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0612
Innocentia-Park

#2 Eine Flamme zwischen den Fingern

Margareta wurde müde. Sie legte sich zurück ins Bett und schlief sofort ein.
––„Margareta, wach auf! Der Nikolaus war da!“, sagte Hedwig, das Dienstmädchen. In Margaretas Stiefeln lagen Marzipanfrüchte und Schokoladennüsse in Goldpapier. Pech! Nun würde es ein ganzes Jahr dauern, bis Margareta wieder versuchen konnte, die Wahrheit über den Nikolaus herauszufinden. Oder es würde sich zwischendurch schon eine Gelegenheit ergeben, unerwartet Gewissheit zu bekommen. Etwas wie der Innocentia-Park, bei dem hinter keiner Biegung eine Überraschung wartet, sondern nur ein neuer Name: ‚Oberstraße‘ – das musste irgendwie mit Kellnern zusammenhängen. ‚Brahmsallee‘ – die war nach dem Mann benannt, der das Lied geschrieben hatte, das Großmama ihr manchmal abends am Bett vorsang, und Innocentia-Straße, das war die Straße der Unschuld, die das Böse fernhielt.
––‚Ich wasche meine Hände in Unschuld‘, das war ein merkwürdiger Ausdruck. Ob Unschuld flüssig war?
Margareta legte das Stück Seife auf den Waschtisch zurück und schäumte sich die Achselhöhlen und den Unterleib ein. ‚Die prekären Stellen‘ nannte Großmama das. Dann nahm Margareta den Schwamm, machte ihn nass, spülte den Schaum von den prekären Stellen und trocknete sich ab. Sie putzte sich die Zähne, ohne ganz sicher zu sein, ob das auch eine prekäre Stelle war, wahrscheinlich nicht, denn die Zähne trocknete man ja nicht ab, hinterher.
––Eigentlich wäre es netter gewesen, der Nikolaus hätte ihr etwas erzählt, als ihr Marzipan in den Schuh zu stecken. Nur: Um mit ihr sprechen zu können, müsste es ihn erst mal geben. Papi hat die Schuhe gefüllt. Oder Mami. Oder sie haben Hedwig die Süßigkeiten am Abend gegeben und zu ihr gesagt: „Machen Sie das morgen früh, bevor sie Margareta wecken, dann brauchen wir nicht extra aufzustehen.“
––Es gab den Nikolaus genauso wenig wie den Osterhasen und den Weihnachtsmann. Und Innocentia gab es wahrscheinlich auch nicht.

Zwei Kerzen brannten am Adventskranz.
––„Lass mich die Kerzen anzünden!“, hatte Margareta gebeten. Die Mutter hatte ihr die Streichholzschachtel in die Hand gegeben und sie erwartungsvoll angesehen, aber dann hatte Margareta doch der Mut verlassen, sie hatte sich davor gefürchtet, plötzlich eine Flamme zwischen den Fingern zu haben, und gezögert. Kai hatte ihr die Streichhölzer wortlos weggenommen, sie hatte es geschehen lassen und zugesehen, wie er die Streichholzflamme gegen die beiden Kerzen gehalten hatte, bis sie brannten.
––„Im nächsten Jahr machst du sie an“, tröstete ihre Mutter, und Margareta sagte: „Nein, nächste Woche!“
––Die Mutter hatte selbstgebackene Zimtsterne auf den Tisch gestellt und gekaufte Domino-Steine und Spekulatius. Margareta mochte das gekaufte Gebäck lieber als das selbstgemachte, aber sie wusste, dass man das nicht sagen durfte.
––Die Großmutter kam mit dem Tee, Vater und Großvater kamen aus der Bibliothek, Kai hatte inzwischen die Kerzen in den drei Silberleuchtern angezündet. Die Ahnen dämmerten in ihren Goldrahmen, die anderen setzten sich. Die Familie war beisammen.
––„Willst du uns nicht etwas am Klavier vorspielen, Margareta?“, fragte die Großmutter.
––„Nein“, antwortete Margareta wahrheitsgemäß.
––„Gott sei Dank!“, sagte Kai.
––„Das ist kein Klavier“, Kais Erleichterung ärgerte Margareta, „das ist ein Flügel.“
––„Willst du uns etwas auf dem Flügel vorspielen?“, fragte die Mutter.
––Nun war Margareta gefangen. Sie konnte nur noch ‚ja‘ sagen, aufstehen und sich vor die Tastatur setzen. Sie spielte den ersten Satz der Clementi-Sonate so, wie sie sich immer die Zähne putzte: Sorgfältig und ungern, nur, dass man beim Zähneputzen keine Fehler machen konnte.
––Frau Leseberg klatschte, nachdem ihre kleine Tochter sich bis zum Schlussakkord durchgekämpft hatte. Musisch begabt war Margareta offenbar nicht, sie kam mehr nach den Lesebergs als nach den Bönnings, „aber Kinder brauchen Ermutigung“, dachte sie.
Ihre Schwiegermutter klatschte auch und dachte, „Liselotte ist tüchtig und eine gute Ehefrau für Clemens, aber sie stammt wirklich aus einer ganz unkünstlerischen Familie. Was wurde bei uns zu Hause immer musiziert!“
––„Das musst du aber noch ein bisschen üben“, sagte Kai, als auch Herr Leseberg junior und dessen Vater zu klatschen begonnen hatten.
––„Kai!“, sagte Herr Leseberg.
––„Es klingt auch so schon sehr gut“, Kai machte einen Rückzieher und wagte einen Vorstoß. „Darf ich eine Platte auflegen?“
––„Wenn sie zur Stimmung passt“, sagte die junge Frau Leseberg, was hieß, dass – wie zu erwarten – Bill Haley und Elvis Presley ausgeschlossen blieben von der Feier.
––„Wir können doch etwas zusammen singen“, schlug seine Großmutter vor.
––„Herta, du willst wohl, dass der Adventskranz alle Nadeln verliert“, sagte ihr Mann.
––„Also, Hermann, du bist immer so sarkastisch“, die alte Frau Leseberg lachte, sie nahm es nicht übel.
––„Was für eine Platte willst du denn auflegen?“, fragte ihr Sohn.
––„Ist mir egal“, antwortete Kai.
––„Ich möchte Mozart hören“, sagte seine Großmutter.
––Margareta nahm sich vor, im Lexikon nachzusehen, was sarkastisch bedeutet. Sie mochte seit einiger Zeit nicht mehr fragen, wenn Kai dabei war. Er beantwortete ihre Fragen immer so schnell und so allwissend, dass sie sich ganz dumm vorkam. Auf der anderen Seite war es wahrscheinlich, dass sie den Ausdruck ‚sarkastisch‘ genauso schnell vergessen würde wie all die anderen Begriffe, die ihr nicht mehr einfielen, wenn sie alleine vor dem Brockhaus hockte.
––„Es ist doch ein kolossaler Fortschritt, dass man jetzt den ganzen Satz einer Sinfonie hintereinander hören kann“, sagte ihre Großmutter. „Früher mussten wir nach drei Minuten immer die Platte wechseln, mittendrin. Und gekurbelt werden musste auch.“
––„Die Schallplatte kann nie das Konzerterlebnis ersetzen“, sagte der junge Herr Leseberg, „sie ist tot, sie hat keinen Raumklang.“
––„Du urteilst immer so hart“, sagte seine Mutter.
––„Dafür ist er ja Richter geworden“, sagte Herr Leseberg senior.
––„Und hoffentlich ein besserer als die Richter deiner Generation“, sagte sein Sohn.
––„Ich finde es viel gemütlicher, Musik zu Hause zu hören als in einem Konzertsaal mit all den vielen Menschen“, sagte seine Mutter.
––„Ach, wir haben es so schön, wir müssen wirklich dankbar sein“, sagte ihre Schwiegertochter.
––„Ja, du hast recht, Liselotte“, sagte die alte Frau Leseberg, „was hören wir denn von Mozart?“
––Kai ging das Regal mit den Schallplatten durch. Er hatte nichts gegen Mozart, aber wichtiger war ihm, dass er derjenige war, der die Technik bediente. ‚Maitre de Plaisir‘ hatte seine Großmutter das neulich genannt, und diese Bezeichnung gefiel ihm. Er trug ein weißes Hemd, einen dunkelblauen Pullover und eine dunkelblaue Gabardine-Hose. Sein Vater und sein Großvater hatten dunkelgraue Anzüge an und trugen gestreifte Krawatten. Die beiden Damen trugen gedecktes Rot: Das Kostüm der alten Frau Leseberg war noch ein wenig gedämpfter als das Twin-Set ihrer Schwiegertochter, das seinerseits akkurat auf den Flanellrock abgestimmt war. Nur Margaretas grün-weißes Kleid strahlte eine etwas unangebrachte Fröhlichkeit aus, dafür passte es am besten zu dem weißen Porzellan mit grünem Weinlaub, von dem Tee und Gebäck genommen wurde.

28 Kommentare zu “#2 Eine Flamme zwischen den Fingern

    1. Ein Musikinstrument zu spielen lehrt ja neben der Musik auch Achtsamkeit, Präzision und Fleiß. Vielleicht hat es da wenigstens geholfen 😉

      1. Ich wollte unbedingt Klavier spielen. Von allein wären meine Eltern nicht darauf gekommen, aber sie mieteten ein Klavier. Mal sehen, ob es funktioniert. So funktionert gute Erziehung: Das Kind hat einen Wunsch, die Eltern haben das Vertrauen und das Geld dafür, den Wunsch zu erfüllen. Später wird daraus ein Beruf, der gut bezahlt wird und durch die ganze Welt führt. Das kann an vielen Klippen scheitern, aber wenn es gelingt, wird ein Märchen wahr, für das wir noch viel tun müssen, um es Wirklichkeit werden zu lassen – für alle.

      1. Oh und das von der Deutschen Grammophon! Ob Herr Rinke an dieser Veröffentlichung auch dran beteiligt war?

      2. Hahahaha, Mozart hatte wenigstens Humor. Da könnte sich der ein oder andere Musiker heutzutage wahrscheinlich eine gute Scheibe abschneiden.

    1. Wenn es den Nikolaus nicht gibt, muss man sich vielleicht seinen eigenen Maitre de Plaisir besorgen. Der kümmert sich im Zweifel auch um das Befüllen der Schuhe 😉

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