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03 – Regen in der Wüste

#17 | Mücken

„Einen Juden gleich nach dem Krieg zu heiraten, das war nach all dem Entsetzlichen ganz ungewöhnlich, na ja, schon deshalb, weil es kaum noch Juden gab.“ Sie lächelte schwach, Adelheid sah mit angespanntem Gesicht geradeaus, in den Wind und in den Sinn ihrer Worte. „Jetzt, rückblickend, frage ich mich, ob noch etwas anderes als Liebe mit im Spiel war. Etwas gegen meine Eltern, gegen meine Vergangenheit Gerichtetes: Trotz. Und Naivität. Er war etwas Besonderes, aber vielleicht nur in meiner Fantasie. Ich glaube, ich wäre lieber zum jüdischen Glauben übergetreten, als Protestantin zu werden.“
––Juden seien zweifellos etwas Besonderes, sie würden sich ja auch nirgendwo richtig integrieren. Das sei bis zu einem gewissen Grade bewundernswert, aber doch auch gefährlich.
––„Ja, vor allem für die Juden selbst. Du hast eben gesagt, die gängige Meinung zurzeit ist, dass wir nur durch unsere Umwelt geprägt werden und nicht durch unsere Geburt – das glaube ich genauso wenig wie du. Aber wenn Martin aus seinen Studentenkreisen doziert: ‚Das Sein bestimmt das Bewusstsein‘, dann ist da schon was dran.“ Sie sah auf ihre Schuhe. Heute Nachmittag würde sie sie gründlich putzen müssen. „Ich glaube, dass sich im Bewusstsein von uns allen etwas verändern muss. Vielleicht bin ich schon zu alt dafür. Vielleicht auch nicht. Niemand kann etwas dafür, in welcher Haut er steckt. Niemand kann etwas dafür, als was er geboren worden ist.“
––Das stimme schon. Die Mücke könne auch nichts dafür, dass sie als Mücke geboren worden sei, und trotzdem würde man sie erschlagen, wenn sie sich auf die Haut setze.
––Sie blieb stehen. „Du willst aber doch nicht Juden und Mücken miteinander vergleichen?“

„Weißt du eigentlich, was es heißt, in diesem Land Jude zu sein? Noch vor einem Jahr haben die Deutschen behauptet, wir seien Parasiten und saugten ihnen das Blut aus dem Leib, und das gab ihnen das Recht, Millionen von uns barbarisch umzubringen.“
––„Ich weiß ja. Ich weiß. Ich kann das nicht ungeschehen machen. Nicht alle Deutschen haben das behauptet, und du bist nicht tot. Ich werde dich heiraten. Was willst du noch von mir? Ihr seid doch nicht zurückgekommen, um anzuklagen, sondern um hier zu leben. Mir ist nie etwas Schlimmes passiert, nicht mal im Krieg. Ein Vetter von mir, den ich nie habe leiden können, der ist gefallen, und ein paar Wochen lang hatten wir kein Fleisch zu essen. Das war’s. Bin ich deshalb schlechter als die Verwundeten und die Toten?“
––„Ist das alles, was du dazu zu sagen hast? Manchmal denke ich, du wirst es noch mal schwer haben im Leben, aber ich hoffe, ich irre mich.“

Natürlich wolle sie nicht Juden mit Mücken vergleichen. Sie wolle damit nur ausdrücken, dass man mit seiner Herkunft, mit seinen Anlagen zu leben und zu leiden habe, ob man dafür könne oder nicht. Das, was unter bestimmten Umständen nutze, könne einem unter anderen Umständen zum Verhängnis werden. Ein General, vor dem alle strammstünden, sei in einer anderen Umgebung vielleicht ein armes Würstchen. Als Weißer nachts in Harlem rumzulaufen sei fast so gefährlich wie als Schwarzer zum Ku-Klux-Klan zu gehen. Blasse Haut könne als Schönheitsideal und zehn Jahre später als Schönheitsfehler angesehen werden. Das sei nun mal so.
––„Ja, und genau mit diesem ‚Das-ist-nun-mal-so‘ können sich viele Studenten heute nicht mehr abfinden.“
––Ob sie etwa denen, die auf der Straße randalierten, das Wort reden wolle.
––Eigentlich wollte sie das nicht, aber erst recht nicht wollte sie länger über dieses Thema sprechen. „Morgen fängt die Karwoche an. An Ostern mag ich gar nicht denken.“
––Was sie daran schrecke.
––Sie zögerte. „Das Alleinsein. Das heißt, nein, das ist es eigentlich nicht. Wir unternehmen einiges in der Gemeinde. Karfreitag gehe ich in die Johannes-Passion, die Zeit wird schon rumgehen.“
––Sie habe ihr ja mehrfach zugeredet, mitzukommen nach Lissabon. Jetzt sei es natürlich zu spät.
––„Ach, mit dir bin ich überall gerne zusammen. Aber was soll ich in Lissabon?“
––Lissabon müsse eine hochinteressante Stadt sein. Wenn sie so zu reden anfange, könne sie gleich fragen, was sie überhaupt auf der Welt solle. Das Wichtigste sei immer, Neuem gegenüber offen zu bleiben.
––„Portugal braucht etwas Neues. Wie lange soll Salazar da noch regieren? – Ich will nichts Neues. Ich will das Alte zurück. Trotzig und naiv …“ – Sie wich seitlich einer Pfütze aus, die sie mit einem großen Schritt auch hätte überschreiten können.
––Sie lebten doch in einer so aufregenden Zeit, sagte Adelheid. Was da im Augenblick in der Tschechoslowakei geschehe, das könne ihrer aller Weltbild verändern.
––„Ich weiß nicht. Nachher endet es nur wieder wie in Ungarn: Die Russen lassen sich nicht so schnell vertreiben.“
––Warum sie in letzter Zeit nur immer alles so negativ sähe. Gerade durch Elisabeth habe sie, Adelheid, im vorigen Jahr, als es ihr so schlecht gegangen sei, ihren Glauben an die Zukunft zurückgewonnen.
––Sie blieb wieder stehen. Nach einem weiteren Schritt blieb auch Adelheid stehen.
––„Ich habe Angst, dass mir meine Familie fehlen wird. Und nichts anderes tritt an die Stelle, da ist nur Lücke.“
––Warum sie nicht zu ihren Eltern führe.
––Sie gingen weiter.
––„Die sind bei meiner Schwester und ihrer Familie. Sie repräsentiert die heile Welt, ich die heillose. Mein Vater hatte es mir ja vorausgesagt.“
––Nun übertreibe sie aber. Alles, was sie leiste, alles, was sie hätte. Manchmal käme ihr das beinahe schon zu wohldosiert vor.
––„Adelheid, ich bin diese Woche in ein Tief gerutscht. Plötzlich habe ich gedacht: Mein Leben pendelt nur zwischen Jogurt und Yoga hin und her, ohne von der Stelle zu kommen.“
––Der umspringende Wind hatte ihnen Tränen in die Augen getrieben. Eine Krähe segelte lautlos über ihren Köpfen. In der Ferne zeichneten sich die Umrisse der Zementfabrik ab, einen Bart von Rauch am Schornstein.
––Was solle sie, Adelheid, darauf sagen? – Sie habe doch ein ausgefülltes Leben. Aber manchmal nutze das nichts. Mit dem Leben sei es wie mit dem Sex. Ein Triebloser könne den Sinn nicht verstehen. Wer nie Lust empfände, würde die ganze Aufregung nicht begreifen und starre ratlos auf die Geschäftigkeit der anderen. Patentrezepte gebe es nicht. Weder Yoga noch Kirche seien zuverlässig. Man müsse sich entweder selbst wieder ankurbeln oder abwarten. Dann käme es manchmal ganz plötzlich über einen – wie Regen in der Wüste.
––„Regen in der Wüste?“
––Ja, darüber habe sie neulich gelesen. Es gäbe Nächte, da regne es in der Wüste. Und dann sei dort am Morgen alles grün und übersät mit Blüten.
––„Und mittags?“, fragte sie.
––Adelheid zögerte einen Augenblick. Mittags, so habe sie es jedenfalls gelesen, sei nichts mehr davon übrig. Nur Sand.
––„Lass uns umkehren!“
––Der Wind pfiff wütend um ihre Haare und peitschte ihnen wie Ohrfeigen ins Gesicht.
––Sie gingen geduckt.
––„Blümchen, Tierchen, Kinderchen, das Leben ist belanglos.“
––Was sie gesagt habe?, schrie Adelheid.
––„Nichts“, schrie sie zurück, „nur ein Abzählreim.“

Titel- und Abschlussgrafik mit Bildmaterial von Shutterstock: Velimir Zeland (Frau im Mantel/re.), Reviaka Ina und faestock (Frau im Mantel/li.), warat42 (Wolken), studiovin (Fabrik), Polglish.pl (Landschaft), Pooja kumaris (Rauchwolke), xpixel (Sand)

36 Kommentare zu “#17 | Mücken

  1. Dieses ‚Das-ist-nun-mal-so‘ scheint mir auch nicht schlüssig zu sein. Das ist ja meistens ein Kommentar, der entweder aus Unwissen oder Faulheit gesagt wird.

    1. Anscheinend ergrünt durch den Klimawandel bedingt langsam sogar die Sahara wieder. Zumindest in den südlichen Gebieten. Grüne Wüsten müssen also nicht ganz unrealistisch sein 😉

    2. Dieses Phänomen, der nach einem ergiebigen Regen zu einen blühenden Garten werdenden Wüste, gibt es tatsächlich. Ich habe vor Jahren eine sehr beeindruckende Dokumentation darüber gesehen.

  2. Ein Leben zwischen Joghurt und Yoga – richtig aufregend klingt das natürlich nicht. Aber gleichzeitig frage ich mich ja auch, wer uns eigentlich eintrichtert, dass alles was wir tun immer ein größeres Ziel oder einen höheren Sinn haben muss. Vielleicht muss man einfach auch mal loslassen, genießen, und zufrieden sein.

    1. Wer sich festgefahren fühlt, der braucht Veränderung. Wer im Yoga Erfüllung findet, der ist glücklich. Jeder muss seine eigenen Wege finden, nicht?

      1. Wohl auch Mentalität. Die einen können wunderbar in den Tag hineinleben, die anderen brauchen eine Aufgabe, um zufrieden zu sein.

      2. Während den ersten Corona-Monaten konnte man diese Unterschiede ja ganz gut beobachten. In meinem Bekanntenkreis zumindest.

      3. Ich glaube ja fast nicht daran. Die Menschen können sich zwar gelegentlich anpassen, aber in ihrem generellen Verhalten bleiben sie doch meistens gleich.

  3. Ich will das Alte zurück. Hahaha. Dieser Satz fällt wieder und wieder, in jeder Generation. Obwohl es doch langsam allen klar sein müsste, dass das Alte nicht wieder kommt. Und selbst wenn, dass das Alte im neuen Zusammenhang eben nicht mehr das Alte ist.

      1. Vielleicht ist das auch ein bisschen die Unfähigkeit am Leben in der Gegenwart teilzuhaben.

  4. Ein schwieriger Vergleich, aber man wird auch keine viel besseren finden. Dafür ist das Thema zu schrecklich und zu komplex.

      1. Vergleiche, genau wie Übertreibungen, sind doch ein gutes Mittel um auf einen Umstand hinzuweisen. Oft vergessen die Zuhörer oder Leser nur, dass es sich eben um einen Vergleich oder eine Übertreibung handelt. Dann beginnen die Missverständnisse.

    1. Der Text referenziert ja die Nazi-Zeit. Damals hat die Abstammung gereicht um ein Opfer dieser kranken Ideologie zu werden. Man konnte nicht einfach aus der Kirche austreten um eine Verfolgung zu vermeiden.

      1. Mit der ‚Logik‘ der Rassengesetze schon. Nach dem Untergang des ‚Dritten Reiches‘ gab es dann in der DDR keine Argumente mehr gegen den ‚Marxismus-Leninismus‘. Die Partei hat immer recht.

    2. Die Religion oder Religionslosigkeit wird ganz sicher in der Kindheit vermittelt. Aber mehr als je zuvor kann man sich – im Westen! – von diesen Vorgaben lösen.

      1. Der Westen macht es mittlerweile relativ einfach die Religion zu wechseln oder gar ganz aus der Kirche auszutreten. Die Familie macht es aber mitunter weitaus schwerer.

      2. Ahhh, das Loslösen von der Familie fällt (mir zumindest) allerdings weitaus schwerer, als die Abkehr von der katholischen Kirche. Da verbindet einen ja dann doch nochmal etwas mehr. Auch wenn es manchmal wirklich schwierig ist.

      3. Die enge Familie bedeutet den meisten Menschen viel. Die Verwandtschaft der Onkel und Tanten haben in unserem Kulturkreis weniger Bedeutung als zu Zeiten der Fugger und Medici. Für Mafia-Strukturen sind sie nach wie vor erheblich.

  5. Vielleicht ist das Leben sogar belanglos. Und solange man sich eine gute Zeit macht, ist das vielleicht auch gar nicht so schlimm.

      1. Und natürlich nicht zuletzt in der Freude anderer. Das bedingt sich ja im besten Falle gegenseitig.

      1. Darum klingen Selbstfindungs- und Lebensratgeber auch immer so platt. „Die Dinge positiv sehen“ hilft aber trotzdem.

      2. Positivität ist grundsätzlich nichts schlechtes. Dinge realistisch einzuschätzen reicht manchmal aber auch schon.

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