Als ich das nächste Mal wegmusste aus Berlin, sollte es für immer sein, dieses Mal allerdings zusammen mit meinen inzwischen verheirateten Eltern, 1953. Mein Vater würde in Hamburg mehr Geld verdienen, meine Mutter fühlte sich in Westberlin sowieso eingekesselt, und ich weinte, weil ich lieber in unserer zurechtgeflickten Grunewald-Villa am Koenigssee bleiben wollte, als eine neue Umgebung auszuprobieren.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Zu Recht: Statt poetischer Ruinen erwartete mich doofer Fünfziger-Jahre-Klinker, aber mit meinen Nachbarinnen Kathrin und Monilies entstand eine lebenslange Freundschaft. Die beiden Mädchen waren katholisch getauft worden: von ihren tiefgläubigen Eltern; ich auch, von meiner scheinheiligen Großmutter in Schmalkalden.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Im protestantischen Hamburg war es damals eine größere Gemeinsamkeit, in welche Kirche man ging, als was man in der Hose hatte, und so war mir von Anfang an das andere Geschlecht vertrauter als mein eigenes, auf das ich immer neugieriger wurde. Und Berlin sah ich auch immer und immer wieder: Beruflich wie privat blieb es meine Heimat – nur als Wohnsitz war es mir verlorengegangen, und die Mischung aus halbseitiger Lähmung und Unmengen von Büchern, Bild- wie Ton-Konserven und ausladenden Antiquitäten macht es unattraktiv, den Wohnort Hamburg nochmal für Berlin aufzugeben, nur um formalistisch dort zu sterben, wo ich geboren wurde, zumal aus den mehr als sechs Stunden Fahrtzeit mit dem Auto von Hamburg nach Berlin, als ich sieben wurde, weniger als drei Stunden geworden sind, bevor ich siebzig wurde.

Foto oben: Bundesarchiv/Wikimedia Commons | Foto unten links: Bundesarchiv/Wikimedia Commons | Foto unten rechts: Privatarchiv H. R.

Mein Vater ist nie mit seinen Eltern in die Ferien gefahren, und keiner seiner Brüder. Ich bin nie allein verreist worden, zumindest meine Mutter war immer dabei – von Ahrenshoop (noch mit Kinderschwester) bis Mallorca (schon mit Vorfreude aufs Abitur).

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

Dann kam 1968: ein Jahr in dem ich Student war, ohne Ambitionen, mein behagliches Elternhaus zu beschimpfen oder eine andere Partei zu wählen als die, die meinem Vater am wenigsten von seinem Verdienst abknöpfen würde. ‚Gerechtigkeit‘, das war für mich immer eine Einwort-Umschreibung dafür gewesen, dass mir etwas weggenommen werden sollte.

Fotos (2): Privatarchiv H. R.

19 Kommentare zu “#1.2 Misstrauen

    1. Ich erinnere mich noch an meine erste Reise ganz allein nach Frankreich. Wie unglaublich aufregend und befreiend das war.

  1. Interesant trotzdem, wie so eine Stadt trotz allem Heimat bleibt. Mir ging es mit Frankfurt als Jugendlicher ähnlich… bis es mich tatsächlich zurückgezogen hat.

  2. Was macht für Sie denn das Besondere an Berlin aus Herr Rinke? Ich war nur einige wenige Male dort und konnte nie die Begeisterung verstehen…

    1. und weltoffen. Ob Berlin mit den großen Metropolen mithalten kann weiss ich nicht (und interessiert mich auch nicht), aber ich liebe die Stadt.

  3. Bei mir ist es die Verbundenheit, die frühe Kindheitserinnerungen mit laufend neuen Erfahrungen herstellt. Privat und beruflich habe ich dort immer Glück gehabt, und so ist das Zugehörigkeitsgefühl des Anfangs geblieben. Funkturm, Siegessäule, Fernsehturm – sie sind Symbole für mich, Schrecken und Freuden; ihre tatsächliche Bedeutung kümmert mich nicht.

    1. Und zum Glück (ganz ironiefrei) sind diese Empfindungen von Verbundenheit völlig subjektiv. Mir geht es mit ein paar Städten und den entsprechenden Erlebnissen so.

    1. Die Konfession schuf halt mehr Gemeinsamkeit als das Geschlecht: Damals, als es noch zwei Berlins und keine Hafen-City gab. Heute gebührt natürlich jedem „sein“ Perl Harbour.

  4. Mich würde tatsächlich sehr interessieren, was Hamburg abseits von ausladenden Antiquitäten für Sie bedeutet!?

  5. Gerechtigkeit ist ein schwieriges Wort. Jemand sagte mal: Privilegien aller Art sind das Grab von Freiheit und Gerechtigkeit.

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