Teilen:

1108
04 – Beelzebub und der Teufel

#02 | Was ganz Besonderes

Wein fließt und spült Empfindungen: auf – ab. Chablis.
––Der Bruder der Braut hielt sein Glas mit der flachen Hand zu. „Nein, danke!“
––Der Kellner zog die Flasche zurück, ging einen Schritt weiter, schob die gesenkte Flasche über zwei Schultern hinweg, eine männliche und eine weibliche, zwischen zwei Köpfen hindurch, die sich zunickten: ein korrekt gescheitelter – ein gedauerwellter; Bartansatz, frisch rasiert – Lippenstift, frisch aufgetragen; Aftershave – Make-up; „Mister X“ duftet „Madame Y“ an; die Gabel in den Mund: Kapaun – Poularde; den Wein ins Glas, ein Schritt weiter zwei weitere Schultern: männlich, weiblich, den Kopf gesenkt, die Flasche gesenkt, die Hand auf dem Rücken, den Wein ins Glas, ein Schritt weiter, den Wein ins Glas, ein Schritt weiter, den Wein ins Glas: Pflanzen gießen: wachst und gedeiht! Fruchtstempel – Fruchtknoten, männlich – weiblich; Bestäubung, Vermehrung: Erst kommt die Hochzeit, und dann kommt der Nachwuchs.

Blanchiertes Gemüse, gebräunte Gesichter. Weißes Linnen (die tüchtige Hausfrau!), weißes Porzellan (die königliche Manufaktur KPM), Tafelsilber, goldene Worte, Platinschmuck auf dem Dekolleté, Uranminenanteile auf der Bank: gegen Atomkraftwerksgegner.
––„Nein, danke!“
––„Trinken Sie immer so wenig?“
––„Nein, nur wenn ich mich wohlfühle.“
––„Wenn Sie sich wohlfühlen, trinken Sie oder trinken Sie nicht?“, wollte die Mutter des Bräutigams wissen.
––„Wenn ich mich wohlfühle, trinke ich wenig. Wenn ich entspannt bin, brauche ich keinen Alkohol“, sagte der Bruder der Braut.
––„Wissen Sie, ich bin sehr glücklich heute“, sagte die Mutter des Bräutigams. „Ich habe es immer gewusst, der Andreas wird mal ein ganz außergewöhnliches Mädchen heiraten. Mein Mann hat immer schon gefragt: ‚Junge, willst du nicht bald eine eigene Familie gründen?‘ Aber ich hab’ gesagt: Lass ihn, Georg, der Andreas wartet, bis die Richtige kommt. Der Andreas kriegt was ganz Besonderes.“
––„Weil er sich die Ärmel hochkrempelt, wie mein Vater vorhin sagte?“
––„Der Junge ist wirklich tüchtig. Ich freu’ mich so für ihn. – Sind Sie noch nicht verheiratet?“
––Der Bruder der Braut wandte seinen Blick von seiner Tischdame zur Linken ab und sah zwischen den beiden Köpfen ihm gegenüber – männlich, weiblich – hindurch, aus dem langgestreckten Verandafenster, über das melierte Hellgrün des Gartens – frisch geschnitten und gelegt – hinweg, auf den Wannsee und den wolkenlosen Himmel. Spitze Segel unter der Sonne. Es blitzte.
––„Nein“, sagte er und sah auf zu dem Fotografen.
––Der nahm den Apparat vom Gesicht und grinste, fröhlich-verlegen, wie bei einem Spaß ertappt.
––„Dann wird es für Sie aber auch bald Zeit“, fand die Mutter des Bräutigams.
––„Der Herr Ihnen gegenüber ist ja auch noch ledig – und viel älter als ich.“
––Sie blieb ernst. „Das ist etwas anderes. Der Herr Pfarrer darf doch nicht.“ Sie wurde ziemlich rot und etwas hilflos. „Vielleicht hab’ ich schon zu viel getrunken. Sonst würd’ ich sowas gar nicht fragen, aber: Ist Ihnen das eigentlich manchmal schwergefallen?“
––Der Pfarrer lächelte. „Es ist eine Entscheidung. Ein Gebot, das man einhält. Ja, es ist eine schwere Entscheidung.“
––Die Mutter des Bräutigams nickte mitleidig. „Wir Protestanten verstehen das ja nicht so ganz. Es ist schon traurig für einen Mann, wenn er keine Frau und keine Kinder haben kann. In der Familie besteht doch eigentlich der Sinn des Lebens. Solche gefestigten Persönlichkeiten wie Pastoren – katholische, aber trotzdem – bleiben ohne Nachkommen, und die Türken in Kreuzberg setzen dauernd Kinder in die Welt, sie können sie nicht ernähren, sie können ihnen nichts beibringen, außer auf ihren schrecklichen Koranschulen, wo ihnen Klassenhass eingeimpft wird. Ich finde das nicht in Ordnung.“
––„Das ist nur noch eine Frage der Zeit“, sagte der Bruder der Braut, „nicht wahr, Herr Pfarrer?“ Sein Ton war nicht herausfordernd, sondern nur belustigt. Hunde, die mit dem Schwanz wedeln, beißen nicht. „Im selben Ausmaße, wie die progressiven Soziologen es schaffen, uns zu beweisen, dass die bürgerliche Ehe eine Sackgasse in der Menschheitsgeschichte war, im selben Ausmaß schaffen es die progressiven Geistlichen, uns zu beweisen, dass der Zölibat eine Sackgasse in der Alleinseligmachenden war. Die hochragende Kirche wird sich irgendwann mal beugen müssen, nicht nur der polnische Papst vor dem Asphalt des von ihm heimgesuchten Landes. Die letzten kirchlichen Trauungen, die dann noch geschlossen werden, können die Geistlichen unter sich abmachen, unter sich und ihren Bräuten. Oder Bräutigamen.“ Sein Zeigefinger kreiste um den Rand des Weinglases, und sein Gesichtsausdruck zeigte an, dass er sich darauf freute, weiter den eigenen Worten zu lauschen. „Sie haben mir die erste Beichte abgenommen und die erste Kommunion gegeben, Herr Pfarrer – vielleicht komme ich noch zu Ihrer ersten eigenen Eheschließung. Da wäre Berlin für mich wieder mal eine Reise wert.“
––Der Pfarrer lächelte versöhnlich. „Das hätte zumindest ein Gutes: Du würdest seit Jahren wieder eine Kirche betreten.“
––„Tut mir leid, dass ich die Trauung verpasst habe. Die Maschine aus München hatte zwei Stunden Verspätung.“

Endlich fand die Mutter des Bräutigams wieder eine Möglichkeit, sich am Gespräch zu beteiligen. Ihr Tischherr, der Brautvater, redete fast schon unhöflich lange nach der anderen Seite hin. Es war offensichtlich, dass er sich mit seiner smaragdgeschmückten, eloquenten Nachbarin zur Linken sehr viel mehr zu sagen hatte als mit der nur aus Gründen der Etikette neben ihm sitzenden Mutter des Bräutigams: Wahlverwandten ist schwer zu widerstehen. Schwager- und Blutsbande muss man sich erst erarbeiten.
––„Ach, Sie wohnen in München?“
––„Ja.“
––„Da haben Sie es aber gut. Die schöne Umgebung! Wir hier in Berlin müssen ja immer eine richtige Reise machen, um mal aufs Land zu kommen. Aber auch mitten in der Stadt gibt es in München so nette Lokale.“
––„Ja, die gefallen mir auch sehr gut.“ Er sah zum Pfarrer.
––Der Pfarrer kaute.
––Es blitzte.
––„Sehen Sie“, sagte die Mutter des Bräutigams, „er hat auch gemerkt, wie fotogen Sie sind. Er knipst Sie schon wieder.“
––Der Bruder der Braut sah zu dem Fotografen hinüber, der gerade zum nächsten Tisch gegangen war.
––„Nein, er hat Sie fotografiert.“
––„Mich? Glauben Sie?“
––„Ja, sicher. Übrigens, sollten wir uns nicht duzen? Wir sind doch jetzt verwandt.“
––„Ja, natürlich. Komisch. Dabei haben wir uns erst heute kennengelernt. Na ja, wo du auch nicht in Berlin lebst. – Wie lange lebst du schon in München?“
––„Seit vierzehn Jahren.“
––„So lange schon.“
––„Ja. Seit ich nicht mehr bei meinen Eltern wohne.“
––„Sylvia ist wohl viel jünger als du?“
––„Zehn Jahre. Sie ist die Jüngste. Ich bin der Älteste.“
––Der Kellner zog ihm den Teller weg.
––„Habt ihr immer so viele Hausangestellte?“, flüsterte die Mutter des Bräutigams.
––„Nein“, sagte der Bruder der Braut, „die sind bloß gemietet. Nur für heute.“

Nach der unvermeidlichen Eisbombe nahm die Gesellschaft den Kaffee in der Bibliothek ein.
––„Ich glaube, ich habe jetzt genug“, sagte der Fotograf zum Vater der Braut.
––„Ja, das glaube ich auch. Schöner werden die Leute nicht mehr, nur betrunkener. Wann können wir die Bilder sehen?“
––„Ich mach erst die Kontaktabzüge. Dann komm’ ich wieder vorbei.“
––„Ach, auf denen kann man ja doch nie was Richtiges sehen. Machen Sie ruhig gleich die Fotos!“
––„Gut, dann komm ich mit den Kontaktabzügen und von den Bildern, die ich gut finde, bring’ ich gleich Vergrößerungen mit.“
––„Sehr schön. Also dann: Vielen Dank! Nett, dass Sie gekommen sind. Ich höre von Ihnen. Auf Wiedersehen!“
––Sie verabschiedeten sich mit Handschlag. Der Fotograf warf noch einen Blick in die Runde, packte seine Geräte zusammen und verschwand.
––Der Bruder der Braut sah ihn gehen.
––„Ein sehr netter, junger Mann“, sagte die Mutter des Bräutigams, die ihm noch nicht von der Seite gewichen war.
––„Ja.“
––„Kennst du ihn?“, fragte sie.
––„Nein.“
––„Und man kann so einen Fotografen einfach engagieren?“
––„Ja. Das ist sein Beruf.“
––Der Pfarrer kam, um sich zu verabschieden. „Gnädige Frau.“
––„Oh, Sie wollen schon gehen? – Mein Gott, es ist ja auch schon halb fünf. Seit ein Uhr sitzen wir hier! Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, Herr Pfarrer. – Meinen Sie tatsächlich, dass Sie demnächst heiraten können, wenn Sie es wollen? Wir sind vorhin irgendwie unterbrochen worden.“
––„Ja, durch dich“, sagte der Bruder der Braut.
––„Durch mich?“
––„Ja, du hast plötzlich das Thema gewechselt.“
––„Ach“, sagte sie, „dann muss ich mich entschuldigen. – Und was meinen Sie nun, Herr Pfarrer?“
––„Ich habe meine Predigt heute mit einem Bibelwort begonnen. Vielleicht kann ich mich auch mit einem – ganz anderen – Bibelwort verabschieden.“ Er sah den Bruder der Braut an. 12„Etliche enthalten sich der Ehe, weil sie von Geburt an zur Ehe unfähig sind; etliche enthalten sich, weil sie von Menschen zur Ehe untauglich gemacht sind; und etliche enthalten sich, weil sie um des Himmelreichs willen auf die Ehe verzichten.“
––Und der Bruder der Braut ergänzte: 12„Wer’s fassen kann, der fasse es.“
––An dieser Stelle verlassen auch wir die Hochzeitsgesellschaft. Wir werden uns von nun an nur noch mit dem Fotografen und dem Bruder der Braut beschäftigen. Um die Zeit nicht unnütz mit der Suche nach geeigneten Namen zu vergeuden, nennen wir sie der Einfachheit halber wieder Robert und Martin.
––Robert lebt also in München, ist Ende dreißig und Etat-Direktor einer Werbeagentur.
––Martin ist Anfang zwanzig, Fotograf in Berlin.
––Ziemlich modische Berufe, ziemlich modische Welt. Wir werden ja sehen. Und damit zu den Spielregeln: Wir hetzen zwei Klischees aufeinander und hoffen, dass dabei Menschen herauskommen. Zwei Gladiatoren, die sich nicht töten, sondern zum Leben erwecken sollen. Das wäre vielleicht schon auf der Hochzeit passiert, nur war da die Gelegenheit natürlich besonders ungünstig. Es ging viel zu familiär zu oder zu steif, als dass irgendein Kontakt von fortführender Bedeutung hätte entstehen können. Die Atmosphäre taugte nur dazu, Belangloses zu festigen und die Stimmung zu lockern. Die feindselige Kluft zwischen Knien und Sitzen, Dienen und Danken, die trennende Pflichterfüllung: geschäftlich – privat. Sie hatten einander knapp wahrnehmen können, eingeschmiedet in ihre Rollen. Einander erfahren war unmöglich. Das muss das Schicksal doch einsehen. Es muss uns für unseren nicht Zwei-Kampf, sondern Doppel-Frieden faire Bedingungen bieten, also Chancengleichheit, damit aus zwei Einzelnen ein Gemeinsames entstehen kann.
––Das Schicksal sieht es ein. Es gewährt unseren beiden Helden eine zweite Begegnung: in günstiger Umgebung, unter besseren Umständen, Demokratie pur. Nicht die Vertreter zweier sozialer Gruppen werden aufeinandertreffen, sondern zwei Menschen. Noch einmal also. Aber auch nur ein Mal. Ein einziges Mal noch: heute.

12Quelle: ‚Die Bibel‘ – Das Evangelium nach Matthaeus 19,12

Hanno Rinke Rundbrief

35 Kommentare zu “#02 | Was ganz Besonderes

  1. Erst kommt die Hochzeit, und dann kommt der Nachwuchs. So wünscht es sich zumindest der stolz-konservative Brautvater der Erzählung.

    1. Das ist heute nicht mehr zwingend so, aber doch üblich. Immerhin, schon ich schlummerte während des Hochzeitsessens meiner Eltern im Restaurant am Kudamm von der Haushälterin bewacht in der halb zerbombten Grunewald-Villa. Meistens schrie ich allerdings, heißt es.

      1. Glaube ich auch nicht. Jedenfalls nicht so schnell, wie man es sich vielleicht wünschen würde. Je normaler es wird, dass es verschiedene Religionen in Deutschland gibt, und je selbstverständlicher der Islam auf den Straßen auftaucht, desto mehr werden solche Ansichten laut werden. Auch wenn es nur ein letzter Aufschrei der verängstigten Konservativen ist.

      2. Was für ein Gefühl das sein muss, wenn man feststellt, dass diese Annahme nur ein Irrtum war.

  2. Dass auf Familienfeiern (Hochzeiten vor allem!) irgendein Kontakt von fortführender Bedeutung entstehen könnte, also abseits der eigenen Familie (die kennt man ja in der Regel schon vorher) würde mich auch wundern.

    1. Warum denn nicht? Gerade wenn man bei einem Hochzeitsfest der eigenen Familie mal für eine Weile entweichen will, bietet es sich doch an den Kontakt zu fremden Gästen zu suchen.

  3. Auch 2021 wird das Zölibat nicht diskutiert. Höchstens mal wenn es darum geht, dass der Kirche Priester fehlen. Traurig.

    1. Ich glaub auch nicht, dass sich die Kirche in Zukunft sonderlich öffnen wird. Man wird sich weiter an veralteten Ideen festkrallen und die Mitgliederzahlen werden weite sinken.

      1. Dabei hatte man sich so viel von Franziskus erwartet. Also zumindest gab es einen kleinen Hoffnungsschimmer im Freundeskreis. Ich war ehrlich gesagt von Anfang an skeptisch.

      2. Die Kirche verändert sich so langsam, es würde eine Ewigkeit dauern bis sie sich den Veränderungen in unserer Gesellschaft annähern würde. Und je schneller die Gesellschaft sich verändert, desto mehr wird die Kirche abgehängt.

      3. Die Zeiten, in denen sich die Gesellschaft im Schneckentempo veränderte, sind eigentlich schon seit der Renaissance, aber spätestens seit dem ersten Weltkrieg, vorbei. Schade, dass die Religionen das nicht merken. Aber noch haben sie ja ihre ‚Follower‘.

  4. Bei der Frage „Und man kann so einen Fotografen einfach engagieren?“ musste ich tatsächlich laut auflachen 😂

      1. Wobei es die Kleinbildkamera ja bereits seit 1924 gibt. Bei Hochzeiten wurde aber wahrscheinlich auch davor schon fotografiert. Ob die damaligen Fotografen oder Lichtbildner von ihrer Arbeit leben konnten ist mir als Hobbyfotograf aber nicht wirklich bekannt.

      2. Es ist wie mit den Schriftstellern und Schauspielern: die berümten leben gut davon, die halbwegs bekannten schlecht, die unbekannten fahren Taxe (als Fahrer).

      3. Allerdings nicht zum BER. Mittlerweile gibt es wohl Vorschläge die Taxifahrer dazu zu zwingen. Jedenfalls sagt dies meine Morgenzeitung. Komische Welt.

      4. Aus jahrelanger Erfahrung weiß ich: Am Flugplatz keine Taxe zu bekommen schafft Groll auf die Stadt. Das können für die Top-Geschäfte und -Hotels die netten Rucksack-Touristen an den Imbissbuden nicht ausgleichen.

      1. Vor allem kann man nun die Daumen drücken, dass auch diese Begegnung so etwas ‚ganz Besonderes‘ werden wird wie zwischen Braut und Bräutigam.

      2. Wenn die beiden wie angekündigt nur ein einziges Mal aufeinandertreffen werden, dann bleibt fraglich ob es Ähnlichkeiten zum Brautpaar geben wird 😉 Einschneidend sicherlich, sonst gäbe es diese Geschichte nicht, aber bestimmt nicht ‚besonders‘ im gleichen Sinne.

      3. Die Mutter des Bräutigams wusste von ihrem Sohn: „Der kriegt was ganz Besonderes!“ Also die reiche Sylvia. Ob auch diese Ehe etwas ganz Besonderes wird, ist dahingestellt, aber nicht Gegenstand unserer Betrachtung.

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

9 − sechs =