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03 – Regen in der Wüste

#05 | Der Entlassene

„Ist dort die Telefon-Seelsorge?“
––„Ja.“
––„Guten Abend!“
––„Guten Abend!“
––„Also, ich habe da ein Problem, mit dem ich nicht fertigwerde. Ich bin vorige Woche aus dem Gefängnis entlassen worden. Ich hab’ ein Jahr wegen Einbruch gesessen. Ich bin da in was reingeschlittert …“
––„Und jetzt fällt es Ihnen schwer, sich wieder zurechtzufinden.“
––„Nein, das ist es gar nicht. Ein Jahr ist keine so lange Zeit. Ich hab’ sogar gleich eine Lehrstelle bekommen, durch meinen Betreuer. Vorher war ich arbeitslos. Muss man erst was anstellen, bevor sie sich Mühe mit einem geben?“
––„Sie haben eine schwere Zeit hinter sich. Aber Sie haben auch die Möglichkeit zu einem neuen Anfang.“
––„Wissen Sie, ich kann mich nicht abfinden damit, dass ich so in die Scheiße gerasselt bin, auf gut Deutsch. Ich hab’ viel nachgedacht im Knast. Ist ja klar. Und ich denk’, das wäre jedem so gegangen. Ich werd’ doch praktisch dafür bestraft, wie ich aufgewachsen bin, mit meinen Eltern und so, und die Umgebung. Und ich sag’ Ihnen, in meiner Situation, in der ich damals war, da hätte das jeder gemacht, jeder. Nicht, dass ich das nicht bereue, aber … Ich weiß nicht.“
––„Sie haben noch nicht klar gesagt, weswegen Sie ins Gefängnis gekommen sind. Im Allgemeinen versucht man heute ja, das Milieu und die äußeren Einflüsse bei der Urteilsfindung zu berücksichtigen.“
––„Ja sicher. ‚Mildernde Umstände‘ heißt das dann. Aber das ist alles Scheiße, verstehen Sie? Vielleicht sollt’ ich gar nicht drüber reden mit Ihnen, aber mit irgendwem muss man doch reden. Wenn ich in Blankenese aufgewachsen wäre, bei Eltern, die mir dauernd Zucker in den Arsch geblasen hätten, dann würde ich jetzt studieren oder in ‚Swinging London‘ auf den Putz hauen. Aber ich komm’ aus ’ner Scheiß-Ehe …
––„Die gibt’s auch in Blankenese.“
––„Ja, aber da wird alles mit Geld zugebuttert. Und ich? Mir hat keiner geholfen. Ich meine, das geht ja nicht nur mir so. Da ist was verkehrt, und da lass’ ich mich auch nicht mit schönen Sprüchen von Reformen und Sozialstaat einseifen. – Ich meine nicht, dass alle, die von Sankt Pauli kommen, Loddel werden, und alle von Eppendorf werden Banker, das mein’ ich nicht. Aber wenn ich die Leute da nicht getroffen hätte … Und Sie müssen ja bedenken, also in der Situation, in der ich damals steckte … Ja, dann wär’ das nicht so gekommen. Und umgekehrt, ich will sagen, jemand anders in meiner Situation damals … Die Frau mit dem Kind und kein Geld für die Abtreibung … Also das führt zu weit, wenn ich das jetzt alles erzähl’ … Also ich mein nur, jemand anders in meiner Situation, dem hätt’ das genauso passieren können. Ich bin nicht schlecht!“
––„Es bedrückt Sie, dass man Sie für schlecht halten könnte?“
––„Es ist alles nur so gekommen, weil mir das passiert ist.“
––„Sie meinen: Wie wir uns verhalten, das hängt davon ab, was uns passiert?“
––„Ja. Ja, ich glaub’, so kann man das sagen. Und das ist doch ganz ungerecht.“
––„Das Leben ist ungerecht.“
––„Das sagen Sie mir so einfach? Und Sie verlangen, dass ich das hinnehme?“
––„Ich verlange gar nichts! Ein religiöser Mensch glaubt an die Gerechtigkeit Gottes, selbst dann, wenn sie erst nach dem Tode offenbar wird. Sollten Sie das nicht akzeptieren können, wofür ich Verständnis hätte, dann müssen Sie sich entscheiden: Wollen Sie sich abfinden mit den Zuständen, oder wollen Sie sie verändern?“
––„Man muss das ändern, unbedingt!“
––„Wie stellen Sie sich das vor?“
––„Ja, ich weiß nicht. Man muss sich wohl erst mal zusammenschließen zu einer größeren Gruppe.“
––„Und?“
––„Und was unternehmen, gemeinsam.“
––„Was?“
––„Sich durchsetzen. Erst mit Reden. Oder sonst eben notfalls mit Gewalt.“
––„Gewalt erzeugt Widerstand. Und Ihre Gegner werden stärker sein als Sie.“
––„Woher wissen Sie das?“
––„Gewalt ist kein Mittel. Man muss zu überzeugen versuchen.“
––„Wie denn? Mit Worten, so wie Sie das versuchen? Die reden mich doch glatt unter den Tisch. Nee, mit denen komm’ ich nicht mit! Die bringen das so raffiniert, da kann man nur mit der Faust draufschlagen.“
––„Unser ganzes heutiges Leben ist so kompliziert, da spielt eins ins andere. Da lässt sich nichts so einfach vom Tisch wischen.“
––„Ja, aber irgendwann muss man doch mal anfangen, wenn die Scheiße schon meterhoch draufliegt auf dem Tisch.“

Wissen Sie, Frau Fischer, es ist Herrn Friedemann aufgefallen, dass in letzter Zeit doch nicht alles immer so sauber ist, wie er sich das vorgestellt hat. Ich habe es auch schon bemerkt.

„Vielleicht sollten Sie sich einer politischen Jugendorganisation anschließen. Sie brauchen Menschen, mit denen Sie Ihre Ideen diskutieren können.“
––Reden ist seliger denn Handeln.
––„Also die Leute, die ich im Allgemeinen so treffe, die interessieren sich nur dafür, möglichst schnell viel Kohle zu machen.“
––„Darum sollten Sie sich Menschen anschließen, die andere Vorstellungen haben. Ich kann Ihnen ein paar Adressen nennen. Kommen auch kirchliche Stellen für Sie infrage?“

Diese leichte, kaum eingestandene Aufregung, jedes Mal, wenn Sie ihre Wohnungstür öffnete. Sie starrte auf den Boden, sicher in ihrer Enttäuschung und doch ängstlich, dass sie Unrecht haben könnte. Das kränkliche Beige zeigte Schmutzflecken, aber auch nicht mehr. Und dann kam ihr dieses kleine, nicht näher auszumachende Rechteck, auf das ein Brief hätte fallen können, grenzenlos vor. Diese Leere, dieses Schweigen. Sie hatte niemandem geschrieben. Niemand würde ihr schreiben. Nur die Gaswerke, die Bank, die Versicherung. Das wusste sie. Und lieber wollte sie auf die unterhaltsame Schmeichelei verzichten, Post zu bekommen, als sich selbst hinzusetzen und mit irgendwem irgendeine Korrespondenz vom Zaune zu brechen. Sie kannte so viele Menschen. Sie half so vielen Menschen. Was noch? Es war nur diese eine Sekunde, wenn sie in die Wohnung trat. Dieser Stich, diese Hoffnung, diese Enttäuschung.

„Ja, Othello! Da bist du ja! Wie geht es dir denn? Hast du dich einsam gefühlt? Nun bin ich wieder bei dir. So, jetzt werd’ ich mich erst mal ausziehen. Das war anstrengend heute. All die vielen Menschen mit ihren Sorgen. Ich bin müde. Hast du auch schön gefressen, ja? Ich hab’ gar nichts gegessen heute Abend, aber ich werde uns noch etwas zu trinken machen. Du bekommst noch etwas Milch, und ich werde mir einen Lindenblütentee kochen. Der schmeckt so schön nach Sommer. Da vergessen wir beide, wie kalt und nass es draußen ist. So. Da hast du deine Milch. Hast du auch dein Geschäftchen brav gemacht? Ja? Nicht! Nicht zwischen meine Beine laufen, wenn ich dein Kästchen wegbringe! So, jetzt schütten wir das weg, und dann bekommst du ganz frische Streu in dein Kästchen. Bist doch so ein sauberes Kätzchen. Mit einem so schönen, schwarzen Fell. Ja, das magst du. Weißt du, ich glaub’, ich setz’ mich gar nicht mehr ins Zimmer, sondern nehme mir den Tee gleich ans Bett. Und dann kuscheln wir beide uns zusammen und machen es uns richtig gemütlich. Mein Othello wird schnurren, nicht? Und dann werden wir ganz tief und fest schlafen, bis morgen früh.“

Titel- und Abschlussgrafik mit Bildmaterial von Shutterstock: Fer Gregory (Bett), Eric Isselee (Katze), sokolenok (Tisch), Khaled ElAdawy (Sessel), nexusby (Poster), johnjohnson (Poster), New Africa (Pizzaschachtel), mama_mia (Teetasse), Viktor1 (Milchschale)

37 Kommentare zu “#05 | Der Entlassene

  1. Hmmm, also ob man wirklich dafür bestraft wird, wie man aufgewachsen ist … da gibt es dann ja genügend Menschen, die eine schreckliche Kindheit hatten und trotzdem nicht mit dem Gesetz in Schwierigkeiten kommen.

    1. Aber die Startposition gibt vieles vor. Wer sich von ganz Hinten durchkämpfen muss, hat es sicherlich schwerer. Unmöglich ist das sicher nicht, aber eben auch nicht einfach.

      1. Trotzdem überzeugt mich die Argumentation des Mannes nicht. „In meiner Situation, in der ich damals war, da hätte das jeder gemacht, jeder“. Klar beeinflusst, das was uns passiert, wie wir uns verhalten. Aber man trifft ja trotzdem seine Entscheidungen und für die muss man eben auch Verantwortung übernehmen.

      1. Das kommt bestimmt sehr auf die eigene Persönlichkeit an, wie man das Internet nutzt, und was man aus Möglichkeiten macht.

      2. Das Fernsehen hilft nicht aus der Einsamkeit heraus, aber es hilft, sie zu ertragen. Ablenkung ist manchmal besser als grübeln. Das gilt auch fürs Internet.

      3. Zu viel Nachdenken, vor allem ohne jeglichen Austausch mit Anderen, tut meiner Meinung nach nicht gut. Das ist mir bei einigen Freunden auch wieder während der Pandemie aufgefallen.

      1. Ob der Kater die Seelsorgerin am Ende töten wird? Mit anschließendem Selbstmord?

  2. Ob politischen Jugendorganisationen oder kirchliche Stellen da weiterhelfen können? Bräuchte der junge Mann nicht eher ein paar richtig gute Freunde?

    1. Manchmal können Fremde leichter helfen als Personen, die einem zu Nahe stehen. Aber für sowas gibt es keine Regeln.

      1. Vor allem ist es manchmal, unabhängig davon wie hilfreich die eigenen Freunde wären, einfacher mit einem Fremden zu reden. Da geniert man sich vielleicht weniger.

      2. Den ständigen Beichvater fand ich da auch immer etwas schwierig und ging lieber in fremde Kirchen.(Bei meinen alberen Sünden, die niemanden interessierten.)

  3. Da spricht der Entlassene einen ziemlich guten Punkt an: wer mit Worten nicht mithalten kann und sich angegriffen fühlt, der schlägt halt zu. Da ist bestimmt etwas dran.

    1. Darum ist es auch so wichtig Menschen mit anderen Meinungen und Ansichten nicht abschätzig zu behandeln, sondern ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Anders kann man Konflikte nicht lösen.

      1. Die Gesprächsbereitschaft muss ja auch von beiden Seiten kommen. Ansonsten nützt noch so viel guter Wille herzlich wenig.

      1. Mutanten der jetzigen reichen schon. Seltsamer Gedanke, alles für die C02-Neutralität zu tun, und dann von einem unbezwingbaren Virus ausgerottet zu werden.

      2. Man würde ja meinen, dass die Politik beim nächsten Mal besser vorbereitet wäre. Man lernt ja aus Erfahrung. Aber so recht bin ich davon nicht überzeugt.

      3. Man dachte ja auch, dass sie nach einem Jahr Vorbereitung fürs Impfen präpariert wären.

    1. Er kommt nicht darüber hinweg, dass er glaubt, für seine Herkunft bestraft zu werden. Diese – vermeintliche oder offensichtliche – Ungerechtigkeit macht ihn krank. In #6 mehr dazu.

      1. Oder der Text selbst. Fast das ganze Telefongespräch handelt ja von em Thema…

      2. mea culpa. das war mir grundsätzlich klar. ich dachte nur, es gibt zusätzlich zu der unfairen ausgangssituation noch ein weiteres problem, mit dem er sich rumschlägt.

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