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1909
04 – Beelzebub und der Teufel

#19 | Im Rudel

d) in der dunkelkammer

Robert ging die Treppe runter und erst mal pissen. Er machte die Tür auf: Die Pinkelbecken waren leer. Die Tür dahinter war verriegelt. Während er seinen Strahl golden schimmern sah, hörte er verhaltenes Stöhnen. Vielleicht saß einer auf der Brille und saugte an der Eichel des anderen. Vielleicht stand er über den Lokus gebeugt und ließ sich ficken. Robert klopfte den letzten säumigen Tropfen ab, stopfte das Tier da unten in die Hose zurück und machte den Reißverschluss zu wie einen Käfig. Dabei lohnte sich das eigentlich gar nicht. Er ging zurück in den kleinen Vorraum, an dessen feuchten, blatternarbigen Wänden ein paar Gestalten lungerten: die, die wollten und sich nicht trauten, und die, die vorher begaffen wollten, was sie nachher nicht wiederfinden würden. Robert beachtete sie nicht und ging rein. – Hunde, die man nicht ansieht, bellen nicht.
––Es gab keine Tür und war gleich ziemlich dunkel. Und da hinten, wo sich alles abspielte, drang der Lichtschein vom Flur überhaupt nicht mehr hin. Vorne standen die Mutlosen. Sie starrten in die fiebrigen Geräusche, atemlos. Sie deuteten jedes Scharren, jeden Seufzer. Wenn jemand ihren Körper absichtsvoll sanft berührte, gefroren sie, als erblickten sie Sodom, und traten einen feindseligen Schritt zur Seite. Ganz hinten, in der dunkelsten Ecke standen auch Zaghafte. Aber wenn man sie berührte, blühten sie auf wie der Dornenbusch in der Wüste. Leben kam plötzlich in sie und Feuer. Dazwischen das Rudel. Hochzeit halten. Hundehochzeit.

Zugegeben, ein Schwanz ist – für sich betrachtet – keine ansehnliche Sache, aber wenn man ihn so plötzlich in der Hand hat, heiß, fordernd, dann geht man doch in die Knie, dann umspannt man diesen unsichtbaren, lebendigen Kolben mit den Händen, mit den Lippen – ein Blinder, der von allen Farben schwärmt. Leder spüren, Stoff, dann nackte Haut. Dieser atemberaubende Duft aus Männerqualm, Lederschweiß, Achselschwanz, brenzlich dumpf, diese Melodie aus Reißverschlüssen, Schlägen, Mundlauten. Haare, Haut, Hoden.

Jemand hielt ihm die Poppersflasche vor die Nase. Er sog tief ein. Der Schwanz in seinem Mund wuchs ins Unendliche. Er umklammerte die Arschbacken, Muskel, Haut und Haare, fühlte Feuchtigkeit, seine Zunge glitt den Sack entlang in uferlose Tiefe. Ein anderer Schwanz in seiner Hand, der zuckend in den Muskel stieß, den er umklammerte. Sein Gesicht wurde gewaltsam zur Seite geschoben, ein neuer Schwanz füllte seinen Mund aus. Die Lenden ruckten ihm entgegen. Hände strichen über seinen Kopf. Nur das. Nur das. Diese Dunkelheit, diese Körper, diese Wärme. – Ich, mitten darin ich, in dieser Einigkeit, in diesem eins mit allem. Hier liegt meine Seele. Alles andere ist Täuschung, Glätte, Stroh. Kollegen, Kunden, Freunde, nichts zählt – nur dieses Verschmelzen mit diesen Körpern, die mit mir verschmelzen. Kein Glück, kein Geist – das hier: Sex mit nichts als Sex. Aus sich, in sich, für sich. Ein Alles. Ein Ächzen lief durch diesen Körper, ein Pulsen durch den Schwanz. Dann quoll ihm in ruckartigen Stößen der Saft entgegen, lauwarm und bitter.
––Gleichzeitig mit dem Regen kam die Sonne. Irgendjemand machte ein Streichholz an. Für einen Augenblick flackerte das Gesicht, das zu dem Schwanz gehörte, auf und war gleich wieder verschwunden. Sex mit wenig Charme, aber viel Sex. Eine Hose wurde hochgezogen, ein Reißverschluss zurrte, dann gingen Beine lautlos.
––Robert stand auf, etwas benommen, etwas ernüchtert. Plötzlich war er allein. Die Gruppe hatte sich aufgelöst. Er musste sich ein neues Nest suchen. Zwei Schritte weiter griff er in Beine. Finger an Körpern, streichelnd, bohrend. Eine Hand fühlte in stummem Verständnis nach seiner Hose, öffnete den Gürtel, zerrte an Knöpfen. Übereinkunft. Zwei Schwänze berühren sich. Ein ewiges Streifen und Streichen, Zungen tasten sich ab, Bärte erkennen einander. Die Ahnung, der Schimmer von Augen.
––Der andere dreht sich. Die Öffnung dehnt sich unter seinen Händen. Sein Schwanz ragt vor, die Kuppe stößt an Weiches, Festes, wird aufgesogen, umschmiegt, umpresst. Der Mund stöhnt auf. Seine Lippen fahren in Hals und Locken. Seine Finger drängen zwischen Zähne. Das Atmen, das Stoßen: eins. Von hinten spürt er Härte zwischen seinen Backen. Ein Schleichen, ein biegsames Gleiten, feucht, glatt, fest. Es drängt vor, dringt ein. Stechender Geruch vor seiner Nase, Wattebausch. Ein Schmerz. Der Rhythmus hämmert durch ihn durch. In ihn hinein, aus ihm heraus. Nagelt ihn fest. Er hört Stöhnen, Winseln – sich und die anderen. Um ihn her zuckt es, in ihm saust es. Herzen, Muskeln, Adern. Ein wilder Stoß fährt ächzend in ihn ein, stockt und schlafft ab. Löst sich.
––Der Körper vor ihm tobt wie wild.
––Robert stürzt taumelnd in Ernüchterung. „Ja“, schreit es vor ihm, „ja!“ Eine fast peinliche Aufgeregtheit. Um ihn her herrscht reges Treiben. Sex mit wenig Scham aber viel Sex. Er fühlt Boden unter seinen Füßen. – Bloß jetzt nicht wegsacken! Mit letzter Anstrengung hangelt er sich wieder auf. Eine Sekunde lang glaubt er zu vergehen in tosender Lust. Aber nur eine Sekunde. Dann kommt der Fall. Zu früh. Der Rest ist Routine. Zuckender Ausstoß ohne viel Emphase. Der falsche Wunsch im falschen Augenblick: ein Schaum-Omelett in einem Grandhotel um zwei Uhr nachts. – Der arme Koch!
––Das Zeug kommt, aber ziemlich lustlos.

Martin hatte sich noch ein Bier geholt. – Was wollen die alle hier? Schwatzen und Schulterklopfen? – Sicher nicht. Bewundert werden, geküsst werden, gefickt werden. Und was will ich hier? Bewundern, Küssen, Ficken? Wer weiß, wenn ich so alt sein werde wie er, vielleicht denke ich dann genauso. Vielleicht denke ich jetzt schon genauso. Er wirkt so abgebrüht. Ob es stimmt, dass man nur aus der Zerrissenheit heraus schöpferisch sein kann? Vielleicht ist er bloß unsicher. Vielleicht hätte ich ihm einfach an den Schwanz greifen sollen. Aber ich würde es nie tun. Hier. – Martin trank einen tiefen Schluck, der ihm im Hals schmerzhaft prickelte und eisig in den Leib fuhr. Würde man Alkohol trinken, wenn man nicht blau würde? Würde man sich in die Sonne legen, wenn man nicht braun würde? Was ist wichtiger, der Geschmack und die Wärme oder der Rausch und die Farbe? Mein Gott, warum ist mir sein Schwanz nicht egal, und wenn er mir nicht egal ist, warum renne ich nicht runter und taste ihn ab? Weglaufen wird er schon nicht. Wer in den Fummelraum geht, ist für mich gestorben. Warum ist er nicht tot? Warum denke ich immerzu daran, was er jetzt macht und mit sich machen lässt? Oh, ich halte das nicht aus! Noch eine Minute, und ich werde schreiend wegrennen, außer mir: auf die Straße, vor ein Auto – welche Erlösung …

Robert kam aus dem Keller. Sein Gesicht war ausdruckslos.
––Martin versuchte abzulesen, was nicht abzulesen war.
––Robert sah ihn vor sich an der Wand stehen und grinsen.
––„Na, wie war’s? Lohnt es sich?“ Der Junge schien blasser als vorher.
––Robert lächelte ihn an: „Ach, es ist kein Zucker, aber ein Schlecken. Versuch’s doch mal!“ Und er dachte: Man müsste auch mal unabgezapft weggehen können, wenn es nichts war.
––Martin regte sich. Er bewegte sich langsam auf die Kellertreppe zu. War es das, was der andere gewollt hatte? Verrat? Martin drehte sich nicht nach ihm um, sondern ging runter. Er musste wie verrückt pissen. Aber er war schon so besoffen, dass sich der Strahl nur mühsam herausquälte. Martin stierte in das Becken und in die aufgeweichten Kippen. Neben ihm stand ein ledriger Typ und wichste seinen langen Schwanz. In all seiner Taubheit spürte Martin, wie ihm noch während des Pinkelns der Schaft anschwoll. Er bugsierte ihn in die Jeans und fühlte, wie seine Unterhose feucht wurde von Pisse. Er stand gleich mitten in dem Raum. Wut, Trotz und Erregung machten ihn mutig. Jemand griff nach ihm, und er griff zurück. Aber er sah nichts. Und das schreckte ihn ab, er ging drei Schritte weiter, zwängte sich zwischen Umschlungenen hindurch. Der fremde Geruch und das fremdartige Gestöhne machten ihn atemlos. Eine Hand tastete sich zu ihm durch, an ihm entlang. Er sah den Schimmer eines Gesichts, das er mochte. Er griff in das Gesicht, die Nase, die Lippen. Er fühlte Schultern. Diese Dunkelheit und dieser Mensch in der Dunkelheit, erschrocken und geborgen in der Menge. Sein Kopf begann klarer zu werden, sein Schwanz wurde weicher und schrumpfte. Diesen Menschen bei der Hand nehmen, rausführen und sagen: Komm!
––Jetzt kam Leben in den Mann. Er fasste Martins Schulter an, strich mit der Hand an ihm herunter und nahm seine rechte Brustwarze zwischen zwei Finger. Mit der anderen Hand öffnete er Martins Reißverschluss und wühlte den Schwanz heraus. Er massierte ihn in seiner warmen, harten Hand. Ein angenehmes, verwegenes Gefühl. Plötzlich ließ er los und ging weiter.
––Martin stand wie versteinert. Er taumelte gegen den kalten Mörtel und blieb an der Wand stehen. – Klar, nur der knallharte Prügel zählt hier unten. Was sonst? In dieser Finsternis.
––Jemand befummelte ihn von der Seite. Ein schmächtiger Junge. Genau das, was Martin nicht wollte, aber er war unfähig, sich zu wehren. Nun ließ er sich Abfütterung also auch schon im Sexuellen gefallen.
––Der Junge ging in die Hocke und fing an, Martins Schwanz zu belutschen und zu besaugen. Martin ließ es willenlos geschehen. Er wollte sich festhalten. Er griff in die Luft und hatte Stoff in der Hand, er tastete sich weiter, blieb an einem anderen Schwanz hängen und umklammerte ihn. Allmählich tat das Lutschen und Saugen seine Wirkung. Ein mechanisches Lustgefühl entstand. War das Elend oder Seligkeit?
––Der Junge stand auf, und so, als erwarte er selbst oder der andere es, beugte Martin sich über ihn, führte seinen Mund an den pochenden Muskel und umschloss die pralle Stelle in der Dunkelheit mit seinen Lippen. Er soff das Gefühl in sich hinein, hier zu stehen mit einem fast unsichtbaren Fremden, einem Wild-Fremden, der sich ihm entgegenstreckte und nichts von ihm wollte, als das, was er tat.
––Martin streichelte den mageren Körper über sich, während er mit der Zungenspitze die Eichel umkreiste. – Haben Sie schon mal rohes Fleisch probiert? Bei lebendigem Leibe. – Martin stand auf. Er wollte gehen.
––Der Junge hielt ihn fest. Er drehte sich um, griff nach Martins Schwanz und wollte ihn sich einführen. Aber es ging nicht. Martins Schwanz war wieder in sich zusammengesunken. Der Junge spuckte sich in die Handflächen und begann dann, mit einer Hand Martins Schwanz zu massieren, mit der anderen schmierte er sich etwas zwischen die Backen.
––Martin ließ alles mit sich machen. Er spürte, wie sein Schwanz wieder fest wurde und mit sanftem Druck hineinglitt. ‚Ich will das nicht‘, dachte er. Mechanisch wippte er hin und her und fühlte den fremden Jungen um seinen Schwanz und zwischen seinen Händen.
––Der Junge stand weit vorgebeugt und umschlang mit seinen Armen Martins ruhig pulsenden Körper.
––Jemand griff Martin an die Beine. Jemand anders griff die Hand, die nach ihm griff. Das extreme Leben der Extremen verläuft ganz extrem. – Babylon: Alles baut, stößt, tastet, saugt. Vermessen, versessen. Doch es gibt keine Verständigung. Der eine weiß nicht, was der andere will, aber alle wollen dasselbe. Lauter Stimmen, lauter Gegenstimmen. Lauter Enthaltungen. Keiner spricht dieselbe Sprache. Der Turm wird niemals fertig. Ein heidnisches Bauwerk ohne Heiligen Geist. Das Pfingstwunder findet nicht statt.

Hanno Rinke Rundbrief

35 Kommentare zu “#19 | Im Rudel

  1. Und da entlöst sich die ganze Anspannung der Beiden auf einmal. Aber wirklich befriedigt und zufrieden scheint mir keiner der Beiden zu sein.

      1. Die sexuelle Anspannung löst sich sicherlich ein bisschen. Dafür sorgen ja die anderen Jungs im Keller. Das letzte Wort zwischen Martin und Robert ist deswegen aber bestimmt noch nicht gewechselt.

      2. Das wusste schon Goethe. Er lässt Faust sagen: „So tauml ich von Begierde zu Genuß, und im Genuß verschmacht ich nach Begierde.“

  2. Der eine weiß nicht, was der andere will, aber alle wollen dasselbe. Da kann man nicht viel hinzufügen.

    1. Man muss einfach solange probieren bis man einen trifft, der durch Zauberhand genau weiss was man will. Anders geht es nicht.

      1. Manchmal trifft man jemanden, bei dem jede Berührung stimmt. Das ist wahrscheinlich, was man so oft als Chemie bezeichnet.

      1. Ich würde nicht gerade sagen, dass man das braucht. Aber es lässt sich eben auch nicht völlig vermeiden.

      2. Und wenn nicht Lust, dann vielleicht mindestens ein wenig Lebenssinn…

      3. Lebenssinn zu haben ist immer gut, selbst wenn er objektiv gesehen (gibt es das?) falsch ist. Andere mit seinen Abwegigkeiten (z.B. Holocaust- oder Corona-Leugner) militant zu belästigen, darf der Rechtsstaat nicht dulden. Dass er dafür von denen, die nicht wissen, was sie tun, als faschistisch beschimpft wird, muss er ertragen. Er hat nur die Idioten nicht beim Namen, sondern ‚bildungsfern‘ zu nennen.

      4. Wobei es mir deutlich zu viele bildungsnahe Querdenker gibt. Was da schief läuft, kann ich beim besten Willen nicht verstehen.

  3. Martin scheint sein Erlebnis im Darkroom überhaupt nicht zu genießen. Im Gegenteil, es ist genau was er nicht will, er lässt es über sich ergehen. Warum dann das Ganze? Lust scheint es nicht zu sein. Reiner thrill? Die Neugier?

      1. Das mag gut sein. Mich würde dann interessieren, ob die anderen Männer im Keller mehr Lust empfinden als er. Oder ob es sich dort generell nur um mechanische Befriedigung handelt.

  4. Im Rudel folgt man eben dem Leittier. Da wird nicht unbedingt zu viel hinterfragt. Man kopiert erstmal was die anderen machen.

    1. Aber spätestens nach dem Kopieren muss man sich ja eine Meinung gebildet haben. Wer solche Kneipenbesuche als rein mechanisches Tun sieht, der wird ja mit großer Wahrscheinlichkeit nicht noch einmal wieder kommen.

      1. So grundsätzlich würde ich das gar nicht sagen. Da trauen sie den Menschen zu viel zu. Aber Martin ist ja in einem Alter, in dem man eh erstmal alles mögliche ausprobieren will und muss.

      2. ‚Sich die Hörner abstoßen‘ fand ich dafür immer schon einen schrecklichen Begriff. Ich habe sie mir lieber wachsen lassen.

  5. Die Tatsache, dass sich die beiden im Titelbild schon nicht mehr begegnen, sondern wieder wie zu Beginn der Geschichte nebeneinander stehen, macht nicht viel Hoffnung, dass den beiden noch ein positiverer Moment gegönnt wird.

      1. Noch sehen wir immerhin sowohl Melpomene wie Thalia. Ob die Geschichte schlußendlich eine Tragödie oder Komödie ist, wir werden es erst sehen müssen.

      2. Sogar auf der Bühne ist das Ende inzwischen meistens irgendwas dazwischen. Ich hasse diese Uneindeutigkeit. Aber ich komme nicht gegen sie an.

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