Teilen:

0112
Das Flammenschwert

#11 Wut, Scham und Ekel

Vorige Woche bekam ich dann die Nachricht, dass Tante Stine sich umgebracht hat. Da hat es mich gepackt. Ich hab losgeheult und konnte gar nicht mehr aufhören. Dabei hatte ich mir vorher die ganze Zeit über eingeredet, sie sei sicher längst tot. Wieso eigentlich? Schuldgefühle? Derart lange noch leben zu müssen! Unter solchen Umständen!
––Vielleicht war ja der Urwald in ihrem Kopf weitergewuchert und er hat alles überblättert, was von der Wurzel her noch schmerzte. Ich wünsche es ihr so! Aber wie kann ich mir da etwas vormachen? Bei Selbstmord!
––Wenn ich noch ein Wort zu ihr sagen dürfte, ein einziges nur, dann wäre es: ‚Zärtlichkeit‘.

Und dann kam die große Überraschung: Sie hat mir alles vermacht. Gleich am nächsten Tag, nachdem ich bei ihr gewesen war, hat sie ein neues Testament aufgesetzt. Ihr staatlicher Vormund hat es bestätigt, es gilt. Mein Name steht da als einziger Erbe. Nur, weil ich ihr einziger Besucher war, ein einziges Mal. Ich schäme mich so! Aber ich bin reich.
––Ich hatte ja keine Ahnung, wie gut sich ihre Märchenbücher verkaufen, nach wie vor. Obwohl ihre Zeichnungen doch immer schon so altmodisch waren, oder gerade deswegen. Im Internet gibt es sie auch, und natürlich in den Supermärkten. Und sie war verblüffend geschäftstüchtig: Sie hatte keine Honorar-, sondern Lizenz-Verträge, denn sie war offenbar in Fachkreisen sehr bekannt: ‚Hänsel und Gretel‘ und ‚Dornröschen‘ hatte jeder, aber ihre Illustrationen hatte nur ihr Verlag.
––Bei uns hatten die Bücher ja auch rumgestanden, sie hatte sie uns immer geschenkt, wenn sie zu den Feiertagen kam. Aber unsere Eltern haben diese Gaben nicht besonders zu würdigen gewusst; ihnen kam das wohl so vor, wie wenn ein Bäcker Brötchen als Geschenke mitbringt. Und so spürten auch wir am Verhalten unserer Eltern, dass Tante Stines Mitbringsel nicht viel wert sein konnten.
––Für das Grundstück hatte sie auch eine ganze Menge bekommen, es war Teil eines größeren Bebauungsplanes geworden.
––Keiner hat sich getraut, das Testament anzufechten. Was hätten sie auch machen sollen? Den Vormund für unzurechnungsfähig erklären? Niemand hatte ein gutes Gewissen. Und ich habe auch niemandem gesagt, dass es so viel ist. Nachher wird man noch angebettelt …

Mit meiner Familie habe ich nicht mehr besonders viel Kontakt, ich hab’ auch nicht das Bedürfnis. Aber auf einer Beerdigung ist ja dann doch wieder so eine Art Gemeinschaftsgefühl da, auf einmal.
––Steffi lebt jetzt nach einigen Fehlschlägen wieder bei unseren Eltern, sie hat einen Sohn und einen Job: Das bedeutet ihr etwas. Ich glaube, sie gehört immer noch zu denen, die sich für was Besseres halten, wenn sie arbeiten. Dabei ist das natürlich Quatsch, denn was ich so alles sein lasse, das ist ganz bestimmt segensreicher für die Menschheit, als das, was sie so tut, und finanziell kommt es ja, seit das bedingungslose Grundeinkommen endlich eingeführt wurde, schon längst aufs selbe raus. Auch ohne die Erbschaft.
––Boris hat gerade zum zweiten Mal geheiratet. Mit Sven hat es nicht geklappt, hoffentlich läuft es mit David jetzt besser.
––Ich selbst – also, bisher hab’ ich meinen Weg noch nicht gefunden. Wenn mir die Frauen nicht nach kurzer Zeit davonlaufen, lauf’ ich ihnen weg. Sobald sie anfangen, mir Vorwürfe zu machen, hau’ ich ab, das ist nun mal so.
––Manchmal hab’ ich Telefonsex. Und, komisch, da find’ ich es toll, mich von irgendwelchen Frauen beschimpfen zu lassen, Frauen, die ich nie sehen werde. Sie dürfen die gemeinsten Sachen zu mir sagen, und dann leg’ ich einfach auf. Verrückt, was? Na ja: Scham, Wut und Ekel eben. Tote Tümpel, tote Katzen, tote Fratzen. ‚Verdrängung‘ nennt man das seit über hundert Jahren.
––Ansonsten gibt’s nicht viel über mich zu sagen. Trotzdem weiß ich: Ich werd’s schon noch schaffen. Nicht nur wegen des Geldes, sondern überhaupt. Aber wahrscheinlich komm’ ich erst so richtig in Schwung, wenn die Brombeeren reif sind.

„Da!“, hatte Steffi an jenem Mittag plötzlich ausgestoßen und ruckartig ihren stummelkleinen Zeigefinger in den Garten gestreckt. Ihr Mund war rot von Tomatensoße gewesen und ihr Gesicht angespannt davon, den Augenblick festzuhalten.
––Ich drehte den Kopf und sah gerade noch, schemenhaft eine schwarze Katze zwischen den Büschen verschwinden – weg war sie.
––„Warum hast du keine Tiere?“, fragte Steffi. Es klang enttäuscht, fast vorwurfsvoll. Dabei hatte Steffi doch noch gestern gar keine Vorstellung davon haben können, was hier sein würde, wie es hier war. Aber vielleicht gerade deshalb hatte sie sich alles erwartet.
––„Das könnte euch so passen!“, Tante Stines farbenfrohes Gesicht kreiste wie die Sonne: Von Steffi zu Boris, von Boris zu mir, dann sank ihr Blick in den Garten: „Einen Bullterrier am Zaun, einen Schäferhund auf dem Rasen, eine Katze auf der Schulter und Läuse im Haar.“ Sie schüttelte langsam den Kopf, und diesmal hieß das: nein! „Kaninchen, Goldhamster, Wellensittiche brauch’ ich nicht.“
––Zielstrebig hob sie ihr Glas an den Mund, aber bevor sie den nächsten Schluck nahm, sagte sie: „Die Würmer, die mich fressen werden, das reicht mir.“

E N D E

24 Kommentare zu “#11 Wut, Scham und Ekel

  1. Beerdigungen bringen doch immer wieder Menschen zusammen. In meiner Familie ist das ähnlich. Was für ein lustiger Kniff des Lebens, nicht wahr?

  2. Telefonsex? Ich dachte immer, das ist nur eine Albernheit für Privatfernsehsender und Groschenromane. Gibt es das wirklich? Also so richtig in Aktion?

      1. Telefonsex? Aber hallo! Man kann eigentlich davon ausgehen, dass es gerade im Bereich der sexuellen Vorliebe so ziemlich alles gibt was man sich vorstellen (und wahrscheinlich auch vieles das man sich nicht vorstellen) kann.

    1. Ein langer zehrender Schmerz ist meistens schwerer zu ertragen als ein kurzer intensiver. Aber am Ende müssen wir alle mit dem klarkommen, was uns vorgesetzt wird bzw. was wir uns selbst einbrocken.

  3. In meiner näheren Umgebung gab es nie eine Erbschaft. Jedenfalls wüsste ich davon nichts. Ich frage mich wie man selbst mit so etwas umgehen würde. Da ist dann auf einmal Geld da, welches einem gehört und doch eigentlich jemand anderes erarbeitet hat. Schon ein schräges Gefühl.

    1. Die meisten Männer halten es nicht aus, wenn ihre Frau mehr verdient als sie, las ich gerade. Sie fühlen sich dann als Versager. (Ist das wirklich eine Frage des Geldes?) Erben jedenfalls fühlen sich als Gewinner: Reiche Eltern sind mehr wert als Lottoscheine.

      1. Habe ich auch gelesen. Nach dem Motto: dazuverdienen gerne, aber nicht zu viel. Ich glaube da gab es einen Artikel im Spiegel.

      2. Wie albern. Und da denkt man eine Familie wäre froh, wenn sie soviel Geld wie nur möglich zur Verfügung hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

drei + 1 =