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3. Berlin-Reise / 2005

#3.05 | Perleberg und überhaupt

Das Verlassen von Schwerin machte uns ein wenig ungeduldig, denn weil wir nun nicht mehr versuchen mussten, die Straßenschilder zu entziffern, wurde es uns vor den roten Ampeln ziemlich langweilig. Doch dann stimmte Silke zu meiner Freude zu, Ludwigslust ins Reiseprogramm mit aufzunehmen. Die Fahrt dauerte nicht lange, das Wetter war schön, das Schloss war eingerüstet, allerdings etwas konsequenter als das Schweriner. So plastikvermummt laufen die Touristen eigentlich nur bei Wolkenbrüchen über den Markusplatz. Wenigstens die Kirche jenseits der Landstraße war wegen der Sonntagsmesse geöffnet. Die ganze Anlage mit den Gesindehäusern und Wassergräben war hübsch zu betrachten und zu erlaufen. Wichtig war es für Silke, von mir zu erfahren, dass man hier früher auf dem Weg von Hamburg nach Berlin entlangfahren konnte, ja musste, aber niemals hatte halten dürfen, um sich den verrotteten Fürstensitz etwas genauer anzugucken. Ich hatte immer nach rechts gesehen: Auf diese Weise konnte ich auf dem Hinweg das Schloss und auf dem Rückweg die Kirche wahrnehmen. Solche Mitteilungen über verjährte Beschwerlichkeiten haben für Unbeteiligte denselben Stellenwert wie Aussagen über Urlaubsfotos: „Und da rechts neben Hiltrud wäre jetzt das Kolosseum. Aber dazu kommen wir noch.“
Nun packte mich der Unternehmungsgeist, die alte Landstraße hinabzugleiten, unter der ich, bevor es die Autobahn gab, immer so gelitten hatte. Vormittags traue ich mich ja häufig selbst ans Steuer, weniger wegen geringen Alkoholgehaltes in meinem Blut als wegen der Überzeugung, dass die Polizei einen erst vom Mittagessen an verdächtigt.

Die Fahrt über die geraden Alleen, unter maigrünen Buchen und Kastanien hindurch, die strahlenden Rapsfelder, die Orte ohne klassenkämpferische Transparente und geldgierige Vopos war reinstes Frühlingsvergnügen, aber natürlich bei mangelnder Bedrohung auch ein bisschen langweilig auf die Dauer. Eine willkommene Abwechslung bot die Ausschilderung von Perleberg, die uns dreimal nacheinander an dieselbe Abzweigung zurückführte, bis ich dem Schild endlich trotzte und den Weg aus dem Labyrinth fand. Nach einer Weile hätte ich aber doch ganz gern wieder ein Schild gesehen, das auf Berlin hingewiesen hätte, allein die Landstraße hatte immer nur Wittenberge im Angebot, das mir von der Bahnstrecke durchaus geläufig war, nicht allerdings von der Autostrecke. Auch der Hinweis auf Stendal, das ich ebenfalls aus der Bahn heraus kannte, allerdings bloß von der Hannover-Strecke her, konnte meine Zweifel nicht ausräumen. Umso glücklicher war ich, wie aus dem Nichts auf eine Autobahn zu stoßen. Ich fuhr sie zunächst kleinmütig zurück in Richtung Perleberg, drehte dort um und fuhr sie in entgegengesetzter Richtung bis Wittenberge. Das war nun leider sehr hässlich, sodass ich verstehen konnte, warum die Sonne hinter den Wolken verschwand.
Von Wittenberge wusste ich, dass es einen Bahnhof hat, und den erreichte ich auch dank meiner schlauen Maßnahme, den Gleisen nachzufahren. Obwohl es schon eine ganze Weile lang ausgesehen hatte, als führen wir über einen nicht mehr als sowjetischen Übungsplatz benutzten Schlachthof, standen wir dort, wo es seitlich des letzten Schlagloches überhaupt nicht mehr weiterging, wirklich vor dem schmuck herausgeputzten Bahnhof. Da wir uns auch abseits des Ludwigsluster Schlosses ein Strafmandat wegen Falschparkens eingefangen hatten, bat ich Silke, im Wagen sitzen zu bleiben, denn ich begann in aufkommender Paranoia, Polizisten in jedem Papierkorb zu wittern.
Der Bahnhof ist ganz neu gestaltet, das hatte ich gelesen, und dass er ein wenig stadtlos dasteht, wusste ich auch schon, selbst wenn ich auf dieses Ausmaß an Verlassenheit nicht vorbereitet gewesen war. Als ich aber in die Bahnhofshalle trat, wähnte ich mich in der Reichskanzlei, die ja, seit Hitler-Filme Mode sind, wieder häufiger zu sehen ist. Die ungeheure, umbaute Leere war erschlagend. Ich durchmaß benommen das Areal und landete vor dem Einzigen, was diese Mauern preisgaben: ein winzig kleines Schalterfenster, und dahinter saß auch wirklich eine richtige Frau. Ich fragte sie, ob es wohl im Umkreis irgendwo einen Zeitungsstand gäbe, was sie zu meiner Überraschung bejahte. Da müsse ich auf den Bahnsteig gehen und dann ziemlich weit nach links.

Nachdem ich die Halle längst hinter mir gelassen hatte, klammerte ich mich beim Fortschreiten über den Bahnsteig eisern an die beiden Worte ‚ziemlich weit‘, und tatsächlich gewahrte ich im Hintergrund etwas Viereckiges, an dem zu meiner Verblüffung sogar drei Menschen anstanden. Ich fragte mich nicht, wonach, sondern gleich die Herrin über diese Außenstelle Papier, ob sie Landkarten der Umgebung verkaufe. Die Antwort erinnerte mich sehr an DDR-Erfahrungen: „Wir hatten noch Stadt(!)-Pläne von Perleberg, aber die sind alle.“ Ich trat also den Rückmarsch zu Silke an, um sie nicht weiter im Ungewissen zu lassen, ob ich womöglich in einer egoistischen Verzweiflungstat den Zug nach Berlin genommen hätte. Silke freute sich auch sehr, mich wiederzusehen, obwohl sie sich noch mehr gefreut hätte, wenn ich eine Landkarte mitgebracht hätte.
Ein Taxifahrer harrte vor einem Ahorn aus. Ich fragte ihn, ob er sich wohl vorstellen könnte, dass es hier irgendwo eine Tankstelle gäbe. Wir hatten die letzte in Schwerin gesehen und glücklicherweise auch angesteuert, sonst hätten meine Nerven den Ausflug selbst mit einem weiteren Schuss Gin nicht durchgehalten.
Glücklicherweise berlinerte der Sonntagsfahrer so waschecht, dass ich mir gleich nicht mehr ganz so fehlgeleitet vorkam. „Ja, da jibt et zwee. Aba die nähere is schwirija zu aklean, wa.“
Also, die entferntere fand ich kompliziert genug erklärt und dementsprechend anschließend nicht, obwohl wir gegenüber dem Bäcker richtig abgebogen waren. Als wir am Ende doch vor einer Tankstelle landeten, waren wir so lange gefahren, dass ich mir sicher war: Nun hatten wir per Zufall die dichtere erreicht. Es gab furchtbar viel zu essen und zu trinken, auch Blumen, Textilien und Reiselektüre; und knapp vor der Kasse wirklich einen Drehständer mit Landkarten. Ich stellte mich mit einem Fuß schon mal in die Reihe der Wartenden und wollte mir schnell eine Brandenburg-Karte schnappen. Doch – immer noch kann ich alter Mann mich wundern – da gab es Karten von Niederösterreich und Zypern, ich meine: Zypern!, aber nicht eine einzige von der Umgebung. Eine Erklärung war schnell gefunden: Die Leute wollten hier alle unbedingt weg, darum hatten sie sämtliches Orientierungsmaterial aufgekauft. Ich konnte meinen Fuß kaum noch länger in der Schlange rechtfertigen, da stieß ich endlich auf eine Deutschlandkarte, die griff ich mir, zahlte und breitete sie gierig aus. Nur meiner Umsicht war es zu verdanken, dass wir nicht schon in Magdeburg waren. Ich am Steuer fuhr die eigentümliche Autobahn zwischen Wittenberge und Perleberg ein drittes Mal entlang und noch zweimal in Perleberg zu der verfluchten Abzweigung zurück, bis ich schließlich irgendetwas völlig Abwegiges machte, ich weiß selbst nicht mehr, was; es war jedenfalls entgegen dem Schild nach Perleberg, und so gelang es mir tatsächlich, diese Perle mecklenburgischer Verwirrungskunst hinter mir zu lassen.

Der Himmel hatte sich verdüstert, der Raps sah ein wenig aus wie abgestandene Pisse, aber das half nun alles nichts, die Autobahn lag viel zu weit nördlich, wir mussten nach Kyritz und uns dann nach mühsamer Fahrt bei steigendem Verkehrsaufkommen an der Auffahrt Neuruppin in den Stau einfädeln. Na ja, er löste sich einigermaßen rasch auf, Silke machte ein kleines, unsolidarisches Nickerchen, und in Berlin regnete es. Dafür hatten wir es geschafft, von Schwerin statt anderthalb Stunden vier Stunden zu brauchen, bevor wir direkt vor der Pension ‚Dittberner‘ einen Parkplatz fanden. Bis wir ausgepackt und uns frisch gemacht hatten (= Silke: Hände waschen; ich: Leitungswasser mit Schuss) war der Himmel wieder manierlich. Ich hatte telefonisch noch schnell die kommenden vier Tage weggeplant, dann saßen wir auch schon vor dem ‚Keno‘ und genossen das Großstadtflair. Das Mädchen, das uns die Getränke brachte, war sehr viel hübscher und netter als die ‚Volkspolizistin‘ vom Weinhaus ‚Uhle‘, und so störte es auch nicht weiter, dass sie keinen Frack trug.

24 Kommentare zu “#3.05 | Perleberg und überhaupt

      1. Haha, ja das ist ein schöner Nebeneffekt ihrer Texte. Man liest nicht nur viel unterhaltsames, sondern weiss gleich auch, welche Reisen man sich sparen kann 😉

  1. Tja, was macht mit mit so einem neugestalteten Bahnhof, wenn die Besucher trotzdem beim Aussteigen gleich merken, dass es weiter nichts zu sehen gibt?!

      1. Das wird wahrscheinlich schwierig. Aber wenn das Aufhübschen so langsam vorangeht, vielleicht muss sie dann auch gar nicht näher sein.

  2. Ist das auf dem Titelbild der besagte Bahnhof? Der sieht ja tatsächlich imposant aus. Zumindest wenn man auf die reine Größe schaut.

      1. Das ist aber doch bei den meisten dieser Bahnhöfe so. Die müssen im besten Falle reibungslos funktionieren. Für Ästhetik bleibt da nicht so viel Raum.

      2. Die Schönheit der deutschen Bahnhöfe ist wirklich nicht das erste Problem, dass mir bei der DB einfällt.

      3. Na, nun gibt es wahrhaftig sehr viel hässlichere Bahnhöfe als diesen von 1846! Sieht er nicht fast aus wie das preußische Justizministerium mit integriertem Zuchthaus nebst Besserungsanstalt für straffällig gewordene Waisen und Dirnen?

      4. Mir gefällt der ehrlich gesagt auch. Da gibt es doch andererorts viel viel Langweiligeres.

  3. Schlösser sind doch immer wieder schön. Auch wenn man sich zur Krönung von Prinz Charles III. wohl fragen muss, ob die Monarchie im 21. Jahrhundert noch aktuell ist. Aber ich laufe diese Anlagen auch immer wieder gerne ab.

    1. Das ist ja ähnlich wie mit Kirchen 😉 Zum besichtigen sind sie oft wunderbar. Die Institution Kirche ist trotzdem überholt.

    2. Das Ludwigsluster Schloss, das 1777 bezogen wurde, ist da wohl unangefochtener, als die drei Schlossseiten in Berlin. Weil Ludwigslust ursprüngich von den Westalliierten erobert wurde, entging es der Zerstörung vieler östlicher Schlösser durch die Rote Armee. (Gruß an Sahra Wagenknecht)

      1. Das Berliner Stadtschloss ist da ja eine kleine Ausnahme. Ich habe überhaupt nichts dagegen. Es passt ja auch auf die Touristen-Flaniermeile. Aber besichtigen muss ich es dann doch nicht. Im Inneren gibt es ja nichts, was historisch interessant wäre.

      2. Ich höre immer nur wie misslungen oder gekonnt der Entwurf ist. Was drinnen passiert geht völlig unter. Ich muss beim nächsten Berlinbesuch mal vorbeischauen.

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