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04 – Beelzebub und der Teufel

#05 | Positiv – Negativ

„Müssen wir bei dem Namen bleiben?“, fragte einer, „der Name ist das Schlimmste.“
––„Der Name ist eingeführt“, sagte Robert, „darauf kommt es an. Der ganze Werbeetat, den wir haben, würde nicht ausreichen, einen neuen Namen so bekannt zu machen wie ‚Pick‘.“
––„Aber im Deutschen passt ‚Pick‘ besser zu Vogelfutter als für einen Schokoladenriegel.
––„Warum?“, fragte einer. „Kein Tag ohne einen guten ‚Pick‘ …“
––„Ich lass mich täglich picken“, sagte jemand.
––„Bitte!“, sagte Robert, „das ist haargenau das, was ich vermeiden wollte. Für billige Witzchen ist unsere Zeit, glaube ich, zu knapp, und als Einfall ist sowas nicht brauchbar. Wir müssen nett sein. Alle Sex-Anspielungen machen uns den Kinder- und Mutti-Markt kaputt. Das Produkt muss in großen Stückzahlen in den Supermärkten weggehen. Alles Anspruchsvolle liegt schief.“
––„Und warum haben wir den Etat überhaupt bekommen? Bieder sein können doch auch andere.“
––Hört mal, das ist eine ganz große Chance! Ein Werbekonzept ist gut oder schlecht. Bieder gibt es überhaupt nicht. Wir sind nicht schick oder ausgefallen oder sonst was, sondern wir helfen zu verkaufen. Und je mehr wir verkaufen, desto besser sind wir. Okay? – Peter, zeig mal, wie bisher das Konzept bei J&C gelaufen ist!“
––Peter überspielte die Schrecksekunde und wandte sich an seinen Assistenten. „Haben Sie das Material zusammen?“
––„Hat mir keiner gesagt.“
––„Also, natürlich hab’ ich …“
––„Das ist unprofessionell“, sagte Robert.
––„Es kam alles so kurzfristig, wir konnten …“
––„Ich hab’ selber ein paar Sachen hier.“ Robert stand auf und heftete fünf Ausrisse aus Illustrierten an die Pinnwand. „Beim nächsten Mal möchte ich das vollständig haben!“
––Das Team starrte auf die Anzeigen. „Der Slogan ist mies. Das weiß man ja“, sagte ein Texter. „Das Layout ist bedeppert, chaotisch, ohne jeden Aha-Effekt“, sagte ein Grafiker.
––„Wir sollen den Etat nicht bekommen, weil die ‚Pick‘-Leute von J&C begeistert sind. Ihr sollt euch schon noch was anderes einfallen lassen.“
––„Pick, Süßigkeit mit Schick“, wiederholte der Texter, was auf der Anzeige stand, „das müsste, um überhaupt zu wirken, ‚C–H–I–C‘ geschrieben werden.“
––„Außerdem ist die Schrift unmöglich“, sagte der andere Grafiker.
––„Wichtig scheint mir zu sein, dass die Zielgruppe verfehlt ist“, sagte Robert. „‚Pick‘ ist kein Prestige-, sondern ein Massenartikel.“
––„Wie schmeckt denn das Zeug überhaupt?“
––„Ein Schokoladenriegel“, sagte die Cheftexterin, „scheußlich.“
––„Also, wenn ihr an das Produkt nicht glauben wollt, dann sollten wir es sein lassen. Dann stell’ ich ein anderes Team zusammen.“
––„Ich bin ganz verrückt nach ‚Pick‘“, sagte einer.
––„Schmeckt super“, sagte ein anderer.
––„Das finden viele“, sagte Robert. „Das Produkt ist ziemlich gut etabliert. Aber die Umsätze stagnieren. Wir brauchen ein neues Konzept. Da hat J&C versagt. Neue Zielgruppen und neue Ideen. Ich schlage vor, wir bilden zwei Teams und arbeiten zwei Kampagnen aus, eine konservative für Kinder und Hausfrauen und eine mehr auf den Teenie-Markt orientiert.“
––„Wettbewerbspräsentation. Das stand aber nicht im Terminplan.“
––„Nein“, sagte Robert, „aber jetzt kommt es rein.“
––„Ich glaube, wir machen lieber die konservative Auffassung. Wir haben zurzeit lauter durchgeknallte Sachen. Das ist mal was anderes“, sagte Helga und strich sich die rote Mähne aus dem lila Kragen. „Mal so richtig was Durchschnittliches find’ ich irre.“
––„Und wir sind also die Flippis“, nuschelte Jörg und zupfte resignierend seine Krawatte zurecht.
––„Es geht hier nicht um Hightech“, sagte Robert. „Nett, beschwingt, fröhlich ist ausgefallen genug.“
––„Steigen wir denn groß ein mit TV und Print? Der Etat gibt das doch her.“
––„Erst mal sehen wir zu, dass wir eine vernünftige Idee entwickeln, damit wir ihn kriegen“, sagte Robert.
––„Was bringt ‚Pick‘ dem Käufer?“, fragte Jörg.
––„Nichts. Nur dem Zahnarzt Kunden“, antwortete jemand.
––„Ach, Quatsch, seid doch mal vernünftig!“, sagte Helga. „‚Pick‘ schmeckt gut und ist gesund.“
––„Wieso gesund?“
––„Weil es aus natürlichen Stoffen hergestellt ist.“
––„Stimmt das?“
––„Weiß ich doch nicht.“
––„Damit können wir nie landen, auch wettbewerbsrechtlich nicht. Da dreht die Konkurrenz voll durch. Außerdem: ‚Gesund‘, das klingt doch eher negativ.“
––„Quatsch! Jetzt sind doch alle auf dem Natur-Trip. Da müssen wir ganz knallhart reinstoßen.“
––„Also, ‚gesund‘ lassen wir weg“, sagte Robert. „Das stimmt einfach nicht. Da kriegen wir Ärger. Consumer Benefit ist, dass es gut schmeckt. Es ist preiswert, und man kann es zwischendurch essen, wenn man Appetit oder Hunger hat. ‚Pick a Pick‘, der Original-Slogan im Englischen ist natürlich nicht zu übersetzen. Da müssen wir was Neues finden. J&C hatte den Schwerpunkt auf Verkaufsförderung gelegt. Ich bin der Meinung, wir sollten ganz groß in die Publikumswerbung einsteigen. Wir müssen klotzen. Sonst gehen wir baden bei der Konkurrenz am Markt. Wir schaffen es nur bei vollem Einsatz. Das kann eine ganz tolle Sache für uns werden – DIE Chance, in den Nahrungsmittelmarkt reinzukommen. Aber nur bei vollem Einsatz. Also weiter!“

Martin kippte das Lampenhaus hoch und nahm die Negativbühne heraus. Er legte den Negativstreifen ein, so dass das Bild genau über dem Fenster lag. Er hielt das Negativ schräg in den Strahlengang des Vergrößerers und strich mit dem Pinsel über die Fläche. Dann kippte er das Lampenhaus wieder zurück und legte die Negativbühne ein. Er schaltete die Raumbeleuchtung aus und legte ein Blatt Papier in den Vergrößerungsrahmen.
––Das Negativ erschien auf dem Papier: dunkel das Gesicht, die Zähne, hell das Haar, der Bart, die Augenhöhlen, ein seltsam dämonischer Reiz, ungreifbar, eher abstoßend: die Konturen, nicht das Gesicht. Ein Schatten, der auf Wandlung wartete, wesenlos, unsinnlich, Eurydike. Ein Gedanke, der Gefühl werden wollte.
––Auf den Zentimeter-Skalen des Vergrößerungsrahmens stellte Martin die Randmasken auf 18 x 24 Zentimeter ein. Er verstellte den Abstand des Vergrößerungskopfes.
––Das Negativ wurde größer, grinste schwarzzähniger. Martin schob den Vergrößerungsrahmen hin und her. Die toten, weißen Pupillen starrten aus dem Papier und versprachen weder Lust noch Geheimnis.
––Martin spürte, dass er auf der Kippe stand. Ein Balanceakt: absacken in Nüchternheit oder Selbstspott, aufsteigen in die wohlige Trance der Erregung. Negativ – Positiv. Er prüfte die Blende, stellte das Objektiv scharf und legte mit der Einstelllupe die Schärfe endgültig fest.
––Jede Einzelheit des Ungesichts sprang ihn an und entzog sich ihm, verschwamm und stand wie gemeißelt.
––Martin riss sich los. Er blendete ab, legte das Vergrößerungspapier in den Vergrößerungsrahmen und klappte die Randmasken zu. Dann stellte er den Zeiger der Belichtungsschaltuhr auf fünf Sekunden. Er deckte vier Fünftel des Vergrößerungspapiers mit schwarzem Karton ab. Nur noch die Schulter war zu sehen: kantig, ein Mann. Er drückte den Knopf der Schaltuhr und belichtete. Fünf Sekunden lang. Dann zog er den Karton ein Fünftel zurück, zwei Fünftel des Negativs waren jetzt auf dem Papier zu sehen. Der Anfang eines Kopfes: ein Stück Hals, ein Stück Bart, weiß, ein bisschen Ohr, kurzes Haar. Er belichtete fünf Sekunden.
––Das erste Fünftel war jetzt schon zehn Sekunden lang belichtet. Beim nächsten Fünftel wurde ein Teil des Gesichts frei: ein Auge, mehr als der halbe Mund, mehr als die halbe Nase. Die Ahnung eines Gesichtsausdrucks, bohrend, fordernd, Schwarz in Weiß auf Schwarz.
––Er schob den Karton um ein weiteres Fünftel weiter. Eine Enthüllung, Entkleidung, ein magischer Akt. Das Gesicht lag frei. Er belichtete. Er zog den Karton ganz weg und sah die zweite Schulter.
––Das Negativ-Porträt lag wieder vor ihm, plötzlich weniger rätselhaft. Auf der Kippe: absacken, aufsteigen.
––Martin nahm das Papier aus dem Vergrößerungsrahmen und schob es in die Entwicklerschale. Er fühlte eine wirre Aufregung, als er auf das weiße Blatt starrte: Linien entstanden, Flächen, Welten. Wie durch einen Nebel spürte er den Blick und dann deutlicher, klarer, die Falten, die spöttischen, die nachsichtigen, das Lachen. ‚Alles Einbildung‘, dachte er. Auf der Kippe: absacken in die wohlige Trance der Erregung. Aufsteigen in die Nüchternheit. Positiv – Negativ.
––Die unterschiedlichen Belichtungszeiten hatten unterschiedliche Schwärzungsgrade auf dem Bild hinterlassen. Die rechte Gesichtshälfte war rauer, die linke sanfter. Das Blasse war schön, aber das Dunkle auch.
––Martin bewegte das Bild ein paar Sekunden im Stoppbad und schob es dann in die Fixierwanne. Es lachte ihn an, aus der Lösung heraus. Ein lautloses, lauerndes Lachen. Nur für ihn. Niemand sah es, niemand kannte es, nur er. Kurz geschnittenes Haar, ein Vollbart, ernste, prüfende Augen und ein Mund, der lachte. Höhnisch? Herzlich?
––Es war still im Raum. Und es war still draußen. Falls es ‚draußen‘ gab.
––Martin machte Licht, nahm das Bild aus dem Bad und versuchte, die beste Belichtungszeit zu prüfen – so objektiv wie möglich, nur nach Grauwerten. Er stellte die Schaltuhr auf fünfzehn Sekunden. Aber er war nicht sicher, dass er richtig gewählt hatte. Dann löschte er die Raumbeleuchtung wieder, legte einen neuen Bogen Papier in den Vergrößerungsrahmen und schaltete die Uhr ein. Behutsam milderte er das Papier an den Schattenpartien etwas ab, ein zaghaftes Streicheln. Er belichtete die Spitzlichter nach und schob dann das Papier fast hastig in die Entwicklerschale, drückte es mit der Zange unter die Oberfläche und wartete, während er die Schale leicht bewegte, schaukelte, wiegte.
––Das Bild entstand. Wieder. Wieder sah ihn das Gesicht an, lachte in die Lösung, er konnte es auf dem Papier entstehen lassen, so oft er wollte. Es war sein Besitz, sein Eigentum, wehrlos seiner Fantasie ausgeliefert, so, wie seine Fantasie wehrlos diesem Gesicht ausgeliefert war.
Abtropfen, stoppen, fixieren. Negativ – Positiv. Empfindungen: auf – ab.

Hanno Rinke Rundbrief

35 Kommentare zu “#05 | Positiv – Negativ

  1. Die Art und Weise wie er das Bild bzw. das Gesicht darauf als seinen Besitz ansieht, das erinnert mich ein wenig an den Anrufer aus dem Regen in der Wüste.

      1. Stimmt, so hatte ich das nicht gesehen. Quasi ein wenig umgekehrte Rollen dieses Mal. Sehr spannend!

      2. Den Brautbruder lernt man hingegen noch nicht kennen. Aber es ist ja auch noch Zeit.

      3. Und beide auf ganz unterschiedliche Arten und Weisen. Das ist ja gerade das spannende.

  2. Mal was Durchschnittliches, als Abwechslung. Das könnte man ja momentan auch gebrauchen. Mal keine Pandemie, mal keine humanitäre Katastrophe.

      1. Man stumpft komplett ab oder flüchtet sich zumindest erstmal in „durchschnittlichere“ Angelegenheiten.

      2. Wirklich? ‚Komplett abstumpfen‘ tue ich nicht. Aber sich etwas heuchlerich in Erfreulicheres zu flüchten mit dem resignierend-befreienden Stoßseufzer „Gott, geht’s uns gut.“ – das kenne ich sehr wohl.

  3. Die Arbeit in der Dunkelkammer klingt wahnsinnig aufregend. Zumindest in diesem speziellen Fall. Über solche elektrisierenden Momente freut man sich doch in jedem Beruf.

      1. In der Kunst und in der Wissenschaft gelingen den Engagierten solche Momente. An der Börse und in der Krankenpflege vielleicht auch. Ein Ereignis muss auf die eigene Einstellung treffen.

      2. Ich glaube so etwas kann in allen Berufen oder Lebenslagen passieren. Nicht immer mit lebensverändernden Auswirkungen, aber auch kleine Momente können ja eine Magie haben.

  4. Beim originalen „Pick a Pick“ und den steifen Übersetzungen merkt man gleich wieder, dass so etwas selten gute funktioniert. Das ist in der Werbung nicht anders viel anders als bei Film- oder Buchtiteln.

      1. Schlimme Beispiele bei Filmtiteln:
        Original: Il Sorpasso (Überholen)
        Deutsch: Keine Angst vor scharfen Kurven (Dekolleté im Bild)
        Original: Il Silenzio (Stille)
        Deutsch: Leichen pflastern seinen Weg
        Original: A Touch Of Class
        Deutsch: Mann, bist du klasse!

  5. Übersetzen ist wahrscheinlich auch gar nicht immer die beste Idee. Am besten überlegt man sich gleich etwas ganz anderes.

  6. Muss man als Werber denn an jedes einzelne Produkt glauben? Es macht die Arbeit offensichtlich einfacher, aber im Grunde ist das doch nicht wirklich möglich.

    1. Man muss wohl nur einen Dreh finden, potenzielle Konsumenten zu begeistern. Den Slogan „HERTA – wenn’s um die Wurst geht“ kann auch ein Veganer erfinden. Nachdem der Unternehmer Schweisfurth die Marke „Herta“ an Nestlé verkauft hatte, wurde er übrigens Öko-Bauer.

      1. Es gab neulich sogar mal einen Zeitungsartikel über vegane Metzger. Man muss nicht unbedingt selbst leben was man verkaufen will. Manchmal hilft das, aber notwendig ist es sicherlich nicht.

      2. Ein Veganer als Metzger scheint mir dann allerdings doch sehr radikal. Aber es kann sicherlich nicht schaden, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Das hilft im Job wie im Privaten ungemein.

      3. Einem Freund von mir, der Priester werden wollte, kam während des Studiums der Glaube abhanden. Das beichtete er während eines Klosteraufenthalts dem Abt und sagte, nun könne er nicht mehr Geistlicher werden. Der Mönch antwortete unbeirrt: „Die Gemeinde soll glauben, nicht Sie.“ Das erinnert an den Regisseur Kortner, der eine Darstellerin während der Probe anschrie: „Nicht Sie sollen heulen, sondern das Publikum.“

      4. Ich würde allerdings sagen, dass man als Schauspieler einfacher schauspielern kann wie als Mönch 😉

      5. Möglich. Die Kirche hat in dem Bereich aber bestimmt mehr Talent als sie einem glauben machen möchte.

      6. Ich frage mich immer wieder, ob die Päpste alles glauben, was sie so verkünden. Bei den Borgia-Päpsten weiß man es wenigstens: Nein!

  7. Diese Idee, ein Foto bzw. gar ein Gesicht als sein Eigentum zu sehen, funktioniert wohl auch nur analog auf Fotopapier. Da, wo man es wirklich in den Händen halten kann.

    1. „Dies Bildnis ist besonders schön“, singt Papageno. Das kann Dorian Gray vor seinem nicht behaupten. Digital wäre es wohl weniger (an)greifbar, aber nicht anders.

    2. Instagram beispielsweise ist ja durchaus narzisstisch. Und digitale Stalker gibt es sicherlich auch. Auch solche Angebote wie OnlyFans funktionieren ja nur, weil es eine Klientel gibt, die sich mit digitalen Abbildern zufrieden geben. Ich würde da also auch keinen großen Unterschied machen.

      1. Es gibt Menschen in meinem Umfeld, die müssen täglich ein gestyltes Bild von sich auf facebook posten. Ich like das täglich: aus Mitleid.

      2. Hahaha, das trifft es ziemlich auf den Punkt. Viele Menschen müssen in der Tat wahnsinnig unsicher und einsam sein.

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