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2008
04 – Beelzebub und der Teufel

#06 | Betroffen

„Robert, der Klaus sagt, er schafft das Storyboard für den neuen TV-Spot von ‚Rintra‘ nicht mehr.“
––„Was?! Ich denk’, das ist längst fertig. Das brauch’ ich doch heute Abend in Berlin.“
––„Ja, eben!“
––Robert sprang von seinem Stuhl auf. „Und das sagst du mir jetzt erst?!“
––„Weißt du, ich dachte …“
––Robert griff zum Telefon. „Klaus. Ich hör’ grade, du hast Schwierigkeiten mit dem Storyboard für ‚Rintra‘.“
––„Du, das glaub’ ich dir alles, aber es muss fertig werden.“
––„Es muss gehen!“
––„Und ist dir das Briefing jetzt klar? Sollen wir lieber noch mal drüber sprechen? – Wirklich?“
––„Also, ich weiß auch nicht. Dann … Dann überschlag dich! Lass die Mittagspause aus, und sei genauso genial wie sonst, bloß etwas schneller!“
––„Tut mir leid, Klaus, wirklich. Aber ich bin da ganz auf dich angewiesen. Den Letzten beißen halt immer die Hunde. Ich komm’ auch streicheln und die Wunden verbinden. Nein, im Ernst, ich find’ das ganz prima von dir.“
––„Bis vier. Spätestens.“
––„Weiß ich.“
––„Nein, hoffentlich nicht. Okay, du – toll von dir. Danke!“ Robert legte auf. – „Nächstes Mal sag mir sowas aber früher! Der Termin war vorgestern.“
––„Er hat mir versprochen, es wird heute Morgen fertig.“
––„Na und?“
––„Weißt du, Robert, ich will ja auch nicht mit jedem Scheiß gleich zu dir kommen.“
––„Ist mir aber lieber, als wenn du zu spät kommst und wir stecken schon mitten drin in dem ‚Scheiß‘!“
––„Das musst du verstehen. Für mich ist es auch blöd, wenn ich immer damit drohe, dass ich zu dir gehe.“
––„Droh, womit du willst, aber sieh zu, dass die Sachen rechtzeitig kommen! Kontakter müssen nicht unbedingt kreativ sein, aber wenn sie nicht pünktlich sind, sind sie eine Katastrophe.“
––„Weißt du, ehrlich gesagt, du bist manchmal ganz schön autoritär. Das stresst ziemlich. Im Meeting vorhin auch. Ich find’ dich wirklich enorm, aber du verlangst manchmal ein bisschen viel. Und du schreibst den Leuten alles vor. Kaum einer kann sich richtig entfalten. Manche sind deswegen schon richtig sauer.“
––„Ich schreibe euch nur das vor, was nicht von euch selber kommt. Irgendwas muss ja passieren. Ich kann weder meinen noch euren Sinn hier darin sehen, dass nichts passiert oder wir uns überlegen, wie wir uns selbstverwirklichen können. Heute machen wir’s uns gemütlich und morgen sitzen wir auf der Straße. Das ist für mich eine Frage von Verantwortung. Und außerdem: Ich glaube nicht daran, dass man irgendetwas mit links machen kann. Für mich gilt: voller Einsatz oder gar keiner. Weniger Einsatz macht nicht mal mehr Spaß. Also, solange ihr mit mir leben müsst, werdet ihr euch besser danach richten, okay?“
––„So läuft das doch nicht. Das Leben besteht doch nicht aus ‚total‘ oder ‚gar nicht‘. Es gibt doch noch was dazwischen.“
––„Wenig. Einsatz ist nicht teilbar. Einsatztel sind nicht definiert. Ich will viel von dir. Aber ich will auch viel für dich. Ich glaube an dich, vielleicht mehr als du selbst. Ich bin dein größter Kritiker und dein größter Bewunderer. Ich sehe deine Begabungen und deine Schwächen. Kein Mensch ist interessiert am Misserfolg. Darum will ich, dass du Erfolg hast.“
––„Das klingt ja ziemlich kapitalistisch“, sein Lächeln suchte Ausgleich durch Flirt.
––Robert presste seine Zigarette zwischen die zahllosen Stummel im Aschenbecher. „Dann mach einen ‚Linken-Laden‘ auf! Aber sei gut! Misserfolg kennt keine politische Richtung und ist immer gleich: nämlich erfolglos. Hab Mitleid mit den Erfolglosen, hilf ihnen, kämpf für sie, aber sieh zu, dass du nicht einer von ihnen bist!“
––„Manchmal kommt der Erfolg erst später.“
––„Sicher. Christus musste vorher ans Kreuz genagelt werden. Wenn du das willst, dann gründe eine Sekte! Oder werd Missionar! Oder Politiker! Fänd’ ich alles gut, aber solange du hier arbeitest und hier deinen Erfolg suchst, erbring den Einsatz, der hier zum Erfolg führt! – Klar?“
––Der Kontakter sah auf den grauen Himmel, die grauen Fenster, das graue Dach gegenüber und senkte dann den Blick auf den schwarzen Lacktisch mit all dem bunten, glatten Papier. „Klar“, sagte er und ging hinaus.

Martin sah zu dem Kerl auf der Wiese. Die Hausfrau schwenkte ihr ‚Fakt‘, der ‚Schultheiß‘ stemmte seinen Bierkrug, und er saß reglos dazwischen, die Zigarette in der Hand. Martin kniete vor dem Fensterbrett nieder und vertiefte sich in den Anblick. ‚Was haben Bilder, was Menschen nicht haben? – Ein wehrloses Versprechen. Man kann sie unbemerkt anbeten, ohne sich durch sie stören zu lassen. Man kann sich von einem Haaransatz aufregen lassen, einem Blick; einem Körper, Hüften, Schenkeln, Falten im Gesicht, in der Hose, an bestimmten Stellen. Man wird Opfer – aber nicht eines Partners, sondern einer Interpretation: seiner Interpretation. Die Zeit verliert ihre Gültigkeit, weil alles seine Gültigkeit verliert, alles außer diesem Plakat, in dem die Zeit, das Leben, die Lust eingefangen ist, stillsteht, pulsiert. Für mich, nur für mich.‘ Martin öffnete den Gürtel, die Hose, den Reißverschluss, schob den Stoff tiefer und fühlte seine Haut, sein Haar. Er strich mit dem Mittel- und Zeigefinger beider Hände an seinen Leisten entlang. Er fühlte sich und er schrumpfte zusammen in das, was er fühlte, was sich zusammenzog und schwoll, ein Aufbranden, eine neue Injektion, Kreuzgang, die nächste Station, das nächste Stockwerk, ein paar Etagen höher, dem unendlich fernen Himmel ein unbedeutend riesiges Stück näher: Babylon. Tränen stiegen ihm in die Augen, so angestrengt fixierte er das Plakat. Was er ahnte, was er deutete, das übertrugen seine Finger auf den Körper, den sie tasteten. Seinen Körper.
––Die Linien auf dem Plakat – Symbole für Anfassbares, Wölbungen, Schatten – übertrugen seine Finger in Schrift, lesbar nur von dem, was sie berührten. Wenn man nahe genug ist, kann man dieses Plakatpapier berühren, mit Fingern, mit Lippen. Es wird Stoff, und unter dem Stoff Haut, ein Geruch nach Leben, eine Verheißung ohne Süßigkeit. Die Tränen liefen ihm übers Gesicht. Ein Schweben in sich selbst bei angehaltener Luft. Ein Zustand reiner Körperlichkeit.

‚Quatsch! Albernheit! Idiotie!‘ Er stand auf und schloss das Fenster. ‚Unter Menschen gehen! Weg aus dieser Gruft, aus diesem Tempel! Blumen gießen, Brot schneiden. Da sein, wo alle sind. So sein, wie alle sind.‘ Wasser ins Gesicht, Seife an die Hände. Das Handtuch, der Kamm. Im Spiegel ein bedeutungsloses Gesicht, das kein Geheimnis andeutet. Er knallte die Tür hinter sich zu und rannte die Treppe hinunter, durch das gewaltige Tor auf die Straße.

Sieh an: Die Männer werden wieder hübscher.
Sie tragen wieder Hemd und Jeans, Gesicht und Schwanz.
Muskel und Blick. Aus offnen Hemden kräuselt Brusthaar. Barthaar sprießt.
Die Sehnsucht knospt, die Fantasien blühen:
Die Furche unterhalb des Rückens ist wie frisch gepflügt.
Man glaubt dem Gang, den vorgeschobenen Lenden,
man glaubt dem Nacken, der sich dehnt und streckt,
den Armen, die um Mädchen- oder Männerarme greifen,
man glaubt sich selbst, dass man sich wieder glaubt.

Martin schlenderte, erfüllt von einer pochenden Zufriedenheit.
––Die Sonne schimmerte hinter den Kastanienblättern. Von gegenüber grüßten der ‚Schultheiß‘ und die Hausfrau, und dazwischen saß ein junger Mann rauchend auf der Plakatwiese. Kleinere Plakate machten dicht gedrängt am Straßenrand auf sich aufmerksam: die ersten Direktwahlen zum Europaparlament. Derselbe Kopf, fünfmal hintereinander, dann ein austauschbar ähnlicher anderer Kopf, sechsmal hintereinander.
––‚Ob der die Wahl gewinnen wird? Er sieht so zuversichtlich aus! Wie jemand, der blind ist für Gefahren.‘
––In den Schaufenstern lag verstaubter Kram, niemand sah hin. Alle sahen geradeaus. Alle kauften, trugen, schoben eine milde, heitere Geschäftigkeit, Blumen vom nahen Markt in weißem Papier, Netze voll von jungen Möhren, bescheidener Überfluss an Blättern, Menschen, Waren, ein Duft von welkem Flieder und Asphalt.
––Martin bog um die Ecke. Jemand drückte ihm einen Zettel in die Hand, bevor er durch die Kaufhaustür ging – ein fremdartig anziehendes Gesicht mit Kraushaar und Glutaugen, sehniger Körper, stumm. ‚Die Propaganda-Apparate der westlichen Bourgeoisie versuchen, den Kampf des afghanischen Volkes für seine Befreiung als Grenzzwischenfälle zwischen ihren Anhängern und den Anhängern des sowjetischen Sozialimperialismus zu bezeichnen. Das afghanische Volk hat ca. 200 Jahre gekämpft, um sich vom Joch des britischen Imperialismus zu befreien – und hat es erreicht. Jetzt, wenn es auch hundert Jahre dauern kann, wird das Volk weiterkämpfen. – Es lebe der bewaffnete Befreiungskampf des afghanischen Volkes! Nieder mit dem Imperialismus, Sozialimperialismus und den Reaktionären! Nieder mit dem Moskau hörigen Hafizullah Amin! Hoch die internationale Solidarität der Völker der Welt!‘
––Er nahm eine Boulette mit Kartoffelsalat. Das Tablett trug er zu einem freien Tisch und setzte sich mit dem Rücken an die Wand.
––Frauen in lappigen weißen Kitteln mit kurzen Ärmeln liefen wachend herum, sammelten Tabletts ein und wischten über Resopalplatten. Menschen kauten vor sich hin. Es war wie auf einer Krankenstation. Körperliches als Verrichtung. Eine Abfütterung, wie er sie sich sexuell nie hätte durchgehen lassen, aber beim Essen offenbar hinnahm, zum ersten Mal verwundert. Neonbeleuchtung.
––‚Vielleicht hätte man irgendwo draußen sitzen können. Vielleicht morgen. Noch ist Zeit. Noch ist viel Zeit, selbst wenn sie in der Erinnerung später knapp sein wird: den ersten Sommertag nicht genossen. Den letzten Hinterbliebenen nicht unterstützt. – Afghanistan. Positiv – Negativ. Was soll man da machen? Ich bin – wie meistens, wie die meisten – nicht betroffen.‘

Hanno Rinke Spendenaufruf

Hanno Rinke Rundbrief

34 Kommentare zu “#06 | Betroffen

  1. Ein großer Vorteil von Bildern gegenüber Menschen ist natürlich, dass sie einen nicht enttäuschen können. Sie bleiben immer genau so, wie wir sie sehen wollen.

      1. Vielleicht meinte Frau Schlüter auch gar nicht, dass das Bild immer gleich bleibt, sondern vielmehr, dass wir immer in Kontrolle über das Verhältnis bleiben? Kommt möglicherweise auch nicht ganz hin, aber das würde für mich am meisten Sinn ergeben.

  2. Die meisten sind vom Meisten nicht betroffen. Selbst der Klimawandel wird erst so richtig ernst wenn wir lange tot sind. Das ist tatsächlich die Realität.

      1. Ganz genau. Aber wie war das? „Die reichsten zehn Prozent verursachen mehr als ein Drittel der Treibhausgase.“ Vielleicht braucht es doch einfach mal striktere Gesetze, anstatt dass noch fünf Leute mehr ihren Müll trennen und vegan werden.

      2. So selbstlos wird kein Politiker sein. Bzw. diejenigen, die vielleicht geeignet wären, würden nicht gewählt werden. Mit der Klimakrise wird man sich erst richtig ernsthaft befassen, wenn die Folgen deutlich spürbar werden. Und zwar hier bei uns.

    1. Ich war von Biden ziemlich enttäuscht. Ich hatte zumindest erwartet, dass er etwas mehr Verantwortung für die Eskalation übernimmt.

      1. Die Unsicherheit, die er gerade zeigt, wird ihm noch Probleme bereiten. Das schlachten die Republikaner aus. Völlig gleich, dass es Trump war, der den Abzug der US-Truppen veranlasst hat. Und auch gleich, dass die Mehrheit der Amerikaner den Abzug unterstützt. Einen schwächelnden Präsidenten will trotzdem niemand sehen.

      2. Trotzdem bleibt Außenpolitik selten Wahlentscheidend. Schon gar nicht bei den Midtermwahlen in 22.

      3. Dass diese Wahl der Qual durch Afghanistan nochmal eine Wendung bekommt, glaube ich auch nicht. Maas und Kramp-Karrenbauer sind ja ohnehin nicht fürs Kanzleramt vorgesehen.

  3. Diese austauschbar ähnlichen Köpfe starren uns ja gerade auch wieder an. Selten war ein Wahlkampf so nichtssagend wie dieses Mal. Ich weiss noch weniger wen ich im September wählen soll als sonst.

      1. Durch Feixen? Schön wäre es, schon vorher zu wissen, was dem Staat am meisten nutzen wird. Sonst wählt halt jeder, was er meint, dass es ihm/ihr am wenigsten schadet: im Alltag und auf dem Konto.

      2. Als er während der Flutkatastrophe von einem seiner Assistenten mit einem Regenschirm beschützt wurde während seine Gesprächspartner schlammverschmiert vor ihm standen machte er auch keinen besseren Eindruck als auf dem Feix-Video.

      3. Ich habe zwar nie CDU gewählt, aber Frau Merkel wird mir trotzdem fehlen. Kompetenter erscheint mir keiner der zur Wahl stehenden Kandidaten.

      4. Ich glaube nicht an einen Wahlerfolg, aber ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass die Grünen als Regierungspartei noch einmal überraschen würden.

  4. Wenn jemand sagt ‚Ich will viel von dir, aber auch viel für dich‘ dann muss man sich immer fragen, ob so jemand ein wirklicher Förderer ist, oder vielleicht doch eher nur ein Bully.

    1. Das ist sicher beides möglich. Der Satz „Ich will doch nur dein Bestes“ ist bestimmt schon bei vielen Trennungen gefallen.

  5. Es ist ja doch erstaunlich, aber der Blog wird in seiner Gestaltung (Videotrailer, Illustrationen etc.) tatsächlich immer wieder besser und besser. Gratulation.

      1. Das gelingt wie immer mit Leichtigkeit. Jedenfalls kommt es so rüber. Ich bin auch bereits gefesselt, vor allem vom Fotografen und seinem Spiel mit den Bildern. Gespannt auf die nächsten Kapitel.

  6. Zu der Feststellung, dass man selbst nicht betroffen ist, kommt tatsächlich oft die Frage, was man denn überhaupt machen könnte. Da gibt es solche überwältigenden Probleme wie Afghanistan (2021), die Flutkatastrophe, den Klimawandel … und man denkt sich, dass man doch eigentlich genau aus dem Grunde Poilitker gewählt hat, die sich hauptberuflich mit diesen Problemen auseinandersetzen sollten.

    1. Jede(r) tut im Rahmen seines Ministeriums das, was ihm und dem Wahlvolk am meisten zu nutzen scheint. Oben drüber thront die Kanzlerperson, bestimmt die Richtlinien der Politik und reist rum.

  7. Früher hatte man zahlreiche Fotoalben zuhause. Dann kam das digitale Bild und alle meinten nun wäre man den ganzen (physischen) Ballast los. Alles viel platzsparender auf einer Festplatte. Oder mittlerweile auf dem Handy. Trotzdem meine ich ja immer, dass man sich nun noch viel mehr mit Fotos über Fotos zumüllt.

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