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0809
04 – Beelzebub und der Teufel

#14 | Hengste

Ich mag Männer. Die etwas tuckigen, wenn sie den Kopf nach hinten werfen und lachen; die kerligen, wenn sie sich mit zusammengekniffenen Augen eine Zigarette anzünden; die Jungen, die neugierig kichern; und die älteren, die schon so was Abgewichstes im Gesicht haben – ich mag sie alle, alle. Und alle stehen hier, alle haben einen Schwanz zwischen ihren Beinen, alle sind schwul und wollen ihn benutzen. Unten im Keller machen sie die Hose auf und lassen ihn raushängen, nicht wie am Nacktbadestrand, wo man das für gesund hält, nein, sie holen sich hier sogar die übelsten Krankheiten, weil sie geil sind, so wie ich, und Tod und Teufel nicht scheuen, sondern unten, unter dem Bierausschank, vor allen für alle ihren Schwanz in die feuchte Luft bohren, hoffnungsvoll und gierig. Es ist schon gerammelt voll. Mehr Knackige, mehr Zackige. Ich werde verrückt an all den Männern, mit denen ich nicht schlafen kann. Und ich bin hingerissen davon, dass es das gibt, dass man sich auf Schwule und an Schwulen und am Schwulsein mit Schwulen so freuen kann, dass ein Bedürfnis entsteht und wächst und übermächtig wird. ‚Jetzt krieg ich einen Koller‘, dachte er. Und dann? Er trank die Flasche leer. – Was immer mich von was immer befreit, ist mir willkommen. Ich lass mich heut’ auf alles ein. Und dann? Alles, das ganze Leben, ist nur ein kompliziertes Vor- und Nachspiel zu Fressen und Ficken. Und das letzte Nachspiel geht dann eben in kein neues Vorspiel über. Aber bis dahin ist noch viel, viel Zeit. – Martin stellte die Flasche aufs Regal und quetschte sich durch die Tür. Er sah die steile Treppe hinunter, die zu den Bedürfnisräumen führte.
––Eine gewisse Geschäftigkeit hatte begonnen.
––Martin war da unten noch nicht gewesen und wollte da auch nicht hin. Die Idee berauschte ihn, die Praxis stieß ihn ab – obwohl er sie nicht kannte. Er ging die drei Stufen hinab zum vorderen Schankraum. Auch die Bar dort war jetzt belagert. Vorne am Eingang hing ein weiteres Schwarzes Brett. Er ging darauf zu – eher ein Hinauszögern als eine Flucht – und las:
––‚Der Stiefel- und Lederclub Stuttgart (SLCS) lädt alle Freunde der Lederszene zu seinem diesjährigen Sommerfest ein. Durch eure Voranmeldung tragt ihr dazu bei, dass wir das Fest besser organisieren können. Zum ersten Mal haben wir für unser Haupttreffen ein Lokal für uns ganz allein.
Dem lieben Georg soll jetzt schon für die Bereitstellung seiner Diskothek ‚Papillon‘ gedankt sein. Auf eine rege Teilnahme freut sich der ganze Stiefel- und Lederclub Stuttgart.
ECMC-Mitglieder erhalten garantiert Einlass, Ausweiskontrolle am Eingang. Typen ohne entsprechende Montur werden nicht eingelassen. Kerle ohne gültige ECMC-Ausweis zahlen Nichtmitglieder-Preise!
Der SLC Stuttgart weist darauf hin, dass es in Stuttgart keine ‚einschlägigen‘ Hotels gibt und bittet deshalb um entsprechendes Benehmen in den vier nachfolgenden Hotels. Wir danken für euer Verständnis.‘
––Die Tür ging auf.
––Martin sah mechanisch zur Seite und – Nein. Doch! Ganz sicher war das der vom Plakat oder der von der Hochzeit. Erst fühlte Martin gar nichts, dann alles auf einmal, und dann sagte Robert: „Na?“

c) kontaktstreifen

„Ein Gesicht!“, sagte Robert, kurz nach dem ‚Na?‘.
––Martin hatte noch keinen Boden unter den Füßen.
––„Und sogar eins, das lächelt.“
––Lächle ich?, dachte Martin.
––„Du kommst mir irgendwie bekannt vor.“
––Er duzt mich. Wie vertraut das ist. Fast wie eine Berührung.
––„Wir haben uns auf der Hochzeit gesehen, vorige Woche. Ich hab’ da fotografiert.“ Nein, es kann nicht so gut gehen. So gut kann es nicht gehen. Ich könnte ihm ja einfach um den Hals fallen und … Alle duzen sich hier.
––„Natürlich! Jetzt erinnere ich mich. Du bist sogar schon mal vor mir in die Knie gegangen.“
––Immer wieder, immer wieder. „Aber rein beruflich.“
––„Ich weiß. Wie sonst? – Was trinkst du?“
––„Vielleicht ein Bier.“
––„Vielleicht?“
––„Ein Bier.“
––Robert bahnte sich seinen Weg zur Bar des Hauptraums und Martin folgte ihm wie der Hund dem Jäger, mitten durch den Wald finsterer, lockender Gestalten.
––‚Vielleicht werden es nur diese paar Minuten sein und nicht mehr‘, dachte Martin. – Dann werde ich immer mit wehmütiger Begeisterung daran zurückdenken. Kann die Erinnerung noch mehr weh tun als dieser Augenblick? Die Hoffnung schnürt mir die Kehle zu.
––Robert hielt die zwei Flaschen zwischen drei Finger. „Lass uns da hinten hingehen!“ Er zeigte auf eine freie Kiste.
––Martin nahm ihm eine Flasche ab. „Danke!“
––„Du bist nicht oft hier, nicht?“, fragte Robert.
––„Nein“, sagte Martin. „Wieso? Wirke ich unsicher?“ Das hatte herausfordernd klingen sollen.
––„Fremd. Und warum bist du heute hergekommen?“
––Gespieltes Achselzucken. „Ich weiß nicht. Mir war so.“
––„‚So‘?“ Robert sah ihn sich noch genauer an. Ein schmaler Junge zwischen zart und sehnig. Er trug die Haare länger als die anderen und keinen Bart wie die meisten anderen. Nervöser Typ, noch nicht gefestigt. Anmutig, lebhaft, verletzlich. Robert fühlte sich angezogen von diesem Gesicht, das so voll war von Erwartung und so leer von Erfahrung. – Welche fantastischen Vorstellungen mochten ihn an diesen alltäglichen Platz getrieben haben, welche pochende Sehnsucht? Welches Wissen? Ach, man weiß immer schon alles. Man glaubt sich nur noch nicht. – „Ich heiße Robert.“
––„Ich heiße Martin.“ ‚Wie übersteht man eine solche Situation?‘, dachte Martin. – Wie hätte ich es überstanden, wenn der Kerl von der Zigarettenwerbung an meiner Tür geklingelt hätte? Den Menschen entdecken, nicht die Fassade anbeten, die kann eine übertünchte Ruine aus Stadtmitte sein. Werde ich enttäuscht sein? Werde ich ihn enttäuschen? Was für Fragen am Anfang einer Beziehung. Wird es eine Beziehung geben?
––„Wie sind die Fotos geworden, Martin? Bist du zufrieden?“
––„O ja, ich bin zufrieden.“ – Eben habe ich zum ersten Mal meinen Namen gehört, von dir. – „Wie solche Fotos eben sind. Von dir ist ein sehr gutes dabei.“ – Jetzt habe ich ihn auch geduzt.
––„So?“ Zärtlichkeit stieg in Robert auf. Der Junge versteckte einen schwärmerischen Gesichtsausdruck. Backfischträume? Ich will ihn nicht klein machen. Partnerschaft – ist das möglich? Er ist noch jung. Ich bin noch nicht alt. Wenn ich anfangen werde, etwas zu empfinden, werde ich vielleicht anfangen, Angst zu bekommen. Dabei sollte ich Angst bekommen, wenn ich nichts empfinde. Angst? Ich habe nie Angst. Aber wenn Astrid neulich nicht gleich gekommen wäre – ich weiß nicht, wie ich die Nacht rumgekriegt hätte. Jeder hat mal Angst.
––„Ich kann dir das Foto geben, bei Gelegenheit.“ –War das schon zu aufdringlich? – Blöde Frage! Was ist aufdringlich, hier, wo jeder jedem an den Schwanz fassen kann, angeblich. Aber vielleicht spinnt Bernd auch. Ich habe jedenfalls nichts davon bemerkt, die beiden Male, die ich hier war. Kein Wunder. Ich hab’ ja kaum etwas gesehen außer meiner Bierflasche und dem Ausgang. Allein rausgehen ist noch schlimmer als allein reinkommen. Ich will einfach nicht, dass was schiefgeht heute.
––„Die ‚Gelegenheit‘ kommt nicht so oft. Ich wohne nicht in Berlin. Nicht mehr.“
––„Ach so. Wo denn?“
––„In München. Ich bin nur zum Wochenende hier.“
––Natürlich. Pfingsten. Alle Zungen vereinigen sich. Bloß keine Enttäuschung merken lassen! – „Ist in Berlin mehr los?“
––Robert lächelte über den bohrend-prüden Zungenschlag in der Frage. „Ja, sicher, das weiß man doch. Außerdem: Unterwegs sieht man neue Gesichter und neue Körper …“, er genoss die Pause, solange er sie aushielt, „aber diesmal bin ich geschäftlich hier.“ – Eigentlich kein Grund, ironisch zu werden. Es geht doch immer um neue Gesichter und neue Körper. Für jede Kampagne: eine unverbrauchte Strumpfträgerin, Geschirrspülerin, Raucherin. Was für ein Verschleiß! Die Sedcard, das Model. ‚Du bist ein Lüstling. Schade, dass ich so wenig davon habe.‘
––„Aber voriges Wochenende, das war nicht geschäftlich?“
––„Nein, nicht für mich. Sylvia, die Braut, ist meine jüngste Schwester.“
––„Du hast eine sympathische Familie.“
––„Ja. Sehr.“
––„Bist du gern in Berlin?“
––„Es ist die einzige Stadt, die ich liebe. Vielleicht, weil sie so vollkommen unvollkommen ist.“
––„Mit dieser Mauer mittendrin?“
––„Als ich klein war, gab es die Mauer noch gar nicht, aber ich habe sie trotzdem schon gespürt, als eine Bedrohung – obwohl ich kaum je im Ostsektor war.“ Robert sah dem ‚Schultheiß‘ ins nichtssagende Gesicht. „Als Kind kam mir Westberlin groß vor. Wenn ich jetzt aus dem Flugzeug runtergucke, sehe ich nichts als Grenzen. Wenn ich dann zurückfliege nach München, sehe ich die Berge, aber bevor ich sie erreiche, landet die Maschine. Dann denke ich an die Kräuter am Viktualienmarkt und an die Blaskapelle am Chinesischen Turm und ich ringe mir Vorfreude ab.“
––„Du bist sicher sehr behütet aufgewachsen, könnte ich mir vorstellen.“
––‚Ferngehalten von Aufregungen‘, dachte Robert. – Das war meinen Eltern offenbar wichtig. Aber ich trug die Aufregung in mir. Vielleicht wären äußere Aufregungen erträglicher gewesen. – „Ja, ich bin behütet aufgewachsen. Im Grünen.“
––„Ich bin behütet aufgewachsen im Grauen“, sagte Martin.
––Robert lächelte wieder. „Und nun stehen wir hier zusammen im Schwarzen, austauschbar. Das ist umgesetzte Chancengleichheit.“ Sein Lächeln milderte die Worte.
––„Nicht austauschbar“, sagte Martin.
––„Nein, hoffentlich nicht. Aber gerade das macht für viele hier den Reiz aus.“
––„Für dich auch?“
––„Ich weiß nicht. Nein. Manchmal. ‚Austauschbar‘ ist nicht das richtige Wort. ‚Konsequenzlos‘ ist besser. Dass man keine Verantwortung trägt, dass es keine Zukunft gibt, sondern bloß den Augenblick – das kann ganz befreiend sein. Aber, mein Gott, was rede ich da?! Ich bin eben schon durch die ernüchternde Schule der Erfahrungen und Enttäuschungen gegangen. Du kannst dich darauf noch freuen.“
––Warum grinste er, während er das sagte? Nimmt er sich nicht ernst oder nimmt er mich nicht ernst? Oder ist er traurig? – „Ich lasse mich nicht so leicht enttäuschen“, sagte Martin.
––„Weil du dich noch nicht richtig eingesetzt hast.“
––„Wofür soll ich mich hier einsetzen?“
––„Dafür, dass du auf deine Kosten kommst. Aber der Typ bist du nicht.“
––„Denkst du, ich bin zu schwach?“
––„Nein, noch zu stark.“

Hanno Rinke Rundbrief

34 Kommentare zu “#14 | Hengste

      1. Ah ja da haben Sie noch ein bisschen Wissensvorsprung. Ich bin gespannt was wir noch über die beiden erfahren werden.

      2. Wobei Robert ja sogar für einen kurzen Moment über eine mögliche Partnerschaft nachdenkt. Wenn auch nur um die Situation einordnen zu können…

      3. Dass sich die Menschen unter der Maske ähneln, meinte ich in Bezug auf Corona, nicht im Bezug auf Robert und Martin, die sich kaum verstellen, voreinander schon gar nicht.

  1. Hahaha, wenn jemand schon mal vor einem auf die Knie gegangen ist, dann sollte man sich das Gesicht schon gemerkt haben.

    1. Die beiden scheinen ja auch gleich eine Art Chemie miteinander zu haben. Solche überraschenden Begegnungen, gerade in solch einer Lokalität, können ja auch durchaus unangenehm sein.

      1. Allein schon einen Kollegen in der Sauna (regulär, ohne Hengste) zu treffen wäre mir ziemlich unangenehm.

      1. Kann es meiner Meinung nach auch gerne. Es gibt ja genügend andere Städte, die sich um Vollkommenheit bemühen. Da nehme ich Berlins Macken gerne in Kauf.

      1. Ah ja. Zu dieser Konstellation wird man in den kommenden Teilen dann wahrscheinlich Genaueres erfahren.

  2. Ich finde weder austauschbar noch konsequenzlos richtig. Aber dass es befreiend ist, wenn man sich nur auf den einen einzigen Moment konzentrieren kann, das trifft es gut.

  3. Welch ein interessanter Punkt: am FKK-Strand oder in der Sauna hält man Nacktheit für gesund. Sobald es um Sex geht, wird das ganze als dreckig eingestuft.

      1. Ich bin allerdings nicht unbedingt sicher, dass ein FKK-Strand zwangsläufig hygienischer ist als schwuler Sex.

      2. Nacktheit ist ja meistens langweiliger. Schon, weil es nichts mehr auszuziehen gibt, und paradiesesschön sind FKKler ja selten. Für sie ist die Gesinnung eben wichtiger als der Körperbau.

  4. Der letzte Satz interessiert mich! Das ist so gemeint, dass man Schwäche zulassen muss um Beziehungen eingehen zu können? Und in dem Fall ebenso um Befriedigung zu finden?

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