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Der grausame Garten

#1 Der Mann

Es war heiß, sehr heiß, und er fürchtete, dass er anfangen würde zu schwitzen und dass sein Schweiß als Schwäche gedeutet werden könnte: Angst. Er war ein Haus weiter gegangen, um seinen Trick dort zu wiederholen. Danach wollte er Schluss machen für heute. Prüfend sah er sich um. Es war ein Grundstück, dessen Größe er nicht abzuschätzen vermochte. Ohne zu wissen weshalb, versprach er sich hier ein besonders gutes Geschäft. Aber als er den Klingelknopf drückte, merkte er, dass kein Zeichen ertönte.
––Vielleicht war das Geräusch nur drinnen zu hören?
––Er wartete ein paar Minuten, doch es rührte sich nichts. Er versuchte es zum zweiten Mal. Ungeduldig trat er von einem Fuß auf den anderen. Alles blieb still in dem großen, alten Haus. Er wandte sich von der Tür ab und blickte teilnahmslos auf den ungepflegten Vorgarten mit dem wuchernden Gras und den verwilderten Beeten. Ein lang gestrecktes Auto glitt auf der Straße vorbei, schnell und lautlos.
––Das war ein Wagen!
––Sicherheitshalber läutete er noch ein drittes Mal. Es hätte einen lang gezogenen, klagenden Ton gegeben, wenn die Klingel in Betrieb gewesen wäre. Er sah zu Boden. Die Treppe war schmutzig. Auf den abgetretenen Stufen standen kleine Pfützen vom letzten Regen. Der Steinweg, der von der Straße heraufführte, war versandet.
––Die Bewohner des Hauses könnten verreist sein, überlegte er. Aber dann wären die Fensterläden geschlossen. Er blickte an der Hauswand empor. Der Putz war an zahlreichen Stellen abgeblättert und gab das nackte Mauerwerk frei. Im ersten Stock standen zwei Fenster offen. Es musste also jemand zu Hause oder nur für kurze Zeit weggegangen sein.
––Niemand verreist, ohne vorher die Fenster zu schließen. Ich bin kein Einbrecher. Ich bin schlimmer!
––Er stieg die Treppe hinab und ging rückwärts ein kleines Stück des Weges auf die Straße zu, um die gesamte Vorderfront des Hauses in Augenschein zu nehmen.
––Es war ein Bau nach dem Geschmack des späten neunzehnten Jahrhunderts, unübersichtlich, mit zahlreichen Erkern, Nischen und Anbauten. Dort, wo das wuchernde Efeu die Mauer nicht verdeckte, war der Verfall des Hauses offensichtlich. Die Bewohner schienen gleichgültig zu sein gegen die Zerstörung ihres Besitzes. Vielleicht hatten sie den Kampf aufgegeben.
––Man gibt nicht auf!
––Nun würde das alte Gebäude bald abgerissen werden müssen. Es passte sowieso nicht zum modernen Stil der umliegenden Häuser, die hell, aber nüchtern ihren Wohlstand zur Schau trugen. Doch gerade das hätte den Charme der Villa ausmachen können.
––Schade. Attraktivität nicht zu nutzen, ist Verschwendung!
––Sein Blick wanderte geringschätzig über die bemoosten Dachziegel. Aus der Regenrinne ragten einzelne Grashalme. Er reckte den Hals und stellte sich auf die Zehenspitzen. Aber es war unmöglich, in die geöffneten Fenster zu sehen. Missmutig ging er zur Treppe zurück. Es ärgerte ihn, dass er seine Zeit umsonst geopfert haben sollte. Trotzig hämmerte er mit beiden Fäusten gegen die wuchtige Holztür. Er dachte sogar an die Möglichkeit, sich durch Rufen bemerkbar zu machen, und kam sich dabei gleichzeitig lächerlich vor. Außerdem war es gefährlich. Was sollten die Bewohner denken, wenn ein fremder Mann so versessen darauf war, mit ihnen zu sprechen? Sie würden misstrauisch werden, und das war es, was er unter allen Umständen vermeiden musste. Er hatte heute gute Geschäfte gemacht. Alle Leute hatten ihm ohne Weiteres geglaubt. Er wollte auf keinen Fall zum Schluss noch etwas riskieren.
––Unter normalen Umständen wäre er jetzt fortgegangen. Er hätte eventuell doch noch sein Glück im Nachbarhaus versucht und wäre dann zufrieden nach Hause gefahren, um Lilly stolz von seinem Erfolg zu berichten.
––Vielleicht würde sie dann endlich einsehen, dass er doch zu etwas nütze war.

Gestern erst hatte er seinen Plan entworfen, und gleich am ersten Tag hatte er große Erfolge erzielt. Die meisten Menschen waren wirklich rührend arglos. Es hatte großartig geklappt. Er war nicht der Typ für die Mitleidstour. Seine Masche war er – nicht das, was er anpries. Die Frauen kauften sich seine Schönheit, die Männer seine Zuversicht. Und das war erst der Anfang. Er war jung, er hatte sehr viel Zeit. Jedem gab er, was er wollte: Was er selbst wollte. Aber, was wollte er hier noch länger? Wer sollte hier schon hausen? Ein verarmter Adliger, eine geizige Alte … – die Bruchbude war seine Zeit nicht wert.
––Trotzdem wollte er noch nicht aufgeben.
––Vielleicht war jemand hinten im Garten …
––Er überlegte, ob es Hausfriedensbruch wäre, wenn er dort unverfroren eindrang, doch er war plötzlich auf unerklärliche Weise neugierig geworden und hatte die Vision, dass dieser Abschluss hier seinen Tag krönen sollte.

25 Kommentare zu “#1 Der Mann

      1. Ich glaube es kommt eher darauf an, wer seine Phantasien im wahren Leben dann auch auslebt und wer sich mit den Gedanken seinen Nachbarn nach einem kleinen Streit umzubringen erstmal begnügt 😉

  1. Interessant, dass dieser schlimme Mann auf seinem Weg in den grausamen Garten trotzdem über die Konsequenzen des Hausfriedensbruchs nachdenkt. Haha

    1. Das macht dann wohl auch den Unterschied zwischen dem Straßenganoven, der sofort im Knast landet, und dem gewitzten Betrüger aus. Aber erst mal sehen, wie die Story weitergeht…

  2. „Alle Leute hatten ihm ohne Weiteres geglaubt.“ Manchmal wichtiger als wirklich etwas zu können. Jedenfalls haben so schon viele Karriere gemacht.

    1. Aber gestern erst hatte er seinen Plan entworfen. Wir haben hier also keinen erfahrenen Trickbetrüger und auch keinen ruchlosen Serienkiller. Spannender Einstieg jedenfalls. Morgen geht es weiter?

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