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1908
Triple-Edinburgher mit Ketchup  —   3. Kapitel: 1988

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#3.2 Die besten aller Welten

Das Schicksal ist, glaube ich, eine Institution, die sich rasch langweilt, und dann schlägt es zu und zeigt den Sterblichen, dass sie nicht zu ihrem Vergnügen durch den Irrgarten des Lebens laufen. Im Juni 1987, kurz nach der opulenten Feier meines einundvierzigsten Geburtstags, wurde bei Roland ein Lungentumor festgestellt und dass er HIV-positiv war. Ihm wurde die halbe Lunge entfernt, mir meine ganze Unbekümmertheit. ‚Es wird schon alles gutgehen‘, redete ich mir ein, um den Zustand überhaupt aushalten zu können. ‚Das Schlimme passiert immer den anderen. An mir prallt dieser Makel ab.‘

Tatsächlich erholte Roland sich ganz ordentlich von der Operation. Im Herbst fuhren wir ins Elsass und in die Schweiz.

1988 war ein Jahr voller Hoffnung und Zuversicht trotz gelegentlicher Rückschläge. Irene würde im Laufe des Jahres mit mir noch in der Wachau, in Ungarn, in Massachusetts, San Francisco und in Lāhainā auf Maui sein. Aber die ersten Übernachtungen unterwegs fanden in Glasgow statt. Eric hatte bestimmt kein Aids bekommen, dazu war er zu scheu. Wieso mein Blut verschont blieb, war mir ein Rätsel. Aber beiden Fragen ging ich nicht weiter nach, sondern mit Irene erst in den Botanischen Garten und dann mit all denen essen, denen meine Mutter schon weltweit bestens vertraut war. Wenn ich allein von einem Treffen ins Hotel zurückkam und nach dem Schlüssel fragte, sagte der Portier manchmal: „Ihre Frau ist schon oben.“ Irene schmeichelte das immer, wenn sie davon erfuhr, aber inzwischen war mir nicht mehr ganz klar, ob der Irrtum daher rührte, dass sie so jung aussah oder ich so alt.

Foto: Privatarchiv H. R.

Am nächsten Tag hatte ich Besprechungen mit Harry; am Abend fand das Ereignis statt, um dessentwillen wir hier waren: eine Inszenierung von Bernsteins Operetta ‚Candide‘ nach Voltaires Persiflage der Leibnizschen Behauptung, wir lebten in der besten aller möglichen Welten. Der Maestro war selbst erschienen, um die Darbietung zu begutachten, und so waren wir auch alle da, zumal nach dem großen Erfolg der ‚West Side Story‘ nun auch ‚Candide‘ von ihm aufgenommen werden sollte.

Es war ein hinreißender Abend mit Geist, Witz, fabelhafter Musik, bissigen Texten und hochmotivierten Darstellern. Meine Mutter legte mir im Beisein unserer ganzen Gruppe nahe, eine Übersetzung ins Deutsche anzufertigen; denn keiner könne das besser als ich. Ich glaubte ihr sogar, fühlte mich aber doch ein bisschen an Maria erinnert, die ihren Sohn Jesus bittet, auf der Hochzeit zu Kana für Wein-Nachschub zu sorgen.

Jetzt endlich kommen wir zu und nach Edinburgh. Irene und ich fuhren dieselbe Strecke von der Westküste an die Ostküste, die ich fünfzehn Jahre zuvor – halb erleichtert, halb bekümmert – zurückgelegt hatte, von Eric, um mich absichtsvoll-ungeküsst in meinem Mittelklasse-Hotelbett schlafen zu legen.

Foto: Privatarchiv H. R.

22 Kommentare zu “#3.2 Die besten aller Welten

    1. In dem Fall gibt es ja zwei mögliche Szenarien: Entweder die Mutter wird deutlich jünger geschätzt als sie tatsächlich ist oder man traut ihr einen jüngeren Liebhaber/Ehemann zu. Beides würde ich als Kompliment einschätzen.

  1. Das Schlimme passiert immer den anderen, bis es einem seibst passiert. Und dann mit ganzer Wucht. So kenne ich es leider auch aus eigener Erfahrung.

  2. Candide ist ein wunderbares Buch. Warum ich die Oper nie gesehen oder gehört habe ist mir ein Rätsel. Wird ganz bestimmt bald nachgeholt.

      1. Candide stand in jedem Fall auf dem Index Librorum Prohibitorum der katholischen Kirche. Freie Meinungsäußerung reicht halt auch immer nur soweit, wie die Meinung positiv ausfällt 😉

  3. Gibt es so etwas wie Schicksal wirklich? Oder Vorbestimmung? Oder ist das Leben einfach eine Aneinanderreihung von Zufällen? Ohne Ziel… Ich weiss gar nicht was die schlimmere Vorstellung ist.

      1. Aber was wenn Schicksalsschläge, Krankheit & Tod hinzukommen? Bringt man Gott in’s Spiel fragt man sich automatisch nach dem „Warum“. Den Tod eines Geliebten Menschen als reinen Zufall zu betrachten ist sicherlich nicht viel einfacher.

      1. Woran erkennt man, dass Jesus Jude war? Erstens: Er lebte noch bei seinen Eltern, als er schon dreißig war. Zweitens: Er glaubte, seine Mutter sei Jungfrau. Drittens: Seine Mutter glaubte, er sei Gott.

  4. Absichtsvoll-ungeküsst gefällt mir sehr. Während alle anderen sich platt-gephotoshoppt in den Netzwerken anbiedern werde ich mir das selbst auf die Fahnen schreiben. Absichtsvoll-ungeküsst gehe ich als Single durch die Welt.

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