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Innocentia-Park

#6 Bruchrechnung

„Möchte noch jemand Tee?“, fragte die junge Frau Leseberg.
––Nacheinander hielten alle ihre Tassen hin wie zur Schulspeisung. Ihr Kakao hatte eine Haut bekommen, vor der sich Margareta ekelte, aber da niemand sie beachtete, war es kein Problem, diese Haut mit dem Zeigefinger abzuheben und in der Papierserviette mit Tannenzweigaufdruck verschwinden zu lassen.
––„Wissen Sie“, fuhr der junge Herr Leseberg erregt fort, „ich war gleich einer der Ersten, der in den Krieg musste. Ich fand diesen Krieg Wahnsinn. Ich hatte schon Prag Wahnsinn gefunden. Aber sollte ich mich erschießen lassen? Ich wurde Soldat. Mein Bruder ist gefallen. Ich sah zu, dass ich Karriere machte. Als Hauptmann brauchte ich nicht mehr an die vorderste Front. ’43 kam ich in britische Gefangenschaft, das war kein Zuckerschlecken, aber der Krieg war für mich zu Ende. Es gibt Situationen, da hat man keine Wahl. Da muss man die Augen zukneifen und durch. Und hoffen, dass man auf der anderen Seite wieder heil rauskommt. Ich hatte Glück. Und heute bin ich froh, einem Rechtssystem dienen zu können, an das ich glaube.“
––„Und ich habe an unser System geglaubt“, sagte Bela. „Als László Rajk nach einem Schauprozess hingerichtet wurde, das war für mich, was für Sie der Röhm-Putsch war. ‚Die Revolution isst ihre Kinder‘, so sagt man doch? Ich hatte keine Illusionen mehr, aber ich hatte Arbeit, eine Frau und eine Tochter. Es musste eben weitergehen, irgendwie. Und dann, nicht plötzlich, sondern allmählich, regte sich etwas: Widerstand. Zunächst mal muss man seine Zweifel ja nicht vor den Genossen verstecken, sondern vor sich selbst. Das ist das Schlimmere, aber es härtet ab. Sie sind evangelisch, ich bin katholisch erzogen. Christus sagt, dass alle Menschen gleich sind. Das sagt Marx auch. Aber beide haben die Ungleichheit nicht abschaffen können.“
––„Aber Sie wollen doch jetzt nicht Christus mit Marx vergleichen?“, fragte die alte Frau Leseberg entrüstet.
––„Ich spreche von Ideen, Madame, nicht von Menschen“, sagte Bela. „Menschen können scheitern, Ideen nicht. Sie können höchstens undurchführbar sein.“
––„Christus war nicht einfach ein Mensch!“, sagte die alte Frau Leseberg.
„Er war der ‚Menschensohn‘“, sagte Janos.
––Die alte Frau Leseberg nahm einen Schluck Tee, die junge Frau Leseberg auch.
––„Na ja“, sagte der junge Herr Leseberg, „wir werden die Welt doch nicht ändern, wir müssen nur zusehen, dass die Regeln beachtet werden.“
––„Ich habe geglaubt, dass man den Sozialismus verändern kann“, sagte Bela, „und ohne den Einmarsch der Russen wäre es auch möglich gewesen. Janos Kádár war der Verräter! Erst hat er zusammen mit Imre Nagy die demokratische Regierung gebildet und dann ist er übergelaufen und hat mit den Sowjets zusammen unsere Revolution niedergeschlagen. Uns nannte er plötzlich ‚Konterrevolutionäre‘, dabei war er es, der die Konterrevolution gemacht hat. Ohne diesen Verräter hätten die russischen Panzer nicht kommen können mit ihrer brüderlichen Hilfe. Sie hätten vor der UNO, vor der ganzen Welt als Aggressoren dagestanden. Kádárs Verrat ist schuld, dass Millionen Menschen ihren Glauben verloren haben. Ich auch.“
––„Die Russen hätten die Ungarn niemals ziehen lassen“, sagte Herr Leseberg senior, „und die Amerikaner waren an ihre Zusage von Jalta gebunden. Genau das ist die Bedeutung des Eisernen Vorhangs. Man muss naiv sein, das nicht zu sehen.“
––„Ich bin gerne naiv, wenn das heißt, ich glaube an etwas“, sagte Bela.
––„‚Naiv‘“, dachte Margareta, „ob ich mir das auch noch werde merken können? Es ist der Band vor ‚sarkastisch‘.“

„Kádár würde es natürlich ganz anders darstellen“, sagte der junge Herr Leseberg, „er würde behaupten, Imre Nagy sei ein gefährlicher Aufwiegler und Fantast, und Kádár hätte versucht zu retten, was zu retten war, um wenigstens das Machbare zu erreichen. Und vielleicht hat er sogar recht.“
––„Ja, vielleicht hat er recht“, sagte Janos. „Genau deshalb bin ich seit fünf Jahren in Westdeutschland.“
––„Und wir waren die Idioten“, sagte Bela.
––Ilona legte ihre Hand auf seine. Kai starrte auf Eva.
––„Wissen Sie“, sagte Bela, „wir reden hier bei Tee und Zimtsternen, aber ich habe im Radio gehört, wie Rákosi die friedlichen Demonstranten als faschistische Banden beschimpft hat, ich habe gesehen, wie die Milizen übergelaufen sind, wie die Stalinstatue kippte, wie Barrikaden gegen Panzer gebaut wurden und wie schließlich alles zusammenbrach, weil niemand uns helfen wollte. Da war eine Idee nicht bloß mit dem Mund erklärt worden, sondern mit den Händen verteidigt.“ Bela hob seine Hände mit auseinandergespreizten Fingern und machte beschwörende Bewegungen in das Dämmer. „Nach Ungarn hat der Kommunismus seine Unschuld verloren.“
––Margareta kippte ihre Tasse um, Kakao floss auf die Untertasse und auf den Mahagonitisch.
––„Margareta!“, sagte ihre Großmutter, und das Schreckliche daran war, dass es nicht vorwurfsvoll klang, sondern so, als habe sie nichts anderes erwartet.
––„Nicht so schlimm“, sagte die junge Frau Leseberg und wischte den Tisch mit ihrer Papierserviette trocken.
––„Mein Gott!“, rief Janos aus, „wie unschuldig war denn der Kommunismus noch nach Stalin?“
––„Schon Lenin hat die Zarenfamilie ermorden lassen, das war ein ganz gemeines Verbrechen“, sagte die alte Frau Leseberg.
––Bela schien die anderen gar nicht zu hören, er sah auch niemanden an, sondern war wie in einer anderen Welt: „Stellen Sie sich vor, unsere Geheimpolizei, die AVO, hat Freunde von mir und mich tagelang ohne Schlaf und Essen in einem Loch eingesperrt gehalten. Dann haben sie gesagt: ‚Wir werden deine Frau und deine Kinder verhaften und vor deinen Augen foltern.‘ Als dann die Revolution kam, da ist es einigen von ihnen übel ergangen, manche wurden von der Menge regelrecht totgetrampelt.“
––„Das hat ja nicht mal die SA mit den Juden gemacht“, sagte der alte Herr Leseberg.
––„Bitte!“, sagte die junge Frau Leseberg und sah besorgt auf Margareta, „die Kinder …!“
––„O, natürlich“, Bela kam erschrocken zurück in die richtige Welt, „entschuldigen Sie. Das hätte ich nicht sagen dürfen. Ich bin schon still.“ Er wandte sich an Margareta: „Wie alt bist du denn?“
––Es war nett von ihm, sie anzusprechen. So brauchte sie nicht still und verlegen dazusitzen, sondern konnte antworten: „Zehn.“
––„Zehn! Dann gehst du ja schon lange zur Schule. Macht dir die Schule Spaß?“
––„Manchmal“, sagte Margareta, „wenn ich meine Lieblingsfächer habe.“
––„Was sind denn deine Lieblingsfächer?“, fragte Bela.
––„Vor allem Rechnen“, sagte Kai.
––Margareta warf ihm einen zornigen Blick zu.
––„Kai!“, sagte die junge Frau Leseberg und zu Bela gewandt: „Sie hat Probleme mit der Bruchrechnung.“
––„O, Mathematik ist Evas bestes Fach“, sagte Bela. „Sie könnte Margareta Nachhilfeunterricht geben. Nicht wahr, Eva?“
––Eva schien völlig überrascht.
„Ach, das ist nicht nötig“, sagte die junge Frau Leseberg, „ich muss mich nur wieder etwas mehr um Margareta kümmern. Es war in letzter Zeit so viel in der Gemeinde zu tun – gerade wegen Ungarn, aber das kriegen wir schon noch hin. Kai könnte das auch, aber er hat natürlich keine Lust.“
––Kai sagte nichts, er sah nur auf Eva.
––„Aber Sie haben so viel Wichtigeres zu tun“, sagte Bela eifrig, „und Eva verdient sich gerne ein paar Mark dazu. Eva!“ Er sah sie ungeduldig an.
––Eva sah auf Kai und auf Margareta und auf die junge Frau Leseberg und sie sagte: „Ja, das mache ich gerne. Aber ich will kein Geld.“
––„Das kommt gar nicht infrage“, sagte der junge Herr Leseberg, „wir sind hier im Westen. Wenn du etwas leistest, dann wirst du auch dafür bezahlt.“

23 Kommentare zu “#6 Bruchrechnung

    1. Mittlerweile wird ja eher wieder gespalten als vereint. EU ohne UK, UK ohne Schottland (?), Spanien ohne Katalonien … wann trennt sich Bayern denn nun endlich von Der Bundesrepublik?

      1. Brexit ist durch. Da brauch man sich meiner bescheidenen Meinung nach keine Hoffnungen mehr machen. Johnson wird das durchziehen.

  1. Ich merke gerade wie wenig ich über die politischen Zustände zu dieser Zeit weiss. Klar, die groben Fakten kenne ich aus der Schule, aber Details, Ansichten, unterschiedliche Gesichtspunkte fehlen mir völlig.

  2. Muss man wirklich naiv sein um an etwas zu glauben? Manchmal kommt es einem so vor, aber ich will das eigentlich nicht so akzeptieren. Glaube beinhaltet doch auch soviel Auseinandersetzung und Zweifel.

      1. Glauben sei eine Gnade, sagte meine Großmutter. Der Glaube ist also ein (un)verdientes Geschenk Gottes. Manchmal denke ich, dass nicht glauben zu müssen, auch eine Gnade ist.

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