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WACHS!  —   1. Berlin-Reise / 1998

#1.12 | Ein schönes Geschenk

Michael rief heute an und fragte, ob wir uns treffen sollten. Bei Michael heißt das immer: Kulturprogramm. Er ergänzte auch gleich, in die Neue Nationalgalerie dürften wir aber nicht gehen, denn da ginge Jürgen hin, und der wolle mich immer noch nicht sehen. – Neben der Kalbs- und der Geflügel-, der groben und feinen gibt es noch die beleidigte Leberwurst, und die find ich besonders wenig schmackhaft. Ich will auch nicht ins Museum. Das Wetter ist ganz schön. Ich sitze bei ‚Möhring‘. Frühstück macht mir doch Spaß, wenn ich am Vorabend nichts gegessen habe und es nicht vor zwölf stattfindet.

Montag Vormittag wollte ich zum Alexanderplatz fahren, aber es kam der Zug in die entgegengesetzte Richtung, und da fuhr ich dann eben zum Wittenbergplatz. Dort bekam ich auch Schwarzbrot, Milch und Margarine, Kirschmarmelade und Chrysanthemen. Es ging natürlich wieder mal nicht um mein Wohl, sondern um das meiner Eltern. Meinen Vorschlag, sie sollten mich doch gegen Ende meines Aufenthalts in Berlin besuchen kommen, damit Guntram ‚sein‘ altes Berlin in neuer Pracht erleben könne, hatten sie folgendermaßen aufgegriffen – beide: „Ach ja! Das wäre eigentlich ganz schön.“ Am nächsten Tag vormittags – Irene: „Ich glaube, das wird Guntram zu viel.“ Nachmittags – Guntram: „Ich glaube, das wird Irene zu viel.“ Am Tag darauf –beide: „Vielleicht ein andermal.“ Zum Schluss: „Na gut. Dann versuchen wir’s.“ Ich stellte die Frühstücksware Irene in die Küche und beiden einen Strauß in ihre unterschiedlichen Dielen. Im Alter wird man raumgreifend.

Zu meiner Entgeisterung war der Himmel am Morgen ganz bedeckt gewesen. Wo Guntram doch so wetterlaunisch ist! Glücklicherweise klärte es sich gegen Mittag auf, und glücklicherweise rief Herr Teßmer aus dem Auto an, um mitzuteilen, dass er sich verfahren hatte. Vorher schon hatte ein ausgebrannter Wagen auf der Autobahn für Abwechslung, allerdings auch für Stau gesorgt. So kamen meine Eltern eine Stunde später als von mir erwartet an, doch dank Handy sorgte ich mich nicht allzu sehr. Herr Teßmer verwaltet normalerweise die Finanzen meiner Eltern, aber sie nach Berlin zu chauffieren ist offenbar im Service inbegriffen.

Guntram war wirklich nicht gut zu Fuß. Ich musste das Berlin-Programm auf das Niveau von Behinderten-Verträglichkeit runterschrauben. Der Weg, die Friedrichstraße entlang, am Lafayette und am Grandhotel vorbei, zu ‚Dressler‘ war schon das, was das Zumutbare ausschöpfte. Aber dann saßen wir Unter den Linden, aßen gut, redeten viel, und alles war wie immer. Familie. Meine Familie. Wir – und niemand sonst.

Am Dienstag war dann Schluss mit Schlendrian. Pünktlich um zehn verließ unser Schiff die Jannowitzbrücke, die Spree entlang, erst mal weg von der Stadt, Richtung Landwehrkanal. Die megafonbestückte Führerin wies uns darauf hin, dass Berlin dreimal so viele Brücken habe wie Venedig und nannte auch alle beim Namen, während wir mit eingezogenen Köpfen unter ihnen durchfuhren. Sie wies uns auf nahezu jedes Gebäude am Wegesrand hin, auch wenn es schon abgerissen war („hier stand bis 1945 …“) und zeigte uns sogar die Stelle, an der Hermann Souchon die tote Rosa Luxemburg ins Wasser geworfen hatte. Nach anderthalb Stunden sagte Irene: „Das ist wirklich sehr schön. Aber jetzt hab’ ich genug.“ Ich konnte sie trösten, dass die Fahrt in spätestens zwei Stunden zu Ende sein würde. Guntram und Irene machten ihr mangelndes Sitzfleisch zu schaffen, es schmerzten sie die Beckenknochen mehr als die Sprengung der früheren Moltkebrücke.
Guntram wäre so gerne mal aufgestanden, aber das war wegen der niedrigen Brücken strengstens untersagt und auch wirklich nicht zu empfehlen, weil man dabei allzu leicht den Kopf verlieren konnte.

Vom Schloss Charlottenburg ging es dann über die Spree wieder zurück in Richtung Mitte. „Vielleicht sind wir noch vor dem Unwetter zurück“, sagte Guntram, „aber ich glaube, nicht.“ In der Tat hatte sich der am Morgen noch blaue Sommerhimmel drastisch verfinstert. Oberhalb der riesigen Baufläche zwischen Potsdamer Platz und Lehrter Bahnhof war das Spiel der schwarzen Wolken gut zu verfolgen.
Nun kam der Höhepunkt des Ausflugs: Die Fahrt vom Reichstagsgebäude an der Museumsinsel vorbei zum Dom, das Schloss steht ja leider nicht mehr, dafür fielen die ersten Tropfen. Guntram beobachtete mehr den Himmel als das Nikolaiviertel und die Fischerinsel, aber dann war die schöne Fahrt auch schon vorbei, ohne dass es nennenswert geregnet hätte.
Nun fuhr ich Guntram und Irene kreuz und quer durch die Innenstadt, es war eine eigentlich gar nicht vorgesehene Rundfahrt, die ihre Ursache weniger in meinem gesteigerten Belehrungswillen als in meiner mangelnden Ortskenntnis hatte, aber wir genossen es sehr. Von Zeit zu Zeit erhaschte Guntrams Blick ein Straßenschild, er nannte angewidert den Namen und sagte: „Furchtbare Gegend früher!“ Als ich keine Lust mehr hatte, im Stau zu stehen, fuhr ich einfach immer da lang, wo die wenigsten Autos hinwollten. Auf diese Weise entfernte ich mich ganz zwanglos aus dem Zentrum. Irgendwie kam ich so auf die Straße des 17. Juni und vorbei am Brandenburger Tor zum Hotel. Nach einer Nachmittagspause fuhren wir mit der U-Bahn zum Wittenbergplatz.

Nur widerwillig ließ sich Irene zu einem Besuch des KaDeWe herab, und Guntram wollte auch nicht allein draußen warten. Menschenansammlungen ermüden Irene schnell, in einem Kaufhaus fühlt sie sich nach einer Viertelstunde ganz marode. Dabei war sie es ja gewesen, die gesagt hatte: „Wir haben Dorothee nichts zum Geburtstag geschenkt. Ich dachte schon mal, ob wir ihr nicht Champagner mitbringen sollten. Wie viel, das überlass’ ich euch.“ Ich fand, sechs Flaschen, und Guntram hatte auch nichts gegen das Zahlen, sondern nur was gegen das Tragen. Wir irrten also durch die Lebensmitteletage des KaDeWe und Irene sagte: „Das brauch’ ich alles nicht. Ich kann das hier auch nicht lange aushalten.“ Allerdings war es nicht so voll, wie Irene es zum Sommerschlussverkauf erwartet hatte, so dass Guntram schon besorgt fragte: „Wie rentiert sich das?“
Wir kamen zu den Champagner-Ständen. Irene war bereits etwas hinfällig, und ich sagte: „Vier Flaschen reichen, glaube ich, auch.“ Guntram setzte sich an die Bar und bedeutete dem jungen Mann hinter der Theke: „Wir wollen nicht trinken, wir wollen kaufen.“
„Bitte sehr“, sagte der Barmann und trat auf Irene zu. „Wir gucken noch“, wies sie ihn ab.
Die Flaschen kosteten alle ab 49 Mark, und ich raunte Irene zu, dass es bei ‚Bolle‘ zehn Mark billiger sei. Nur war ‚Bolle‘ eben nicht hier, sondern am Theodor-Heuss-Platz, den anzusteuern ich aus logistischen Gründen ablehnte. „Na schön“, sagte Irene. Dann verließen wir das KaDeWe und nahmen eine Taxe zum ‚Kempinski‘, wo ich meine Eltern in der Halle deponierte, um im Theater des Westens Karten für ‚30 60 90°‘ zu kaufen, was mir eine von Dorothees Mitesserinnen wegen gekonnter Tanzszenen empfohlen hatte. Als Alternative hätte es nur noch ‚Sekretärinnen‘ im Schiller-Theater gegeben, und das schien mir etwas zu schrill. Als ich mit den Karten zurückkam, sagte Irene: „Wir haben überhaupt nichts für Dorothee, das ist ja zu peinlich.“ Ich rannte also wieder auf die Straße. Es begann zu regnen. An der nächsten Ecke war ein Geschäft, in dem ich ein sehr schönes Päckchen Tee kaufte, das war leichter zu tragen und auch viel gesünder als sechs Flaschen Champagner.

Wir saßen am ‚Kempinski-Eck‘ unter der Markise und beobachteten, wie die Leute durch den Regen liefen. Guntrams Hoffnung, die Serviererin würde nicht rauskommen zu uns, blieb unerfüllt. „Heut’ sind wir alle im Dienst, und nichts ist los“, klagte sie. „Manchmal sind wir nur zu dritt und alles ist voll.“ Guntram und Irene bestellten ein Bier, das ihr nicht schmeckte, ich bekam ein Glas Wein für neun Mark fünfzig, was Irene den hellen Wahnsinn fand.
„Ja, ist teuer“, sagte die Serviererin mitleidig. Ich beschwichtigte beide, dass man ja nicht nur den Rebensaft zahlen müsse, sondern auch die fixkostenlastige Institution ‚Kempinski‘, dann gingen wir zu Fuß unserem Schicksal entgegen.

Wenn Guntram das Wort ‚Dorothee‘ hört, macht er immer ein Gesicht, als hätte er es versäumt, rechtzeitig Barrikaden zu bauen, um seine Familie vor der Sturmflut zu schützen. Man kann sich seinen Gesichtsausdruck auf dem Weg zu ihrer Wohnung, eine halbe Stunde später, also gut vorstellen, obwohl er den Kopf nach vorn gesenkt hielt wie ein Stier in der Arena, als Schutz gegen Wind und Regen, den Blick auf die spiegelnassen Gehwegplatten des Kurfürstendamms geheftet.
Dorothee sagte: „Ich freue mich!“, nahm den Tee in Empfang und kredenzte Sherry. Der konservative Musik- und Ballett-Kritiker Klaus Geitel war da – wie fast immer. Wir saßen in Antiquitäten, und Dorothee trug Tomatensuppe und Lammfilets auf. Guntram und Irene waren erst noch etwas echauffiert, aber dann erzählten sie doch nacheinander größere Teile ihrer Lebensgeschichte, um Klaus Geitel daran zu hindern, weiter zu mäkeln. Es war alles sehr schön, zumal Dorothee kaum sprach und somit kein Zündstoff gegeben war, denn Geitel und meine Eltern sind sich ja in ihrem Weltbild weitgehend einig.

Titelgrafik mit Material von Shutterstock: artstore (Steinplatte)

Hanno Rinke Rundbrief

34 Kommentare zu “#1.12 | Ein schönes Geschenk

  1. Es ist doch irgendwie beruhigend, wenn dann alles so wie immer ist. Also mit der Familie, aber auch mit sehr guten Freunden.

    1. Und ebenso beunruhigend, wenn man sich nach langer Zeit wieder sieht und feststellt, dass es nicht mehr so wie immer ist…

      1. Da verstehe ich den Ärger über die Pizza eher. Wahrscheinlich spielt die eigene Erfahrung immer auch eine Rolle.

  2. Obwohl ich grundsätzlich auch kein großer Kaufhaus-Fan bin, mag ich das KaDeWe. Meistens fühlt man sich dort auch nicht so gestresst, wie das in vielen anderen Häusern der Fall ist.

      1. Die Mischung aus Trubel und Eleganz hat mir früher gefallen.
        In den 1980ern habe ich oben im KaDeWe aber auch schon nachmittags gegen halb vier mutterseelenallein sechs Austern mit Chablis weggespült.

      2. Es ist natürlich gleichermaßen hochklassig wie touristisch. Das lässt sich wohl auch nicht vermeiden. Ich bin aber auch gerne mal dort, wenn ich in Berlin bin.

      1. Und die nötiger Zeit. Während der Arbeitswoche bietet sich das ja weniger an.

      2. Da kommt es wieder zu dem Unterschied zwischen demjenigen, der sich den Umständen anpasst und Chance ergreift und demjenigen, der planlos umherirrt.

  3. Da kommt mir die Frage, wann man Menschen und ihr Weltbild ein wenig rütteln will und wann man sich besser zurückhält. Ich denke oft, ich sollte öfters etwas sagen, aber mich schreckt die drohende Diskussion meistens ab.

  4. „Wie rentiert sich das?“ ist eine wirklich gute Frage. Ich war während der Zeit in Berlin, als man nur mit tagesaktuellem Test und Termin in die Kaufhäuser konnte. Da war das KaDeWe wirklich leergefegt. Man fragte sich wirklich ob das Öffnen überhaupt Sinn macht.

      1. Man kann wirklich nur froh sein, dass diese Pandemie langsam ihrem Ende zugeht. Hoffentlich stimmt das dieses Mal auch und wir erleben nicht nur eine weitere Ruhe vor einem weiteren Sturm.

      2. Der Gedanke kam mir auch gleich. Was nützt es uns, wenn wir wieder ohne Maske Bus fahren dürfen, wenn ein Atomkrieg als Option hier bei uns in Europa auf dem Tisch liegt.

  5. im Alter wird man raumgreifend. Daher wären die
    sechs Flaschen Champagner genau richtig. Aber sich dann für ein Päckchen Tee entscheiden, ein schönes, ein gesundes, ein leichtes! Herrlich.

    1. Während der Pandemie hat sich ja eh noch einmal relativiert, was man eigentlich braucht. Ohne Gäste oder soziale Verpflichtungen fallen nochmal einige Sachen weg.

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