Teilen:

1306
03 – Regen in der Wüste

#01 | Ein Lebensmüder

Montag, fünfundzwanzigster März neunzehnhundertachtundsechzig.
Fastenzeit.

„Ich … Ich glaube, ich kann das Leben nicht mehr aushalten.“
––„Das klingt schlimm. Sagen Sie mir, was Sie bedrückt!“
––„‚Bedrückt‘? Der Druck bedrückt mich. Ich halte ihn einfach nicht mehr aus.“
––„Was halten Sie nicht mehr aus?“
––„Ich halte es nicht mehr aus, daran zu denken, dass ich noch so lange leben muss.“
––„Wie alt sind Sie?“
––„Ich bin jetzt dreiundzwanzig.“
––„Ich weiß nicht, ob Sie selbst das genauso sehen, aber ich nenne das jung.“
––„Ich auch. Das ist es ja gerade. Diese ganzen Stunden, Tage, Monate, Jahre, die noch vor mir liegen. Daran zu denken, das macht mich krank. Das schafft mich. Wenn man Schmerzen hat, dann sagt man sich: Gut, das ist in ein paar Stunden oder spätestens in ein paar Tagen vorbei. Aber das Leben, das hört ja nie auf, und jede Minute muss man einzeln durchstehen. Ich versuche schon zu schlafen, so viel ich kann, aber das bringt auch nicht viel. Dann wache ich plötzlich auf, mitten in der Nacht, schrill wach, und jede Sekunde ist wie ein Stich.“
––„Haben Sie einen Beruf?“
––„Ja. Ich arbeite auf dem Bau. Das ist an sich ideal. Da sieht man immer, was man geschafft hat. Nicht so wie … Also zum Beispiel ein Kellner: Erst trägt er was hin und nachher holt er die dreckigen Teller wieder ab. Aber genauso komme ich mir im Augenblick vor – als ob alles leer gefressen sei, und ich sitze mitten in einem Berg von unerledigtem Abwasch.“
––„Das Leben ist für Sie zurzeit sehr schwer.“
––„Es ist … Es ist fast unerträglich.“
––„Trotzdem zeigt mir Ihr Anruf, dass Sie die Hoffnung nicht aufgegeben haben. Sie wollen doch etwas von mir, nicht wahr? Und das ist gut. Das ist ein gutes Zeichen.“
––„Ich versuche eben alles. Ich habe Tabletten geschluckt, ich habe mich betrunken, Sex … Das hier, mit Ihnen zu reden, das ist auch so ein Versuch.“
––„Und?“
––„Na ja, also, diese Nummer zu wählen, das ist wohl das Schwierigste. Und ein merkwürdiges Gefühl bleibt es auch, am Anfang. Aber wenn man dann so sprechen kann, und es hört einem jemand zu … Sie hören mir doch zu, oder?“
––„Ja, ich höre Ihnen zu, und es tut Ihnen gut, sich auszusprechen und zu wissen, dass Ihnen jemand zuhört?“
––„Ja. Irgendwie ja.“
––„Fehlt Ihnen das im täglichen Leben?“
––„Eigentlich nicht. Ich habe genug Freunde und ein Leben, also da würden mich bestimmt viele drum beneiden.“
––„Aber Ihnen erscheint dieses Leben nicht beneidenswert?“
––„Nee. Es ist alles so … So sinnlos. Ich habe einfach keinen Spaß mehr, an nichts.“
––„Glauben Sie, dass es wichtig ist, Spaß zu haben?“
––„Ja, so wie früher. Als ich mich noch freuen konnte auf was. – Sie werden sagen, es ist nicht so wichtig, Spaß zu haben.“
––„Sondern was ist wichtig?“
––„Ich weiß nicht. Ein … Ein wertvoller Mensch zu sein.“
––„Haben Sie das Gefühl, ein wertvoller Mensch zu sein?“
––„Nee. Woher soll ich das haben?“
––„Leiden Sie darunter, dass Sie sich nicht wertvoll fühlen?“
––„Also irgendwie schon, glaube ich.“
––„Wie müsste Ihr Leben aussehen, damit Sie sich als wertvoll empfänden?“
––„Wahrscheinlich müsste man irgendwas tun, was wichtig ist.“
––„Und was wäre Ihrer Meinung nach wichtig?“
––„Ich weiß nicht. Und ich könnt’ das auch nicht. Das, was Sie machen, ist wahrscheinlich wichtig. Andern helfen oder es wenigstens versuchen. Oder dieser Rudi Dutschke, der versucht, die Gesellschaft zu verändern. Aber ich könnte so was nicht.“
––„Dieser Anspruch wäre vielleicht auch etwas hoch. Aber warum können Sie nicht bei sich selber anfangen und versuchen, sich zu ändern?“
––„Weil ich nicht weiß, wie und wozu, und überhaupt … Ein, zwei Wochen lang – gut, aber dann wär’ mir das schon wieder zu viel, und ich würd’ gehen und was kaputtmachen oder mich einfach volllaufen lassen.“
––„Stört Sie das, dass Sie eine Aufgabe, die Sie sich gestellt haben, nicht zu Ende bringen können?“
––„Ich weiß nicht. Doch, ich glaube, ja. Aber es ist mir eben alles nicht wichtig genug.“
––„Wenn es Ihnen wichtig genug wäre, dann könnten Sie das auch?“
––„Wenn mir was wichtig genug wäre, ja, dann würd’ ich es schaffen. Denke ich. Wenn einem was wichtig ist, ich meine, auf die Dauer wichtig ist –, aber mir ist eben nie was auf die Dauer wichtig. Mir ist wichtig, heute Nacht mit einer Frau zusammen zu sein, und nicht, in fünfundzwanzig Jahren Silberne Hochzeit zu feiern, verstehn Sie? Also muss ich sie heute haben und warte nicht ab, ob sie sich in einem Jahr mit mir verloben will. Ich bin so. Aber – jetzt, ja, jetzt weiß ich nicht mehr weiter.“
––„Sie sind unzufrieden mit dem Leben, das Sie führen. Glauben Sie, dass der Weg, den Sie zurzeit gehen, verkehrt ist?“
––„Wahrscheinlich. Ja, der ist wahrscheinlich ganz verkehrt.“
––„Und meinen Sie, dass es den Versuch wert wäre, einen anderen Weg zu gehen?“
––„Darum spreche ich ja mit Ihnen.“
––„Ich kann Ihnen während unseres Gesprächs nur Anregungen geben. Wollen Sie, dass ich Ihnen Adressen nenne von Institutionen, bei denen man Ihnen vielleicht helfen kann?“
––„Ich glaube nicht, dass ich da hingehen würde. Das bringe ich, glaub’ ich, nicht.“
––„Meinen Sie, dass Sie es allein schaffen?“
––„Ich weiß nicht. Ich meine, ich will ja gar nichts groß schaffen. Was soll ich schon schaffen? Ich kann die Welt nicht verändern. Ich will mich nur wieder freuen können.“
––„Und wie können Sie das Ihrer Meinung nach erreichen?“
„Das weiß ich eben nicht. Ich weiß es einfach nicht. Wenn ich es wüsste, würde ich Sie doch nicht anrufen. Aber Sie stellen auch immer nur Fragen.“
„Ich habe keine Patentrezepte. Ich kann nur versuchen, Sie zum Nachdenken zu bringen. Helfen müssen Sie sich selbst. Sie müssen es wollen. Sie sollten mit jemandem sprechen, der nicht aus Ihrem Freundeskreis kommt, sondern andere Wertvorstellungen hat.“
––„Wissen Sie, ich glaube, ich habe überhaupt keine … ‚Wertvorstellungen‘. Aber ich weiß ungefähr, was Sie meinen. Irgendwie tut mir das schon ganz gut, wie Sie so mit mir reden. Sie haben so ’ne Art … Irgendwie sind Sie schwer in Ordnung. Auch wenn Sie vielleicht nicht ganz so richtig durchblicken. Sie haben Klasse, das merkt man. Ich wohne in Billstedt. Ich wette, Sie wohnen an der Alster oder in den Elbvororten.“
––„Wir wollen hier nicht über mich sprechen, sondern über Sie.“
––„Entschuldigen Sie! Ich wollte Sie nicht belästigen.“
––„Das ist schon in Ordnung.“
––„Na ja. Mir ist auch klar, dass es nicht von einer Minute zur anderen geht. Ein paar Sprüche, und plötzlich ist alles wieder im Lot. Aber – es ist schon ganz gut, mit Ihnen zu reden. Ist irgendwie anders als alles sonst so. – Kann ich Sie mal wieder anrufen?“
––„Ja, natürlich.“
––„Wann?“
––„Wann Sie wollen. Ich bin hier immer montags, mittwochs und freitags von sieben bis zehn Uhr abends zu erreichen. Also nächstes Mal wieder am Mittwoch.“
––„Ich melde mich mal wieder.“
––„Das würde mich freuen.“
––„Äh, meinerseits. Dann also gute Nacht!“
––„Gute Nacht!“

Titel- und Abschlussgrafiken mit Bildmaterial von Shutterstock

40 Kommentare zu “#01 | Ein Lebensmüder

  1. Was für eine schreckliche Vorstellung, dass man sich so mit seinem Leben rumquält. Dabei kann das alles auch sehr viel Spaß machen, wenn man den richtigen Zugang findet.

      1. Und wo das Narrativ anfängt, fängt ja immerhin der Lesespaß wieder an.

  2. Regen in der Wüste – also letztendlich vielleicht doch ein bisschen Freude im traurigen Leben unseres Hauptdarstellers?

      1. Wer kann schon etwas gegen ein Happy End sagen?! Wenn man allerdings von den anderen oben erwähnten Teilen ausgeht, sollte man erstmal vorsichtig mit solch einer Hoffnung sein.

      1. Das habe ich auch schon gelesen. Leider werden Depressionen ja viel zu oft unterschätzt und als Nebensächlichkeit belächelt.

      1. Ich warte auch immer noch auf den Moment wo man sich auf einmal alt fühlt. Bisher ist das zum Glück immer noch nicht passiert.

      2. Na umso besser. Da kann man sich doch dann nicht beschweren. Der Moment kommt ja eh früh genug.

  3. Helfen müssen Sie sich selbst. Genau an der Stelle hakt es leider so oft. Und es gibt eben wirklich wenig, was man da tun kann um zu helfen.

    1. Zuhören und die Person ernst nehmen hilft oft ja schon viel. Alles andere muss dann wohl wirklich aus eigenem Antrieb geschehen.

      1. Was ist Veranlagung, was ist Erziehung? Um sich selbst zu helfen, braucht man beides. Gut, wenn man dann die Veranlagung hat, sich selbst erziehen zu können.

      2. Veranlagung und vor allem den Willen. Den Rest kann man unter Umständen ja lernen.

  4. Dieses Hadern mit dem Leben ist ja ein wiederkehrendes Rinke-Motiv. Dabei fühlt sich Ihr Leben zumindest aus der Ferne immer so reich und aufregend an.

    1. Mal muss man sich aufs Leben einlassen und ist ausgelassen. Mal muss man ein paar Angebote auslassen und bleibt in sich gekehrt. Auf diese Weise habe ich versucht einen Ausgleich zu schaffen. Aufschwünge und Abstürze sind unvermeidlich, aber was ich beschreiben kann, kann ich auch ertragen.

      1. So sehe ich das eigentlich auch. Was man in seiner Phantasie verarbeiten kann, das macht einem das echte Leben weniger schwer.

  5. Für die Betroffenen ist es in jedem Alter gleich schlimm. Dem jungen Menschen traue ich eher zu, die Krise zu überwinden als dem Alten. Da gibt es auch mehr Hilfsangebote.

    1. Die einzige Schwierigkeit, die ich bei Jugendlichen sehe, ist dass man aufgrund der Stimmungswechsel während der Pubertät oft übersieht, dass eine solche Depression überhaupt vorliegt. Aber unser Anrufer ist ja 23, da sollte dieser Umstand eigentlich keine Rolle mehr spielen.

    2. Obwohl „nur“ ungefähr 5% der Bevölkerung an einer Depression leiden, steigt die Zahl im Alter (gerade in Altersheimen) wohl bis auf 40%. Das finde ich noch weitaus trauriger.

    1. Ich würde ja denken, dass es da schon jeweils einen Unterschied gibt. Allerdings wird da bestimmt auch viel durcheinander geworfen und vermischt.

    2. Antriebslosigkeit ist ja eher ein Symptom einer Depression. Wann Trauer aber in Depression umschwenkt, wow, das ist sicher keine leichte Diagnose.

  6. Man muss selbst den Willen haben etwas zu verändern und gleichzeitig offen sein, sich helfen zu lassen. Das ist gar keine so einfache Kombination.

    1. Einfach wäre auch wieder kein fruchtbarer Boden für eine Rinke-Geschichte. Aber ich habe nach der Einleitung von neulich eh das Gefühl, dass wir mehr über die Dame am anderen Ende der Leitung hören werden als vom depressiven Jungen.

  7. Unzufrieden mit dem Leben, das Sie führen, oder unzufrieden mit dem Leben an sich? Das ist nochmal ein Unterschied, oder?

      1. Ist anzunehmen. Trotzdem kann man das Problem in der Regel besser lösen, wenn man die Ursache versteht. Das ist bei Depressionen wahrscheinlich nicht anders als bei allen anderen Dingen.

  8. Ob das erzählende Ich das des Autors ist, sei zumindest und grundsätzlich in Frage gestellt. Eigentlich ist es ein Dialog über innere und äussere Leere. Und die konnte man z.B. auch in durchaus lebendigen Zeiten erfahren. Und auch, wie wenig hilfreich, ebenfalls leer, die konventionellen Ratschläge sein können.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

vier × 4 =