Am Dienstag hatte Peter Russel ein Treffen im ‚Forage & Chatter‘ mit den beiden wichtigsten Händlern vor Ort arrangiert, und ich fand, dass es für die Verträglichkeit der Schotten sprach, dass die Konkurrenten nicht gegeneinander kämpften, sondern miteinander speisten, zumindest solange ich dabei war und ihnen erzählte, wovon ich hoffte, dass es sie interessieren würde.

„Ich habe gehört, Karajan sei“ – das englische Wort klingt netter – „gay“, wechselte der eine das Thema. „An mich hat er sich noch nicht rangemacht“, wich ich zur Freude meiner Essenspartner aus. Die Antwort war geklaut von Adenauer, der ähnlich reagiert hatte, als ihm Parteifreunde rieten, seinen der Homosexualität verdächtigten Außenminister auszuwechseln. Wie bei allem anderen auch gilt bei der Vereinnahmung von Pointen: Man darf sich ruhig mit ihnen schmücken, bloß nicht erwischen lassen.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Das teure Restaurant lag in pittoresker Umgebung. Wenn man reich ist, ist das, was man von den Städten sieht, viel hübscher als das, was man sieht, wenn man arm ist. Somit hatte sich auch Edinburgh seit meinem vorigen Aufenthalt deutlich verschönert.

Auf dem Rückweg zum Hotel sah ich mir die Schaufenster der Modegeschäfte an. In einer Boutique gefiel mir besonders der Besitzer. Ich ihm offenbar auch, denn er hängte das Schild ‚closed‘ an die Tür und kam mit mir mit. Ich liebe ‚schlank‘, das ist kein Geheimnis, aber er lag dann nackt wirklich so dünn in meinem Bett, dass ich dachte, so muss Sex in Auschwitz gewesen sein.

Foto: Privatarchiv H. R.

Pünktlich zum five o’clock tea war ich im ‚Caledonian‘. Es wurde aber gar kein Tee gereicht, sondern Scotch auf Harrys Zimmer. Ich bekam viel über Bernstein zu hören, für den Abend eine Konzertkarte und ein unsittliches Angebot für gleich. Ich redete mich mit der einzig akzeptablen Entschuldigung heraus: der Wahrheit. Ich hätte soeben Sex gehabt, nun könne ich leider gerade nicht mehr. Dann solle ich doch wenigstens nach der Vorstellung L. B. beglückwünschen und nächste Woche mitkommen nach Gran Canaria in das Haus von Justus Frantz, wo der Maestro samt Entourage entspannen wolle. Ich bedankte mich für beide Einladungen und ging zurück in mein etwas weniger exklusives Hotel, um mich umzuziehen. Keinesfalls darf man zu wenig im Koffer haben. Man weiß nie, wem man auf einer Reise vielleicht zweimal begegnet.

Mit 15 habe ich mich vor Gott geschämt dafür, wie ich fühlte. Mit 18 habe ich Gott übel genommen, wie ich fühlte. Inzwischen hatte ich es als einen gerechten Ausgleich empfunden, meine Neigungen auch für meine Karriere einzusetzen. Es hat mir später nie geschadet und immer wieder mal genutzt, dass ich keine Golfer-Tochter zum Altar geführt habe, sondern ein ziemlich lockeres Leben. Und mein Seismograf funktionierte: im Studio, im Konzertsaal, in der Künstlergarderobe. Ich wusste immer recht gut, wo ich verbindlich-neutral sein musste, wo ich erschüttert zu sein hatte und wo ich selbst ein Erdbeben auslösen durfte. Diese Fähigkeit hat mich durch große Teile der Welt geführt; meine künstlerischen Ambitionen haben es fast nie aus meiner Studierstube herausgeschafft.

Fotos (3): Hrivatarchiv H. R.

An der Kasse brauche ich ja nicht anzustehen. So blieb noch Zeit für einen Drink an der Bar. Ich kam mit einem Musikliebhaber ins Gespräch, und schon vor dem dritten Gongschlag erfuhren wir voneinander, dass unsere Hotels ganz dicht beieinander lagen. Ich erwähnte mit bedauerndem Stolz, dass ich leider nach dem Konzert noch zum Dirigenten müsse, ich würde mich also etwas verspäten. Dann gingen wir auf unsere weit voneinander entfernten Plätze. Mahlers ‚Zweite‘ ist eigentlich meine Lieblingssinfonie, und sie ist günstigerweise lang genug, um ein Konzert pausenlos zu bestreiten. Trotzdem war ich nicht so recht bei der Sache, na ja, doch, aber einer anderen.

Es war das erste und das letzte Mal, dass ich mit den anderen Bewunderern vor Bernsteins Garderobe anstehen musste. Das war eine lange Lehrlingszeit gewesen, jetzt wurde ich Geselle, nicht immer in allerbester Gesellschaft, aber doch ziemlich oft.

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Im Anzug mochte ich nicht bleiben für mein Rendezvous. Ich hatte eine irrsinnsrote, enge Hose, einen gleichfarbigen Rollkragenpullover und eine gute Figur. Das passte zusammen. ‚Wie ein Stricher!‘, denke ich heute. Aber damals ging das. Er führte mich von seinem Zimmer zunächst an die Hotel-Bar unten, das fand ich sehr stilvoll. Dann allerdings hatte Mahler es ziemlich schwer damit, in meiner Erinnerung genauso fest verankert zu bleiben wie die folgenden Stunden, die keine Vergangenheit hatten und keine Zukunft.

Foto: microstock3D/Shutterstock

Roland hörte sich die Geschichte gern von Zeit zu Zeit an, weil er dann in Eifersucht schwelgen konnte. Es war dieses Rot, mich ganz in Rot: Das stellte er sich richtig plastisch vor; fünf Jahre später noch, da lebten Roland und ich schon seit drei Jahren zusammen. Dass ihn das trotzdem immer noch so aufregte! – Schön für mich.

Foto links: begemot_307Shutterstock | Foto rechts: Privatarchiv H. R.

20 Kommentare zu “#2.5 Ganz in Rot

  1. „Wenn man reich ist, ist das, was man von den Städten sieht, viel hübscher als das, was man sieht, wenn man arm ist.“ Genau daran habe ich neulich gedacht, als ich von meinem Indonesienurlaub zurückgekommen bin. Selbst wer nicht einfach die Pauschalreise bucht und auf dort ansässige Freunde vertraut, wird doch leicht in bestimmte bzw. weg von bestimmten Richtungen gelenkt.

  2. „Mit 15 habe ich mich vor Gott geschämt dafür, wie ich fühlte. Mit 18 habe ich Gott übel genommen, wie ich fühlte. Inzwischen hatte ich es als einen gerechten Ausgleich empfunden, meine Neigungen auch für meine Karriere einzusetzen. “ – Gott und Karriere gehören auch nicht zusammen. Es ist immer die bessere Wahl, sich selbst treu zu sein.

  3. Der Koffer muss für alle Lebenslagen gefüllt sein. Meine Rede! Es gibt ja nichts dümmeres als mitten während der Reise festzustellen, dass man die entscheidenden Dinge doch zuhause vergessen hat.

      1. Das Problem, das man gerade hat, ist immer das größte, der Schmerz, den man geade spürt, ist immer der schlimmste. Wenn meine Suppe versalten ist und mein Zeh wehtut, denke ich, um den Maßstab nicht zu verlieren, an Menschen, die gar nichts zu essen haben und Gallenkoliken. Dann schäme ich mich. So habe mir ein zusätzliches Problem geschaffen.

      1. Witze über Auschwitz-Insassen haben allerdings auch recht wenig mit political correctness als mit gutem Geschmack zu tun

  4. Ich war beim Korrertur lesen selber erschrocken, aber so hab ich es damals geschrieben und nun so stehen lassen. In Buchform würde ich es löschen. Aber, von mütterlicher Seite als Gefährdeter einzustufen, habe ich immer versucht, gegen Tabus anzuschreiben, auch mit dem untauglichen Mittel des Zynismus.

  5. Gute Künstler kopieren, große Künstler stehlen. Genauso steht es doch mit witzigen Antworten, Anekdoten etc. im Alltag. Der Lacher fällt nicht weniger herzhaft aus, wenn der Scherz geklaut ist.

      1. Stimmt natürlich. Die Antwort funktioniert in Bezug zur relativ blöden Karajan-Frage trotzdem ganz gut. Was soll man auf so eine Frage auch sinnvolles antworten?

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