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04 – Beelzebub und der Teufel

#17 | Prometheus

Männer, Mähnen. Musik in monotonen Rhythmen. Asien oder Afrika. Qualm macht aus Silhouetten Schatten. Wird alles gut oder ist es gerade dabei, schiefzulaufen?
––„Lebst du allein?“, fragte Martin.
––„Ja. Jetzt ja. Ich hab’ mal ein paar Jahre lang mit jemandem zusammengelebt.“
––„Und? Wie war er?“
––„Ja, wie war er?“ Robert sah zur Decke. „Als ich Johannes das erste Mal sah, hat es mich fast umgehauen. So was hatte ich mir in meinen feuchtesten Träumen nicht ausgemalt.“
––„Und warum seid ihr auseinandergegangen?“
––Robert senkte den Kopf wieder. „Es war meine Schuld. Er war zu normal für mich. Das Ausgefallenste an ihm war ich. Dazu kam, dass er so tiefsinnig war. Ich wollte viele oberflächliche Leute treffen. Er wollte grübeln. Schade bloß, dass bei dem Grübeln nie was Vernünftiges herauskam. Es blieb Selbstzweck – so wie die peinliche Ordnung im Badezimmer oder die Aussprachen zu zweit und mit anderen. Außerdem war er auch noch fürchterlich eifersüchtig. Schlimm geradezu! Er hatte sich ein Bild von mir gemacht, dass ich nicht ausfüllen konnte. Ich wollte kein Heiliger sein und kein Held. Ich habe gemerkt, dass so ein Zusammenleben zu Lügen und heimlichen Kurzficks zwingt. Lebensbehinderung statt Lebensbereicherung. Das lief so eine ganze Zeit. Weitermachen ist leichter als Schluss machen. Aber dann haben wir uns doch getrennt. Ich blieb in der Wohnung. Er ist gegangen. Vielleicht hielt er seinen dramatischen Auszug für klug, aber als er eine Woche später wiederkam, habe ich ihn nicht mehr reingelassen.“
––„Keine sehr poetische Liebesgeschichte“, sagte Martin. Eine milde Verzweiflung kroch ihn an.
––„Poetisch?“ Robert hob die Brauen. „Warum soll eine Liebesgeschichte poetisch sein? Muss ein Kotelett poetisch sein? Ein gutes Kotelett ist genauso gut wie ein gutes Gedicht. Beides ist, was es ist: gut.“
––„Und über die Qualität bestimmen die anderen?“
––„Genau, denn das Kotelett hat leider nicht die Chance, von der Nachwelt gewürdigt zu werden.“
––„Ich bestimme das selbst“, sagte Martin, „und ich lasse mir auch nichts anderes einreden. Du verkaufst den Leuten das vielleicht als Lebensgefühl, aber ich sage dir: Es ist ein Kotelett, ob es zäh ist oder zart ist – es bleibt ein Kotelett.“
––‚Wie er sich aufregt‘, dachte Robert bewundernd. Wenn ich ihn jetzt einfach packen und küssen würde, auf der Stelle … „Du bist ein guter Mensch.“ – Wer hebt hier wen auf den Sockel?

Tief, tiefer als alle Gedanken spürte Martin, dass er es nur bei schrankenlosem Einsatz schaffen würde, diese Schlacht für sie beide zu gewinnen: gegen ihn und gegen sich. – Reden, einfach reden. Mit Schweigen werde ich ihn nicht halten können, aber vielleicht mit Worten, ob wahr oder gelogen, ganz egal, nur Worte können ihn binden. „Ich werde es nie vergessen“, sagte Martin, „ich war zwölf damals. Auf dem Weg vom Fußballplatz sprach mich ein Bettler an. Ausgerechnet mich! Er sagte, er käme gerade aus der Ostzone. Er hätte kein Geld und keine Wohnung und nichts zu essen. Anscheinend sah ich aus, als ob ich Geld hätte. Meine Mutter hat sich immer sehr um meine Kleidung gekümmert. ‚Du hast Schuld, dass er so geworden ist!‘, das war die Reaktion meines Vaters, als meine Mutter mit ihm über mich gesprochen hatte. Sie hat es mir erst neulich erzählt. Natürlich hatte ich kein Geld. Aber ich hatte eine Wohnung, und dort hatte ich auch zu essen. Ich kannte nur zwei Menschen, an die man sich wenden konnte, wenn man Hilfe brauchte: meine Eltern. Mein Vater gab mir manchmal Geld, meine Mutter gab mir täglich zu essen. Ich nahm den Bettler mit nach Hause, bis in den vierten Stock. Das hatte auch einen Vorteil für mich. Ich war zu spät dran, aber in Gegenwart eines Fremden würde mein Vater mich sicher nicht anbrüllen wie sonst. Meine Mutter war entsetzt, als sie die Tür aufmachte, und ich stand da mit dieser zerlumpten Gestalt. ‚Von uns kriegt er nichts‘, sagte mein Vater. ‚Wenn du ihm was geben willst, musst du an dein Sparschwein gehen.‘ Ich war hin- und hergerissen. Man soll den Armen aus freudigem Herzen geben, hatte der Pastor in einer Predigt gesagt. Aber leider war mein Herz sehr traurig. Nur – da draußen stand er. Meine Eltern hatten die Tür vorsichtshalber vor ihm verschlossen. Vielleicht war er schon weggegangen. Irgendwann würde er ganz bestimmt weggehen, ich brauchte einfach nur abzuwarten, aber das konnte ich nicht. Ich schlachtete mein Sparschwein. Die ganzen Münzen fielen zwischen die Scherben. Ich schämte mich, die Geldstücke abzuzählen. Also nahm ich den ganzen Haufen, mein Vater öffnete sogar die Tür für mich, und ich schüttete ihm alles, was da war, in die Hände. Er sagte nichts, er ruckte nur ein paar Mal mit dem Kopf, und dabei sah er eher überrascht aus als glücklich, aber ich war froh, dass er wegging, dass ich ihn los war und dass ich die Scherben meines Sparschweins zusammenfegen konnte.“
––„Auch keine sehr lustige Geschichte“, sagte Robert, „aber vielleicht eine poetische.“
––„Immerhin lebte ich ein paar Tage in dem stolzen Bewusstsein meiner guten Tat. Aber dann kamen wir aus dem Bahnhof Zoo raus, mein Vater und ich. Meine Mutter war mit einer Freundin im Café Kranzler an der Ecke Joachimsthaler/Ku’damm, und wir sollten sie da abholen. Also: Mein Vater fand, wir sollten sie da abholen. Er fand es wahrscheinlich sowieso überflüssig, dass meine Mutter da rumsaß – zusammen mit einer wildfremden Frau, die vor vielen Jahren mal ihre beste Freundin gewesen war. Er kannte sie nur aus Erzählungen. Meine Mutter war nie eine gute Erzählerin, und mein Vater war nie ein guter Zuhörer. ‚Nun komm doch mal zum Punkt!‘, das war der Satz, den ich am häufigsten von ihm gehört habe. So hab’ ich mir angewöhnt, nur das zu sagen, was notwendig ist. Und so bin ich auch zum Fotografieren gekommen: Eine Zehntelsekunde – und da ist der Sprung über den Stacheldraht; eine Zehntelsekunde – und da ist der Revolver am Kopf des Vietcong.“
––„Und wo ist der Punkt?“, fragte Robert.
––„Der Punkt ist ein ganz schwacher Punkt. Dieser jämmerliche Bettler. Er lehnte an der Wand, in der Hand eine leere Flasche. ‚Sieh mal‘, sagte mein Vater, ‚erkennst du ihn wieder? Dem hast du dein Geld gegeben, und er hat alles versoffen. Hoffentlich wird dir das eine Lehre sein.‘ Martin fuhr sich durchs Haar. – Nein, es war mir keine Lehre. Der Mann, dem ich mein Geld gegeben hatte, tat mir immer noch leid, und der Penner hier war ein Fremder.“ Er trank seine Flasche leer. „Ich glaube wohl meinem Bild mehr als der Wirklichkeit. Immer noch. Und ich nahm es meinem Vater übel, nicht dem Bettler, dass er das Bild zerstören wollte.“
––Robert versenkte sich in Martins Gesicht. Welche Hoffnung gab es für sie? Rettung?
––Martin wurde verlegen unter diesem Blick, den er sich hier nicht so leicht umdenken konnte wie in der Dunkelkammer. „Trinkst du noch ein Bier?“, fragte er.
––„Ja, gern.“ Robert holte ein neues Päckchen Zigaretten aus der Tasche. – Noch einmal? Alles noch einmal? Wie sollte sich das abspielen? Gemeinsam über endlose Wiesen reiten? Gemeinsam durch endlose Wälder streifen? Gemeinsam an einem endlosen See über offenem Feuer Fische braten?
Marlboro, Reyno, Reval? Im Flugzeug, im Restaurant, im Antiquitätengeschäft. Auf dem Markt. Fleischmarkt, Lachmarkt, Küssmarkt. Der Markt, der Markt: Gemüse, Gefühle, Gewinne. Jeder menschliche Traum ist schon umgesetzt in der Werbung, entjungfert, verhurt. Und wird ein neuer Traum entdeckt, bin ich der Erste, der ihn urbar macht für die Werbung. Ich erfinde sogar neue Träume und vergewaltige sie sofort. Die Menschen greifen zum Produkt und kaufen ihre Träume. Und ich? Bin ich Prometheus? Sie wärmen sich und werden Asche. Der Vogel hackt nach meiner Seele. Nicht noch einmal, nein, nicht noch einmal! Er würde wieder nur das Bild lieben, das er sich von mir gemacht hat. Lieber möchte ich der letzte Dreck sein, als auf einen Sockel gehievt zu werden, auf den ich nicht gehöre. Nicht diese hehren, abgestandenen heiligen Gewässer! Lieber brodeln, überkochen und verdampfen.
––Musik flackerte, die Arme, die Stimmen.
Martin war auf dem Weg zum Tresen. Er streifte Rücken, Oberkörper und er sah in Gesichter: ernste, lachende.
––Beziehungen geschehen: Mitten in einer Unterhaltung züngelt plötzlich etwas auf, etwas anderes, Neues. Er zieht einen Kopf zu sich herüber, küsst ihn auf das Ohr, scheu und mutig; seine Lippen fahren langsam über den Acker von Bartstoppeln hinweg bis zu den Lippen. Die Stirnen lehnen aneinander, die Schenkel suchen sich. Ein einschnürendes Blickspiel ist am Ende, die Gesichtszüge geben nach, die beiden fangen an zu reden. Ein Gespräch entsteht und löscht die Glut. So oder so ist das Leben.

Hanno Rinke Rundbrief

35 Kommentare zu “#17 | Prometheus

  1. Wirklich keine sehr poetische Liebesgeschichte, die Robert uns da erzählt. Das klingt eher recht unreif und naiv.

    1. Um die Diskussion der beiden aufzugreifen: eine Liebesgeschichte muss ja nicht unbedingt poetisch sein. Aber im Fall oben ist sie ja auch nicht besonders gut.

      1. Jemanden nach einem Streit nicht mehr in die eigene Wohnung zu lassen, klingt mir immerhin recht außergewöhnlich.

  2. Werbung als Markt der Gefühle, hmmm … mir scheint, wenn man von seinen Produkten überzeugt ist, oder wenn man in Martins Fall von der Kampagne überzeugt ist, dann kann dieses Träume schaffen doch auch Spaß machen.

      1. Ich bin auch immer noch gespannt, wie sich die Begegnung der beiden auf ihr weiteres Leben auswirken wirkt. Mal schauen ob man dazu etwas erfahren wird.

    1. Martin als Prometheus schafft dann nicht nur Träume, sondern modelliert sich seine ganze Kundschaft nach Belieben aus Ton?

  3. Man muss vielleicht auch gar nicht gemeinsam durch endlose Wälder streifen um eine bedeutsame Begegnung zu haben. Auch oberflächlich gesehen „kleinere“ Begegnungen können einen wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen.

      1. Sie regen eher die Phantasie an. In der Praxis macht der Sexclub wahrscheinlich mehr Laune.

  4. Trotzdem frage ich mich, wie oft mitten in einer Unterhaltung auf einmal etwas völlig Neues auftaucht. Spürt man dieses Andere, Besondere nicht schon am Anfang?

    1. Ich bin schon öfters positiv überrascht worden. Auch nach längerem Kennenlernen. Allerdings ging es dabei nie um Sexuelles…

      1. Genau da würde ich auch die Unterscheidung machen. Sexuelle Anziehung spürt man ja relativ schnell. Alles andere kann schon mal eine Weile dauern.

      2. Das stimmt sicher. Oder man erlebt gemeinsam etwas, dass einem eine Seite aufzeigt, die man bisher nicht kannte.

  5. Die Bettler-Geschichte passt ganz gut zur Beziehungsgeschichte. Naiv, unbedacht, vielleicht auch nicht ganz so schlau, wie er sich hält.

      1. Oh, ich hatte ihn 2-3 Jahre älter eingeschätzt. Dass ändert bzw. erklärt noch mal einiges…

    1. In der Liebesgeschichte erstaunt mich, dass sie mehrere Jahre zusammen gelebt haben bevor er festgestellt hat, dass er eigentlich jemand ausgefalleneres haben will. Aber gut, das kann wahrscheinlich wirklich passieren.

      1. Trennung ohne neues Verliebtsein ist der schwieriger Schritt ins Alleinsein. Zwischen „vorhersehbar“ und „ausgefallen“ gibt es übrigens noch ein paar Zwischenstufen.

      2. Ja das verstehe ich. Trennungen sind wohl nie einfach, selbst wenn man eigentlich weiss, dass sie unausweichlich sind.

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