Am Sonntag war ich mit Jennipher, über die ich ausnahmsweise mal keine Lust habe, viel zu sagen, im Zoo.

Am Montag begann meine letzte Vertreterwoche, mit dem Mann für London, Brian. Er war so liebenswürdig, mich abends immer zu meiner Wohnung zu fahren, nur am Donnerstag nicht, weil er da eine Verabredung hatte.

So fuhr ich diesmal, dies eine Mal mit der Tube. Als ich am Leicester Square auf dem Bahnsteig stand, erkannte ich einen Menschen sofort wieder. Ich wusste auch, dass ich ihm ausschließlich in der U-Bahn begegnet war und dass wir, soweit mir mein Gedächtnis sagte, keine besondere Notiz voneinander genommen hatten. Trotzdem stieg ich bewusst in dasselbe Abteil wie er.

Foto links: Massimo Parisi/Shutterstock | Foto rechts: Privatarchiv H. R.

Er fand keinen Sitzplatz, ich auch nicht. Wir standen einander also an der Tür in etwa gegenüber. An seinem flüchtigen Blick merkte ich, dass er mich erkannte. In der Hand hielt er ein Wörterbuch: Italian – English. Gleich, ob er Italiener war oder die Sprache lernen wollte: vielversprechend.

Menschen stiegen ein. Ich konnte ihn nicht mehr richtig sehen. Er wandte das Gesicht ohnehin in die andere Richtung. Wir nahmen, wie schon beim ersten Mal, keine besondere Notiz voneinander, was aber, zugegeben, mehr an ihm lag.

Foto: Privatarchiv H. R.

Nun stiegen Menschen aus, so dass eigentlich kein Grund für ihn bestand, eine unbequemere Stelle zu wählen. Wir hatten beide zunächst jeder an seine vorderste Bank gelehnt gestanden. Er gab diesen sicheren Platz auf und stand jetzt, den Rücken mir zugewandt, vor mir. Hinter der nächsten Station, an der es wieder etwas leerer geworden war, stellte er sich plötzlich unvermittelt neben mich. Dies war nun eine derart eigentümliche Wendung, dass, obwohl keiner von uns beiden den anderen ansah, es mir vorkam, als starrte das ganze Abteil auf das, was sich da abspielte.

Zumindest auf eine Mittzwanzigerin, eher hässlich, traf das zu, so durchbohrend, wie sie mich ansah. Ich guckte unverschämt und sicherheitshalber etwas anzüglich zurück. Aber es nutzte nichts. Ihr Argwohn blieb.

Zu Recht. Wir waren uns zu ähnlich: Dieselbe Größe, intelligent, sensibel, teuer, distanziert, fast arrogant und eine Umgebung gewohnt, die man als ‚kultiviert‘ zu bezeichnen pflegt. Wir wussten das beide voneinander, wir wussten um unsere Ähnlichkeit, und ich glaubte wirklich, dass es bei keinem von uns mehr als das war. Aber das ist ja auch schon fast alles.

So steht es wörtlich, handschriftlich in meinem Tagebuch von 1971 unter dem 16. Juni, drei Tage vor meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag. Und weiter:

Dabei kam ich mir trotz seines Vorstoßes fast abgebrühter vor, denn er begann wieder – und erst in diesem Augenblick erkannte ich ihn wirklich – an seinen Fingernägeln zu knabbern: zerquält und verzehrend.

Wir standen beide wie erstarrt, ohne uns zu bewegen bis ganz kurz vor Golder’s Green, und er musste wissen, dass ich jetzt aussteigen würde, während er weiterzufahren hatte. Da berührten sich plötzlich – und ich werde mir niemals darüber klar werden, ob es Zufall oder Absicht war – unsere Finger. Das ist noch nichts Ungewöhnliches und kann in der Enge der Bahn durchaus vorkommen. Nur – die Finger, sie zuckten nicht zurück. Aus irgendeinem Grunde, und ich weigere mich, einen sexuellen anzunehmen, blieb die Berührung bestehen. Ich weiß nicht, ob in Bewegung oder in Ruhe. Ich weiß nur, dass die Berührung sekundenlang anhielt und dann ein fast gewaltsames Ende fand, als unserer beider Hände wie aufgescheucht jede den Schutz der eigenen anderen Hand suchte und wir mit hinter dem Rücken verschränken Armen das kurze, noch verbleibende Stück der Strecke durchstanden.

Dann musste er weiterfahren. Doch er tat es nicht. Ich sah, wie er hinter mir ausstieg. Da dachte ich plötzlich: Nein, nein, nein. Ich rannte die Treppe hinunter an allen vorbei, war an der Sperre durch meine Monatskarte schneller und rannte bis zu meiner Wohnung.

Foto links: Privatarchiv H. R. | Foto rechts: Sunil060902/Wikimedia Commons

So lief das 1971 bei mir. Genauer: lief nicht. Trotzdem war ich verwegen genug, den Sommer über an den Samstagabenden über den Hampstead Heath zu steigen und den Pub ‚King George IV‘ anzusteuern. Allerdings nicht, ohne vorher als Mutmacher ein oder zwei Martinis getrunken zu haben. Butter oder Brot zu kaufen, vergaß ich manchmal, aber ausreichend Gin und trockenen Vermouth hatte ich immer im Kühlschrank, auch die Oliven (mit Stein!) fehlten nie. Vor dem ‚George‘ lief ich dann aber doch noch ein paarmal auf und ab. Dabei hielt ich die Luft so lange an, bis mir schwummerig wurde. Erst dann traute ich mich wirklich in den Pub und bat lässig um „half a pint of lager“, das ich beherzt leertrank. Im Taschenbuch ‚Alternative London‘ stand zu lesen, dass hier im ‚George‘ Männer verkehrten, die selbst in sexueller Hinsicht lieber ‚unter sich‘ blieben, was meiner Fantasie zufolge ‚aufeinander‘ nicht ausschloss.

Es waren durchaus auch Frauen zugegen, aber ich kam mir doch immer so vor, als sähe ich so aus, als suchte ich wen. Das mochte ja sogar stimmen, aber merken sollte es niemand. In dieser Hinsicht war ich so erfolgreich, dass ich kurz nach elf den Heath auch allein wieder hinabschlenderte, beeindruckt davon, welches Abenteuer ich mir zugemutet und überstanden hatte, zumindest im Kopf.

19 Kommentare zu “#1.8 In vollen Zügen

    1. Kopfkino kann wahnsinnig stimulierend und wahnsinnig beklemmend sein. Die Umstände machen das Erlebnis aus. Wie eigentlich immer.

  1. Die Subway-Geschichte ist so packend, da könnte man glatt den Anfang für ein Drehbuch draus machen. Schade, dass die Begegnung dann doch so abrupt endete.

    1. Grundsätzlich sind Ubahn-Begegnungen ja immer spannend. Allerdings bin ich an der Stelle wo an den Fingernägeln gekaut wird ausgestiegen.

  2. Wohl eine der wenigen interessanten Geschichten aus der Londoner Tube. Normalerweise versucht man dort ja eher mit zusammengekniffenen Augen (und zusammengekniffener Nase) durchzurauschen so schnell man kann.

    1. Vor allem jetzt im Sommer. Wenn’s in London annähernd so warm ist wie neulich in Paris würde ich die U-Bahn eher meiden.

    1. Haha, dann bin ich beruhigt. Ich bin nur so ungeduldig, weil ich in 14 Tagen hinreise. Bin gespannt auf ein paar Geschichten!

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