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0909
3. Berlin-Reise / 2005

#3.03 | Unser Herkommen, unser Wegkommen

Silke und ich hatten bisher ja tapfer geschwiegen, aber es roch nun doch so stark nach Benzin, dass ich gleich hinter der nächsten Baustelle Silke bat, in einer Einfahrt zu halten, damit ich nachsehen konnte, ob ich den Tankdeckel bei Aral in Hamburg richtig zugemacht hatte. Ich nahm den Deckel ab, sah in das Loch und fand, dass es da drin dunkel und nass war, was ich mich zwang, beruhigend zu finden. Ich wollte den Deckel also wieder aufschrauben, aber das ging nicht. Ich versuchte es wieder und wieder, aber es konnte eigentlich auch nicht gehen, weil es vier Ausbuchtungen im Deckel gab, aber nur zwei in der Öffnung.
Silke entstieg dem Mercedes, um ihre durch den Verzicht auf Alkohol errungene Überlegenheit voll auszuspielen, aber auch ihr gelang nicht, was ziemlich offensichtlich nicht gehen konnte. In mir keimte der Verdacht auf, dass aggressives Ostvolk uns in Wismar den Tankdeckel vertauscht hatte. Man hört ja auch immer wieder von Übergriffen auf Neger und andere Fremde. Wir pressten den Deckel gegen das Loch und drückten die Klappe dagegen. Mehr war nicht zu machen.
Es war meiner leicht getrübten Aufmerksamkeit entgangen, dass wir uns noch im einspurigen Baustellenbereich befanden, sodass, wenn die Autos aufhörten, in unsere Richtung zu fahren, sie uns unausweichlich aus der anderen Richtung entgegenkamen.
Silke, die am Steuer zu Ängstlichkeit neigt, wurde von mir mit „Fahr!“ angebrüllt und schaffte es, sich an die Karawane anzuschließen, die in der von uns erwünschten Richtung fuhr.

Irgendwann bemerkten wir, dass wir wohl schon seit geraumer Zeit die Insel befuhren, die höchst hinterlistig über eine ziemlich kurze Brücke mit dem Festland verbunden war. Es störte uns weniger, dass wir immer an derselben Stelle vorbeikamen, als dass diese Stelle bei Weitem nicht malerisch genug war, um uns von dem eigensinnigen Benzingeruch im Innern unseres Wagens abzulenken. Ich bildete mir ein, deutlich zu spüren, dass mein Magen mehr von den Tankausdünstungen brannte als vom doppelten Kurzen im ‚Alten Schweden‘. Auch an Caspar David Friedrich zu denken half nicht wirklich.
Wir schlugen uns in einen Feldweg.
„Wollen wir die mal fragen?“, fragte Silke.
„Ja“, sagte ich. Ich war sicher, wer hier seine Ackerkrume kleinkriegt, der kann auch Formel-1-Rennen gewinnen. Ich ließ es – erbärmlich feige – zu, dass Silke den älteren der beiden Männer ansprach: Bei der konservativen Landbevölkerung gilt vermutlich weibliche Hilflosigkeit als charmant feminin, männliche Hilflosigkeit aber als unmännlich, und dass man auf Poel so von mir denkt, konnte ich nicht zulassen. Ich fand es eine gute Wahl von Silke, den Älteren der beiden zu belästigen. Von dem konnte man annehmen, dass er sich aus DDR-Zeiten noch ein gewisses Gemeinschaftsgefühl herübergerettet hatte, während der Jüngere wohl eher Asylantenheime abfackelte. Aber während mein Altersgenosse noch ähnlich ratlos wie wir auf den Verschluss starrte, kam der entscheidende Tipp vom ‚Feuerteufel‘. Er sagte: „Vadder, du musst …“ – etwas Unverständliches auf Mecklenburgisch, dann drehte sein Vater an dem Gewinde, sodass plötzlich die Ausbuchtungen übereinander zu liegen kamen und der Deckel in den Verschluss passte.
„Siehste!“, sagte Silke illoyalerweise zu mir.
Zum Abschied wollte das Technik-Genie noch wissen, wo wir herkommen.
„Hamburg?“ – „Rothenburgsort?“, hakte er nach.
„Nein, mehr Altona“, antwortete ich.
Aber Silke konnte es doch nicht unterlassen, „Othmarschen“ zu berichtigen. Seit April lebt Silke in Othmarschen, und das kann man nach Groß Flottbek, Nienstedten, Doorn und Wiesbaden, wenn man es sich so zurechtlegen will, als ‚Wohn-Karriere‘ bezeichnen.
„Und wo ist es schöner?“, fragte der Insulaner, dem dieser Stadtteil vermutlich nichts sagte.
„Hier ist es sehr schön“, antwortete ich, „aber man muss ja da bleiben, wo man seine Arbeit hat.“ Eine verlogenere Antwort von mir war schwer vorstellbar, und so schieden wir in Frieden und dem Bewusstsein, einen kleinen entscheidenden Beitrag zur Verständigung zwischen den alten und den neuen Bundesländern geleistet zu haben. Gleichzeitig hatten wir auch erfahren, welche Stichstraße wir nehmen mussten, um ans Wasser zu gelangen.

Wir parkten da, wo der Weg zu Ende war und fanden in den Dünen ein Lokal, auf das die Sonne schien. Ein paar Leute saßen dort, unter anderem dann auch wir. Silke trank eines dieser exotischen Getränke, die als alkoholfreie Cocktails auf allen Bar-Karten stehen und dem Mutwillen des Thekenpersonals keinerlei Schranken setzen: Von Palmenmark bis Kokosmilch wird alles angerührt, was unter eine Limonenscheibe passt.
Ich war weniger mit meinem Viertel Landwein, der aus einem sehr fernen Land kam, als damit beschäftigt, mein Handy in Gang zu setzen. Es hatte sich, kaum dass wir in Hamburg losgefahren waren, aus dem Innersten meiner Reisetasche gemeldet, aber sofort, nachdem ich mir beinahe die rechte Schulter ausgerenkt hatte, während ich mit der linken Silke beinahe aus dem Wagen drängte, um es zu packen, nachrichtenlos in die Untätigkeit verabschiedet. Und das für immer, zumindest bis jetzt. Ich hätte zwar gern Irene angerufen, um ihr zu sagen, dass wir über das Seegras auf die blaue Ostsee blicken, an der sie doch vor 85 Jahren geboren worden ist, aber ich war mir nicht sicher, ob wir den Weg zu unseren technisch versierten Inselfreunden finden würden, damit sie mir das Handy in Ordnung bringen konnten. Durch wahlloses Drücken aller möglichen Menüs und Knöpfe gelang mir sogar der Zufallstreffer. Seither hat mein Handy einen so befremdlichen Anrufton, dass ich immer erst rangehe, wenn der andere schon aufgelegt hat.

Als wir zum Auto zurückkehrten, bester Laune und Silke auch irgendwie besoffen vom Ananassaft, mussten wir feststellen, dass die Obrigkeit unseren hohen Einsatz im Rahmen der Völkerverständigung brutal zunichtegemacht hatte. In dieser Gegend, die ein Homosexueller unter keinen Umständen als den ‚Arsch der Welt‘ bezeichnen würde, hatte uns ein vermutlich seit 1989 im Graben versteckter Volkspolizist ein Strafmandat wegen Falschparkens an die Windschutzscheibe geheftet.

Sprachlos fuhren wir zurück zu unserem Hotel, genauer gesagt: dorthin, wo wir meinten, dass es sein müsse. Doch nun rächte sich mein Dünkel: Ich hatte geglaubt, Berlin derart gut zu kennen, dass wir auf die Mitnahme von Landkarten würden verzichten können. Auch die Schilder, die auf Schwerin hinwiesen, waren uns von einem bestimmten Zeitpunkt an keine Hilfe mehr, denn die führten ja alle bloß zum ‚Marriott‘ und zum ‚Hilton‘. Der dritte Versuch, eine geeignete Seitenstraße zu erwischen, war von Erfolg gekrönt. Zu Hilfe kam uns dabei das, was mich zunächst ein wenig irritiert hatte. Unser Hotel lag so einsam auf weiter Flur, dass es genauso wenig zu verfehlen war wie die Cheopspyramide in der Wüste. Sogar ein paar Autos zeugten inzwischen davon, dass die Rentabilität des Hauses bis zum Montag gesichert war.

26 Kommentare zu “#3.03 | Unser Herkommen, unser Wegkommen

  1. Mein Handy hat den Geist aufgegeben, nachdem ich versucht habe im Jeep eines Freundes ein Video zu machen. Das Gelände war so holprig, dass da irgendwas mechanisches kaputt gegangen sein muss.

      1. Wenn das Video im kaputten Handy weg war, kann es die Sache ja nicht wert gewesen sein. Ich habe mit meiner Super-8-Kamera auch im fahrenden Auto gefilmt. Da das immer eine ganz kurze Sequenz in einem ganz langen Film war, ordendlich geschnitten und mit passender Musik unterlegt, fand ich es zumutbar.

  2. Wohn-Karriere ist ja ein super Wort. Das passt ja auch. Man will ähnlich wie im Job selten weniger als man vorher hatte.

      1. Als Freund von Hanno Rinke muss man bestimmt auch schlagfertig sein. Sonst hält man nicht mit. Und sonst wird es Rinke bestimmt auch schnell langweilig.

      2. Meine Geduld nimmt eher ab, als dass sie sich verbessert. Ich sollte vielleicht den Lehrgang wechseln.

  3. Ich sage mir immer, dass ich mir diese „exotischen Getränke“ solange aufspare, bis ich wirklich mal an einer Stelle der Welt bin, die mir „exotisch“ erscheint. Bis dahin bleibe ich bei den Klassikern oder einem Glas Mineralwasser.

  4. Im Graben versteckte Volkspolizisten erinnert mich sehr an meine Zeit in Niedersachsen. Da musste man auch immer ein zusätzliches Auge offen halten.

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