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Innocentia-Park

#11 Der Ausbruch

Dreimal werden wir noch wach – heißa, dann ist Weihnachtstag!1
––„Und jetzt zwei Siebtel und vier Neuntel“, sagte Eva.
––„Wann braucht man denn das?“, fragte Margareta.
––„Ich weiß auch nicht“, sagte Eva, „es ist ja nur ein Beispiel, zur Übung.“
––„Zwei Siebtel mal neun ist achtzehn Dreiundsechzigstel, und vier Neuntel mal sieben ist achtundzwanzig Dreiundsechzigstel“, sagte Margareta, während sie die Zahlen aufschrieb, „das macht zusammen sechsundvierzig Dreiundsechzigstel.“
––„Bravo!“, rief Eva. „Jetzt hast du es begriffen!“
––„Gibt es noch einen kleineren gemeinsamen Nenner?“, fragte Margareta.
––„Sieh es dir an“, Eva deutete mit der Stirn auf die Rechenkästchen.
––„Durch zwei geht nicht“, sagte Margareta, „durch drei auch nicht. Nicht durch fünf und nicht durch sieben. Nein, es gibt keinen kleineren gemeinsamen Nenner.“
––„Richtig.“
––„Dreiundsechzig, und nichts Kleineres?“, fragte Margareta ungläubig.
––„Es gibt eben Dinge, die sind so kompliziert, dass es einfacher nicht geht“, sagte Eva.

Die Tür ging auf.
––„Darf ich reinkommen?“, fragte Kai.
––Margareta wagte nicht, zu antworten.
––„Sicher“, sagte Eva. Ganz ruhig.
––Kai schloss die Tür hinter sich.
––„Und?“, fragte Eva. „Wir arbeiten.“
––Kai sah auf Margareta. „Ich wollte nur …“
––Margareta sah, wie sich Kai quälte.
––„Er wollte doch deine Brüste sehen“, sagte Margareta sachlich.
––„Und warum sagt er mir das nicht selber?“, fragte Eva.
––„So was sagt man doch nicht …!“, Kai wand sich.
––Auf einmal wurde der weiß gestrichene Raum rot vor Evas Augen, es war, als züngelte plötzlich eine Flamme in ihr hoch.
––„Was meint ihr, was ich in den letzten Wochen alles erlebt habe?“ Eva unterdrückte ihre Stimme mühsam. „Menschen, die mit Steinen nach Panzern warfen. Frauen, die ihre erschossenen Männer im Arm hatten. Wir haben unser Zuhause und meine Großmutter zurücklassen müssen und leben hier in zwei Zimmern bei meinem Onkel in eurem Keller. Und da habt ihr zwei nichts anderes im Kopf als meine Brüste? Zeig du mir doch erst mal deinen Schwanz! Dann können wir weitersehen!“
––Einen Augenblick lang stand Kai starr vor Schreck über diesen Ausbruch. Dann schien etwas in ihm hochzukochen. Er knöpfte sich die Hose auf und zerrte seinen Piller heraus, der sehr viel größer war, als Margareta ihn vom letzten gemeinsamen Baden in Erinnerung hatte.
––„Lass das!“, schrie Eva. „Verschwinde! Verschwinde!“
––Kai stopfte erschrocken das, was er so mühsam herausgeholt hatte, zurück und stürzte aus dem Zimmer.
––„Ich glaube, ich muss mit deiner Mutter sprechen“, sagte Eva. „So geht das nicht.“
––„Es ist meine Schuld“, jammerte Margareta.
––„Ja“, sagte Eva, „vielleicht ist es deine Schuld, aber du kannst nichts dafür. Ich hätte das nicht sagen dürfen. Ich muss verrückt geworden sein.“ Sie schlug die Hände vor ihr Gesicht, ein eiserner Vorhang. „Ich glaube, ich kann nicht mehr kommen.“
––„Ach bitte, bitte! Ich hab’ doch schon so viel gelernt. Ich sage nichts mehr, ich sage bestimmt nichts mehr.“
––Eva sah zur Tür, ohne die Tür anzusehen. „Lass uns Schluss machen!“, sagte sie. „Jetzt kommt das Wochenende, und dann kommen Weihnachten und Silvester. Danach werden wir weitersehen.“ Sie stand auf, Margareta lief hinter ihr her.
––Die junge Frau Leseberg stand am Treppenabsatz.
––„Was war das für ein Lärm? Wer hat hier so die Türen geknallt?“
––„Wir haben gearbeitet“, sagte Margareta.
––Frau Leseberg blieb ernst. „Wie läuft es denn?“, fragte sie Eva.
––Eva zögert. „Wenn es noch nötig sein sollte, komme ich im Januar wieder“, sagte sie und wandte sich zum Gehen.
––„Aber vorher werden wir uns doch noch sehen?“, sagte Frau Leseberg besorgt.
––„Natürlich“, antwortete Eva. „Wir leben ja im selben Haus. Auf Wiedersehen!“
––„Auf Wiedersehen!“
––Margareta rannte die Treppe herauf.
––„Margareta!“
––„Ja?“
––„Hast du irgendetwas angestellt?“
––„Nein.“
––„Warum ist Eva so merkwürdig?“
––„Es ist … ich weiß nicht. Sie ist enttäuscht, weil ich nicht schneller lerne.“
––Der alte Herr Leseberg war in die Diele getreten und stand hinter seiner Schwiegertochter. „Das ist doch gut für sie“, sagte er und legte der jungen Frau Leseberg zärtlich-spröde seine Hände auf die Schultern. Er lächelte Margareta verschmitzt zu: „Je länger du brauchst, desto mehr verdient sie.“

1frei nach Originalfassung aus ‚Morgen, Kinder, wird’s was geben‘ (ehem. ‚Die Weihnachtsfreude), Karl Friedrich Splittegarb (1795)

Fortsetzung folgt ab 8. Januar 2020!

23 Kommentare zu “#11 Der Ausbruch

      1. Nicht jede Frau will nonstop den Schwanz ihres Gegenübers sehen. Dieser Irrtum besteht schon viel zu lange.

  1. Wieso sind Piller, die man in Geschichten aus der hose holt, eigentlich immer größer als erwartet oder erinnert? In der Realität stimmt das ja nun nicht immer mit der Wahrheit überein…

      1. Howard Stern hat ne halbe Karriere aus der Tatsache gemacht, wie klein sein Penis ist. Naja, ein toller Interviewer ist er auch. Jedenfalls gibt es da genauso viel zu erzählen wie bei Size Queens.

    1. Die „Zeichen“ sind in dem Fall ja doch recht eindeutig. Wer vor einem Mädchen seinen Ständer aus der Hose holt, gilt nach den meisten Meinungen jedenfalls nicht mehr als unschuldig.

    2. Ich weiss zwar noch nicht was im Park und der Geschichte weiter passiert, aber man sollte eigentlich mal daran arbeiten, dass Sexualität nicht automatisch als Schuld angesehen wird.

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