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0509
04 – Beelzebub und der Teufel

#13 | Es geht los

Martin saß in der U-Bahn. Der Zug holperte durch den Schacht. Da oben war Ostberlin. Da liefen einzelne Menschen zwischen Dunkelheit und Ruinen. Martin war nur einmal abends in Ostberlin gewesen, weil ihm damals jemand gesagt hatte, er müsse unbedingt den ‚Burgfrieden‘ mal kennenlernen, die beliebteste Schwulenkneipe im Osten. Es stimmte schon, die Männer dort waren freundlicher und zeigten mehr Zusammengehörigkeitsgefühl als im Westen – Not eint, Luxus trennt –, aber ihm war es unheimlich gewesen. Angesichts der leeren, verwahrlosten Straßen da draußen war ihm die plumpe Gemütlichkeit des ‚Burgfriedens‘ trügerisch vorgekommen. Jemand hatte ihn sogar bis zum Bahnhof Friedrichstraße gebracht, zum ‚Palast der Tränen‘, wie sie den absurden Neubau nannten, in dem man streng kontrolliert wurde, bevor man auf den Bahnsteig treten durfte. Dann stand man da unten, die Vopos mit Maschinengewehren standen oben auf Balustraden in der Bahnhofskuppel, und man wartete sehnsüchtig auf die S-Bahn, die einen über die hell erleuchtete Brache zwischen Charité und Reichstag ins auch kaputte, aber helle Westberlin zurückbringen würde.
––Dieser ergebene Blick des Ostberliners beim Abschied! Es war ein bisschen wie beim Besuch seines Onkels in der Nervenklinik gewesen: Eigentlich hat man Mitleid, aber andererseits will man nichts als weg und alles hinter sich lassen.
––Als Martin am Bahnhof Zoo ausgestiegen war, hatte er den Benzingestank der Kantstraße wie Fichtennadelduft eingeatmet und war gleich zum Wittenbergplatz gelaufen, um in ‚Andreas Kneipe‘ einen doppelten Wodka zu trinken: original russisch.
––Der Zug ratterte durch einen kahlen, menschenleeren Bahnhof. Die grelle Beleuchtung, die wohl Fluchtwillige abschrecken sollte, machte die nackten Wände noch gespenstischer. In drei Sekunden war der Spuk vorbei und es war wieder dunkel in der engen Röhre. Das war ‚Stadtmitte‘ gewesen, wusste Martin. Der Name klang wie Hohn.
––Martin hatte den U-Bahn-Eingang einmal von oben gesehen. Er war mit seinem Vater im Ostteil gewesen.
––„Sieh mal, das ist ‚Stadtmitte‘“, sein Vater hatte auf das Schild über dem verbarrikadierten U-Bahn-Eingang gezeigt.
––Martin hatte in die ausgebrannten Häuser entlang der Straße gestarrt und gesagt: „Lass uns zurückfahren!“
––Ein Bahnhof raste an. Es war hell draußen, die Kacheln blitzten. Der Zug hielt. Wieder im Westen! Der Marlboro-Mann blickte in die Weite. Daneben, direkt vor Martin, der Kerl im Schneidersitz. Er war ihm von seiner Wohnung her gefolgt und saß jetzt mitten im Fenster. Martin hätte das Glas herunterschieben und die Hose berühren können. So ein Kerl! Er saß fast starr vor Erregung und fühlte, wie sein Schoß zu prickeln begann.
––Ein Ruck. Die Türen knallten. Es wurde wieder dunkel draußen.

Robert war erleichtert und angespannt zugleich. Er hatte den Anzug auf einen Bügel gehängt und das Hemd zusammengefaltet. Viele Männer fühlen sich in Freizeitkleidung wohler als in Flanell. Warum eigentlich? Eine gut sitzende Krawatte beengt weniger als eine gut sitzende Jeans. Aber das trifft nicht den Kern: Hinter der Uniform – Smoking, Kord, Leder – steckt eine Gesinnung, manchmal sogar ein Mensch.
––Es ist nichts Großartiges an einem Mann, der auf die Straße tritt, um sich auszutoben. Und doch kann das, was ihm passieren wird, wichtig werden und sogar großartig. Großartig wie der Grand Canyon, der nicht daran zerbröckelt, wenn er die Kulisse für einen rauchenden Cowboy abgibt.
––Robert stieg aus dem Fahrstuhl und kreuzte die Halle mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie vor seiner Verwandlung. Es war keine Verwandlung. Es war nur zweckentsprechende Kleidung, Flanell genauso wie Jeans. Er nannte dem Taxifahrer den Namen seines Ziels. „Wissen Sie, wo das ist?“
––Der Fahrer drehte sich um. „Dat is’ diese Männakneipe, wa?“
––Robert grinste knapp. „Ja, so kann man das nennen.“
––Der Fahrer verzog keine Miene. „Na, wenn Sie da hin wolln, fahr’ ick Sie da hin.“
––‚Coming Home‘, las Robert im Vorüberfahren. Jane Fonda und Jon Voight hatten beide den Oscar für ihre Rollen bekommen. Die Vietnam-Diskussion war längst gesellschaftsfähig geworden, sogar in Amerika. Vor zehn Jahren noch … – Zehn Jahre sind eben eine lange Zeit …

Martin musste eine Hauptverkehrsstraße überqueren. Die Autos brausten lärmend vorbei, sie hatten fernere Ziele als er. Der Gehweg und die Häuser lagen in teilnahmslosem Dunkel. Nur ein Licht schimmerte nichtssagend. Martin fühlte sich beobachtet, belauert, während er auf das Licht zuging. Sein Atem wurde flacher, die Anspannung größer. Ein leises Würgen in der Kehle. Bekam er jetzt Angst? – Lächerlich! Martin öffnete die Tür und war drinnen.
––Die Räumlichkeiten waren für die jeweils Ortsfremden vermutlich genauso beklemmend wie die sogenannte ‚Stadtmitte‘, aber wenigstens voller. Und so ließ die Angst nach. Hier war alles ganz anders und hier waren alle ganz anders als in der Disco. Hier war man nicht, um sich bei knalliger Musik an sich selbst zu amüsieren, sondern eher in der Fress- und Pisshütte kanadischer Holzfäller, nur dass fast nie jemand etwas aß. Die Bouletten, die ganz selten auf Verlangen aus einem Nebenraum herbeigeschafft wurden, machten misstrauisch. Der Lüsterne ahnte: Es war leichter, sich hier mithilfe eines Klopses Salmonellen zu holen als mithilfe eines Kerls Filzläuse.
––Das Behelfsmäßige als Wunschvorstellung. Man macht sich dreckig oder wäscht sich die Hände in Schuld, knallt die Tür und geht. Kein Flashlight, keine Polster, nicht mal Gläser. Verfeinerung ist verpönt, darin liegt die Raffinesse. Alles ist wohlbedacht roh zusammengezimmert, Teer und Bretter. Das Paradies ist die Prärie. Die Bauarbeiterbude: kerlig, kernig, ledrig – alles Theater.
An den Wänden: Männer auf Pappe, große Schwänze, kleine Köpfe,
die Schultern breit, die Ärsche knapp und prall.
Stiefel und Peitschen, Ketten, Sporen, Zaumzeug.
Die eingerittene Herde steht im Stall.
Sich selbst zum Fraße vorgeworfen, Vieh zu Vieh.
Das Licht ist schummrig, weder hell noch dunkel.
Die Disco-Music pulst gedämpft, sie stört nicht.
Am Flipperautomaten beschäftigt sich ein Cowboy,
Construction Workers hocken an der Bar.
––Martins Blicke streichelten seine Umgebung: vorsichtig wie Hände, die sich nicht zu weit vom Körper wagen wollen. Leder, Kappen, Ketten. Aber nicht nur.
––Im Vorderraum hingen ein paar Einsame wie gestiefelte Fledermäuse um die Theke. Die Bänke an den Wänden waren noch leer. Die Tür, die nach unten führte zu Klappe und Fummelraum, stand offen, aber niemand ging die Treppe herunter. Noch nicht. Die paar Stufen nach oben zum Hauptraum, da war schon Leben. Schatten standen und saßen, lärmten oder brüteten. In Gruppen oder sehr allein.
––Im Nebenraum dahinter spielten zwei Billard. Rauch schwamm in der Luft. Die Vereinsblätter lagen aus. Auf den Bänken an den Wänden saßen Angeschwemmte und starrten in die Flut ihrer Gedanken.
––Um etwas zu tun, ging Martin zum Schwarzen Brett; es war scheinbar wahllos gespickt mit Bildern und Zetteln, als hätte jemand einen Papierkorb gegen eine Klebetafel geschleudert.
––‚Es handelt sich hierbei um kein Subkultur-Festival, sondern um ein Freundschaftstreffen des MSC Berlin e. V. nach Satzung und Idee des ECMC, insbesondere für Clubmitglieder aus dem In- und Ausland. Soweit Karten verfügbar bleiben, können Nichtmitglieder als Gäste ebenfalls teilnehmen, wenn sie zur Szene gehören. Auf sämtlichen Veranstaltungen dieses Treffens sind Fotografieren und Filmen zu gewerblichen Zwecken (auch z. B. in einschlägigen Zeitschriften und Magazinen) streng untersagt.
Unser Gruß gilt den Teilnehmern von nah und fern – unter ihnen vielen treuen Besuchern aus den Vorjahren, er gilt ferner unseren vielen Mithelfern, ohne deren Einsatz an Mitteln, Arbeitskraft und Freizeit dieses Treffen nicht möglich wäre, er gilt, last but not least, Tom of Finland für die freundliche Erlaubnis zur Verwendung seiner Zeichnungen in diesem Programm.‘
––Martin ging langsam, fast gelangweilt, in den Hauptraum zurück und holte sich an der Theke ein Bier. Er nuckelte an der Flaschenöffnung, durstlos, wie an einem Schnuller. Eisig bitter floss der Strahl in seinen Mund. ‚Schultheiß‘. Mit einer Sicherheit, die er sich nicht abnahm, kreiste er seine überflüssigen Runden. Er registrierte den ein oder anderen Blick und linste von Zeit zu Zeit zurück, in der Hoffnung, gemeint zu sein. Manchmal war das unbedacht. In der Anstrengung, mein Misstrauen zu überwinden, werde ich vertrauensselig: Wenn man einem Wachhund zu nahe tritt, fängt er an zu bellen, und geht man noch weiter, beißt er. Wer die Rituale nicht einhält, findet keine Gnade. – Der Geübte konnte die Leine schleifen lassen, aber er musste sie in der Hand behalten. Eine Gratwanderung. Auf der Kippe.
––Da war der, der wie die einzige Pute im Hühnerhof wirkte, und der, den sie ‚Lady Butch‘ nannten. Die Steppensau und das Rosinchen. Zimperlich waren die Männer, die sich selbst wie Hengste fühlten, nicht mit ihren Kosenamen. Die Kumpanei lag mehr in der Kleidung als im Verhalten. Schnell war man abgestempelt, dann wich man den alten Hasen aus und hielt sich besser an Neulinge und Touristen: Da gab es so eine Sorte, die ging erst an die Mauer, dann in die Oper und zu guter Letzt, wenn die Gruppenreisenden schon schliefen, in die Lederkneipe. Für sie waren alle neu, und sie waren neu für alle. Neu ist noch schöner als schön. Neu ist klar zu definieren, schön nicht.
––Martin war ziemlich neu. Sein drittes Mal. Er beobachtete den schmalen Vollbart, der aussah wie im T-Shirt an die Wand genagelt, ‚Fruit of the Loom‘, Christus, kurz vor Aufgabe seines Geistes, aber erfüllt von seiner Sendung.
––‚Love is in the Air‘, der Hit vom vorigen Jahr, passte hier nicht so recht, aber selbst Beethoven wäre nicht völlig unpassend gewesen. Everything goes.
––Der pfiffige Blonde mit leicht eingeknicktem linken Knie und abgestütztem rechten Arm, der zwar mit einem flachen Hinterkopf sprach, aber immer wieder zu Martin herüberschielte. Der drahtige Mittdreißiger am Flipper, der die Augenbrauen verzog und gleich auf ihn zukommen und ‚Hallo!‘ sagen würde, wenn das so weiterging.
––Mit einem Mal, als hätte sich ein neuer Duft ausgebreitet, regte alles Martin an und auf, die Kneipe, der Geruch, die Männer. Er fühlte sich beschwingt, leicht betrunken – und deshalb bestellte er sich noch ein Bier. Das Geld drückte er dem routinierten Burschen mit den kurzen Haaren und den langen Wimpern, der ihm die neue Flasche hinhielt, gleich in die Hand und setzte den Flaschenhals an die Lippen. Das Bier war kalt und herb und fad und toll. Heute komm’ ich an. Heute kann ich kriegen, was ich will. Today’s the day. Alles kann passieren. Reach out, take me. Ein Blick zuckt, ein Innehalten.
Erschrecken, verwundern, verwunden.
Ein Körper schiebt sich durch: vorbei.
Der Stall füllt sich: mehr Mähnen und mehr Männer.
Mehr Blitze, mehr Blicke.
Begrüßung: Handschlag, Backenkuss, verschlagenes Nicken: „Na, wie geht’s?“
Ein Wort fliegt schon zu Martin, Martin fängt es auf, schnippt es zurück, drängt grinsend weiter.
Im Strom, in der Verwirrung schwimmen, Wollen gegen Wollen.
Alles ist möglich. Die Erregung zu erregen. Die freie Wildbahn, Sträucher, Gräben.
Ein Schluck, die Mähne fliegt im Wind. Nie glücklich, aber meistens überschwänglich.
Ein Schluck. Mehr Mähnen und mehr Schweife.
Der Stall wird voll. Die Mähne fliegt im Wind.

Hanno Rinke Rundbrief

41 Kommentare zu “#13 | Es geht los

  1. Kleider machen nicht nur Leute, sondern sind auch Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Jeans, Krawatte, Minirock, Lederjacke … immer spielt auch eine Message mit.

      1. Eine Regierungserklärung von Merkel in Gagas Kostümen würde in der Tat nicht besonders gut funktionieren.

      2. Laschet könnte dagegen mal bei ihrem Schneider anklingeln (Gaga’s Schneider). Vielleicht macht ihn das ein wenig interessanter.

      3. Lady Gagas Fleischkleid stünde Laschet auch sicher und machte ihn in der riesigen Zielgruppe der Dragqueens krass populär. Letze Chance für Jamaika.

    1. Kleider können sicherlich ein Statement sein. Aber dieses kerlige in solchen Bars (Cowboy, Construction Worker, etc.) fand ich schon immer irgendwie zu karnevalistisch. Der Unterschied zwischen Mode und Kostüm vielleicht?

  2. Ein kurzer Satz hat mich beeindruckt: Wollen gegen Wollen. Manchmal reicht ja auch das nicht aus um zueinander zu finden.

  3. Diese Art von Club, so wie es oben beschrieben wird, haben immer etwas seltsam angestrengtes. Oder ist das nur mein Eindruck? Jedenfalls kenne ich auch Orte, wo das alles etwas weniger ritualisiert und selbstverständlicher abläuft.

    1. Ja das mag vielleicht sein, aber für mich gehört das auch alles dazu. Das Selbstverständliche ist ja auch immer unaufgeregter, unspannender, weniger nervenkitzelnd.

    2. Was klingt denn da für Sie angestrengt? Einfach der Fakt, dass Menschen ihre Befriedigung suchen? Oder die Art und Weise?

      1. Ich wollte schon sagen, wer die Rituale dort nicht versteht oder verstehen mag, der ist an solchen Orten wahrscheinlich auch am falschen Platz.

      1. Oder wie Sie neulich formuliert hatten: manchmal kann sogar die Erwartung schon zur Erfüllung werden. Das hat mir sehr gefallen.

      1. Das Schlimme ist ja meistens, wenn es los geht, dann ist es auch bald schon wieder zu Ende.

      2. Warum soll es den Lesern denn besser gehen als den beiden Hauptdarstellern?! 😉

  4. Wobei sich eine gut sitzende Jeans ja hoffentlich nicht beengend anfühlt. Im besten Fall fühlt man sich wohl / selbstbewusst / sexy …

    1. Man bewegt und benimmt sich einfach anders wenn man einen Anzug trägt als wenn man eine Jeans anzieht. Alleine deshalb sollte man beides für die entsprechenden Momente im Schrank haben. Nicht?

      1. Hahaha, sogar den Trend gab es doch mal. Zum Glück war das sehr kurzlebig.

    1. Und irgendwie spürt man trotzdem noch nicht so richtig ob es ein positives oder tragisches Begegnen werden wird.

      1. Immerhin heisst die Erzählung „Beelzebub und der Teufel“. Es würde mich daher wundern, wenn alles völlig friedlich und fröhlich enden würde.

      2. Ah, da müsste man nun wissen, wie die Stimmung in der Hölle untereinander so ist.

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