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Innocentia-Park

#4 Mmmh …!

Margareta war den Tränen nahe. Sie starrte auf die drei brennenden Kerzen, keine davon hatte sie angezündet. Im letzten Augenblick hatte sie plötzlich wieder Angst bekommen, nicht so sehr vor der Flamme als davor, selber das Feuer zu entfachen. Sie hatte ihren Stuhl so weit wie möglich weggeschoben vom Tisch, weil sie den Gästen bestimmt nicht zu nahe treten wollte. Margaretas Kopf war bis zum Platzen angefüllt mit ‚Ungarn‘. Das war das Wort, das sie nicht sagen durfte. Sie hatte sich fest vorgenommen, die ganze Zeit über gar nichts zu sagen, nur so konnte sie sicher sein, dass das Wort nicht doch, sobald sie die Lippen öffnete, herausfiel.
––Kaum hatten sich Janos und seine Familie gesetzt und alle Tee erhalten, da fragte Janos’ Bruder: „Was sagen Sie denn zu Ungarn?“
––Margareta bekam einen Riesenschreck. Sie war so vorsichtig gewesen, und nun war das Wort einfach gewandert und Bela aus dem Mund gerutscht.
––„Sie wissen ja, unseren Nachnamen auszusprechen ist so kompliziert, nennen Sie mich Bela!“, hatte er zur Begrüßung gesagt. Einen Augenblick lang war das Wort ‚fraternisieren‘ durch Margaretas Kopf geschossen, dann hatte sie wieder ‚Ungarn‘ gedacht.
––„Eine Tragödie!“, sagte ihre Großmutter.
––„Schrecklich!“, sagte ihre Mutter.
––Und auch Margareta war bestürzt, dass das furchtbare Wort nun im Raum stand. Bestimmt würde gleich jemand ‚Sibirien‘ sagen.
––„Wenn wir nicht geflüchtet wären, nu, wären wir vielleicht schon in Sibirien jetzt.“
––Na, bitte! Margareta trank hastig einen Schluck Kakao und verbrannte sich die Zunge.
––„Wir haben in der Gemeinde gesammelt“, sagte die alte Frau Leseberg, „und wir schicken Pakete nach Ungarn. Wir tun, was wir können.“
––Nun hatte auch die Großmutter das Wort ausgesprochen, und niemand hatte sich daran gestört.
––„Ungarn“, sagte Margareta. Alle starrten sie an. Das war schlimmer als Streichhölzer anzuzünden. Nur Kai sah in die entgegengesetzte Richtung, da saß Eva, Belas Tochter. Sie war so schön, wie Margareta niemals sein würde, nicht einmal nach der Operation. Sie hatte üppiges schwarzes Haar, und in ihrer weißen Bluse wölbte sich ein Busen, wie Margareta ihn schon deshalb nicht bekommen würde, weil auch ihre Mutter und ihre Großmutter nichts dergleichen unter ihren Kleidern aufzuweisen hatten. Kai, ihr Vater und ihr Großvater hatten auch keine Brüste, aber dafür hatten sie jeder einen Piller, den würde Margareta erst recht nicht bekommen. Doch vielleicht war das auch gar nicht so schlimm, denn diese Körperteile blieben sowieso immer versteckt: die prekären Stellen.

„Ungarn ist das Land, aus dem wir kommen.“
––„Und was ist ‚Sibirien‘?“, fragte Margareta.
––„Nach Sibirien bringen die Russen Menschen, die ihnen nicht passen“, sagte Bela, „da ist fast immer Eis und Schnee.“ Belas Stimme hatte einen merkwürdigen Tonfall, es klang lustig, wie er die Worte aussprach, nicht so unbeholfen wie bei Margareta. Und Eis und Schnee waren auch nicht schlimm. Da konnte man Schlittschuh laufen und Schneemänner bauen, wie im Innocentia-Park.
––„Trink deinen Kakao, bevor er kalt wird!“, sagte die junge Frau Leseberg.
––„Werden Sie denn die Stelle beim Rundfunk bekommen?“, fragte ihr Mann.
––„Es ist noch nicht ganz sicher, aber ich denke, ja. Natürlich nicht als Sprecher, sondern als Redakteur.“
––„Da werden Sie sich ja bald eine eigene Wohnung leisten können“, sagte der alte Herr Leseberg.
––„Die beiden Zimmer, die wir bei Janos haben, reichen uns erst einmal aus, wenn wir bleiben dürfen. Wir müssen sparen.“
––„Natürlich können Sie bleiben, solange es nötig ist“, sagte die alte Frau Leseberg, und die junge Frau Leseberg ärgerte sich, dass ihre Schwiegermutter es nicht ihr überlassen hatte, diesen Satz auszusprechen. „Nehmen Sie von den Zimtsternen, sie sind selbstgemacht“, sagte sie.
––Bela, seine Frau Ilona und ihre Tochter Eva nahmen jeder einen und machten „Mmmh …!“
––Das war klug, fand Margareta, so brauchten sie nicht zu lügen.
––Die drei saßen nebeneinander auf dem Sofa, es erinnerte Margareta an ihre Schulbank, obwohl sie dort nur zu zweit saßen. Janos saß auf einem Stuhl neben seinem Bruder, und alle Lesebergs saßen ihnen gegenüber.
––„Ja, das wird ein trauriges Weihnachtsfest“, sagte Bela. „So viel zerstörte Hoffnung.“
––„Es war doch klar, dass der Russe sich das nicht gefallen lässt“, sagte der alte Herr Leseberg.
––„Aber wir haben bis zum Schluss noch geglaubt, dass der Westen eingreifen würde“, sagte Bela.
––„Ja, das war eine Schande, dass man hilflos mitansehen musste, wie alles zugrunde ging“, sagte Janos.
––„Die Amerikaner und die Russen haben sich auf Jalta die Welt geteilt“, sagte der junge Herr Leseberg, „da spuckt keiner dem anderen in die Suppe. Niemand riskiert einen Atomkrieg.“
––„Wenn die Franzosen und die Engländer nicht die Suezkrise angezettelt hätten, wären die Amerikaner vielleicht doch bereit gewesen, etwas zu tun. Aber so …“, sagte die alte Frau Leseberg.
––„Und die Juden wieder mittendrin“, sagte ihr Mann.
––„Die Israelis“, verbesserte die junge Frau Leseberg.
––„Und gerade heute haben die Engländer und die Franzosen ihren völligen Rückzug aus Ägypten bekannt gegeben“, sagte der alte Herr Leseberg, „es kam vorhin in den Nachrichten.“
––„Die UNO hat vollkommen versagt“, sagte Janos, „das Thema ‚Ungarn‘ hätte in die Vollversammlung gehört und nicht nur in den Sicherheitsrat. Als die Vereinten Nationen am Montag von ihrem Wochenendurlaub zurückkamen, standen die russischen Panzer schon in Budapest.“
––„Den russischen Soldaten hat man erzählt, deutsche Faschisten hätten Ungarn angegriffen und sie müssten den Ungarn zu Hilfe kommen“, Bela wurde immer lauter, „einige hielten die Donau für den Suezkanal und glaubten, sie müssten dort gegen den Imperialismus kämpfen, das ist kein Witz!“
––„Und Eisenhower wollte auch nur seine Wahl gewinnen und keinen Ärger haben“, sagte der junge Herr Leseberg.
––„Politiker sind Gangster“, sagte Bela, „egal wo. Die Schriftsteller haben die Revolution in Gang gebracht, ihre Erklärung hat die Studenten mobilisiert. Das Wort lässt sich nicht so leicht in alle Richtungen auslegen wie die Musik oder die Malerei, das finde ich das Gute an der Sprache.“ ––„Das Wort lässt sich verdrehen wie alles andere auch“, sagte Janos. „Anna Seghers, diese alte Hexe, hat der neuen ungarischen Marionettenregierung zur Niederschlagung der Konterrevolution gratuliert. Ich unterrichte Deutsch und Geschichte, Anna Seghers werde ich niemals durchnehmen.“
––Margareta fragte sich, was Janos’ Schülern da wohl erspart bliebe, sie mochte auch keine Hexen, nicht mal im Märchen.

24 Kommentare zu “#4 Mmmh …!

    1. Selbst wer gute Absichten hat … zwischendrin gibt es Wahlen zu gewinnen um an der Macht zu bleiben. Wer da nicht schlau taktiert ist weg vom Fenster, bevor er etwas bewirken kann.

    2. Das Problem ist auf der anderen Seite auch genau diese Skepsis gegenüber jeglichem politischen System. Gerade das erleichtert Populisten wie Trump, Johnson, der AfD den Aufstieg.

      1. Es sieht momentan so aus, als hätte Corbyn krachend verloren. Die Frage stellt sich also gar nicht erst. Schockierend.

      2. Nicht zu fassen warum die Briten denken es ginge ihnen ohne die EU besser. Fatales Wahlergebnis. An Weihnachten gibt es jedenfalls viel zu bereden.

  1. Ich war ein einziges Mal an der Grenze zu Sibirien und das hat definitiv gereicht. Da ist mir die Kälte hierzulande mehr als genug. Schlittsschuhlaufen tue ich da lieber woanders 😉

  2. Anna Seghers war eine spannende Frau. In vielem sicher nicht ganz eindeutig. Wer deshalb die Auseinandersetzung komplett zur Seite schiebt … naja es ist ja nur eine Geschichte.

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