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03 – Regen in der Wüste

#13 | Stimmen

Das Telefon klingelte.
––Sie hatte ihr Zeitgefühl verloren.
––„Hallo!“
––„Ja?“
––„Martin, so etwas lässt sich nicht einfach mit einer Entschuldigung vom Tisch wischen!“

Die Scheiße liegt ja schon meterhoch auf dem Tisch, Frau Fischer!

„Du hast es nicht so gemeint? Du hast es genauso gemeint, wie du es gesagt hast. Und du hast vielleicht sogar recht damit. Aber ich brauche Zeit, es zu verarbeiten.“

Die Scheiße liegt ja schon …

„Ich muss damit erst fertig werden. Weißt du, jeden Abend, wenn ich nach Hause gekommen bin, hab’ ich mich danach gesehnt, mit dir zu sprechen. Aber mehr als diese inhaltslosen Gespräche am Dienstagabend …“
––„Doch, Martin, sie waren inhaltslos, mehr gab es eben nicht. Und jetzt rufst du schon den dritten Abend hintereinander an, aber ich kann mich darüber nicht freuen.“
––„Nein, es ist vielleicht gar nicht deine Schuld. Ich muss einen neuen Standpunkt finden. Endlich habe ich angefangen, mich zu lösen. Das ist ein sehr schmerzhafter Prozess, wenn man so verwurzelt ist wie ich.“
––„Aber Martin, was willst du denn?“
––„Ach wo! Ich will dir sagen, was du willst: Du willst, dass ich bleibe, wie ich bin, und mich dafür von dir zerpflücken lasse. Aber das hättest du dir eher überlegen müssen. Dafür bist du einen Schritt zu weit gegangen. Es hat zu weh getan.“
––„Entschuldige dich nicht schon wieder! Damit machst du es erst recht schlimm. – Vielleicht muss ich dir sogar dankbar sein. Macht kaputt, was euch kaputtmacht! Das ist doch eure Parole? Vielleicht sollte ich auch danach handeln.“
––„Nein, ich bin nicht zynisch. – Du siehst, wir verstehen uns zurzeit nicht richtig. Schreib mir doch mal! Wie wäre das? Vielleicht funktioniert das besser. Eine Stimme kann täuschen. Die Schrift nicht.“
––„Ich bin nicht fremd. Und wenn ich anders sein sollte, das wolltest du doch.“
––„Ich glaube, es hat keinen Zweck. Wir verstehen uns nicht. Lass uns beide Abstand gewinnen! Du bist mein Sohn, und ich liebe dich sehr. Wir werden eine neue Basis finden. Aber lass mir ein bisschen Zeit, bitte!“
––„Was?“
––„Wo?“
––„Schrecklich! Ich werde die Nachrichten anstellen.“
––„Ja. Gute Nacht!“
––Sie starrte auf die flimmernden Bilder. Martin Luther King war in Memphis ermordet worden. Grauschattierungen huschten über die Mattscheibe. In Frankfurt hatten mutmaßlich Mitglieder der Außerparlamentarischen Opposition zwei Kaufhäuser in Brand gesetzt.
––Äschert ein, was euch einäschert: Sylter Nachtklubs, Frankfurter Schränke, Schwarzwälder Kirschtorten. Prager Schinken, Bonner Politiker, kanarische Erinnerungen.

Ach, es war alles schrecklich, aber sie war nicht unglücklich. Auf eine schmerzhafte Art war sie sogar zufrieden. Sie würde sich ihr kleines Stück Eigenleben erkämpfen und bewahren. Abseits der Familie, abseits der Gemeinde, abseits des Berufes; abseits … „Othello, du schläfst heute Nacht in deinem Körbchen! Doch! Nein, Othello, nicht ins Schlafzimmer!“ Sie schob den Kater mit einem sanften Schubs auf den Flur und schloss die Tür. Wieder ein kleiner Triumph, und doch: Exempel werden immer an denen statuiert, die sich am wenigsten wehren können.

Sie lag im Bett und wartete. Das Telefon auf dem Nachttisch. Sie gestand es sich offen ein, dass sie wartete. Ohne Freude, ohne Furcht. Aber: Sie wartete.

Wieder Haut spüren, Atem. Nicht nur eine Stimme, die nicht mal sie selbst meinte. – Nicht gemeint sein und trotzdem Lust empfinden, war das ein Reiz? Sie wartete. Bis das Klingeln ihr Ohr kitzelte. Sie griff nach dem Hörer, schob ihn unter ihr Gesicht und legte sich mit dem Ohr auf die Muschel. Die Worte gurgelten und gluckerten auf sie ein. Ein geschwätziger Wildbach. Worte fingerten nach ihr, in ihre Haare, ihre Hautfalten, schlichen sich durch sie hindurch, legten Strom an ihre Adern. Worte wie Elektroschocks, Kindheitsblitze … Verbotene Spiele, Strafen, Wiederholungen. Reue, Buße … Versuchung, Sünde.
––Ein Schwebezustand, aufpulsend: marmorne Hitze – wattige Kälte, glatt-stumpf, hart-weich. Etwas brach auf, schoss ihr entgegen, spülte sie fort, riss sie weg, strudelte sie unter, saugte sie auf, ganz auf.
––Auf.
––Es knackte in der Leitung.
––Das ruckartige Stocken der Bewegung machte sie nüchtern. Ich habe meine Identität gefunden: als klimakterisches Callgirl. Ein Callgirl, besonders zu empfehlen für R-Gespräche: Sie zahlt gern drauf.
––Schon siebenundzwanzig war sie gewesen, da hatte ihr Vater sie noch ‚trotzig und naiv‘ genannt. Genau genommen war sie immer noch so hilflos wie damals – und sie versuchte immer noch, wie damals, ihre Hilflosigkeit wegzureden.

Freitag, den fünften April

Ob er ihr helfen solle, fragte Herr Friedemann und verschwand bereits, während er fragte, im Nebenraum.
––„Es geht schon.“ Behutsam hängte sie den venezianischen Spiegel an seinen Nagel zurück. Ein goldener Rahmen, darin ein Anblick. Ein Gesicht: ihr Gesicht. Gesicht wird Fläche, Stimme wird Schall. Und Rauch? Brandopfer. Wie mochte der Mann hinter der Stimme aussehen? War diese Stimme eigentlich so wie die Worte, die sie transportierte? – Nein. Nein, die Stimme war eher schön. Eine Fuhre Jauche im Mercedes. Kot-Flügel. Aber wie war der Mann? Ein Adonis? – Kaum. Ein skurriles Original? Eine miese Fälschung? Und wie sah er sie? Sah er sie überhaupt? Wie sah sie selbst sich?

Nächstes Jahr werde ich fünfzig. Die vielen einsamen Frauen. Ist es wirklich so viel besser, eine Familie zu haben? Und sich aufzugeben, wenn es nicht Erfüllung ist. Fünfzig: Was ist dann vorbei; was fängt dann an? Noch sehe ich ‚attraktiv‘ aus. Doch. Hinter der etwas betulichen Fassade schimmert noch das Katzenartige, das ich der Familie geopfert habe. Ein Kainsopfer. Der Rauch treibt mir die Tränen in die Augen. Was liegt in diesem Gesicht? Was kann ich daraus machen? Rasse, Klasse, Stil – nein, das wäre genau wieder das Verkehrte, das trüb gewordene Fahrwasser, das ausgelaugte Klischee, von dem ich wegmuss. Wohin? – Weg! Sie riss sich gewaltsam los – und hatte das Gefühl, sie hinterließe eine Wunde im Spiegel.

Sie ging durch das Drehkreuz. Kein schönes Gefühl, wenn man weiß, dass man nicht wieder zurückkann. Kaufhausbrand. Sie legte die Apfelsinen aus dem Sonderangebot in ihren Wagen.
––Die Früchte kullerten gegen das Gitter. Fahrbares Gefängnis für Nahrungsmittel. Wärterinnen schoben durch alle Gänge.
––Sie ging zum Gemüse-Stand: schuppige Artischocken, auseinanderfächernde Endivien, pralle Tomaten, bauchige Auberginen mit fester, glatter Schale, Maiskolben, Gurken. Ihre Hand tastete. – Von besonderer Qualität. Reif und fest.
––Den Wagen füllen, vollpacken, nachstopfen.
––Sie nahm ein Bund Radieschen und ging weiter, am Frischfleisch vorbei. Sie blieb stehen. Kainsopfer. „Ich hätte gerne ein Rumpsteak.“
––Sein Kittel war blutverschmiert. Er grapschte in die Auslage. „Sollen Sie kriegen, meine Dame.“

Sie ging zurück in ihr Geschäft. Die Hand um den Griff gekrampft, als würde es gleich zu zappeln anfangen in der Plastiktüte. Umso unverfänglicher streiften ihre Augen an den Schaufenstern entlang. Noch nie war ihr aufgefallen, dass ein Porno-Laden auf ihrem Weg lag. Halb absichtslos glitt ihr Blick ins Innere.
––Herr Friedemann saß am Schreibtisch. Er hob den Kopf, als sie kam. Da sei sie ja. Frau Höhnemann habe nach ihr gefragt.
––„Danke!“
––Er sah auf ihre Tüte. Ob sie da wieder ‚Lebens-Mittel‘ drin habe, in des Wortes niederschmetterndster Bedeutung.
––„Ja!“, sagte sie und freute sich, dass es gelogen war.

Titel- und Abschlussgrafik mit Bildmaterial von Shutterstock: Pitchayarat Chootai (Einkaufstasche), matike (Sideboard), ppart (Spiegelrahmen)
, lolloj (Teppich), LesPalenik (Fernseher), Triff (Rauch), Dean Robot (Frau), vectorfusionart (Boden)

37 Kommentare zu “#13 | Stimmen

  1. Man kann mit Familie einsam sein und alleine glücklich. Jeder muss für sich selbst entscheiden und entsprechend leben.

      1. Haha, zum Glück! Wer seine Lust komplett verantwortungsvoll durchplanen möchte, der sucht sich am besten seinesgleichen oder wird (wahrscheinlicher) alleine glücklich werden müssen.

  2. Mittlerweile verstehe ich ein bisschen besser warum sie zu Beginn der Erzählung ihre Nummer herausgegeben hat.

    1. Die Tatsache, dass man das Gesicht zur Stimme nicht kennt, macht die Situation ja noch aufregender. Ich bin fast sicher, dass sie die Anrufe beenden würde, wenn sie die Identität des Anrufers herausfände.

      1. Ach Freud ist mittlerweile doch ein wenig passé. Unabhängig davon scheint die Verkäuferin das Herausgeben der Nummer bisher nicht besonders bereut zu haben.

      2. Am Anfang bereute sie noch ein bisschen, mittlerweile liegt sie im Bett und wartet auf die Anrufe.

    1. Aus meiner Erfahrung gibt es immer am wenigsten Missverständnisse, wenn man die Person vor sich hat. Aber Briefe sind natürlich auch nochmal etwas ganz anderes als SMS.

      1. Andererseits kann man sich im Geschriebenen vielleicht überlegter ausdrücken, als wenn man aufgeregt voreinander steht.

      1. Und selbst die Lügendetektoren funktionieren nicht zuverlässig. Wir sind also ziemlich aufgeschmissen.

    1. Die arme Frau Fischer anscheinend auch. Man bekommt langsam das Gefühl es wird erwartet, dass sie nicht nur den Staub, sondern auch die familiären Probleme wegwischt.

    2. Ein ’sanfter Schubs‘ für den Kater und eine symbolische Assoziation mit Unaufgeräumtem während des Telefongesprächs scheinen mir mehr über den Seelenzustand der überforderten Protagonistin auszusagen als über schlechte Behandlung ihrer Umwelt durch sie.

      1. Sie will es doch vom Kater bis zum Chef allen recht machen, beraten, helfen, sich weiterbilden, gesund leben – mehr geht nicht, oder?

      2. Meistens macht man es den Menschen ja sogar eher recht, wenn man mit sich selbst im Reinen ist und entsprechend handelt. Oder ist das naiv gedacht?

      3. Ah nein, umdrehen kann man das natürlich nicht. Ich dachte vielmehr, wenn man es versucht jemandem recht zu machen ohne selbst so richtig überzeugt zu sein, dann ist das Ergebnis oft nicht befriedigend. Für keine der beiden Seiten.

      4. Manche Befehlsgeber wollen nichts als Gehorsam, und immer noch wollen manche Menschen lieber gehorchen als nachdenken. Nicht nur alte weiße Männer.

  3. Ich finde die Bemerkung „Du willst, dass ich bleibe, wie ich bin“ ganz interessant. Ist es nicht oft so, dass man gar nicht so ist, wie das Gegenüber denkt? Dass das nur eine Illusion bzw. eine Wunschvorstellung ist?

    1. Sie unterstellt ihrem Sohn ja, dass sie bleiben soll, wie sie ist, damit er sie ‚zerpflücken‘ kann, er ihn also beweisen kann, wieviel lebenstüchtiger er ist. Dass sie ein anderes Bild von sich hat als ihre Umgebung ist klar, nur gerät ihr Selbstbild gerade aus den Fugen.

      1. Am Anfang dachte ich, man müsste Mitleid mit ihr haben. Mittlerweile finde ich genau dieses ‚aus den Fugen geraten‘ spannend. Diese Momente, wo man sich neu findet oder neu erfindet, sind doch eigentlich sehr wertvoll.

      2. haha, das sind da ja schonmal düstere ausblicke auf die kommenden kapitel. unsere seelsorgerin / telefonsexfreundin hat wohl keine so freudige entwicklung vor sich.

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