Das Hotelzimmer, das ich am Samstag, dem 25. August, bezog, hob sich bereits ein wenig von meiner Unterkunft vor zwei Jahren ab. Jennipher kam gegen sechs mit ihrem Freund Robin zu mir in die Bar auf einen Scotch. Ihr Freund war Product Manager bei ‚CBS‘, und auf deren Ebene war eine solche Liaison wohl möglich. Die Präsidenten der beiden unterschiedlichen Schallplatten-Unternehmen hätten vermutlich kaum miteinander geschlafen. (Gut, dass Pali nicht bei der Konkurrenz war.) Als die Gläser leer waren, fuhren wir mit Robins Wagen zur Usher Hall, um ‚Don Giovanni‘ zu erleben.

Da traf ich auch wieder auf Doktor Hirsch, der sich trotz Bernstein-Party Barenboim nicht entgehen lassen wollte. Ich liebe Mozart sehr, ich fühle mich ihm nahe; die Opern allerdings langweilen mich über weite Strecken, und Interpretation war mir Komponisten nie besonders wichtig. Mich interessierte die Architektur des Schöpfers mehr als das Handwerk des Maurermeisters, aber das durfte ich während meiner ganzen Berufszeit nicht mal im tiefsten Suff sagen. Ich verkaufte ja nicht das Werk – das gab es auch im Grabbelkasten für fünf Mark – ich verdankte mein Gehalt dem Umstand, dass es Menschen gab, die für einen bedeutenden Interpreten bereit waren, das Fünffache auszugeben. Mein Erfolg bestand darin, nie Fan zu sein, sondern darauf zu achten: Wer oder was lässt sich wie verkaufen. (Für meine eigenen Filme hörte ich mir später dann aber zehn verschiedene Schubert-Versionen an, um die herauszupicken, die am besten zur Film-Situation passte.)

Barenboim dirigierte ausführlich. Erst nach 22 Uhr schickte der Komtur den Weiberhelden in die Hölle. „Wir bringen dich zum Hotel“, sagte Jennipher auf Englisch, wir wollen nur noch kurz bei einer ‚CBS‘-Party vorbeischauen, da muss Robin sich zeigen. Ich war nicht begeistert. Überall wo ich nur mitgebracht werde, ohne eingeladen zu sein, fühle ich mich nicht willkommen. Aber zu Fuß zum Hotel laufen, wollte ich auch nicht, zumal ich den Weg nicht kannte, und Taxen gab es keine.

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Das musste auch Doktor Hirsch feststellen, der recht hektisch vor der Usher Hall hin und her lief. Ich traf ihn, und es traf sich, dass er – mit der schönen Einladung natürlich – zu der gleichen Veranstaltung wollte wie Robin. So quetschen sich also der große Doktor Hirsch und ich in Robins Kleinwagen auf die Hinterbank und ließen uns von den beiden Einheimischen übers Land kutschieren. Das war kein ‚Umweg‘, sondern ein nächtlicher Ausflug über Stock und Stein; Macbeth auf seinem Schlachtross kann es nicht ungemütlicher gehabt haben, und die Gegend sah auch sehr nach den drei Hexen aus. Aber nach etwas über einer halben Stunde erreichten wir inmitten von Einöde das erleuchtete Gemäuer. Eine Burg wie aus dem Bilderbuch. Schottischer ging es nicht.

Wir schritten die Stufen hinauf. Kein livrierter Diener fragte nach unserem Begehren. Es herrschte Aufbruchsstimmung, das Buffet war ziemlich leergegessen, aber ich habe ja sowieso nie Hunger, oder jetzt doch?

Foto links: bildschoenes/fotolia | Foto rechts: ProWeddingStudio/Shutterstock

Mit einem Glas Wein in der Hand steht es sich gleich etwas weniger blöd rum. Ich folgte den anderen, die ja nun Bernstein zeigen mussten, dass sie da waren, obwohl er sicher keine Strichliste führte. Doktor Hirsch wurde aber tatsächlich überschwänglich als „my dear Hans“ begrüßt. Ich blieb mit meinem leeren Glas zurück, bekam aber gleich ein volles vom Silbertablett. Weil ich sonst nicht benötigt wurde, ging ich an den im großen Saal etwas verloren wirkenden Restgästen vorbei zum Buffet. Dort sprach mich ein Herr an, der so viel Menschenkenntnis besaß, dass er gleich wusste: Er hatte mich noch nie gesehen, und ich war nicht eingeladen. Ich stellte mich ihm vor, und er stellte mich dem Maestro vor; es war Bernsteins persönlicher Manager Harry Kraut.

Bernstein war so wie immer, was ich ja noch nicht wissen konnte: zugewandt, aufgeschlossen, unprätentiös. Harry war besonders nett zu mir. Er schlug mir vor, ihn im ‚Caledonian‘ am Nachmittag zu besuchen. Sonntag konnte er nicht, Montag konnte ich nicht, also Dienstag. Dann würde er mir auch eine Karte für das Bernstein-Konzert am selben Abend geben.

Foto: tommaso79/Shutterstock

Als ich mit Doktor Hirsch und Jennipher in Robins Karre zurückrumpelte, war ich doch froh, nicht gekniffen zu haben, sondern mitgefahren zu sein. Mein schokoladenbrauner Samtanzug mit gleichfarbiger Samtfliege (bow tie aus der Jermyn Street in London) zum venezianischen Batist-Hemd hatte seine Wirkung getan. Ob man intelligent ist, merken die Menschen, die man beeindrucken will, frühestens am Lachen, spätestens bei der ersten originellen Antwort; wie man angezogen ist, sehen sie gleich. Für vornehme Zurückhaltung bin ich zu jung, für wildgewordene Übertreibung zu wohlerzogen – obwohl: Am folgenden Samstag würde meine Cousine Dagmar heiraten. Da machte ich im Anglo-German-Club zu Hamburg der Braut Konkurrenz in weißem Samtanzug, auberginefarbenem Hemd, mit violetter Fliege und vier Zentimeter hohen Plateau-Absätzen. Das war vielleicht etwas dick aufgetragen, aber auf diese Durchkreuzung der adeligen  Gediegenheit hatte ich damals einfach nicht verzichten können.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Dass mir daraufhin auch die Entführung der Braut in die Schuhe geschoben wurde, war einleuchtend; dabei kannte ich den Brauch gar nicht. Mitgefahren bin ich allerdings schon und habe gesehen, wie Dagi kichernd im Brautkleid in der St.-Pauli-Kneipe ihren Korn getrunken hat. Erst als wir ungefunden zurückkamen und die Gesellschaft bereits in Auflösung war, gab Dagi sich empört. Nachher hieß es, ich habe die Adelshochzeit verdorben, und der wahre Schuldige fand es bequemer, sich hinter mir zu verstecken. Nicht so schlimm. Mir gefiel die Rolle ‚enfant terrible‘, und wenn mir danach war, spielte ich sie noch mit fünfzig, bevor ich mich zum unwürdigen Greis durchrang.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

22 Kommentare zu “#2.3 Gast ohne Einladung

  1. Ich war mal auf einer Hochzeit, bei der sich der Bräutigam schon im Vorfeld geweigert hat, die entführte Braut zu suchen. Als die Gute dann tatsächlich verschwand, hat sich niemand wirklich darum geschert und alle (incl. Bräutigam) haben einfach kräftig weiter gefeiert. Hahaha

  2. Das Unwillkommensein kann ich total nachempfinden. ich fühle mich auch immer fehl am Platz wenn ich auf eine Party irgendeines Freundes mitgenommen werde.

      1. Bei großen Festen ist mir das vollkommen gleich. Sind’s kleinere Hauspartys wird’s unangenehmer…

      2. Ich finde Gast-ohne-Einladung sein fast am entspanntesten. Man kennt niemand, es gibt keinerlei Erwartungen, keine Verpflichtungen…

      3. Meine Freundin Susi ging mit uns uneingeladen auf eine Hochzeit und freute sich: „Ich bin gar nicht eingeladen, da kann ich mich ja ruhig schlecht benehmen!“ – Schöne Einstellung, aber nur wenn man Chutzpe hat.

  3. Brautpaare bei der Hochzeit mit seinem eigenen Outfit zu übertrumpfen will schon gekonnt sein 😉 Es müsssen ja nicht immer Zurückhaltung und Langeweile herrschen.

  4. Aber braucht man nicht den Interpreten um das Werk lebendig werden zu lassen? Man brauch sich doch nur Gould’s Goldberg Variationen in verschiendensten Aufnahmen anzuhören um festzustellen, dass es „das Werk“ gar nicht gibt. Oder liege ich da vollkommen falsch?

    1. Es gibt Konzerte, da erkenne ich Stücke, die ich sehr mag, kaum wieder. Die jeweilige Interpretation spielt also schon eine entscheidende Rolle. Aber vielleicht verstehe ich Sie gar nicht richtig…!?

      1. Natürlich sind alle Musiker, die nicht die Maultrommel spielen, auch „Hand“-Werker. Aber was der Kopf vorgibt, macht den Unterschied. Es gibt Stücke in der Musik und im Theater, die bloß Vorgaben für einen virtuosen Interpreten sind. Andererseits gibt aus auch Werke, die selbst ein schlecher Interpret nicht völlig totkriegt.

  5. Bacon auf Reis mit Salatblatt? Ich hoffe, dass war nicht das tatsächliche Buffet damals. Haha. Manchmal staunt man ja wirklich, was man vorgesetzt bekommt.

  6. Diese Burgen! Genau an so etwas denke ich, wenn ich Schottland höre. Und dann tagsüber durch die Highlands wandern und am Abend vor dem Kaminfeuer einen Scotch trinken. Mein nächster Urlaub kann kommen.

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