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03 – Regen in der Wüste

#14 | Selbstachtung

„Guten Abend! … Ich wollte mal Ihre Meinung hören. Ich komme vom Alkohol nicht weg. Also nicht, dass ich Trinker bin. Aber ich denk’, es könnte mal dahin kommen, wenn nicht was passiert.“
––„Wie viel trinken Sie denn ungefähr am Tag?“
––„Das kommt drauf an. Aber sechs bis acht Flaschen Bier können es schon werden.“
––„Und einige Korn dazu?“
––„Ja, ein paar Korn auch.“
––„Das ist eine ganze Menge. – Wo trinken Sie?“
––„Ja, meist in der Wirtschaft. Und zum Schluss vielleicht noch zu Hause.“
––„Leben Sie allein?“
––„Nein, ich bin verheiratet.“
––„Und was sagt Ihre Frau dazu?“
––„Ja, die findet das schrecklich, nicht. Die will sich scheiden lassen.“
––„Aber diese Drohung hilft Ihnen nicht, vom Alkohol loszukommen?“
––„Nein, überhaupt nicht. Wenn mich das stören würde, dann würd’ ich ja gar nicht erst in die Wirtschaft gehen. Aber … Also, ich arbeite auf der Werft. Nach Feierabend, wenn man den ganzen Tag geschuftet hat, und ich denk’, jetzt sollst du dir das lange Gesicht ansehen und den ganzen Abend das Gemecker wieder anhören – nee, also, da krieg’ ich bei dem Gedanken schon zu viel, und dann geh’ ich eben in die Wirtschaft.“
––„Was ist denn das für ein ‚Gemecker‘?“
––„Immer dasselbe: Wie schön es früher war und wie schlimm es jetzt ist.“
––„Haben Sie Kinder?“
––„Ja, einen Jungen von dreizehn Jahren.“
––„Was war denn nach der Meinung Ihrer Frau früher schöner als jetzt?“
––„Also, vor allem wohl unser Verhältnis. Da hat sie ja auch recht. Es wird eben alles Routine mit den Jahren, nichts Neues mehr. Aber wenn ich dann mal einen Abend zu Hause bin, dann redet sie auch nichts Vernünftiges, sondern sitzt nur vorm Fernseher. Und hinterher kommen wieder die Vorwürfe, dass ich nichts unternehmen tu’ mit ihr, dass ich im Leben nichts erreicht habe.“

„Ach, Robert! Mein fliegender Robert! Du bist gescheitert, sag’ ich dir: gescheitert! Dass sie dich dauernd nach Frankfurt schicken, ist doch ein reines Abschieben. Im Beruf bist du gescheitert und jetzt lässt du auch noch deine Ehe scheitern.“
––„Du bist wieder betrunken!“
––„Ja, ich bin betrunken. Ich hab’ die ganze Flasche leer gemacht. Stört dich das? Wenn ich nüchtern bin, kann ich es nicht mehr aushalten mit dir. Dein Schweigen, deine Lieblosigkeit. Und dann trink’ ich eben den ganzen Nachmittag, damit mir nicht übel wird, wenn du abends zur Tür reinkommst.“
––„Wenn du schon deine Selbstachtung verloren hast, schämst du dich nicht vor Martin? Du kannst ja nicht mal für dich selbst sorgen, wie willst du da ihn erziehen? Es wäre geradezu verantwortungslos, wenn ich ihn dir nach der Trennung überlassen würde.“
––„Dann nimm doch deinen Sohn, nimm ihn mit zu deiner Frankfurter Pusche, und lass mir meine Flasche! Das Unglück, zu trinken ist erträglicher als das Unglück, nüchtern zu sein. Und wenn ich mich totsaufe, dann hab’ ich wenigstens meinen Spaß gehabt, mehr Spaß als je mit dir, jawohl – bis zum letzten Schluck. Der Flaschenhals ist immer noch besser als gar nichts im Mund.“

„Kränkt Sie das?“
––„Ja, sicher. Was glauben Sie, wie mich das fertigmacht.“
––„Wenn Ihre Frau Sie anders behandeln würde, könnte das etwas ändern?“
––„Ich weiß nicht. Sie ist mir gleichgültig geworden. Da kommt nichts mehr. Ich weiß genau, von der Frau kommt einfach nichts mehr. Dann geh’ ich schon lieber in die Kneipe.“
––„Was ist dort schöner als zu Hause?“
––„Da kann man reden über alles. Klönen und auch mal Putz machen. Man trifft Bekannte und sieht auch mal ein neues Gesicht. Da kriegt man nicht dauernd Vorwürfe und wird durch schlechte Laune kaputtgemacht.“
––„Sie glauben, dass eine Trennung von Ihrer Frau die beste Lösung wäre?“
––„Ja, das glaub’ ich.“
––„Würde das Ihr Alkoholproblem lösen?“
––„Also, die Chancen wären jedenfalls besser.“
––„Würden Sie dann weniger ausgehen?“
––„Also, das seh’ ich nicht.“
––„Verleitet Sie nicht gerade die Kneipenatmosphäre, in die Sie sich also weiterhin begeben würden, zum Trinken?“
––„Ja, vielleicht. Aber Trinken ohne Sorgen ist natürlich schöner als Trinken mit Sorgen.“
––„Ich dachte, der Grund Ihres Anrufs war, dass Sie sich Gedanken über Ihre Alkoholabhängigkeit machen.“
––„Ja, war es auch. Aber, ich glaub’, ich seh’ jetzt klarer. Wenn ich erst diese Frau los bin, wird alles besser. Vielen Dank! Das hat mir schon geholfen.“
––„Und Ihr Sohn?“
––„Ja, mein Gott, der Junge …“
––„Sind Sie zurzeit nüchtern?“
––„Na ja, ziemlich …“
––„Ich glaube, ehrlich gesagt, nicht, dass Ihr Leben nach einer Trennung besser wird. Im Gegenteil. Was Ihnen fehlt, sind Menschen, die Ihnen Abwechslung und Anregung verschaffen, ohne Sie zum Alkohol zu verleiten.“
––„Wer soll das sein? Die Heilsarmee?“
––„Es gibt da Gruppen, Treffs, Vereine. Die Guttempler, die Anonymen Alkoholiker. Sie sollten nicht gleich in Abwehrstellung gehen, sondern zumindest den Versuch machen, solche Kontakte zu finden. Vielleicht werden Sie ja überrascht sein, wie lebendig und unterhaltsam so ein Zusammentreffen sein kann. Stellen Sie sich vor, wie scheußlich dagegen der Aufenthalt in der Trinkerheilanstalt wäre. Ich gebe Ihnen ein paar Adressen. Sie können sich ja das heraussuchen, was Ihnen am geeignetsten erscheint. Notieren Sie?“

Sie stieg in den Zug nach Blankenese und ließ die Stadt Station für Station weiter hinter sich. – Ich habe alles verkehrt gemacht. Steif, falsch, unnatürlich. Ganz anders hätte ich reagieren können: ‚Ich kenne das Problem. Es ist furchtbar. Ich habe selbst getrunken. Es fing an, als mir mein Mann sagte, er wolle die Scheidung. Jede Nacht habe ich mich betrunken, es wurde immer schlimmer. Mein Mann war der Schuldige, aber mein Sohn wollte zu ihm. Das ist bitter für eine Mutter. Ich sackte immer mehr ab; Hauptsache, die Wirklichkeit los sein! Ab in den Rausch! Bis sie mich in die Anstalt stecken wollten: Drogen und Alkohol. Da hab’ ich eines Nachts das kleine bisschen Mumm, das ich noch hatte, zusammengerafft und hab’ mir gesagt: Jetzt ist Schluss! Es war die Hölle. Es war das Schwerste, was ich je mitgemacht habe. Aber jeden Tag bekam ich ein bisschen mehr Kraft, jeden Tag ein bisschen mehr Mut. Das hat mir dann mein Selbstvertrauen zurückgegeben. Darum sag’ ich Ihnen aus eigener Erfahrung: Man kann es schaffen, wirklich. – Und wie leben Sie jetzt? – Ich fühle mich ausgebrannt. Mein Leben läuft in Schablonen ab. Ich beschäftige mich pausenlos mit Dingen, von denen ich mir einrede, dass sie notwendig sind, nur damit ich nicht über mich nachdenken muss. – Vielen Dank! Das hat mir sehr geholfen.‘

Sie schloss die Tür auf. Am Boden lag etwas. Sie machte Licht. Eine Karte. Eine bunte Ansichtskarte, ziemlich abscheulich. Die Schrift war ihr unbekannt. „Ja, Othello, ja!“ Frau Fricke schrieb aus Finnland, es sei ganz himmlisch. Sie drehte die Karte noch mal um. „Ja, Othello, ja!“ Sie bückte sich und streichelte den Kater. „Armer Othello, armer Mohr! Sitzt hier oben rum und kratzt am Velours. Vielleicht würdest du viel lieber in den Mülltonnen wühlen.“ Sie legte die Karte auf den Küchentisch und verstaute die Lebensmittel im Kühlschrank. Der Kater strich mit hochgerecktem Schwanz um ihre Beine, er roch den Braten. „Wir sind verwöhnt, Othello, aber deswegen sind wir noch lange nicht glücklich.“ Sie ging in die Hocke und strich über das Fell. Es funkelte schwarz und es war so glatt, so glatt, wenn sie es wie jetzt mit dem Strich bürstete. Gegen den Strich gebürstet würde es Othellos fauchenden Unwillen heraufbeschwören. „Und wenn wir schon nicht glücklich sind, dann ist es doch gut, dass wir wenigstens verwöhnt sind.“

Sie lag im Bett und las. Sie sah zur Uhr. Kurz vor elf. Sie löschte das Licht. In der Dunkelheit fühlte sie das Laken, die Decke. Sie sehnte sich nach Berührung: Haut, Muskel, Bartwuchs. Aber das Einzige, was es für sie geben würde, wäre eine Stimme. Nichts zum Fühlen, nichts zum Ansehen. Keinen Menschen riechen, schmecken. Nichts als den Ton in ihrem Ohr. Und doch ein Sender, eine Botschaft. Sie: ein Empfänger ohne Namen und Alter, gleich, ob faltig dürr oder runzlig fett. Deckadresse, toter Briefkasten. Aber ein Empfänger. Eine Empfängerin. Geben und Nehmen. Ein fließender Kreislauf. Ein Strom. Dreck, Abfall, Auswurf gespeist. Aber ein Strom. Eine Spannung. Wer, welcher andere Mensch auf der ganzen Welt, war bereit, das in ihr auszulösen, es nur zu versuchen? Schäbiger könnte das Ergebnis ja nicht sein, nur weniger anonym. Aber niemand würde sich bemühen. Alles blieb Fantasie, musste Fantasie bleiben, weil es sonst nicht standhielt. Und wenn sie sich nun verlieben würde in diese Stimme? In diesen Mann, der mit dieser Stimme spricht?
––Das Telefonläuten erreichte sie wie ein Gong.

In ihrem Elternhaus: Sie sprang auf von ihren Puppen, ihren Schularbeiten, ohne Appetit, aber mit Vorfreude auf das Ritual.
––Es ist angerichtet.

Titel- und Abschlussgrafik mit Bildmaterial von Shutterstock: Matt Jordan (Bierflaschen), fiphoto (Bar), Champion studio (Mann), Voyagerix (Frau), pavila (Postkarte)

36 Kommentare zu “#14 | Selbstachtung

  1. „Wenn ich nüchtern bin, kann ich es nicht mehr aushalten mit dir.“ … Sobald dieser Satz einmal gefallen ist, gibt es wohl wirklich kein glückliches Ende dieser Beziehung mehr.

      1. Was sich im Rausch übersteigert basiert allerdings ja meist trotzdem auf einem funken Wahrheit. Wie man so eine Aussage im Nachhinein relativieren kann, nun ja…

      1. Ach was, sie versucht halt gerade ihr Leben wieder zu ordnen. Völlig verzweifelt scheint sie mir deswegen nicht zu sein.

      2. Bzw. die größte Verzweiflung scheint überstanden zu sein. Auch wenn sie nun wirklich keinen glücklichen Eindruck macht.

      3. Markus Klein klingt ein bisschen so, wie sich woke Frauen alte weiße Männer vorstellen. Die aktuelle Situation erlaubt der Protagonistin ja gerade, nichts zu tun, was ihrem Ansehen schaden würde.

  2. Wenn man die Beziehung bzw. den Partner für die eigenen Probleme verantwortlich macht, dann kann doch schon etwas nicht stimmen.

    1. Manchmal muss man natürlich auch mit Beziehungen aufräumen, die einem nicht (mehr) gut tun. Aber wer ein Alkoholproblem hat, der muss sicherlich erst einmal an sich selbst arbeiten.

  3. Schon spannend wie die Gespräche gegeneinander gestellt werden. Das Bild der Hauptfigur wird nach und nach klarer.

    1. Das gefällt mir auch sehr. Ich weiss zwar immer noch nicht, ob mir die Verkäuferin sympathisch ist oder nicht, aber das gehört ja dazu.

      1. Ich mag sie eigentlich. Eine glattgebügelte Hauptfigur ohne Probleme wäre ja wenig interessant.

  4. Alkoholismus ist kein Spaß. Wer da einmal schwach wird, der hat für den Rest seines Lebens zu arbeiten um aus diesem Problem herauszufinden oder nicht wieder hineinzugleiten. Man steht als Freund oder Partner meist ratlos daneben.

      1. Süchtig zu werden, scheint auch ein genetisches Problem zu sein. Die einen gleiten schneller ab als andere. Außerdem: viele Künstler waren Trinker. Aber ein Trinker ist deshalb noch lange kein Künstler.

      2. Ich glaube das ist nur ein Mythos. Also natürlich gab es viele trinkende Künstler, aber die Quote liegt wohl nicht viel höher als in der restlichen Bevölkerung.

      3. „Besonders gefährdet sind beispielsweise Freiberufler und Selbständige. Dazu gehören etwa Medienschaffende und auch Künstler wie Schriftsteller, Musiker und Schauspieler. Personen, die selbständig sind, haben oft keine geregelten Arbeitszeiten, kein geselliges Arbeitsumfeld, und damit fehlt ihnen die soziale Kontrolle.“ (Die Geschäftsführerin der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme gibt Auskunft in der NZZ)

      4. Menschen, die für ihre Arbeit viel Phantasie brauchen, denken manchmal, die Kreativität ließe sich durch Alkohol steigern. Meine Erfahrung: stimmt nicht! Aber mein Vater hatte recht: Der Anfang von Betrunkensein ist der schönste Zustand. Gilt auch für Verliebtsein und das erste Hören großartiger Musik. Allerdings kommt danach Verzicht, Gewöhnung oder der Kater (nicht Othello).

  5. Alles blieb Fantasie. Das scheint mir kein einfaches Los zu sein. Wer sich viel erträumt, aber nur wenig erreicht, der leidet. Da wäre es ja fast einfacher fantasielos zu sein und ein einfaches, aber vielleicht glücklicheres Leben zu führen. Kann man sich aber wohl nicht aussuchen.

      1. Es gehört Fantasie dazu, sich ein fantasieloses Leben glücklich vorzustellen. Sicher, man malt sich weniger Schreckliches aus, aber wir säßen noch wie unsere Ahnen ohne Feuer und Werkzeug in unseren Höhlen, ohne sie zu bemalen.

      1. Vor allem scheint mir das Trinken selbstzerstörender zu sein. Und weitaus schwieriger zu beheben.

    1. Rund 1,77 Millionen Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren sind alkoholabhängig. Das sagt offiziell die Aktionswoche Alkohol. Man muss sich diese zahlen mal vorstellen!

      1. Das finde ich als Zahl zunächst mal gar nicht so viel. Auf der anderen Seite: das ist fast die Einwohnerzahl von Hamburg. Dunkelziffer? Welche Kriterien?

      2. Ich habe gerade auch noch einmal auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums geschaut. Das ist ja wirklich nicht uninteressant. Zusätzlich zu den 1,7 Millionen Abhängigen konsumieren wohl 6,7 Millionen Menschen der 18- bis 64-jährigen Bevölkerung in Deutschland Alkohol „in gesundheitlich riskanter Form“. Die Zahl ist dann also schon deutlich höher.

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