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Innocentia-Park

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#10 Der kleinste gemeinsame Nenner

Margareta war etwas benommen. Das Wort ‚lieb‘ hatte ganz anders geklungen als vorgestern bei ihrer Mutter. Langsam ging Margareta die Treppe nach oben und klopfte an die Tür ihres Bruders.
––„Komm rein!“, rief er.
––Kaum war sie ins Zimmer getreten, da fuhr er sie an: „Bist du verrückt geworden?“
––Margareta war starr vor Schreck. „Es tut mir leid.“
––Kai ließ sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch fallen und sagte leise: „Ja, ich weiß, dass es dir leidtut. Aber das macht es nicht besser. Du kannst so etwas doch nicht einfach sagen!“
––„Also stimmt es!“, sagte Margareta.
––„Das ist doch egal, ob es stimmt.“
––„Nein, ist es nicht. Du hast gesagt, dass es nicht stimmt, so als ob ich gelogen hätte.“
––„Margareta, so kann man das einfach nicht machen. Überlass mir das doch!“
––„Was findest du so schön an ihren Brüsten?“
––„Ich will darüber nicht mit dir sprechen.“
––„Warum denn nicht? Findest du Mamis Brüste auch schön? Und Omas?“
––„Also, Margareta! Lern lieber Bruchrechnung!“
––„Bruchrechnung liegt mir nicht“, Margareta lief ein paar Schritte durchs Zimmer, ohne Kai anzusehen, „ich suche noch nach dem, was mir liegt.“
––Kai grinste. „Also, Klavierspielen liegt dir auch nicht besonders.“
––Margareta blieb ernst.
––Kai stand auf und trat einen Schritt auf sie zu. „Vielleicht kommt das erst später, dann wirst du wissen, worin du gut bist.“
––„Wie beim hässlichen jungen Entlein“, sagte Margareta.
––„Weißt du, ich habe Eva sehr gern“, sagte Kai. „Es stimmt. Ich würde gern mal mit ihr ins Kino gehen. Und, mein Gott, ja, ich liege nachts wach, und ich denke an ihre Brüste. Das ist nun mal so. Später wirst du es verstehen.“
––„Aber wenn ich es später verstehe, dann müssten Papi und Mami es doch jetzt schon verstehen.“
Kai sah Margareta an, als ob er sie besser verstünde als sich: „Eigentlich ja. Aber sie ist ein Jahr älter als ich, sie ist katholisch, Ungarin, ihr Vater ist Kommunist und arm. Wir sind reich, deutsch und evangelisch.“
––„Romeo und Julia“, sagte Margareta.
––„Wie kommst du bloß darauf?“, Kai lachte kurz. „Evas Eltern hätten bestimmt nichts dagegen, wenn ich sie heiraten würde. In zehn Jahren. Aber bis dahin soll sie unschuldig bleiben.“
––Margareta war so verwirrt. Wie konnte sie helfen, wenn sie nicht einmal merkte, wenn zwei Brüche zusammengenommen eins ergaben. „Hast du schon alle Weihnachtsgeschenke zusammen?“, fragte sie.
––„Erinnere mich nicht daran!“, sagte Kai. „Was machst du?“
––„Für Papi hab ich ein Bild gemalt, für Mami hab ich ein Lesezeichen gestickt, aber das haben wir in der Schule gemacht. Für Opa hab ich ein Zigarettenkästchen beklebt, und für Oma knete ich etwas, aber es ist noch nicht fertig.“
––„Du bist wirklich ein prima Mädchen“, sagte Kai. „Und jeder, der dich ärgert, der kriegt es mit mir zu tun.“
––Margareta fand, dass es keine Steigerung mehr gab. Kai hatte ihr verziehen, und er hatte außerdem zugegeben, dass sie recht hatte. Was wollte sie mehr?! Sie sagte nichts weiter, sondern lächelte ihn nur an. Dann drehte sie sich um, ging aus seinem Zimmer in ihres und sprang gleich auf die Fensterbank.

Dort unten lag der Park. Im Frühling, wenn die Schneeglöckchen blühten und die leuchtend gelben Forsythien, war er schön, und später, wenn die Büsche grün waren und blasse und kräftige Stiefmütterchen gepflanzt wurden, war er noch schöner. Im Sommer, der Schatten der hohen Bäume und der Sonnenschein auf dem Klettergerüst. Das bunte Laub aufzuwirbeln im Herbst, in Gummistiefeln durch die Pfützen zu stapfen – irgendwann würde das alles vorbei sein. Dann würden andere Dinge kommen, immer andere, hinter jeder Biegung war etwas anderes, auch wenn sich das Neue auf den ersten Blick kaum von der bisherigen Wegstrecke zu unterscheiden schien. Am Ende war der Gipfel, und dann sah man die Kurven des Weges so, wie sie wirklich waren.

Was konnte Margareta tun, um Kai und Eva zu helfen? Dass ihre Eltern und ihre Großeltern nichts davon wissen sollten, machte alles viel schwieriger. Das Beste wäre vielleicht, gar nichts zu tun, sich einfach heraushalten.
––„‚Am besten, du hältst dich da heraus‘, das hatte schon jeder zu jedem gesagt: Mami zu Papi und Papi zu Oma und Oma zu Opa und Opa zu Papi. Ein Viertel, zwei Viertel, drei Viertel, vier Viertel. Der kleinste gemeinsame Nenner. 1933 war Papi einundzwanzig, hat er gesagt. Da war Opa … jetzt ist Opa sechsundsiebzig, da war Opa … Opa ist 1880 geboren, dann war Opa 1933 dreiundfünfzig.“ Margareta sah hinunter auf den Innocentia-Park. Kein Mensch, kein Hund. „Evas Vater hatte sich nicht herausgehalten und dann musste er fliehen. Verliert man seine Unschuld, wenn man sich heraushält? Oder, wenn man sich nicht heraushält? Ich werde Kai und Eva helfen. Das ist wichtiger als alles andere, was zurzeit um mich herum geschieht. Meine eigene Zeit kommt später. Ich muss Geduld haben. Dann werde ich ein Schwan werden. Ich werde schön sein und fliegen. Bis dahin muss ich Bruchrechnung lernen und da helfen, wo ich gebraucht werde. Kai, Mami, Papi, Oma, Opa und ich. Sechs Sechstel sind eins.“

22 Kommentare zu “#10 Der kleinste gemeinsame Nenner

    1. Wenn eine Familie so wirklich eine Einheit bildet, ist das natürlich toll. Bei uns hat das nie richtig funktioniert. Da ist jeder so ein bisschen Einzelkämpfer.

      1. Solange man im Ernstfall füreinander da ist, ist das doch schon mal was. Zerstrittene Familien sind viel trauriger als eine Gruppe von Individualisten.

  1. Verliert man seine Unschuld, wenn man sich heraushält? Oder, wenn man sich nicht heraushält? Gute Frage, beides ist wohl unter den entsprechenden Umständen möglich.

    1. Ich habe schon Paare gesehen, die nicht weiter voneinander hätten sein können. Es gibt einfach keine universellen Regeln für ein funktionierendes Zusammenleben.

  2. Schön werden ist kein so spannendes Lebensziel. Fliegen schon eher. Aber wenn man überhaupt Träume und Ziele hat, ist einem schon geholfen.

    1. Wer alle seine Ziele erreicht hat, hat sie sich als zu niedrig ausgewählt. Schön werden und fliegen ist vielleicht gar nicht so niedrig gesteckt 😉

      1. Trump kämpft neuerdings wieder gegen Windmühlen. Oder Windkraftanlagen. Jedenfalls heißts wohl Back to the Roots.

      2. Trump hat nen Schuß. Bernie wird hoffentlich die Nominierung bekommen und die Wahl für die Demokraten nach Hause holen.

    1. Bei uns gab es letztes Jahr einen gemeinsamen Familienurlaub anstelle der bei uns sonst üblichen nutzlosen Geschenke. Mit den mittlerweile erwachsenen Kindern eine Woche in Spanien (oder auch anderswo) zu verbringen würde ich jederzeit vorziehen.

      1. Meine Familie schenkt seit Jahren nicht mehr zu Weihnachten. Dafür immer quer durchs Jahr wenn man etwas sieht was dem anderen eine Freude machen würde. Funktioniert für uns viel ungestresster.

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