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03 – Regen in der Wüste

#15 | Geschmackszerstörer

Sie überlegte mit geschlossenen Augen. Vom Meer hatte sie geträumt, von Felsen, sie schwebte über getrockneten Salzlachen und Distelgewächsen, eine schaukelnde Bewegung, ein Tretboot, die Hängematte in ihrem Garten, als sie noch zusammen in Nienstedten gewohnt hatten. Herr Friedemann versuchte, ihr eine Flötenvase in den Mund zu schieben. Sie wollte sagen: ‚Hören Sie doch auf damit!‘, aber es war ein Knebel, sie brachte keinen Ton heraus, und ein Schatten beugte sich über sie, schweigend. „Wer ist das? Sie müssen sich doch an ihn erinnern können!“, sagte Frau Fricke. Ihre Kuchengabel klirrte. „Er hat mir viel von Ihnen erzählt.“ Sie richtete sich auf und sah dem Mann ins Gesicht. Es war Robert. „Jetzt darfst du nie wieder weggehen“, sagte er. Ich brauche dich doch. Aber der Wind hob sie auf, trug sie fort und sie flog, eine Aubergine im Arm, davon.

Es ist schön zu träumen. Auch schreckliche Träume sind schön oder schillernd oder zumindest ein Stück Leben, Innenleben. Menschen, bekannte und unbekannte, in mir verschlossen, preisgegeben meiner Fantasie. Gefahrlose Abenteuer, risikolose Tollkühnheiten. Ein Widersinn: Abbild ohne Wirklichkeit. Bekleideter Akt. Wie ihr Telefonpartner: ein paar Minuten Grauen und Lust, ohne Einsatz – ohne Namen, ohne Folgen. Ein Männertraum, der in finstere Verstecke treibt. Bin ich zufrieden damit? – Nein, aber es gefällt mir.

„Scheiße!“, zischte sie. Sie hatte sich beim Staubwischen am Sekretär gestoßen. Der Klang des Wortes blieb in ihrem Ohr haften. Wie hatte sie das über die Lippen gebracht? Als kleines Mädchen hatte sie sich richtiggehend gefürchtet vor diesem Wort. Es lag eine Bedrohung darin, etwas Verbotenes. Sie hatte es in ihrem Leben höchstens drei- oder viermal ausgesprochen, mit Überwindung. Eine tief verwurzelte Abneigung machte es ihr unmöglich, das Wort ohne Widerwillen zu hören. Dabei stellte sie sich, wenn das Wort fiel, nicht etwa Exkremente vor, sie stellte sich gar nichts vor, aber ein Tabu war gebrochen, und das löste – immer noch – einen Schock in ihr aus. Dahinter aber lag ein Reiz. Eine Lust. Es wurde ihr plötzlich bewusst, dass der Schauder nicht nur erschreckend war, wenn sie Handwerker fluchen hörte. Und wenn die Jungen sie als Kind gequält hatten mit ihren Ausdrücken – es war nicht nur abstoßend gewesen.

„Bitte, Robert, wenn du schon auf mich keine Rücksicht nimmst, denk wenigstens an Martin!“

„Martin, solange du in meinem Haus lebst, verlange ich ein Mindestmaß an Achtung. Diesen Ton verbitte ich mir ganz entschieden!“

Gedanken einer Frau, die ‚Scheiße‘ hört. – „Scheiße!“, dachte sie. Sie flüsterte es. Sie zwang sich dazu. Sie sprach es leise aus. Etwas lauter. Noch etwas lauter. Sie schrie es. Sie brüllte: „Scheiße, Scheiße, Scheiße! Es ist alles eine ganz gottserbärmliche Scheiße!“
––Othello verschwand mit einem Satz unter der Anrichte.
––„Du auch – du Scheißvieh!“

„Was sagst du da? Das ist nicht dein Ernst!“
––„Doch, Papa.“
––„Es ist höchst ungewöhnlich, dass ein Katholik evangelisch werden will. Dass ein Protestant katholisch wird, so etwas kommt viel häufiger vor.“
––„Was willst du damit sagen, Papa? Dass ich etwas Besonderes tue – oder dass ich ein schwarzes Schaf bin?“
––„Wozu soll dieser Wechsel gut sein?“
––„Du redest von der Konfession wie von der Straßenseite, aber ich will es dir erklären: Ich glaube nicht an die Himmelfahrt der Heiligen Jungfrau, ich glaube nicht daran, dass wir bei der Kommunion Christi Fleisch essen, und ich halte das Zölibat für überflüssig. Vor allem: Robert ist evangelisch. Wir werden evangelisch heiraten und unsere Kinder protestantisch erziehen.“
––„Ich denke, Robert ist Jude – wogegen ich nichts habe.“
––„Ach, das beruhigt mich aber!“
––„Du verstehst mich falsch …“
––„Papa, findest du nicht, dass es Zeit wird, dass ich endlich mal eine eigene Entscheidung treffe? Soll ich bis an mein Lebensende eine wohlbehütete Tochter bleiben, willst du das?“
––„Elisabeth, das bringt doch nichts.“
––„Ach, Papa! Was bringt denn etwas?“
––„Für mich ist das nicht so leicht, damit fertig zu werden. Du hast völlig recht, man wechselt die Religionen ja nicht wie die Straßenseite.“
––„Also, bevor wir zu irdischeren Dingen kommen, lass uns das erst mal klären: Roberts Urgroßeltern sind schon evangelisch geworden. Seine Eltern hatten das richtige Gespür und das nötige Geld und sind 1936 mit ihm ausgewandert. Dafür, dass man sie hier nicht haben wollte, mussten sie auch noch Reichsfluchtsteuer zahlen. Aber nach dem Krieg sind sie zusammen wieder zurückgekommen, was ich unglaublich finde. Nach allem, was sie durchgemacht haben! Ich bin immer verschont geblieben – von allem: 1933 war ich vierzehn und hatte das richtige Herkommen. Falsch wählen konnte ich auch noch nicht. 1939 war ich zwanzig und hatte das richtige Geschlecht: Ich brauchte nicht in den Krieg zu ziehen. In meiner Klasse und unter meinen Freunden hat es keine Verfolgten gegeben, die ich hätte schützen können oder vor deren Not ich hätte die Augen verschließen müssen. Ich lebe mehr oder weniger noch in meinem Elternhaus, wo soll ich auch sonst leben? Alles liegt in Trümmern, nur unser Haus blieb wie immer verschont. Es ist wie ein Witz.“
––„Robert und seine Eltern wurden sicher auch angemessen entschädigt. Sonst wären sie nicht gleich zurückgekommen.“
––„Was willst du damit sagen?“
––„Dass ich froh bin, dass in diesem Fall Unrecht so schnell wiedergutgemacht werden konnte.“
––„Wie kannst du elf Jahre wiedergutmachen? All das Leid, die Verfolgung, die …“
––„Hör auf! Vielleicht hab’ ich mich nicht richtig ausgedrückt, aber du weißt, wie sehr ich – von Anfang an! – gegen Hitler war. Wir waren immer ‚Zentrum‘. Also dreh mir nicht das Wort im Munde herum!“
––„Ja, ich weiß, ich weiß. Und niemand konnte etwas tun, ich weiß … Wir werden uns jedenfalls evangelisch trauen lassen. Ich war immer die einzige Katholikin in der Klasse, es wird also für mich keine große Umstellung sein, als Protestantin in eine jüdische Familie einzuheiraten – die ewige Außenseiterin.“
––„Du kultivierst das! Ich denke, sie sind selber evangelisch. Geworden. Wie so viele preußische Juden im vorigen Jahrhundert. Die Mendelssohns zum Beispiel.“
––„Ja, Mendelssohn! Felix hat sogar eine Reformationssinfonie geschrieben, und ich singe bald jiddisch: Bei mir bistu shein, bei mir bistu shein!“
––„Elisabeth! Was soll denn das? Du wirst immer gleich so ausfallend! Angelika ist ganz anders als du.“
––„Dann sei froh! Wenn du Glück hast, dann wird deine bravere Tochter sogar Nonne. Nur: Wer heiratet dann die Söhne deiner Geschäftsfreunde, wenn sie aus der Kriegsgefangenschaft zurückkommen?“
––„Elisabeth, du bist trotzig und naiv. Mit siebenundzwanzig! Ich mache mir Sorgen um dich.“

Die Kartoffeln brodelten, schön geschält, im Topf.

Man soll Kartoffeln nie schälen, sie sollten mit der Schale gekocht und mit der Schale gegessen werden.

Sie gab Butter in die Pfanne.

Butter ist ein Milchprodukt, das wegen des hohen Anteils an Fett zu meiden ist. Sie finden im Reformhaus viele Margarinesorten, die viel bekömmlicher sind.

Es ist unklug, Fleisch, ganz gleich welcher Art, zu verzehren. Es sollte nur selten oder gar nicht gegessen, vor allem aber nie gebraten werden.

Sie wendete das Steak. Auf der Unterseite war es schon knusprig braun.
––Othello schnurrte aufgeregt.

Gewürze sind Geschmackszerstörer. Vermeiden Sie zumindest den Gebrauch von scharfen Gewürzen, denn sie irritieren das Verdauungssystem und können sogar den ganzen Organismus durcheinanderbringen.

Sie schüttete kräftig Pfeffer über das Fleisch, stellte den Teller auf das Tablett und ging ins Zimmer.
––Der Kater war fast außer sich.
––„Du denkst, nur du könntest Fleisch essen, was? Aber ein abartiger Pflanzenfresser wie ich schafft das auch.“ – Es schmeckte ihr grässlich. Sie würgte das Steak mühsam herunter. Blut schwamm auf dem Teller.

Es ist ihre eigene Angelegenheit, was für Sie natürlich ist. Die Antwort liegt für Sie darin, dass Sie nicht gegen etwas angehen, das für Sie natürlich ist, sondern dem normalen Selbstbewusstsein nachgeben, das Sie dazu veranlassen wird, auf die natürlichen Forderungen einzugehen.
––Das tat sie. Sie ging zum Klo und übergab sich. Trotz aller schlechten Vorsätze war der Versuch misslungen. Auch Verworfenheit braucht ihre Zeit.

Titel- und Abschlussgrafik mit Bildmaterial von Shutterstock: Josep Curto (Frau), Eric Isselee (Kater), Berg Dmitry (Kühlschrank), veronawinner (Teller mit Besteck), gorra (Tisch), marcovarro (Herd), Evannovostro (Fliesen), Dreamprint (Stühle), matike (Lampe), Berg Dmitry (Kühlschrank), GCapture (Kartoffeln), Hong Vo (Butter), MaraZe (Steak)

38 Kommentare zu “#15 | Geschmackszerstörer

      1. In der Geschichte wird das natürlich wunderbar überspitzt dargestellt, aber diese Sucht nach vermeintlich „Gesundem“ kenne ich sehr ähnlich aus meinem Bekanntenkreis. Oft sieht man da den Wald vor lauter Bäumen nicht.

    1. Ich glaube ha eigentlich auch nicht, dass einem vom Fleisch übel wird. Aber Ekel vor dem, was man isst, ist natürlich immer ein Garant für aufkommende Übelkeit.

      1. Kalt gewordenes Hammelfett am Gaumen und die galicische Spezialität gekochte Schweinsohren tun jedenfalls mäkligen Personen nicht gut.

      2. Wenn Essen verdorben ist, dann kann man von so ziemlich allem eine Magenverstimmung bekommen. Zu viel Essen funktioniert manchmal ähnlich. Da kann es am Anfang noch so lecker gewesen sein.

      3. Eine Freundin von mir hat in Frankreich aus Versehen mal Tête de Veau bestellt. Keine weiteren Worte.

      4. Wikipedia belehrt:
        Werden Schweinsohren gekocht ist ihre äußere Struktur gelatineartig, während das innere Knorpelgewebe knusprig ist. Schweinsohren können warm oder kalt genossen werden.

  1. Man wechselt die Religionen nicht wie die Straßenseite, aber man wechselt sie eigentlich auch nicht wegen dem Partner.

    1. Ein Religionswechsel ist ja fast so etwas wie der Wandel der ganzen Weltsicht. Das hängt bestimmt nicht nur an einem Faktor. Aber eine Partnerschaft kann sicherlich ein kleiner Teil in diesem Prozess sein.

      1. In meiner Verwandtschaft und in meinem Freundeskreis gibt es mehrere Fälle von Konfessionswechsel. Von evangelisch zu katholisch heißt meist: frömmer. Von katholisch zu evangelisch heißt meist: ist mir nicht so wichtig.

      2. Irgendwie verstehe ich den Wechsel vom Christentum zum Judentum oder vom Islam zum Buddhismus ja eher. Katholisch zu evangelisch erscheint mir ziemlich lahm.

      3. Hahaha, sowas soll wohl meistens auch gar nicht spannend sein. Diejenigen die „innerhalb“ des Christentums wechseln sind bestimmt diejenigen, die von der Kirchenleitung enttäuscht sind, aber ihren Glauben behalten wollen.

    1. Letztendlich muss ja jeder selbst wissen was er oder sie isst. Butter ist natürlich, Margarine nicht. Das wäre mein Auswahlkriterium.

      1. Mittlerweile hat die Butter doch auch ihr Comeback gehabt. Margarine ist ja schon gar nicht mehr so in.

      1. Wenn etwas nut Traum bleibt, dann kann das manchmal sogar recht schmerzhaft sein. Aber das kommt dann natürlich immer auf die Umstände an.

      1. Das „Stillleben mit Auberginen“ von Cézanne kommt in den Sinn. Freud und Chagall gefiele mir allerdings deutlich besser.

  2. Elisabeth ist also unsere Verkäuferin? Trotzig und naiv ist sie ja vielleicht immer noch ein wenig. Muss auch gar nicht immer schlecht sein.

      1. Unvoreingenommen versucht sie zu sein. Trotzig und naiv sehe ich sie eigentlich nicht mehr. Jedenfalls nicht bis zu diesem Zeitpunkt.

      1. Ein Steak zu essen ist nur trotzig, wenn man es bei veganen Eltern isst. Naiv ist es, ein Steak für 2.80€ beim Discounter zu kaufen und zu glauben, das Rind hätte ein herrliches Leben gehabt. Mehr dazu in meinem wöchentlichen Sonntags-Rundbrief, der ab heute 18.00 Uhr nicht nur an den üblichen Verteiler geht, sondern immer auch unterhalb des neuen Blog-Textes stehen wird.

  3. Aber Moment, wo kam diese Idee für den Steak-Selbstversuch denn nun her? Als radikaler Schritt zur Selbstveränderung? Oder um sich zu strafen? Oder um zu schauen wie weit man aus der eigenen Routine ausbrechen kann?

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