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0412
Innocentia-Park

#1 Die nächste Biegung

Weihnachtszeit ist Kinderzeit. Kinder haben es noch nicht verlernt, sich zu freuen. Nach der sommerlichen Kindererzählung kommt jetzt eine winterliche. Und für Misstrauische: Sie ist sehr, sehr anders.

Schwups! Da war sie wieder. Eben noch war Margareta in der Welt gewesen, in der sie fliegen konnte und in der sie schön war, in der sie sich auskannte und in der sie sich zu Hause fühlte, und jetzt lag sie flach auf dem Bauch in ihrem Bett in der Welt, die ‚die richtige‘ hieß, ganz so, als ob ihre Traumwelt falsch wäre.
––In der richtigen Welt bestimmten die Erwachsenen, Margareta kam nicht besonders gut mit in der Schule und sie war – ach, doch! – hässlich. Sie hatte dünnes, rötliches Haar, bleiche, sommersprossige Haut, einen Körper, der weder für den Sport noch für das Betrachten taugte, und das Schlimmste: Sie hatte eine Hasenscharte, die ihr Gesicht entstellte und ihrem Sprechen einen merkwürdig unbeholfenen Klang gab.
––Ihre Eltern trösteten sie und sagten, die Hasenscharte werde später wegoperiert werden, dann sähe sie aus wie alle anderen, man müsse nur damit warten, bis ihr Gesicht sich nicht mehr verformte. Diese Aussicht hatte ihr weder im Kindergarten genutzt, noch nutzte sie ihr in der Schule. Sie konnte ja nicht mit einem Tuch vor dem Gesicht herumrennen, wie es immer vor den Schaufenstern der Drogerie hing, wenn sie umdekoriert wurden. ‚Wiedereröffnung in zehn Jahren‘. Außerdem machte diese Wendung ‚wie alle anderen‘ sie misstrauisch. Alle anderen sahen doch überhaupt nicht gleich aus. Manche waren beinahe so hässlich wie sie, und manche waren fast so schön wie ihre Mutter. Margaretas Lieblingsmärchen war das vom hässlichen jungen Entlein, obwohl ihr klar war, dass ihre Verwandlung nicht ganz so reibungslos vor sich gehen würde wie bei Andersen.
––Mit einem Satz sprang Margareta aus dem Bett. Sie öffnete das sechste Türchen ihres Adventskalenders, dahinter war ein Schaukelpferd abgebildet. Margareta betrachtete es eine Weile, aber sie empfand keine Überraschung. Streng genommen war es ja ziemlich egal, was die Abbildungen zeigten: Das Öffnen selbst war das Wichtige.
––Margareta tappte zur Tür und lauschte: nichts. Vorsichtig drückte sie die Klinke runter und sah durch den Spalt: Ihre Schuhe waren noch leer, der Nikolaus war noch nicht da gewesen. Er würde sie doch nicht vergessen haben? Brav genug war sie bestimmt gewesen, und dass ihr das Bruchrechnen etwas schwerfiel, konnte man ihr ebenso wenig übel nehmen wie ihre Hasenscharte. Lustig machen konnte man sich über beides. Außerdem gab es den Nikolaus sowieso nicht, auch wenn Kai behauptete, der Osterhase und der Weihnachtsmann seien Erfindungen, aber Nikolaus hätte wirklich gelebt. Sie war ziemlich sicher, dass er dann keine Lust haben würde, am frühen Morgen des sechsten Dezember Kinderschuhe mit Süßigkeiten zu füllen, sondern dass er lieber im Himmel blieb – aber so ganz sicher war sie sich dessen nicht. Ob das jemals aufhören würde? Ob man eines Tages alles wüsste und verstünde, sogar Bruchrechnung, und dann alles genauso täte, wie es richtig ist in der richtigen Welt? 1956 hieß dieses Jahr. Ob 1957 anders würde?
––Oder würde es immer so bleiben wie bei dem Ausflug in den Bergen, im vergangenen Sommer? Ihre Eltern und Kai hatten umdrehen wollen, aber sie bat: „Noch bis zur nächsten Biegung!“ Doch als sie um die Biegung herumgegangen waren, sah man ins Tal wie vorher, oberhalb ragten wieder Tannen, und eine neue Biegung tat sich auf. Was wohl dahinter sein mochte? „Bitte, bitte!“, hatte Margareta gebettelt, „noch um diese eine Ecke!“
––„Na schön“, hatte ihr Vater gesagt, „aber das ist die letzte. Alles, was du jetzt läufst, musst du nachher wieder zurücklaufen. Daran musst du denken. Ich trage dich nicht!“
––„Ich warte hier“, hatte ihre Mutter gesagt, sie war offenbar kein bisschen neugierig, was hinter der Biegung auf sie wartete.
––Und Kai hatte gesagt: „Ich bleib bei dir.“ Auch das hatte nicht nach einem Opfer geklungen.
––Als Margareta und ihr Vater um die Biegung kamen, sahen sie den Weg weiter ansteigen, das Tal unten, die Bäume oben, und eine neue Biegung.
––„Geht denn das immer so weiter?“, hatte Margareta enttäuscht gefragt.
––„Ja“, hatte ihr Vater geantwortet, „so lange, bis du auf dem Gipfel bist, dann liegt die Welt dir zu Füßen.“
––„Und wann ist das?“
––„Wenn das Wetter besser wird, fahren wir vielleicht mal mit der Seilbahn nach ganz oben.“
––Aber das Wetter wurde nicht besser, und Kai und ihre Eltern redeten in Margaretas Schluchzen hinein, dass man bei solchem Regen da oben bloß in den Wolken herumirrte und nichts sehen könnte.
––Vielleicht hätte man dort in der Höhe wenigstens den Nikolaus oder einen anderen aus dem Himmel getroffen, das wäre auch hübsch gewesen, aber Margareta wusste natürlich, dass diese Überlegung wieder in die Welt gehörte, die nicht ‚die richtige‘ war.
––„Heilige gibt es nicht“, hatte Kai neulich gesagt. Er war vierzehn und wusste alles besser, „an Heilige glauben bloß die Katholiken. Wir sind protestantisch.“
––„Vielleicht gibt es keinen heiligen Kai, aber ich weiß, dass es eine heilige Margareta gibt“, hatte sie selbstsicher geantwortet.
––Und dann sagte Kai das, was er immer sagte, wenn er nicht weiterwusste: „Das verstehst du nicht. Dazu bist du noch zu klein.“
––Nie speisten ihre Eltern sie mit solchen Floskeln ab, bloß ihr Bruder, der gerade mal vier Jahre älter war. Was sind schon vier Jahre? Na ja, eine Ewigkeit. Auch Margaretas Antwort war dann stets dieselbe: „Ätsch, dein Name hat nur eine Silbe, meiner hat vier.“
––Dann antwortete Kai: „Dein Name ist bloß länger, du selbst bist kürzer!“ Aber beim letzten Mal hatte er in Anspielung auf ihre Schwierigkeiten gesagt: „O, so weit kannst du schon rechnen?! Mar-ga-re-ta: Vier Silben, und ich dachte, du kannst nur bis drei zählen.“
––Das war ziemlich gemein von Kai gewesen, und sie hatte mit dem Sprungseil nach ihm geworfen, mit dem sie gerade fünfzigmal gehüpft war, ohne sich zu verzählen. Aber eigentlich hatte sie keinen Grund, sich über Kai zu beklagen. Er spielte mit ihr Blumenquartett, obwohl das bestimmt ziemlich langweilig für ihn war, und wenn sich jemand lustig über sie machte, dann bekam er es mit Kai zu tun. Der Satz ‚Das sag’ ich meinem großen Bruder‘ war keine leere Drohung, wenn Margareta ihn aussprach.

Margareta zog die Gardine auf und setzte sich aufs Fensterbrett, das war ihr Lieblingsplatz. Von dort aus konnte sie über den Vorgarten auf die Straße sehen, und jenseits der Straße lag der Park. Es war nur ein kleiner Park, die Straße lief rings um ihn herum im Kreisverkehr, aber dieser Kreis hatte keinen eigenen Namen wie der ‚Klosterstern‘, sondern er hieß immer bis zur nächsten Einmündung wie die Straße, die sich dem Kreis als letzte angeschlossen hatte. Drei Straßen mündeten auf den Park und auf seiner anderen Seite gingen sie weiter; die Straßen umspülten den Park wie einen großen Stein, der im Bach liegt.
–– Großvater hatte neulich zu ihr gesagt: „Du kannst stolz sein. Du lebst in Hamburgs schönstem Viertel.“
––Und ihr Vater hatte verbessert: „Froh kann sie sein, nicht stolz.“
––Der Straßenabschnitt, in dem ihr Haus stand, hieß Innocentia-Straße, und das war schön, denn der Park hieß auch Innocentia.
––„Was ist Innocentia?“, hatte Margareta ihre Großmutter gefragt.
––„Das ist ein Name“, hatte die Großmutter geantwortet, aber Kai hatte gesagt: „Das ist ‚die Unschuld‘ auf Lateinisch.“
––„Und was ist Unschuld?“, hatte Margareta gefragt, weil sie gehofft hatte, das Wort würde sich auf sie beziehen: ‚Unschuldig wie die Kinder‘, damit musste doch auch sie gemeint sein.
––„Das ist, wenn man nichts Böses gemacht hat“, erklärte die Großmutter rasch.
––Kai hatte gegrinst, aber nichts gesagt.
––Irgendetwas stimmte nicht mit diesem Begriff. Es gab einen Spielplatz in dem kleinen Park und eine öffentliche Toilette. Auf dem Spielplatz hatte ein Mädchen aus der Nachbarschaft mutwillig Claras Augen eingedrückt, weil Margareta sie bei einem Streit ‚Brillenschlange‘ genannt hatte. Und vor der Toilette hatte ein Mann mal vor ihr seinen Piller aus der Hose gezogen. Puppenkaputtmachen und Pillerzeigen waren zweifelsfrei Handlungen, die nicht in einen Park gehörten, der nach der Unschuld benannt war. Aber jetzt war niemand dort.
Still und weiß lag der Park auf der anderen Seite der weißen Straße, die Zweige waren weiß, auf den Laternen lagen weiße Hauben, und doch war der Himmel schwarz. Es war fast nicht zu glauben, dass dies die ‚richtige‘ Welt sein sollte, auf die sie aus ihrem Fenster hinabsah, und nicht die, in der sie schön war und fliegen konnte. Sie sprang vom Fensterbrett und stellte sich vor den Spiegel. Doch, es war die richtige Welt.

23 Kommentare zu “#1 Die nächste Biegung

      1. Wobei mir die Innenstädte zur Vorweihnachtszeit doch eher ein Graus sind. So überfüllt, so viele Menschen im Kaufrausch. Ein bischen übertrieben ist es ja schon.

  1. Als Kind mochte ich die Berge nie. Mir war es immer zu groß, zu imposant, zu einschüchternd. Erst später habe ich die Wanderungen dort oben lieben gelernt.

  2. Außenseiter werden es immer schwerer haben als massentaugliche Allerweltsleute. Vielleicht sind wir mittlerweile wenigstens einen Hauch weiter in der Einsicht, dass das klassische Schönheitsideal nur eines von vielen ist.

    1. Geschwister sind was tolles. Das Großwerden ist ja eh schon schwierig genug. Wer da jemand an seiner Seite hat, hat es doch deutlich einfacher. Ich hätte meine Schwester jedenfalls nie missen wollen.

  3. Ob 2020 anders wird als das jetzige Jahr frage ich mich auch langsam. So viel ist für mich passiert. Aber vielleicht muss man sein Leben auch gar nicht in Jahre ’schneiden‘ sondern einfach das ständige Weiter sehen.

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