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04 – Beelzebub und der Teufel

#03 | Wer ich bin

b) zwei menschen

Meine lieben Zuhörer,
heute möchte ich Ihnen die Geschichte des Narren Columbin erzählen, der an einem mittelalterlichen Hof lebte. Sie mögen nun sagen: ‚Du liebe Zeit, was sollen wir denn heutzutage mit einem Narren anfangen, der schon über fünfhundert Jahre tot ist?!‘ – Aber warten Sie ab, meine lieben Zuhörer!
––Columbin lebte am Hof des französischen Königs. Da gab es viele gescheite und tüchtige Leute. Und wenn einer von ihnen Columbin begegnete, dann mochte er sagen: ‚Columbin, komm, lass uns miteinander ringen!‘ Dann antwortete Columbin: ‚Ich kann nicht. Ich bin nicht so stark wie du.‘
––Oder einer kam und sagte: ‚Columbin, was hältst du von der Politik?‘ Und Columbin antwortete: ‚Ich weiß es nicht. Ich bin nicht so klug wie du.‘
––Ein dritter mochte kommen und forderte ihn auf: ‚Columbin, spring mit mir über den Bach!‘ Dann antwortete Columbin: ‚Das geht nicht. Ich bin nicht so geschickt wie du.‘
––Eines Tages kam der König selbst und sagte: ‚Columbin, du kannst nichts und du lernst nichts. Was soll bloß einmal aus dir werden?‘ Da antwortete ihm der Narr: ‚Ich will gar nichts werden. Ich bin schon etwas. Ich bin Columbin.‘
––Meine Zuhörer, ist das nicht eine Einstellung, von der auch wir für uns etwas annehmen können? ‚Ich bin schon etwas. Ich bin Columbin.‘ – Ich bin so, wie Gott mich gemacht hat. Ich muss nicht erst etwas werden, ich brauche nicht schöner, reicher, klüger zu werden als andere. Hören wir, wie der Narr uns fragt: ‚Wonach richtest du dich aus? Was ist dein Maßstab?‘ – Und wie gut, wenn wir dann sagen können: ‚Ich bin, wie ich bin. Und das ist gut so.‘
––Das ist es auch, was Jesus meint, wenn er zu uns spricht: Die ihr Leben gewinnen wollen, die werden’s verlieren. Wer immer nur dem nachjagt, was er nicht ist, wer den anderen neidet, was sie sind und haben, der geht an dem, was ihn selbst ausmacht, vorbei. Deshalb, meine lieben Zuhörer, wäre es gut, wenn wir für uns Columbins Leitspruch beherzigen könnten: ‚Ich muss nicht erst etwas werden. Ich bin schon etwas. Ich bin ein geliebtes Kind Gottes – auch wenn mich andere deswegen für einen Narren halten.‘
––Der anschließende Chorgesang trieb Martin endgültig aus dem Bett. Er stand auf und wechselte den Sender, bevor er sein Nacht-T-Shirt auszog und ins Bad verschwand: SFB, der Sender des ‚Freien‘ – in der DDR eingeschlossenen – (West-)Berlins. ‚I am what I am!‘, verkündeten die Village People. Der Hit aus ‚Ein Käfig voller Narren.‘ Martin hatte den Film in der vergangenen Woche mit Freunden gesehen und sich, während das Publikum juchzte, über das Tunten-Klischee geärgert. ‚Manchmal ist es leichter, über sich selbst zu lachen als über andere, die einen zum Lachen bringen wollen‘, hatte er gedacht, aber um kein Spielverderber zu sein, hatte er das nicht gesagt, sondern mechanisch mitgelacht: ‚Ich bin, was ich nicht bin.‘ Und Gloria Gaynor tröstete: ‚I will survive!‘

Der Blick durchs Milchglas war vielversprechend. Mehr heiter als wolkig. Mehr Vormittagslicht als Morgenschatten. Er öffnete das Fenster. Hinterhof. Die Klänge der Stadt mischten sich mit Gloria Gaynors wohldosierter Ausgelassenheit und dem Surren des Rasierapparates. Wasser ins Becken, in den Kessel, ins Gesicht.
––‚Es ist doch wieder später geworden, gestern Abend. Macht nichts.‘ Der erste Junitag, der Freitag vor Pfingsten. 1979. ‚Nächstes Jahr beginnen die ’80er. Wird dann alles anders? Erst mal kommt jetzt das Wochenende der Wochenenden: Christus ist weder geboren noch gestorben, nur der Geist waltet, der Heilige, und er beschert uns dreimal hintereinander eine Nacht ohne Morgen: Aufwachen, und die anderen essen Mittag.‘
––Später Frühling liegt in der Luft, Vorsommer. ‚Hab’ ich das Brot eigentlich noch weggepackt? Wird trocken geworden sein. Haare wasch’ ich mir jetzt nicht, keine Lust. Heute Abend. Frei-Tag. Ich spür’s schon, heut’ bin ich fällig. Die halbe Nacht über hab’ ich mit ’ner Erektion rumgelegen. Gott sei Dank, dass ich mich nicht ins Laken verschwendet habe! – Oh, dreiviertel leer die Flasche! Kein schöner Zug von mir. Bisher hab’ ich doch nie allein getrunken. Na ja, irgendein Mal ist immer das erste. Wie Gummi – das Brot, und die Butter steinhart! Luxus-Frühstück. Ich werd’ doch wieder Margarine kaufen. Die Jeans müssen gewaschen werden. Es muss überhaupt gewaschen werden. – Markstücke sammeln!‘ Er knautschte die Brotfetzen zwischen den Backenzähnen und spülte mit Kaffee nach. Dann ging er zurück von der Badeküche ins Wohnschlafzimmer und öffnete das Fenster. Die Straße kam herauf in den dritten Stock. Spitze Hacken, dumpfe Hupen. Er legte die Bettdecke aufs Fensterbrett. ‚Hinaus mit all den wilden Träumen! Wenn ich kräftig genug schüttele, verwandelt sich Moabit in Sodom und Gomorrha. Frau Holle in der Unterwelt.‘
––Gegenüber, zwischen dem Bier stemmenden ‚Schultheiß‘ und der von ‚Fakt‘ begeisterten Hausfrau, grinste ein überlebensgroßer Kerl in engen Hosen zu ihm rauf. Er saß barfuß auf einer grüngrünen Wiese und hielt eine Zigarette in der Hand.
––Martin war sehr beeindruckt, obwohl er so gut wie nie rauchte.
––Zwei der Arbeiter hinter dem Bauzaun hatten sich schon das Hemd ausgezogen. Vor dem Gemüsegeschäft waren die prall gefüllten Kästen aufgebaut und gaukelten Süden vor: Salat, Spinat, Tomaten. Die Preise für neue Kartoffeln und Erdbeeren, mit weißer Kreide aufs Schaufenster geschrieben, waren annehmbar. Das Grinsen des Rauchers auch. Sein Hosenschlitz war gut vierzig Zentimeter lang.
––Zwei Frauen mit Kinderwagen nickten einander zu. Ein alter Mann in Hemdsärmeln, mit Pfeife im Mundwinkel, pflanzte schräg gegenüber Geranien in den Balkonkasten. Der Inhaber des Zigarettenladens saß vor seiner Tür und verteilte ‚Bild‘-Zeitungen an zahlende Passanten. Seit September vorigen Jahres gab es die alternative ‚taz‘, aber noch war das Meinungsbildungsmonopol der bürgerlichen Presse ungebrochen.
––Jemand sah seinem Boxer zu, wie er einen Haufen an die Linde platzierte. Die Kastanie direkt unterm Fenster ließ die letzten Blüten rieseln. Ein Renault rangierte in die Parklücke, und die Ampel an der Kreuzung sprang auf Grün.

‚Heute ist ein ganz besonderer Tag. Ich bin so sinnlos gut gelaunt. Vielleicht läuft mir heute etwas über den Weg, das mein Leben verändert: Primavera mit Dreitagebart oder der Postbote mit dem Hauptgewinn in einem Preisausschreiben.‘ Ihm fiel der alte jüdische Witz ein, dass Gott nur dem einen Lottogewinn beschert, der vorher auch ein Los gezogen hat. ‚Eine alte Frau, die ich über die Straße geleite, vermacht mir aus Dankbarkeit ihre Millionen. Der Chefredakteur vom ‚Stern‘ hat meine Fotos vom Straßenfest in Neukölln gesehen und will mit mir eine fünfzehnteilige Serie machen: ‚Straßenfeste Europas‘. Gregor kommt zurück und schwört mir ewige Treue. Mein Vater ruft an und sagt: Ich finde es bewundernswert, dass du Fotograf geworden bist. Ich werde dich unterstützen, wie ich nur kann. – Ich sehe in den Spiegel und bin so schön, dass ich wahnsinnig werde.‘

Berlin swingt. Die Spatzen tschilpen, die Pan Am dröhnt am Himmel, und der Presslufthammer schlachtet Zille ab. – Richtig idyllisch.

‚Born – born – born: Born to be alive‘. Patrick Hernandez. ‚Das wird bestimmt der Sommerhit ’79.‘ Martin wartete, bis die Musik abgeblendet wurde, bevor er das Radio ausstellte und warf noch einen letzten zuversichtlich–sehnsüchtigen Blick in die Straße hinab.
––Der Vormittag war milde wie der Kulturbericht einer Provinzzeitung, nichts Lauerndes lag in der Luft, nur unaufdringliche Empfehlungen.
––Martin kehrte dem Fenster den Rücken und ging in den letzten Raum der Wohnung, den einzigen, der nicht verkramt war: die Dunkelkammer. Es gab nichts, rein gar nichts, wozu er weniger Lust hatte. Na ja, vielleicht abwaschen. In jedem Fall – es musste sein. Die Hochzeitsbilder sollten am Nachmittag fertig werden.

Hanno Rinke Rundbrief

38 Kommentare zu “#03 | Wer ich bin

  1. So blöde ist die Columbin-Geschichte ja gar nicht. Wenn man will darf man sein wer man ist. Man muss nicht einmal ’special‘ sein, wie es neudeutsch heißt.

      1. Auch wenn man endlich weiß, wer man ist, schadet es nichts, auch zu wissen, wer man werden will, und daran immer weiter zu arbeiten.

      2. Ganz genau. Gerade weil das eigene Ich zu den wenigen Dingen im Leben gehört, an denen man wirklich etwas ändern kann.

      3. Nun ja, je nachdem in welche Situation man hineingeboren wird, hat man es allerdings sehr schwer dabei. Nicht jeder kann sich, wie wir hier im zahlungskräftigen Westen, so einfach selbst verwirklichen.

      4. Ich hätte nie Kunstturner werden können, aber auch nicht wollen. Ziele zu haben: Ballerina, Popsänger – und dann nicht gut genug zu sein – das ist sicher sehr schmerzlich. Seine Ziele zu verfolgen, seine Grenzen kennenzulernen, sie zu überwinden oder zu akzeptieren – das macht für mich den Sinn des Lebens aus, in dem Empathie und Hilfsbereitschaft eingeschlossen sind.

    1. Sein dürfen, wer man ist: „I am what I am“, sollte in Demokratien selbstverständlich sein – solange das nicht zu strafbaren Handlungen führt. Aber da gelten unterschiedliche Moralvorstellungen bei der Trieb-Beurteilung. Transvestit*in sollte man – nach heutigen westlichen Begriffen – sein dürfen, Lustmörder*in nicht.

      1. Es sollte selbstverständlich sein, nicht wahr? Trotzdem werden auch 2021 noch eine Menge an Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Religion diskriminiert. In Kleinstädten genauso wie in den großen Metropolen.

  2. Popsongs sind oft primitiv in ihrer Message. Aber trotzdem steckt am Ende doch mehr Wahres drin, als man meint. I am what I am. Born to be alive. I will survive.

    1. Das Lebensgefühl drücken sie jedenfalls aus. ‚Heimat, deine Sterne‘ 1941 und ‚Born to be alive‘ 1979 – dazwischen liegen nicht nur 38 Jahre, sondern Welten.

      1. Ich wollte gerade nachschauen ob es vielleicht auch einen Coronajahr-Popsong oder -Schlager gibt. Mir fällt aber weder etwas ein noch hilft Google auf die Sprünge.

  3. So einen Tag, wo ich einfach völlig sinnlos gut gelaunt bin, hatte ich schon länger nicht mehr. Dabei machen die immer am meisten Spaß.

      1. Danke. Hier in Meran ist es wolkenlos bei 26°. Die Kirchen läuten. Ich meckere nicht und wünsche allen einen so zukunftsfreudigenTag wie unseren Helden.

      2. Bei uns in Deutschland war es heute ausnahmsweise mal ähnlich sommerlich. Mit einem Glas Grauburgunder und der untergehenden Abendsonne genieße ich nun dieses Beelzebub-Kapitel. Viele Grüße nach Italien und in die Lesegemeinschaft.

  4. Wichtig ist das man selber erkennt, so zu sein wie man ist, ist gut und richtig! Egal was Andere über dich denken oder reden!

      1. Künstler nicht zu vergessen! Gecancelled kann aber mittlerweile ja jeder werden, unabhängig vom Beruf.

  5. Die Hochzeitsbilder haben ja sicher eine freudige Überraschung, bzw. eine Wiedererinnerung an den hübschen Brautbruder in sich.

      1. Ich wollte doch sagen … nach den ersten zwei Kapiteln sollte das ja schon vorausgesetzt werden können.

      1. Da kommt vielleicht Karma ins Spiel. Einmal aus Berechnung reicht sicher nicht. Wer regelmäßig Gutes tut, bekommt eher etwas zurück.

      2. Karma und Selbstbestimmung. An sich zu glauben, ist vielleicht hilfreicher, als an etwas anderes zu glauben. Aber das überhaupt zu können, ist vielleicht bereits eine Gottesgnade oder ein Gengeschenk.

      3. An sich selbst glauben und die Dinge positiv sehen können. Das sind sicher zwei der großen Gaben, die einem das Leben sehr viel einfacher machen können.

  6. Was für ein netter Fund. Facebook sagte ich soll doch mal bei Hanno Rinke vorbeischauen. Das sieht ja so aus, als hätte ich hier einiges zu lesen. Wunderbar.

  7. Unaufdringliche Empfehlungen können ja durchaus angenehm sein. Man lässt sich einfach darauf ein worauf man Lust hat.

    1. Gerade bei facebook lieben es manche User, Empfehlungen von vorn herein als aufdringlich zu empfinden, um gleich garstig werden zu können. Ich schau da nur selten vorbei, aber bin jedesmal indigniert.

      1. Ach ja, Facebook kann halt eben doch schnell penetrant und aufdringlich werden. Da sind manche schnell gereizt. Ich ignoriere eigentlich einfach immer was mich nicht interessiert.

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