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Innocentia-Park

#7 Oben und unten

Siebenmal werden wir noch wach – heißa, dann ist Weihnachtstag!1
––Eva hatte die Haare straff zurückgekämmt und hinten zum Pferdeschwanz gebunden. Nun sah sie wirklich ein bisschen wie eine Lehrerin aus: strenger, erwachsener, aber auch edler. „Mein Deutsch klingt vielleicht etwas komisch für dich“, sagte Eva, „wenn du mich nicht verstehst, musst du es mir sagen, ja?“
––Margareta nickte. Ihre eigene Aussprache fand sie viel schlimmer, die war ein Makel, Eva hatte bloß einen Akzent, und Margareta verstand jedes Wort, das Eva sagte. Wenn nur nicht gleich die Zahlen kommen würden!
––„Also die Bruchrechnung ist gar nicht so schwer, du musst nur die Regeln achten.“
––„Beachten“, sagte Margareta und schämte sich gleich dafür, Eva verbessert zu haben.
––„Beachten“, wiederholte Eva ganz ruhig. „Was über dem Strich steht, ist der Zähler, und was unter dem Strich steht, ist der Nenner, verstehst du das?“
––„Ja.“
––„Also was ist bei vier Fünfteln der Zähler?“
––„Vier Fünftel?“, fragte Margareta erschrocken, das war eine sehr unübersichtliche Zahl.
––Eva wartete einen Augenblick. Dann schrieb sie eine ‚Vier‘, machte darunter einen Strich und schrieb unter den Strich eine ‚Fünf‘. „Vier Fünftel“, sagte sie, „die Vier oben ist der Zähler, die Fünf unten ist der Nenner.“
––„Gehst du hier auch zur Schule?“, fragte Margareta.
––„Noch nicht“, sagte Eva, „es ist ja mitten im Schuljahr. Ab Januar werde ich in die zehnte Klasse kommen. Wenn ich es schaffe, komme ich Ostern in die Oberstufe.“
––Margareta nickte ehrfürchtig. „Wieso sprichst du so gut Deutsch?“
––„Meine Großmutter, die Mutter meiner Mutter, ist Deutsche. Sie lebte bei uns. Mein Vater und meine Mutter haben beide gearbeitet, darum war ich am meisten mit meiner Großmutter zusammen.“
––„Und wo ist deine Großmutter jetzt?“
––„Sie ist in Ungarn geblieben. ‚Mir kann nichts passieren‘, hat sie gesagt. ‚Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr.‘ – Es wäre auch schwierig mit der Unterbringung gewesen.“
––Margareta stellte sich vor, ihre Großmutter wäre in Ungarn. Sie fand den Gedanken gar nicht so schlimm.
––„So, aber jetzt müssen wir weitermachen!“, sagte Eva. „Also: drei Fünftel. Was ist bei diesem Bruch der Zähler?“
––Margareta zögerte. „Wahrscheinlich die größere Zahl“, dachte sie und sagte: „Fünftel.“
––Eva seufzte leicht. „Ich schreibe es dir nochmal auf. Drei … Fünftel. Die obere Zahl nennt man ‚Zähler‘ und die untere ‚Nenner‘. Du kannst es dir so merken: Die erste Zahl ist der Zähler und die zweite mit ‚tel‘ hinten dran, das ist der Nenner. Hast du das verstanden?“
––Margareta nickte.

Die Tür öffnete sich nahezu geräuschlos: Kai.
––Margareta sah von drei Fünftel zu Kai und wieder zurück.
––Eva wandte den Kopf und lächelte: „Na, Kai, willst du auch noch etwas lernen?“
––Kai starrte einen Augenblick gebannt auf Eva, dann schüttelte er den Kopf und verschwand wieder.
––Eva lachte, es lag ein bisschen Eitelkeit in ihrem Lachen: „Ist dein Bruder immer so schüchtern?“
––„Nein, nur bei dir.“
––„Bei mir? Warum bei mir?“
––Für jemanden, der Bruchrechnung konnte, war die Frage nicht besonders intelligent, fand Margareta. „Er mag dich“, sagte sie.
––„Er mag mich? Er kennt mich doch gar nicht. Er hat noch keinen einzigen Satz mit mir gesprochen.“
––„Du bist sehr hübsch“, sagte Margareta leise.
––„O, danke!“, Eva lachte noch einmal, „aber jetzt wollen wir weitermachen. Also – was ist bei einhalb der Zähler und was ist der Nenner?“
––Margaretas Gedanken waren für den Bruchteil einer Sekunde in ganz anderen Gefilden gewesen, fast dort, wo sie schön war, fliegen konnte und nicht zu rechnen brauchte, aber diese Frage brachte sie schlagartig zurück in die richtige Welt. Zähler, Nenner – was hatte denn nun ‚tel‘ am Ende? „Einhalb und einhalb ist ein Ganzes“, sagte Margareta.
––„Das ist richtig“, Eva nickte, „aber danach habe ich dich nicht gefragt.“ Konnte ‚ein‘ Zähler sein? Brauchte man dafür nicht wenigstens eine Zwei? ‚Ein‘ war sicher Nenner: ‚Ein‘ Haus, ‚ein‘ Baum, so nennt man es doch. „‚Ein‘ ist der Nenner“, sagte Margareta.
––„Du musst versuchen, mir zuzuhören“, sagte Eva. „Zuerst kommt der Zähler, dann kommt der Nenner. Also?“
––Wenn ‚ein‘ nicht der Nenner war, dann war ‚ein‘ doch der Zähler. „‚Ein‘ ist der Zähler.“
„Ja“, sagte Eva erleichtert. „Und ‚halb‘?“
––Na ja, da blieb ja nichts anderes übrig. „‚Halb‘ ist …“, Margareta stockte. ‚Halb‘ hat ja kein ‚tel‘ hinten dran. Es kann also gar nicht der Nenner sein. Aber was dann? Es gab ja nichts weiter als diese beiden Begriffe. „Der Zähler“, sagte Margareta.
––„‚Halb‘ ist der Nenner!“ Evas Stimme war etwas lauter geworden.
––„Es hat aber kein ‚tel‘ hinten dran“, sagte Margareta vorwurfsvoll.
––„‚Halb‘ ist die einzige Ausnahme.“
––„Das konnte ich nicht wissen.“
––„Du kannst es meinetwegen ‚ein Zweitel‘ nennen“, sagte Eva.
––„Das tut man aber nicht.“
––„Eben!“

Es entstand eine Pause. Eva sah Margareta nicht an, um sie nicht noch unsicherer zu machen. Eva sah in den Raum: Das spielerisch lichte Zimmer eines behüteten Mädchens, das alles hatte und nichts dafür konnte, dass es geborgen war und verwöhnt wurde. „Ich glaube, wir machen Schluss für heute“, sagte Eva.
––Margareta sagte nichts. Sie fühlte sich beschämt.
––Eva merkte es und sagte wieder freundlicher: „Du sollst es dir nicht an dem ‚tel‘ nach der Zahl merken, sondern daran, dass oben der Zähler steht und unten der Nenner.“
––Nur: Wenn Eva diese schrecklichen Brüche aussprach, stand nichts oben und nichts unten, sie sagte die Zahlen ja nacheinander, nicht gleichzeitig.
––Eva erriet Margaretas Gedanken und sagte: „Zuerst kommt immer der Zähler: ein Drittel, zwei Drittel, drei Drittel. Dann kommt der Nenner: ein Drittel, ein Viertel, ein Fünftel. Klar?“
––Margareta nickte. Was hätte sie sonst tun sollen?
––„So“, sagte Eva. „Üb das noch ein bisschen. Morgen machen wir weiter. Bringst du mich runter?“

1frei nach Originalfassung aus ‚Morgen, Kinder, wird’s was geben‘ (ehem. ‚Die Weihnachtsfreude), Karl Friedrich Splittegarb (1795)

23 Kommentare zu “#7 Oben und unten

      1. Das interessanteste was man während der Schulzeit lernt, ist ja meistens auch nicht Mathe oder Bio. Sondern wie man durch das Leben kommt, wie man lernt, wie man soziale Kontakte knüpft etc…

      1. Man muss ja nicht immer schenken. Zumindest nichts, was der andere nicht auch wirklich braucht. Wir kaufen doch eh alle viel zu viel ein.

      2. Wenn stur nach Wunschliste gekauft wird, finde ich Geschenke auch blöde. Nimmt man sich allerdings Zeit und überlegt wie man seinen Freunden, seiner Familie eine Freude machen kann, ist das etwas ganz anderes. Entschleunigung tut ja eigentlich immer ganz gut. Auch zur Weihnachtszeit.

      3. Ich habe, als ich noch ständig unterwegs war, Weihnachtsgeschenke überall gesammelt. Das Wichtige ist nicht der finanzielle Wert, sondern deutlich zu machen: „Ich habe an dich gedacht, und ich weiß, wie du bist, also auch, was dich freut.“

      4. Fast noch schlimmer als kein Geschenk ist dann oft eines, bei dem man sofort merkt, dass das Gegenüber einen überhaupt nicht kennt.

  1. Wie schon beim Flammenschwert habe ich wieder keine Idee wohin uns die Geschichte um die kleine Margareta noch führen wird. Ich mache mich schonmal auf einen ähnlich verblüffenden Tatort-Twist zurecht 😉

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