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Innocentia-Park

#14 Sibirien

Margareta blieb misstrauisch. Es hatte sich etwas verändert im Raum, und nichts daran war gut. Ihr Vater und ihre Großeltern sagten kein einziges Wort, aber Margareta sah, wie ihre Mutter ihnen einen ernsten Blick zuwarf.
––„Aber es war nichts“, sagte Margareta, „es war gar nichts, wirklich nicht.“
––Ihre Mutter schob sie sanft aus dem schwach erleuchteten Zimmer in die festlich-helle Diele und ging hinter ihr her die Treppe herauf. „So“, sagte sie, als sie oben waren, jetzt bleib noch ein Weilchen in deinem Zimmer. Theresa und Coco wollen auch Advent feiern, du musst ihnen eine schöne Feier machen, und dann hole ich dich wieder nach unten.“
––Theresa war weiß, genauer gesagt, rosa, aber Coco war schwarz.
––„Will Coco denn auch Advent feiern?“, fragte Margareta. Es gab nichts, was Margareta im Augenblick weniger beschäftigte als die Frage, was eine Puppe vom Advent hält, aber sie traute sich nichts anderes als das zu fragen. War es eine Lüge, etwas zu fragen, was man nicht beantwortet haben wollte?
––„Die Neger feiern auch Advent, wenn sie getauft worden sind“, sagte ihre Mutter.
––„Aber Coco ist doch gar nicht getauft“, sagte Margareta.
––„O, dann musst du das aber gleich nachholen“, sagte die junge Frau Leseberg. „Wasser hast du ja hier. Spiel schön, Engelein! Ich hol’ dich dann.“
––An der Tür drehte sie sich noch einmal um: „Ich habe dich sehr, sehr lieb“, sagte sie, „du bist ein wunderbares Mädchen.“
––Margareta hörte die Worte, aber vor allem hörte sie die Stimme ihres Vaters aus Kais Zimmer. Sie klang furchtbar.
––„Was habe ich gemacht“, dachte Margareta, „was habe ich getan?” Sie hörte, wie die Tür zu Kais Zimmer zugeschlagen wurde, und sie hörte die Schritte ihres Vaters auf der Treppe. Dann war es still, so entsetzlich still.
––Margareta schlich aus ihrem Zimmer, sie horchte an der Tür zu Kais Zimmer: nichts. Sie ging vorsichtig die Treppe herunter.
––Die Diele war leer, aber die Tür nach draußen stand offen. Sie hörte aus dem Wohnzimmer gedämpfte Stimmen und die Stimme ihres Vaters von weiter unten. Margareta lief durch die Diele und durch die geöffnete Haustür die Steintreppe hinunter. Es schneite. Es schneite, als ob es alles zudecken wollte.

Die Stimme ihres Vaters wurde immer lauter. Seine Fußspuren waren im Schnee zu sehen, aber sie würden nicht mehr lange zu sehen sein. Margareta trat in diese Stapfen, ohne einen Abdruck zu hinterlassen. „Das ist mir egal“, hörte sie ihren Vater sagen. Er stand am Eingang zu der tiefer gelegenen Wohnung, ein paar Stufen unterhalb der Auffahrt.
––„Eva“, schrie Janos, „Eva, komm sofort her!“
––„Lassen Sie sie!“, sagte der junge Herr Leseberg. „Ich will sie nicht sehen und ich will nichts hören. Ich will nur, dass Ihr Bruder mit seiner Familie auszieht.“
––„Aber wie stellen Sie sich das vor? Morgen ist Weihnachten!“
––„Ich werde Sie nicht zu Weihnachten auf die Straße setzen, das ist doch klar. Aber im Januar will ich, dass sie sich etwas Anderes suchen. Wir helfen wirklich gern, aber Sie müssen das verstehen, wir können auch nicht zulassen, dass unsere Kinder verdorben werden.“
––„Ich glaube das alles nicht. Ich glaube das einfach nicht! Nur weil ein zurückgebliebenes Mädchen etwas behauptet, werfen Sie uns raus?“
––„Werden Sie nicht unverschämt! Margareta lügt nicht.“
––„Ach, Eva hat uns doch erzählt, wie schwer sie es mit ihr hat. Wahrscheinlich will sie sich bloß rächen. Kinder sind so. Aber Sie glauben das! Und Sie wollen nicht einmal, dass Eva sich verteidigen kann. Sie sind wie die Kommunisten. Sie haben Ihr Urteil schon vorher gefällt.“
––„Jetzt gehen Sie zu weit. Es wird besser sein, wenn Sie auch ausziehen.“
––„Das hätte ich sowieso getan. Denken Sie, ich lasse meine Familie im Stich?“
––Der junge Herr Leseberg drehte sich abrupt um und stieg die Treppe herauf.
––Margareta rannte, bis sie in ihrem Zimmer war, sie schlug die Tür hinter sich zu und warf sich aufs Bett. „Sechs Eintel und vier Eintel sind Zehn Eintel, aber es bleiben Brüche, die sechs Eintel sind ja schon Brüche. Kai – ein Bruch, ich – ein Bruch. Mami, Papi, Oma, Opa – Brüche. Draußen fällt der Schnee. Die Pfützen frieren zu Eis. Es gibt keinen Schmutz mehr. Man hört nichts, gar nichts, aber alles wird weiß. Wenn man aus dem Fenster gucken würde, dann würde man sehen, dass alles zugedeckt ist, ein riesiges Bett, in dem man träumen kann. Ein Achtel und ein Sechzehntel. Das Achtel ist mehr, obwohl das Sechzehntel den größeren Nenner hat. Der Nenner ist das Entscheidende, nicht der Zähler. Aber je größer der Nenner ist, desto kleiner ist die Zahl. Das ist doch seltsam.“ Sie hörte Kais Tür, sie hörte seine Schritte auf dem Flur, und sie hörte, wie er ihre Klinke herunterdrückte.
––Kai machte die Deckenbeleuchtung an. Das Licht war scharf. Kai hatte verweinte Augen.
––„Na?“, Kai sah sie mit Interesse an, wie sie da ausgestreckt auf ihrem Bett lag. „Genießt du es?“
––„Was?“
––„Du hast es zu etwas gebracht. Du hast dich doch immer gefragt, was mal aus dir werden soll. Nun hast du es geschafft. Du bist eine Verräterin geworden. Gratuliere!“
––„Was heißt das?“ Margareta richtete sich auf.
––„Weißt du“, sagte Kai, „es gibt Petzen, das kennt man ja. Aber dann gibt es die Verräter, die quatschen nicht einfach blöd irgendetwas aus – die sagen genau das, was am wichtigsten ist, das, was die geheimsten Wünsche sind, die posaunen sie aus, um sich dadurch Vorteile zu verschaffen.“
––„Kai, du bist gemein!“
––„O, ich nehme es dir nicht übel. Bleib ruhig, bleib ruhig. Du kannst ja nichts dafür. Wahrscheinlich hätte ich es genauso gemacht. Du bist hässlich. Ich habe mal mitbekommen, wie Papi über dich gesagt hat: ‚Margareta ist ja entstellt.‘ Er wusste nicht, dass ich zuhöre. Entstellt! Und du bist dumm. Eva gibt sich solche Mühe, dir beizubringen, wie man rechnet, aber du kapierst es einfach nicht. Da versteh’ ich schon, dass du denkst: ‚Was kann ich bloß tun, damit ich beachtet werde? Was kann ich bloß tun, damit Mami und Papi denken, ich sei die Brave, und Kai ist der Böse. Ich bin so blöd und so schrecklich hässlich, was kann ich machen, damit ich beachtet werde und damit man mich lobt?‘ Glückwunsch, Margareta, du hast es geschafft!“ Kai drehte sich um und knallte die Tür zu.
––Margareta ging zum Schalter und knipste das Licht aus. Dann legte sie sich wieder aufs Bett.
––„Einhalb, ein Viertel, ein Sechzehntel.“

Draußen fiel der Schnee. Sie hörte ihn nicht und sie konnte ihn nicht sehen. Ein Zweiunddreißigstel, ein Vierundsechzigstel. Wie geht es weiter? Die Flocken, die auf die Dächer der Grindelhäuser fielen, kamen schneller an als die, die im Innocentia-Park den Boden berührten. Wie viel schneller? Eine halbe Sekunde, eine ganze?
––‚Sarkastisch‘, so hieß das Wort. Margareta war es gleichgültig, was es bedeutete. ‚Sibirien‘. Da gab es Schnee und Eis. Ich wäre gern in Sibirien, und es dürfte nie aufhören zu schneien. Wie still es war! Unten war Janos mit seiner Familie, bestimmt redeten sie laut und erregt. Im Stockwerk darüber waren ihre Eltern und Großeltern, sie sprachen leise und bedrohlich miteinander. Nebenan war Kai, wahrscheinlich weinte er, aus Wut oder aus Trauer. Zehn Menschen in einem Haus, und nichts war zu hören.
Bald würde ihre Mutter heraufkommen, sie streicheln und nach unten holen. Kai würde auch kommen, mit gesenktem Kopf. Die Großmutter hätte den Tisch gedeckt. Sie würden dasitzen und ihre Brote essen und über irgendetwas reden. Wenn Margareta eine Frage stellte, würden sie sich zu ihr beugen und ihr eine Antwort geben. Nach dem Abendbrot würde ihre Mutter sagen: „So, nun aber ins Bett, Engelein! Morgen kommt das Christkind.“
––„Freust du dich schon?“, würde ihre Großmutter fragen.
––Kai dürfte länger aufbleiben, aber er würde ihr noch zuflüstern: „Tut mir leid, ich hab’s nicht so gemeint. Ich war so … na ja, du weißt schon.“

Margareta lag auf ihrem Bett, sie lauschte in die Stille, und sie sah in die Dunkelheit. Sie zwang sich, nicht zu zählen. Sie dachte: „Ungarn, Ungarn, damit sie nichts anderes denken musste. Ungarn …“ Dann stand sie auf, sie kletterte auf das Fensterbrett, da unten war alles weiß. Sie hatte den Gipfel erreicht. Margareta öffnete das Fenster, sie breitete die Arme aus und sie sprang aus der richtigen Welt in ihre Welt, in der sie schön war und fliegen konnte.

22 Kommentare zu “#14 Sibirien

      1. Aus der Luft gegriffen ist das Ende nicht:
        Der allererste Absatz der Erzählung nimmt den letzten vorweg, und die Motive Bruchrechnung, Ungarn, Sibirien bilden ein Netz, in das zum Schluss die Leser(innen) hineinplumpsen. Es geht von Anfang an darum, nach der letzten Kurve den Gipfel zu erreichen, wofür ja auch die früh verstorbenen Helden James Dean und Elvis Presley stehen. Welches sein Gipfel ist, mit 9 oder mit 90, das entscheidet jeder selbst. Oder ein Schicksal namens Gott?

      2. Man hat es leider wirklich kommen sehen. Leichter erträglich wird es dadurch leider nicht. Aber es gibt nunmal Menschen, die den Tod als glücklichere Alternative zum Leben sehen. Auch damit muss man sich auseinandersetzen.

      3. Meist ist das aber doch nur eine Momentaufnahme. Weil man so überwältigt ist, dass man keinen Ausweg sieht. Ich glaube jedenfalls nicht daran, dass Selbstmord die einzige Möglichkeit sein kann.

    1. Ich bin jedenfalls doch ein bisschen froh, dass die Auflösung nicht wirklich schon pünktlich zum Weihnachtsfest online war. Trauriges Ende dieser komischen Geschichte.

  1. „Je unschuldiger ein Mädchen ist, desto weniger weiß sie von den Methoden der Verführung. Bevor sie Zeit hat nachzudenken, zieht Begehren sie an, Neugier noch mehr und Gelegenheit macht den Rest.“

  2. Es gibt nichts traurigeres als Selbstmord. Vor allem wenn es um junge Menschen geht. Das ist immer eine Niederlage, nicht unbedingt von der betreffenden Person sondern vor allem vom direkten Umfeld.

    1. Margareta hat die reale Welt verlassen, nicht um tot zu sein, sondern um in ihrer Traumwelt zu leben. Ein bewusster Selbstmord ist das nicht, höchstens eine Flucht, vielleicht auch nur eine Entscheidung.

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