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03 – Regen in der Wüste

#16 | Am Deich

Sie nahm das Telefon und wählte. „Adelheid, es tut mir leid. Ich fühl’ mich überhaupt nicht wohl. Ich kann’ heute Abend leider nicht mitkommen ins Theater.“
––„Ach, nicht so schlimm. Etwas mit dem Magen. Wenn es ein kurzes Stück wäre, würde ich auch gehen. Aber bis elf im Parkett sitzen, das halt’ ich, glaub’ ich, in meinem Zustand nicht durch.“
––„Nein, das ist nicht nötig. Wirklich nicht. Ich komm’ gut allein zurecht.“
––„Ich weiß auch nicht. Vielleicht hab’ ich was Schlechtes gegessen.“
––„Ich weiß nicht, was.“
––„Doch. Natürlich bleibt es dabei.“
––„Sicher. Bis dahin bin ich wieder ganz in Ordnung. Um elf morgen, nicht?“
––„Nein, nein, du brauchst nicht mitzukommen in die Kirche. Das habe ich dann schon hinter mir.“
––„Ja danke, wird schon werden. Bis morgen!“

Er nestelte ihr den Slip vom Körper und schob seine warme Hand zwischen ihre festen, ausladenden Backen. Seine Hand schob sich weiter und begann ganz vorsichtig, ihre Schamlippen zu kitzeln. Wohlig spreizte sie die Beine und gab dadurch ihr fleischiges Geschlechtsteil seinen erregten Blicken frei.
––Sie lag im Bett und las in dem Porno-Heft, das sie gestern gekauft hatte. Sie hatte ein verschwörerisches Lächeln versucht, als bereite sie einen derben Scherz unter Freunden vor, aber der Verkäufer hatte mit unbewegter Miene das Geld kassiert, wie am Fahrkartenschalter. Sie stellte befriedigt fest, dass sie die Lektüre ekelerregend und geschmacklos fand. Das schmeichelte ihrer Erwartung, und das wiederum gefiel ihr. Auch wenn es ihr nicht gefiel, dass es ihr gefiel. Sie ließ das Heft fallen. Die paar Kostproben hatten ihr gereicht. – Die Hand von hinten durchschieben und die Schamlippen kitzeln, sie konnte sich nicht erinnern, dass Robert das je gemacht hätte. Dabei ist das doch die natürlichste Sache von der Welt. Allerdings habe ich ja auch nie auf dem Bauch gelegen, wenn wir …
–– Es wäre doch richtiger gewesen, ins Theater zu gehen. Adelheid saß jetzt sicher neben ihrer Mutter, die unaufhörlich ihr Gebiss knirschend im Mund hin und her schieben würde. Sie war einmal mit Adelheids Mutter im Konzert gewesen und hatte sich die ganze Zeit über vor den leisen Stellen gefürchtet, wenn das Geräusch auch von den anderen Musikliebhabern um sie herum wahrgenommen werden würde. Wenn man erst so alt ist, dass man nicht mehr weiß, was man tut, wird das Leben vielleicht wieder leichter.

Das Telefon schlug an. Der Wachhund fletschte die Zähne.
––„Hallo!“
––„Na, hast du schon auf mich gewartet? Heute wollen wir gemeinsam zum Höhepunkt kommen. Du bist doch bereit dafür, nicht? – Zuerst streichelst du deinen Bauch. Fühl deinen Bauch, taste ihn! Eine kreisende, erregende Bewegung. Ich spüre, wie es sich mir in der Hose spannt. Jetzt fährst du mit den Fingern an der Innenseite deiner Schenkel entlang. Tu es! Tu es! Ich öffne meinen Reißverschluss und hole ihn langsam heraus. Streich weiter an deinen Schenkeln, ja, das tut gut! Ich packe ihn jetzt ganz fest. Ich fühle, wie er in meiner Hand pocht. Geh mit deinen Fingerspitzen höher, noch höher. Du tastest Flaum, weiches Fleisch. Du merkst, wie deine Spalte feucht wird. Fahr mit einem Finger über die Ritze, ganz behutsam. Ich fühle dasselbe wie du. Ich fühle auch Feuchtigkeit. Ich könnte sogar schon schießen. Aber ich tu’ es nicht. Ich spüre nur, wie sich meine Hoden zusammenziehen, wie sie ganz klein und fest werden. Du wippst jetzt leicht auf deinen Backen, du ziehst sie zusammen und löst sie. Ganz leicht, ganz leicht nur. Du hebst dein Becken ein ganz klein bisschen in die Höhe dabei und stützt dich auf dem Rücken ab. Weiter. Weiter. Ja, das tut gut. Jetzt führst du den Mittelfinger an den Mund und machst ihn nass, schön nass. Und nun kreist du mit dem Finger um deine Schamlippen, ganz langsam, ganz, ganz langsam. Stell dir vor, es sei meine Zunge, die deine Schamlippen massiert und leckt, immer heftiger und heftiger. Und jetzt tastet sich meine Zunge weiter, tiefer hinein, tiefer. Das macht dich wild. Du spürst meine Zunge an deinem Kitzler. Du spürst, wie erregt meine Zunge wird, wenn sie deinen Kitzler leckt, und das macht dich so wild, dass du mehr brauchst. Ja, du brauchst jetzt mehr, viel mehr. Und jetzt lasse ich ihn in dich hineingleiten. Deine Scheide öffnet sich weit und lässt ihn einfahren. Ja, das tut gut. Du bist ganz ausgefüllt von ihm, du presst dich um ihn, du saugst dich fest. Dein Becken zuckt wild vor Erregung. Mein Glied ist hart und warm und wühlt dich durch, gräbt dich um. Deine prallen Brüste recken sich. Gleich kochst du über, du spürst es, du kannst dich nicht mehr beherrschen. Du fällst, du fällst. Und ich stoß’ zu und stoß’ zu und stoß’ zu …“
––Einen Schrei lang waren sie ganz dicht beieinander.
––Dann knackte es in der Leitung.

Sie liefen den Deich entlang.
––Der Wind drückte gegen ihre Rücken. Sausend schob er sie vorwärts und fegte an ihren Gesichtern vorbei. Zu beiden Seiten lag flaches Land. Das zottelige Gras, zu Boden gedrückt in rasender Bewegung. Ein kahles Gestrüpp, ein grauer Streifen Wasser. Darüber Himmel. Viel, viel Himmel. Fahl – wie reglos – ohne Schatten.
––Es puste ganz ordentlich, sagte Adelheid. Die nasse Kälte sei scheußlich. Ihre Finger seien klamm und ihre Füße wie abgestorben.
––„Magst du nicht mehr? Der Rückweg wird noch schlimmer.“
––Sie scheine das Wetter ja fast zu genießen. Dabei täte ihr diese Wanderung bestimmt nicht gut, wo sie gestern doch noch krank gewesen sei.
––„Lass uns ruhig noch ein Stück weitergehen! Ich bin schon wieder ganz in Ordnung.“
––Wie sie sich denn ihre Übelkeit überhaupt erklären könne. Seit sie so bewusst lebe, gäbe es doch Krankheit und Schwäche gar nicht mehr für sie. Adelheid lächelte sie vergnügt an.
––„Du hast ganz recht. Ich habe es etwas übertrieben. Ich war beim Essen hinter Nährwerten her wie manche Frauen hinter Männern.“
––Die hätten ja auch einen gewissen Nährwert.
––„Und dabei hab’ ich gar nicht gemerkt, dass ich die ganze Zeit über eigentlich von Dosennahrung und Konservierungsmitteln gelebt habe, was die geistige Nahrung anbetrifft.“
––Was sie denn plötzlich zu dieser Ansicht gebracht habe. Sie interessiere sich doch wirklich wie kaum ein anderer für Politik und Kultur. Gestern sei ein neuer Film von Stanley Kubrick uraufgeführt worden. Die Vorbesprechungen klängen sehr interessant: ‚Space Odyssee‘. Ein Mann sei in der Unendlichkeit des Weltraums verschollen und erlebe die Gleichheit von Makrokosmos und Mikrokosmos.
––Ihr fiel der Satz aus einem Seelsorgegespräch ein. „Meinst du, wie wir sind, hängt davon ab, was uns passiert?“
––Bis zu einem gewissen Grade sei das wohl so. Aber das Grundmuster bleibe immer gleich. Das sei von Geburt so bestimmt, auch wenn das Gegenteil zu behaupten gerade modern sei.
––„Meinst du? Dann gibt es kein Entrinnen?“ Sie hatte sehr leise gesprochen.
––Adelheid sagte, sie habe nicht verstanden, der Sturm sei zu laut.
––„Glaubst du, dass Menschen von Geburt her verschieden sind? Glaubst du, dass – zum Beispiel – Juden anders sind als wir?“
––Ob sie dabei an Robert dächte.
––„Es ist nur ein Beispiel.“
––Irgendwie anders seien sie schon. Als sie noch ein junges Mädchen war, wären eine Reihe von Juden im Bekanntenkreis ihrer Eltern gewesen, später natürlich nicht mehr, schrecklich. Juden seien oft unterhaltsamer als Deutsche, aber auch manchmal etwas destruktiv.
––„… als andere Deutsche“, verbesserte sie mechanisch.
––Wie sie denn Roberts Familie empfunden habe.
––„Langweilig und aufbauend.“
––Erst als Adelheid ihr forschend ins Gesicht sah, lächelte sie, als habe sie einen Scherz gemacht. „Robert kam erst nach Deutschland zurück, als er schon sechsundzwanzig war. Seine Eltern waren keine gläubigen Juden, sondern konvertiert. Von jüdischer Tradition hat er kaum etwas mitbekommen. Als wir uns kennenlernten, war er gerade vier Wochen hier. Er war meine große Liebe. Meine einzige.“
––Adelheid wollte sie nicht unterbrechen, und sie selbst wollte nicht weiterreden, aber sie tat es doch.
––„Ein Jahr später haben wir geheiratet. Gegen den passiven Widerstand meiner Eltern. Damals war Robert keine gute Partie. ‚Arm wie eine Synagogenmaus‘, sagte er von sich. Aber dann kamen die Währungsreform und die Entschädigung seiner Familie. Das war eine Basis, die sogar meine Eltern beruhigte. Dass Eltern das so wichtig ist! Dabei hätten sie uns im Notfall ohne Weiteres unterstützen können. Tja, die finanzielle Grundlage hat gehalten, die Liebe nicht. Wenn Robert selbstständig geblieben wäre, wäre das vielleicht besser für unsere Beziehung gewesen. Dabei hatte ich gedacht: Die feste Anstellung, das feste Gehalt – jetzt kann uns nichts mehr passieren. Vielleicht wäre ein zweites Kind gut gewesen. Aber Martin war schon mit Kaiserschnitt zur Welt gekommen, und danach war es aus.“ – Ihr fiel plötzlich ein, dass Robert im selben Jahr wie sie fünfzig werden würde. Allein alt werden – er ja nicht. – „Furchtbar! Ich habe Klischees immer gehasst: der fleißige, humorlose Deutsche; der amüsante, zersetzende Jude. Und jetzt bin ich selber ein Klischee: die wegen einer Jüngeren verlassene Ehefrau des erfolgreichen Geschäftsmannes. Die sitzengelassene Schickse.“
––Zwei Möwen gellten. Es klang wie hysterisches Gelächter.

Titel- und Abschlussgrafik mit Bildmaterial von Shutterstock: Velimir Zeland und Darya Chacheva (Frau vorn), Reviaka Ina (Frau hinten), Eric Isselee (Hund), lovelyday12 (Bäume), Sonja Filitz (Leuchtturm), Bernhard Klar (Deich), Roman Sigaev (Möwen)

Hanno Rinke Rundbrief

42 Kommentare zu “#16 | Am Deich

  1. Ich würde ja sagen die Grundzüge sind von Geburt festgelegt, aber den Rest bestimmen wir. Man kann sich nicht nur auf Schicksal und Vorbestimmung berufen.

      1. Die grundlegenden Charakterzüge sind von Geburt festgelegt. Was man aus seinem Leben und den Situationen in die man gerät macht, ist jedem selbst überlassen. So würde ich das sehen. Also tatsächlich eine Art Mischung aus beidem.

      2. Die Gene und die Umwelt. Das ewige Thema. Selbst bei gegebenem Charakter und Körperbau kann der Umwelteinfluss ins Kloster oder ins Gefängnis führen.

      3. Und bei allem spielt immer viel Zufall (oder Glück) eine Rolle. Sicher mist das mehr so, als man wahrhaben will.

      4. Das ist wohl richtig, und das Ärgerliche am Zufall ist, dass man ihn nicht planen kann. Wer hat 1910 mit dem 2.Weltkrieg gerechnet oder 1970 mit dem Internet? Alle Zukunftsplanung für die Katz. Aber planlos durchs Leben irren mag man auch nicht.

      5. Und wer hätte außer ein paar Wissenschaftlern wirklich mit Corona gerechnet? Oder damit, dass das ganze zwei Jahre dauern würde?

    1. Adelheid kenne ich noch von Tony Marshalls Gartenzwerg-Marsch und Evelyn Hamanns Fernsehrolle. Vielleicht muss sich die Figur in der Erzählung auch von diesen „Vorfahren“ freistrampeln.

      1. Allerdings spielt die Erzählung im Jahr 1968 😉 Adelheids Mörder kamen dann ja doch erst 25 Jahre später.

      2. Der Name soll koservative Bürgerlichkeit suggerieren. Ansonsten ist sie ja nur Stichwortgeberin.(Im nächsten Kapitel erklärt sie allerdings den Titel der Erzählung.)

  2. 50 Jahre später und Kubrick’s Space Odyssee ist immer noch ein aktuelles Werk. Zumindest für Cineasten und generell kunstinteressierte Menschen.

    1. Ich habe das Gefühl, dass der Film auch immer noch viel zitiert wird. Der gehört ja mittlerweile genauso zum Popmainstream wie Elvis, Marilyn oder Warhol’s Konserven.

  3. Mir gefällt an der Figur, dass sie durchweg Neues ausprobiert um ihrem Leben einen neuen Ruck zu geben. Davon könnten sich doch viele eine Scheibe abschneiden.

    1. Momentan bleibt es allerdings noch bei Pornos und Steak. Für einen einschneidenden Wechsel bräuchte es höchstwahrscheinlich andere Maßnahmen.

      1. In Ihrem Kopf geht ja mehr als das vor. Die Selbstversuche sind ja nur äußeres Zeichen.

      2. Porno und Steak sind ja als Maßnahmen bereits verworfen. Der Abstand zum Sohn ist neu, der Abstand zur netten Urlaubsbekanntschaft auch.

      3. Man braucht ja auch ab und zu solche kleinen Veränderungen im Leben um sich selbst zu zeigen, dass es auch für größere reichen kann. Es muss ja nicht beim Porno bleiben. Wird es im Fall oben ja augenscheinlich auch nicht.

      4. Im Leben wäre ich zurückhaltender. Bei der Erzählung lehne ich mich etwas weiter aus dem Fenster.

  4. Sicherlich eine verbreitete Sache: die finanzielle Grundlage hält, die Liebe nicht. Dass viele Eltern trotzdem auf das erste mehr Wert legen als auf das zweite bleibt verwunderlich.

      1. Nur manchmal verstehen die Eltern nicht ganz, was das Beste für das Kind ist…

      2. Dann kann ein Superstar später darauf verweisen, dass die Eltern damals lieber was Solideres gewollt hätten, wie Gitte bereits 1963 in ‚Ich will ’nen Cowboy als Mann‘ zum Besten gab.

      1. Ganz besonders ärgerlich wird es ja auch immer, wenn man feststellen muss, dass man selbst gar nicht so besonders ist, wie man erst dachte.

      2. Oha! Ja da wird die Generation, die von ihren Eltern nonstop erklärt bekommt wie „special“ sie sind, gehörig dran zu knabbern haben. Social Media tut ja ja ein übriges.

      3. Sich als etwas Besonderes zu empfinden, ist heute das Übliche: mainstream. Gleichzeitig sollen wir das diverse Geschlecht als etwas ganz Selbstverständliches einstufen. Schizophrenie ist massentauglich geworden.

      4. Vielleicht wäre der nächste Trend, dass wir uns alle nicht so wichtig nehmen. Das würde mir ganz gut gefallen.

      5. Oh, das sieht allerdings gerade nicht so aus, als ob die Fahnen in diese Richtung wehen.

    1. Ja und wohl jeder hat mit ihnen, ob bewusst oder unbewusst, Tag für Tag zu tun. Für viele sind sie ganz selbstverständlich, solange sie nur andere Personen betreffen. 🙂

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