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Innocentia-Park

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#9 Jenseits von Eden

Fünfmal werden wir noch wach – heißa, dann ist Weihnachtstag!1
––„Worauf es ankommt beim Bruchrechnen, das ist, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden“, sagte Eva, „verstehst du?“
––Margareta überlegte, ob Nicken schon eine Lüge war.
––„Das, was zwei Zahlen gemeinsam haben, das ist ihre kleinste Größe. Ich weiß, das klingt etwas kompliziert, aber es ist ganz einfach. Also – zum Beispiel: Ein Viertel und ein Sechstel, deren kleinster gemeinsamer Nenner ist Zwölf. Drei mal vier ist zwölf, und zwei mal sechs ist auch zwölf, das macht also zusammen fünf Zwölftel. Aber wenn du das nicht weißt, dann nimmst du ein Sechstel mal vier, das sind vier Vierundzwanzigstel, und du nimmst, über Kreuz, ein Viertel mal sechs, das sind sechs Vierundzwanzigstel, die kannst du oben und unten durch zwei teilen, dann bekommst du fünf Zwölftel, siehst du, so haben wir auch wieder fünf Zwölftel, das lässt sich nicht weiter teilen, wir haben also den kleinsten gemeinsamen Nenner gefunden.“
––„Du hast ihn gefunden“, sagte Margareta.
––Eva lachte. „Also gut, ich hab’ ihn gefunden. Und den nächsten findest du. Lass uns ganz einfach anfangen! Ein Viertel und einhalb: Was ist das? – O, Kai! Ich hab’ dich gar nicht kommen gehört.“
––„Das sind drei Viertel“, sagte Kai.
––„Dass du das weißt, ist mir klar“, sagte Eva, „damit kannst du nicht vor mir angeben. Aber Margareta soll es auch lernen. Mach es am besten schriftlich, Margareta! Einen Schritt nach dem anderen.“
––Margareta beugte sich über das Gitter der Rechenkästchen und sah in das Gefängnis der Zahlen: Da stand einhalb, das waren Eva und Kai, und daneben stand ein Viertel, das war sie. Aber wie wurden daraus drei Viertel?
––„Hast du ‚Jenseits von Eden‘ gesehen?“, fragte Kai.
––„Ja“, sagte Eva, „du auch? Bist du nicht noch zu jung dafür?“
––„Ich war drin“, sagte Kai, „aber meine Eltern wissen es nicht, wir waren in der Nachmittagsvorstellung.“
––„Margareta auch?“, fragte Eva.
––„Nein, nein“, antwortete Kai, „ich war mit einem Freund. Wie findest du James Dean?“
––„Toll! Du siehst ihm etwas ähnlich.“
––„Quatsch!“
––„Doch, wirklich! Du bist natürlich jünger. Aber das Gesicht und die Figur, die Frisur vor allem. Die trägst du doch absichtlich so, gib’s zu!“
––„Findest du wirklich, dass ich ihm ähnlich sehe?“
––„Romeo!“, sagte Margareta.
––„Was?“ Kai und Eva sahen Margareta erstaunt an.
––„Mir ist wieder eingefallen, wie der Freund von Julia heißt.“
––Eva und Kai lachten kurz und verlegen.
––„Wo hast du denn das her?“, fragte Kai.
––„Von Opa.“
––„Soso. Der alte Lustgreis.“

Eva zerdrückte ein Lachen zwischen den Lippen. „Kai! So spricht man doch nicht von seinem Großvater! Was ist, wenn Margareta jetzt ihren Opa fragt, was ein Lustgreis ist?“
––„Ein Lustgreis ist ein alter Mann“, sagte Margareta, das war nun mal etwas, wonach sie nicht zu fragen brauchte, „ein lustiger, alter Mann.“
––Nun lachten Eva und Kai laut und dabei sahen sie sich tief in die Augen.
––„Sie lieben sich“, dachte Margareta, wahrscheinlich wäre es besser, wenn ich wegginge. Ich störe sie. Ich bin dieses überflüssige Viertel. Aber ich kann nicht weggehen, weil Eva katholisch ist und Papi und Mami nicht wollen, dass Kai Eva zu nahe tritt.
––Eva fuhr sich durch das Gesicht, es war, als wollte sie aufspringen, aber dann griff sie nur nach ihrer Spange, zog sie heraus, und sofort fiel ihr Haar auseinander, es umrauschte ihr Gesicht und bedeckte ihre Schultern.
––Kai schluckte.
––„Ich glaube, Kai möchte deine Brüste sehen“, sagte Margareta.
––„Das stimmt gar nicht!“, rief Kai.
––„Also, Margareta!“ Eva fuhr sich mit den Händen durchs Haar, sie straffte es und band es wieder mit der Spange zusammen. Kai drehte sich um und lief aus dem Zimmer.

––„Es stimmt doch“, sagte Margareta.
––„Wir wollen nicht mehr darüber sprechen“, sagte Eva, „mit niemandem. Was ist jetzt mit deiner Rechenaufgabe?“
––„Einhalb und ein Viertel. Das sind drei Viertel.“
––„Und wie kommst du darauf?“
––„Einhalb sind zwei Viertel und noch ein Viertel sind drei Viertel.“
––„Hast du das auch verstanden?“
––„Ja.“
––„Gut. Dann rechne jetzt zwei Drittel und zwei Sechstel!“
––„Magst du Kai?“
––„Margareta, wir wollen nicht mehr darüber sprechen! Kau nicht am Bleistift!“
––Margareta starrte auf die Zahlen, sie kamen ihr feindselig vor. Sie verlangten etwas von ihr, das Margareta nicht geben konnte. Entweder, weil sie es nicht besaß oder weil es so tief in ihrem Innern saß, dass es den Weg nach draußen nicht fand, nicht hier in der Enge der richtigen Welt.
––Eva saß einfach nur da. Sie saß in diesem Zimmer mit Tannenzweigen in einer blauen Vase, mit Puppen auf dem breiten Bett; von den Wänden strahlten Bilder aus einer heilen Welt in diese heile Welt hinein, und hinter den hellen Gardinen lag eine helle Welt, in der das Licht nie erlosch. Neben ihr saß ein kleines Mädchen, das wusste wahrscheinlich gar nicht, wie gut sie es hatte, selbst wenn sie im Augenblick über einer Aufgabe brütete, die jeder für sie lösen konnte. Und immer würde jemand neben ihr sitzen, der ihre Aufgaben lösen würde.
––„Zwei Drittel und zwei Sechstel sind eins“, sagte Eva.
––Margareta sah Eva ungläubig an.
––„Margareta, pass doch mal auf!“, Eva wusste, dass sie nicht ungeduldig werden durfte, „du nimmst zwei Drittel mal zwei, dann bekommst du vier Sechstel und die zählst du zu den zwei Sechsteln, dann hast du sechs Sechstel. Die kannst du durch sechs teilen und dann hast du eins. Hast du das verstanden?“
––Margareta glaubte, dass ihr das einleuchtete, aber es war wie bei dem Zauberer, der vorgestern auf der Weihnachtsfeier in der Schule gewesen war: Eigentlich sah es ganz einfach aus, wenn er Bälle aus einer gefalteten Zeitung holte, aber es war unmöglich, das nachzumachen. Das war natürlich ungerecht. Es wäre schöner, wenn jeder so etwas könnte, aber dann wäre es eben nichts Besonderes mehr. Eine Hasenscharte war etwas Besonderes, aber warum konnte sie nicht lieber so dicke schwarze Haare haben wie Eva?
––„Ist der katholische Gott netter als der evangelische?“, fragte Margareta.
––„Das musst du Onkel Janos fragen“, sagte Eva, „der glaubt an ihn.“
––„Und du?“
––„Ich versuche, dir Rechnen beizubringen. Das ist wichtiger. Dabei bekommt man Ergebnisse, die auch in hundert Jahren noch stimmen.“
––„Was ist die höchste Zahl, die du denken kannst?“
––„Ach, das gibt es nicht. Es geht doch immer weiter.“
––„Und unendlich?“
––„Unendlich, das ist keine Zahl.“
––„Was ist ein Unendlichstel?“
––Eva lachte. „Mein Gott, du bringst mich wirklich in Verlegenheit. Davon habe ich noch nie gehört.“
––„Und ein Nulltel?“
––„Das ist in der Mathematik nicht definiert“, sagte Eva bestimmt.
––„Was heißt das?“
––„Na ja, das gibt es eben nicht“, sagte Eva.
––„Doch!“ Margareta schrieb eine Eins auf das Papier, machte einen Strich unter die Eins und setzte darunter triumphierend eine Null: „Da!“
––Eva starrte auf die Rechenkästchen. „Du kannst es zeichnen, aber es ist nicht möglich. Ich meine, es gibt keinen Sinn. Du könntest genauso gut einen Kreis malen oder ein Viereck.“
––„Und die gibt es dann auch nicht?“
––„Willst du noch ein bisschen Bruchrechnung machen, oder nicht?“
––„Ich will nie Bruchrechnung machen! Ich tue es nur, weil ich muss.“
––Eva lächelte, aber es sah sehr traurig aus. „Ich glaube, wir machen jetzt lieber Schluss. Du bist müde.“
––Margareta war ganz und gar nicht müde, aber ihr war bewusst, dass sie alles falsch gemacht hatte: erst mit Kai und Eva und dann mit der Bruchrechnung. Es war alles ihre Schuld. Unschuld, das ist, wenn man nichts Böses gemacht hat. Sie hatte etwas Dummes gemacht. War das dasselbe?

„Bringst du mich nicht runter?“, fragte Eva.
––„Doch“, sagte Margareta und sprang auf.
––Frau Leseberg kam nicht, um sich zu erkundigen, was für Fortschritte Margareta machte, und das war wohl auch besser so.
––Eva hatte schon die Hand an der Klinke, da ging sie plötzlich in die Knie, küsste Margareta auf die Stirn und sagte: „Du bist ein sehr liebes Mädchen. Entschuldige, wenn ich ungeduldig mit dir war.“ Dann drehte sie sich ganz schnell um und verschwand.

1frei nach Originalfassung aus ‚Morgen, Kinder, wird’s was geben‘ (ehem. ‚Die Weihnachtsfreude), Karl Friedrich Splittegarb (1795)

25 Kommentare zu “#9 Jenseits von Eden

    1. Dabei wäre es gar nicht so blöd mit Kindern auch über Gott zu reden. Nicht als Missionar, aber als Aufklärer. Dann versteht man wenigstens besser, was in der Welt so passiert.

    1. Romeo und Julia, Jenseits von Eden – die Beziehung von Kai und Eva muss in große Fußstapfen treten. So tragisch kann das bisschen Flirten in dem Alter doch gar nicht sein.

      1. Bleibt immer wieder die gleiche Frage: Warum bekommt der Mensch die Jugend in einem Alter, in dem er nichts davon hat?

      2. Damals lief das allerdings auch alles etwas früher ab als heute. Hochzeit und Kinder inklusive. Aber das Alter hätte ich auch nicht so genau gewusst.

      1. Damals gab es noch ein wenig Mythos. Jetzt wo jeder Schritt in der Klatschzeitung verfolgt oder selbst auf Instagram gepostet wird, ist es schwieriger so einen zauber zu erzeugen wie Dean.

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