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Triple-Edinburgher mit Ketchup  —   3. Kapitel: 1988

#3.3 Wissenswertes über Edinburgh

Drei Jahre später: 1975, das Jahr, an dessen Ende ich Roland bekommen hatte, hatte ich zu Anfang eine Filmkamera bekommen. Meine Eltern konnten nicht ahnen, dass nun alljährlich ein Jahresfilm auf sie einstürmen würde, mit immer verstörenden Schnitten und Vertonungen. 1988 sollte eigentlich der krönende Abschluss der Serie werden, aber dann gab es doch noch einen allerletzten und vielleicht besten Film: ’89/’90.

Der Schottlandteil von ‚Se(h)en ’88‘ gibt meinen damaligen Zustand so deutlich wieder, dass ich dem mit Worten nichts Neues hinzufügen kann: Angst, Grauen, Sarkasmus, Wehmut, Wunsch nach Ruhe und Einkehr – Vergessenwollen, ohne es zu können. Wenn es nicht in unserer Macht steht, einen Ausweg zu finden, dann ist Verdrängung eine legitime Sackgasse.

Das Wetter war wieder so gewesen, wie ich es in Erinnerung hatte: gemischt, mit Hang zum Miesen. Die Mauern, die Straßen auch. Aber sonst? Ich ahnte, dass die quirlige Zeit, die ich zwischen dem vorigen und diesem Besuch in mich aufgesogen hatte, die Lachanfälle, die Wutausbrüche, die Zügellosigkeiten und halbherzigen guten Vorsätze, dass diese Zeit sich dem Ende entgegenneigte. Na schön, dann werde ich jetzt eben seriös:

Fotos (4): Privatarchiv H. R.

Im Jahr 1093 wird eine ‚Edinburg‘ zum ersten Mal erwähnt, schriftlich, was man noch so aufbewahrt hat. ‚1437 fiel die Rolle der Hauptstadt Schottlands dann Edinburgh zu‘, steht bei Wikipedia. Das klingt wie am Theater oder am Roulette-Tisch, dabei ist Glasgow sowohl größer als auch hässlicher, aber das zählt ja nicht immer. Altstadt und Neustadt sind im Jahr 1995 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen worden. Bürgermeister ist Frank Ross. Sean Connery und Tony Blair wurden in Edinburgh geboren. 1 855 Einwohner leben auf einem Quadratkilometer, in Shanghai tun das sogar 2 879 Menschen. 3,45 Millionen Touristen kamen 2013. Wer danach kam, konnte ich – bis auf Anette – nicht herausfinden.

Foto: f11photo/Shutterstock

Auf unserem Weg im Mietwagen nach London 1988 sahen wir Schlösser, Schafe und das Meer. Übernachtung an der Küste in Stirling. Linksfahren machte mir nichts aus, genauso wenig wie gegen den Strom zu schwimmen. Noch eine Nacht mit Irene im ‚Savoy‘, Suite zur Themse mit Big Ben im Blickfeld. ‚Kiss Me Kate‘ um 19.30 Uhr, anschließend Essen im ‚Le Suquet‘. Am nächsten Abend war ich schon wieder in Zürich.

Das Leben ging weiter, immer weiter. Meins zumindest. Und jetzt ist 2018 auch schon weit, weit fortgeschritten. Viele sind tot, ich lebe noch. Es gab Zeiten, in denen ich gerne gestorben wäre, jetzt habe ich keine Lust mehr dazu. Sicher, alles ist mühsam geworden, doch nichts ist unerträglich.

Foto oben: pholidito/Fotolia | Foto unten: Alexey Fedorenko/Shutterstock | Fotos (2): Privatarchiv H. R.

Wenn man deutlich spürt, dass man nicht unglücklich ist, muss man sich sofort einreden, glücklich zu sein. Wann denn sonst? Erst wenn alles vorbei ist? Die Seele, falls es sie gibt,  bäumt sich entschlossen auf: Da muss doch noch etwas kommen nach dem Tod. Ja. Die Befreiung von Angst, Not, Leid. Das geht natürlich nicht ohne Einbuße des Bewusstseins. Ohne mein Bewusstsein bin ich nicht mehr ich. Tröstlich und ärgerlich. Weg bin ich. Weg ist, was mal ich war. Wo etwas ausstirbt, wächst etwas nach: ein Blatt, ein Virus, ein Atompilz.

In meinen Jahren kommen einem wieder viele Chancen in den Sinn: die, die man ergriffen hat, leider oder Gott sei Dank, und die, die man nicht ergriffen hat, leider oder Gott sei Dank. Ohne den vielen Alkohol hätte ich den Schlaganfall vielleicht nicht bekommen. Was für ein nüchternes Leben. Mit einer Frau und drei Kindern hätte ich mich vernünftig fortgepflanzt. Was für ein artgerechtes Leben. Glücklicherweise bin ich ziemlich selbstgerecht, das erleichtert mir mein Altern. Alles, was ich gemacht habe, war richtig! Auch wenn es falsch war.

Foto: microstock3D/Shutterstock

20 Kommentare zu “#3.3 Wissenswertes über Edinburgh

  1. Diese Videoausschnitte! Das ist so ziemlich das erste Mal, dass ich sehe, dass die Erfindung des Camcorders doch nicht völliger Blödsinn war. Ich bin doch sehr beeindruckt, nicht zuletzt über die Detailversessenheit dieser Videos.

    1. Da kann man nur zustimmen. Den Vergleich mit den Videos meines Vaters in den späten 80ern gewinnen Sie jedenfalls mit Leichtigkeit 😉

      1. Dass jemand seine privaten Videoaufnahmen zum Experimentalfilm schneidet, darauf wäre ich nie gekommen. Spannendes Projekt, ohne Frage.

  2. Alles, was ich gemacht habe, war richtig. Auch wenn es falsch war … Ich glaube, dass ist der gesündeste Weg alt zu werden. Sich den Kopf über bereits getroffene Entscheidungen zu zerbrechen, Reue, Bedauern, Zweifel, Angst sind die größten Feinde.

  3. 1.855 Einwohner pro Quadratkilometer kommt mir für eine europäische Hauptstadt ziemlich wenig vor. Der Wert für Shanghai allerdings auch. Das schließt dann sicherlich die ganze Peripherie mit ein?! Soweit ich mich erinnere beträgt die Bevölkerungsdichte in der Innenstadt dort sogar über 22.000…

  4. Das Leben geht immer weiter und weiter. Egal wie unsere persönlichen Empfindlichkeiten gerade so ausfallen. Wahrscheinlich ist das gut so.

    1. Jeder Tag ist ein kleines Leben – jedes Erwachen und Aufstehen eine kleine Geburt, jeder frische Morgen eine kleine Jugend, und jedes zu Bett gehen und Einschlafen ein kleiner Tod.

  5. Wenn man deutlich spürt, dass man nicht unglücklich ist, muss man sich sofort einreden, glücklich zu sein. Interessante These. Vielleicht funktioniert das wirklich gar nicht so schlecht…

  6. Mehr Wissenswertes über Edinburgh als einen kurzen Absatz gibt es nicht? Ich war noch nie da, aber das scheint mir untertrieben 😉

      1. Rinke’s Wissen ist allemal unterhaltsamer als Wikipedia. Wer trotzdem wissen möchte, wie hoch das schottische BIP ist, kann ja dort nachlesen…

  7. Gemischt mit Hang zum Miesen trifft es sooo auf den Punkt. Die schottischen Highlands sind ein Traum, aber das Wetter deprimiert mich einfach auf Dauer zu sehr um einen kompletten Urlaub dort zu verbringen.

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