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Gereimtes und Ungereimtes

Zwischenmahlzeit

Das war also der Bericht meiner Reise von 1998.

Zwei Jahre darauf war ich wieder für einen Monat in Berlin. Der Aufenthalt war somit etwa gleich lang, die Aufzeichnungen waren sehr viel ausführlicher. Aber vertrauen Sie mir: Wenn Sie das abgeschlossene Tagebuch gemocht haben, dann wird Ihnen auch das folgende nicht langweilig vorkommen. Wiederholungen wird es bei den Schauplätzen kaum geben, bei den Personen schon. Das ist ja in solchen Serien eher beruhigend: Vertrautes und Neues in anregendem Wechsel.

Zwischen Vorgericht und Hauptspeise servieren ambitionierte Köche ein Sorbet. Ich bin sehr ambitioniert und serviere vier: Vor dem heißen Braten wird der Gaumen noch mal runtergekühlt. Aus den vielen Einzeltexten, die ich während der Zeit zwischen ‚Wachs! – I‘ und ‚Wachs! – II‘ aufgeschrieben habe, greife ich ein paar heraus und kredenze sie ab heute kühl als ziemlich alberne Pausenfüller.
Französisch, feministisch geht es los:

AU REVOIR

Madlään, Madlään,
ich kann es nicht verstähn,
du bist so schrecklich langweilich,
ich werd’ schon langsam krank, weil ich
andauernd in dir gähn’.

Madleine, Madleine,
so preiswert macht’s sonst keine,
doch trotzdem, manchmal frag’ ich mich,
ob es nicht so ganz eigentlich
noch schöner wär’ alleine.

Mein Medel, mein Medel,
der Schwanz, mit dem ich wedel,
will dir nichts mehr verheißen,
sich nicht zu dir gesellen.
Ich kann mich nicht verstellen;
denn Hunde, die nicht bellen,
müssen gleich jede beißen.

Chérie, Chérie,
ich weiß, ich zahlte nie.
Es gab deswegen keinen Streit,
Du hast dir nichts von mir genommen,
dafür hab’ ich im Lauf der Zeit
vieles von dir bekommen:
Prügel, dein altes Abendkleid,
Bargeld und Gonorrhö.
Mir reicht’s! Das reicht mir alles nicht,
ach nö! … Ich sag’ Adieu!

Titel- und Abschlussgrafik mit Bildmaterial von Shutterstock: iMoStudio (Marmorhintergrund), Oksana Mizina (Eisbecher) | True Touch Lifestyle (Frau)

32 Kommentare zu “Zwischenmahlzeit

  1. Der Zwischengang schmeckt oft am Besten. Gerade weil man nicht so viele Erwartungen hat wie sonst. Aber der zweite „Wachs“-Teil kann natürlich trotzdem jederzeit gerne kommen.

      1. Putin tut dem russischen Volk wirklich überhaupt keinen gefallen. Das ist sicher keine Frage.

      2. Die Frage bleibt, wie groß der Teil der Bevölkerung ist, der das ähnlich sieht. Innerhalb des Landes funktioniert die Propagandamaschinerie ja nach wie vor recht gut. Trotz der Proteste.

      3. Die Parole ‚Kanonen statt Butter‘ ließen sich die Deutschen seit 1936 bis zum Ende des zweiten Weltkriegs gefallen. Die meisten Russen werden wohl weiter sinkenden Lebensstandard zu Putins Ruhm ebenso tatenlos hinnehmen.

      4. Was solche Falschinformationen alles anrichten können. Das ist ja gerade was Putin so aggressiv gegen die Ukraine vorgehen lässt. Nicht nur, dass er größenwahnsinnig ist, aber es wäre aus seiner Sicht eben auch keine besonders schöne Sache, wenn direkt nebenan auf einmal eine funktionierende Demokratie aufblühen würde.

      5. MIttlerweile haben die russischen Truppen 79 Kinder getötet. Und da will Putin noch davon sprechen, dass die Ukraine der Aggressor ist.

      1. Berlin ist eine meiner liebsten Städte. Keine Frage, dass ich die Aufzeichnungen zu diesen Reisen gerne lese.

  2. Vertrautes und Neues ist ja genau die Mischung, die vieles so spannend macht. Man fühlt sich nicht fremd und wird trotzdem zu genüge überrascht.

      1. Da könnte Kästner ein Lied von singen. Oder zumindest ein paar Worte dazu sagen.

  3. Französisches ist ja nicht so meines, aber dafür liebe ich Berlin umso mehr. Schon mal vielen Dank für das Teilen des ersten Reiseteils.

    1. Paris hatte ich ja schon recht ausführlich beschrieben (Im Blog vor ‚Tänzer außer der Reihe‘, ab #1 Opa? – Nein, danke!).
      In Berlin habe ich unveräußerliches Geburtsrecht.

  4. Ich fürchte, nein. Alle vier Sorbets sind zwischen 1998 und 2000 entstanden. Ich konnte mich früh auch schon in Greise versetzen (siehe: Tänzer außer der Reihe), aber die Pubertät ist mir ebenfalls erhalten geblieben.

      1. Mit ein wenig Glück kommt es irgendwann zurück. Spätestens wenn man merkt wie beliebig und albern das Leben selbst manchmal sein kann.

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