausräumen meines ungeheuer vollgepackten Wagens. Die Entkernung des Kutscherhauses für den Umzug meiner Eltern zu mir ist fortgeschritten. Da machen die paar zusätzlichen Kartons meine Wohnung auch nicht fetter. Sie ist so in Plastik weggehüllt, als sei sie strikt gegen Aids, alles, was mir lieb ist, lagert in Pappe. Meine Mansarde oben ist praktisch unbewohnbar.
Das Parterre unten ist eine Ruine, der Garten eine Grube, Gas – also Heizung und Warmwasser – ist abgestellt. Morgens um sieben beginnen die Bagger und Presslufthämmer.
Ich finde, das beantwortet bis zu einem gewissen Grade Irenes leicht gekränkte Frage, warum ich denn nun gleich wieder nach Schweden müsse.
Immerhin war ich heute, Montag, den 3. August ’98, schon aldihalber unterwegs, Vorräte ranzuschaffen. Nun sitze ich in der Loggia meiner Eltern, vielleicht das letzte Mal in meinem Leben, und trinke ganz gewiss nicht mein letztes Glas Wein.
Der Garten ist lang, aber die Zukunft ist kurz, sie dauert immer nur einen Tag: So will ich denn die Tage, einen nach dem andren, auffädeln, mit der mir eigenen Geschicklichkeit und denken, es seien Perlen – eine Flucht in Ketten.

Hanno

Titelgrafik mit Material von Shutterstock: studiovin (Buch)

Hanno Rinke Rundbrief

35 Kommentare zu “#1.15 | Fontane, Kaserne, Mansarde

      1. Es geht ja auch eher um die generelle Einstellung. Carpe diem quasi. Nicht alles auf Morgen zu verschieben, sondern das Beste aus dem Moment zu machen.

      2. Und wer am Ende weder die Kette noch die einzelnen Perlen wertschätzt, der schaut irgendwann zurück und merkt, dass er nichts erlebt hat.

      3. Neulich habe ich nochmal gehört, wie wichtig es ist neue Sachen zu erleben und neue Erinnerungen zu schaffen. Gerade das hält uns ja jung. Je weniger man erlebt, desto schneller vergehen irgendwanb die Jahre. Einfach weil keine neuen Erinnerungen mehr abgelegt werden und dadurch die Zeit immer schneller zu verfliegen scheint. Das fand ich einen interessanten Zusammenhang.

  1. Also die Art Ihrer Mutter gefällt mir ja. Drei unterschiedliche Stücke Kuchen sollte ich beim nächste Café auch bestellen. Mir fällt die Auswahl eh immer so schwer.

    1. Es bietet sich ja auch an die Stücke einfach untereinander zu teilen. Zumindest wenn man sich nicht festlegen möchte.

    1. Trips bei denen man auf einen Dolmetscher angewiesen ist können ohne Frage aufregend sein. Der Umweg auf der Autobahn ist dabei wahrscheinlich eh nur eine kleine Anekdote am Rand.

      1. Schön, wenn man heimlich die Sprache kennt und sich (als Protagonist eines Spionagefilms) besonders merkt, was nicht und was verfälscht übersetzt wurde.

  2. Die Ruppiner Seenkette soll ja nochmal sehr viel schöner sein als Neuruppin selbst. Vielleicht mochte Dorothee das auch.

  3. Weltgeschichte im Nebensatz. Dieses Monicagate wurde neulich ja noch einmal ziemlich eindrucksvoll in der letzten Staffel der American Crime Story abgehandelt. Schon ein starkes Stück, und trotzdem noch so weit entfernt von den Skandalen 30 Jahre später.

    1. Die Sendung habe ich noch nicht gesehen. Aber interessant ist es ja ohne Frage wie unterschiedlich die Impeachments von Clinton und Trump waren. Die Reaktionen der beiden großen Parteien eingeschlossen.

      1. Zum Glück sind wir von solch einer politischen Spaltung in Deutschland noch weit entfernt. Die Hypokrisie der Republikaner in den letzten Jahren ist schon unglaublich.

  4. Ob am Berliner Ring Hamburg schon ausgeschildert ist, wüsste ich jetzt auch nicht. Aber generell denke ich eh immer, dass diese Wegweiser ziemlich verwirrend sein können. Oft machen die Richtungen für mich wenig Sinn. Dabei dachte ich lange, dass ich einen guten Orientierungssinn hätte.

      1. wie gut, dass man darauf so gut wie nicht mehr angewiesen ist… das navy im auto oder die apps auf unseren smartphones nehmen ja zum glück viel stress und ärger ab.

  5. Marktfest klingt schon anstrengend. Jedenfalls wenn man nicht zu den gelangweilten Einwohnern gehört und gemütlich durch die Stadt spazieren möchte.

    1. Ach was, als ob Kleinstädter grundsätzlich bemitleidenswert wären. Solche Straßenfeste können durchaus Spaß machen.

      1. Dachte ich früher auch. Aber was macht man da? Schubsen, saufen, Fritiertes (fr)essen? Ich denke lieber an Kettenkarrussel im Sommerwind: Ist wohl mehr Film als Fakt.

      2. Ich glaube es geht einfach darum Freunde zu treffen. Die „Attraktionen“ an sich sind sicherlich nicht der große Knaller.

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