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04 – Beelzebub und der Teufel

#16 | Ein Fischzug

Eine Weile sprachen sie nicht. Sie hörten auf die hämmernde Musik und auf die Stimmen. Sie sahen Männer, auch Männer, die ihnen gefielen. Abspringen? Den leichten Weg gehen, der alles so schwer macht? Die laute, aber nicht lärmende Musik. Die Stimmen, die Köpfe. Dieser wütende Plan, sich vorübergehend in Hemmungslosigkeit zu verlieren: die pünktlich abrufbare Sucht zwischen zwei Tagen. Nicht, ob dich Frauenkörper aufregen oder Männeraugen, während du dastehst und gaffst, macht den Unterschied aus. Der Unterschied ist, dass du hier stehst, im bellenden Rhythmus der Bässe und Herzen, dass du nicht vor dem Fernsehapparat hockst oder auf der Parteiversammlung oder im Schützengraben. Wir sind alle eins, von San Diego über Berlin-Mitte bis Tokio und zurück nach San Diego. Die anderen sind am gleichen Ort woanders: die normalen Radikalen, die normalen Etablierten, die normalen Schwulen. Wir sind die, die Jäger und Wild gleichzeitig sind, und die anderen sind die, die weder noch, die bloß sind.

Jemand legte Robert die Hand auf die Schulter, ein Kahlkopf mit Schnauzer. Robert sah sich um. „Hartmut! Wie geht’s?“
––„Ja, dufte. Und dir? Ich hab’ gehört, du hast was mit dem Magen gehabt?“
––„Ach, sind meine Unpässlichkeiten schon Gesprächsstoff in Berlin?“
––„Ich hab’ Klaus neulich getroffen, und der hat’s mir erzählt. Du warst im Krankenhaus mit ’m Magengeschwür, nicht?“
––„Ach, nur zur Untersuchung. Nichts Besonderes. Tunten übertreiben immer.“
––„Ja, ständig der Ärger mit den Kerlen. Da muss man ja krank werden! Und wie geht’s dir jetzt?“
––„Blendend. Die Schwänze schmecken schon wieder. Das Essen sicher auch bald.“
––Der Schnauzer lachte, nickte und verschwand in der Menge.

‚Abstand gewinnen!‘, dachte Martin. – Bloß nicht plötzlich jemanden lieben, der nur Sex will! Das wäre furchtbar. Abstand, Abstand! Warum eigentlich? Lieber die Nacht mit dem Teufel verbringen als wieder allein. Es gibt so viele. Ich bin jung, ich sehe passabel aus. Gängige Ware. Jeder registriert mich, jeder begutachtet mich. Je mehr Siegesgewissheit ich ausstrahle, desto sicherer der Sieg. ‚Persil‘ bleibt ‚Persil‘, und ‚Fakt‘ ist ‚Fakt‘. Er ist nur einer von ihnen. Und er begutachtet mich genauso wie die anderen. Er kann stolz sein, weil er einen Schritt weiter ist bei mir. Ein Sprung, ein Vorsprung. Liegt ihm daran? Nichts ist passiert. Bisher. Wird etwas passieren? Was kriege ich für meinen Einsatz? Ein Herz, eine Hand, einen Schwanz? Was drückt mich? Schäme ich mich, wenn ich geil bin? Verkrieche ich mich deshalb mit meiner Lust in mich selbst? Die einsame Lust ist so tödlich. Alle Lust, die man teilt, kann nur lebendiger sein, selbst die erbärmlichste. Ich muss aufhören, mich abzukapseln, sonst werde ich mich noch umbringen eines Tages, und dann werde ich nicht mal genau wissen, ob es Absicht war oder ein Versehen.
––Robert spürte, dass der Junge ihn ansah, furchtsam und drängend. Etwas in Robert sträubte sich gegen diesen Blick. Er wandte den Kopf ab.
––Am Flipper-Automaten spielten zwei knackige Burschen. Sie verfolgten die Kugel mit geübter Aufmerksamkeit, aber ohne Spannung. Spannung erzeugt man anders. Wenn zwei flippern, sind sie meist nur befreundet, als ob es mehr gäbe als Freundschaft! Jedenfalls kann man bei zweien, die ‚nur befreundet‘ sind, immer eine Hand dazwischenkriegen, wenn einem nach einem von beiden zumute ist. Man stellt sich einfach daneben und lächelt: ein Pol, kein ruhender, sondern ein wacher. Einer beißt immer an, na ja, meistens, und in jedem Fall der Lustigere. Der Stromkreis schließt sich.
––Robert setzte die Flasche an. Sie war leer. „Trinkst du noch ein Bier?“
––„Ja.“ Martin beobachtete, wie Robert sich durchzwängte zur Bar. Er berührte dabei all die fremden Körper, zufällig – oder genoss er das Gefühl, durch Männer zu waten? Ob er mich absichtlich berühren wird? An einem anderen Ort hätten wir uns zur Begrüßung die Hand gegeben. ‚Darf ich bekannt machen? Das ist Robert, das ist Martin, setzt euch doch! Was trinkt ihr?‘ Wein fließt und spült Empfindungen: auf – ab. Auf der Hochzeit hat er mir auch nicht die Hand gegeben. Wieso auch? Er war Familie, ich war Fotograf. Er musste dabei sein. Ich bekam Geld dafür.
––Es war heiß geworden. Zu viel Vieh im Stall. Lederjacken hingen an den Haken. Nackte Arme, aufgeknöpfte Hemden. Rohes Fleisch bei lebendigem Leibe. Asien oder Afrika. Knochen schimmern durch die Verpackung. Nein, es ist nicht wert, dafür zu leben, aber es ist erst recht nicht wert, sich dafür umzubringen.

Robert gab dem Barmann das Geld in die Hand, eine geschäftlich-freundschaftliche Berührung von Haut, und nahm ihm die beiden gedrungenen Flaschen ab.
––Augen, Bärte, Reißverschlüsse. – Das war es also, worauf er sich den ganzen Tag gefreut hatte. Ein Fischzug. Er hatte auf Heringsschwärme gehofft, und jetzt war ihm ein junger Wal ins Netz gegangen: Warmblüter, Säugetier, jemand aus meiner Art, die Krone der Schöpfung. – Es schön haben, aber sich nicht freuen können, das wäre das Schlimmste. Es schlimm haben, aber sich trotzdem freuen können – wäre das das Schönste? Genügsamkeit.
––Morgen früh wird der Papst polnischen Boden küssen. Warum fällt mir gerade das jetzt ein? Um mich abzulenken und nicht an den Jungen zu denken. Wovor habe ich Angst? Das Ziel zu erreichen und ein neues zu wollen? Oder kein neues zu wollen? Niemals, niemals! Der Einsatz ist es, der zählt: für den Menschen, für die Menschen, für die Idee, für die Kampagne. Das Leben – ein Werbefeldzug. Stimmt das?
––Martin nahm das Bier. „Danke!“
––„Hast du ein eigenes Studio?“, fragte Robert.
––„Noch nicht. Bisher hab’ ich bloß eine Dunkelkammer.“
––„Was willst du später mal machen? – Porträt oder Presse?“
––„Weiß noch nicht genau. Alles. Stillleben liegen mir, glaub’ ich, auch.“
––„Also Werbung?“
––„Ja, zum Beispiel.“
––„Wenn du gut bist, kann ich was für dich tun. Kann ich mal was vor dir sehen?“
––Martin fühlte sich ein bisschen wie ein Schuljunge behandelt. „Klar. Und was hast du für einen Beruf?“
––„Ich bin in einer Werbeagentur.“
––„Aha. Und bist du gut?“
––„Ja, ich denke, ich verstehe etwas von meiner Arbeit.“
––„ … und du hast Erfolg …?“
––„Ja, auch das.“
––„Dann gehörst du selber also auch zu den überangepassten Schwulen, die beweisen wollen, dass sie gar nicht so schlimm sind.“
––Robert fühlte, wie etwas in ihm aufstieg, als hätte er eine Infusion bekommen. „Ich will gar nichts beweisen. Ich setze mich ein für das, was ich für richtig halte. Ich kämpfe für den Einsatz. Und ich kämpfe um den Einsatz der anderen. Das ist alles. Man weiß nie, ob man gewinnt, wenn man den Einsatz wagt, man weiß nur, dass man verliert, wenn man den Einsatz nicht wagt.“
––„Und wofür setzt du dich ein? – Für Zahnpasta?“
––„Zum Beispiel.“
––‚Nicht ärgern!‘, dachte Robert. – So wie er hätte ich auch reagiert vor zehn Jahren. Vor fünfzehn. In seinem Alter. Und wie wird er in fünfzehn Jahren sein? So wie ich? Ich habe auch mal anders werden wollen. Vielleicht bin ich so gut in meinem Beruf, weil ich diese Pläne aufgegeben habe.
––„Weißt du, was Homolulu ist?“, fragte Martin.
––„Nein. Klingt nach einem Karnevalsverein.“
––„Ist nicht ganz so ideologisch, wie du denkst. Homolulu ist ein internationales Treffen von Schwulen, das hier in Berlin im Juli stattfinden soll. Die könnten Wortführer wie dich bestimmt gut gebrauchen.“
––„Und Fotografen wie dich sicher auch. Ein einziges gutes Bild sorgt für mehr Aufmerksamkeit als hundert kluge Worte. Das Foto von dem Volksarmee-Soldaten, der über den Stacheldraht in den Westen springt; das Foto von dem General, der einen Vietcong exekutiert; der vergreiste Hitler, wie er Fünfzehnjährige verabschiedet, die an die Front müssen. Solchen Bildern hat das Wort nichts hinzuzufügen, und gerade Berlin ist voll von solchen Motiven.“
––„Damit hab’ ich mich noch nicht beschäftigt.“
––„Solltest du aber. Du wirst sehen, in deinem Beruf ist es wie in meinem: Was für die Leute zählt, ist letzten Endes nur die Qualität, die man ihnen abliefert.“
––„Und was ist der Maßstab dafür?“
––„Den musst du setzen. So hoch, wie es nur geht.“
––Martin dachte daran, wie er vom Dreimeterbrett wieder runtergeklettert war. Sie hatten ihn ausgelacht. Da hatte er sich noch einmal auf diesen schwankenden Boden begeben, und am Ende, die Augen schon über dem durchsichtigen Wasser, hatte er sich einfach fallen lassen. Der Bauchklatscher brannte noch tagelang, aber viel schlimmer war es gewesen, dass sie ihn dafür erst recht ausgelacht hatten. Martin pulte am Etikett der Flasche, dem ‚Schultheiß‘ kam sein Faltenwurf abhanden. – Bitte tu nichts, was das Gefühl zerstören könnte! Ich mache es uns doch schon schwer genug.
––Robert hatte sich wieder eine Zigarette angezündet. Er warf den Kopf zurück und nahm einen tiefen Zug. „Ja, das ist unbarmherzig. Nur Qualität zählt. Aber wenn du Erfolg willst, dann bestimmen die anderen, was Qualität ist. Sogar hier. Du musst sie überzeugen. Oder dir einreden, dass du es besser weißt, und eines Tages …“ Robert sah Martin plötzlich genauso tief in die Augen, wie er es den ganzen Tag über auf dem Foto getan hatte. „Eines Tages werden sie wissen, dass sie die Margarine doch so hätten bewerben sollen, wie du es vorgeschlagen hast – oder dass sie dich hätten nehmen sollen, damals, als sie mit einem anderen weggegangen sind. Dein Triumph, ihr Pech, eure Niederlage.“

Hanno Rinke Rundbrief

36 Kommentare zu “#16 | Ein Fischzug

  1. Haha, da taucht ja schon der zweite Bekannte am selben Abend auf. Gut, dass die Szene im wahren Leben doch nicht ganz so klein ist.

  2. Jetzt kommen sie sich ja nicht nur in der Geschichte, sondern auch auf dem Titelbild langsam näher. Spannend zu beobachten wo sie am Ende landen werden.

  3. Tja, die Maßstäbe muss man so hoch wie möglich ansetzen, aber noch genügend Platz nach oben lassen, damit man sich nicht völlig blockiert und ständig unzufrieden bleibt.

    1. Vor allem muss man sich seine eigenen Maßstäbe setzen. Wer immer nur versucht zu erfüllen was andere von einem erwarten, der bringt es meistens nicht so richtig weit.

      1. Das ist natürlich ein Klassiker. Bei Merkel könnte man das vielleicht noch einigermaßen glauben. Die drei, die sich da aktuell duellieren, sind da deutlich weniger glaubhaft.

      2. Dienen wollen sie vor allem immer solange sie den Job noch nicht haben. Danach geht es eher darum die Wähler bzw. das Volk von den eigenen Plänen zu überzeugen.

  4. Überangepasste Schwule scheinen immer nicht ganz im Reinen mit ihrer eigenen Sexualität zu sein. Wo würde sonst dieses Extrem herkommen?

      1. Wobei beruflich erfolgreich zu sein, so wie Robert, heisst allein ja noch nicht, dass man überangepasst wäre.

    1. Nichts geht über Wortspiele. Die meisten LGBTQ-Vereine haben allerdings wohl auch kein großes Marketingteam um sich was besseres auszudenken.

      1. das + zeichen bitte nicht vergessen. nicht, dass sich jemand ausgegrenzt fühlt. lgbtq+.

      2. „LGBTQ und plus“ fände ich angemessener als so ein seelenloses +Zeichen. Schließlich geht es hier un die ganze Persönlichkeit. Auch wenn sie schwer zu finden ist.

  5. Robert und Hartmut … hahaha, die Unterhaltung hat mich jedenfalls sehr amüsiert. Ob sowas wirklich vorkommt?

    1. Aus Erfahrung würde ich immer behaupten, dass im Leben so gut wie alles vorkommt. Unterhaltsam für die Geschichte ist die Episode allemal.

      1. Vor allem gefällt mir ja, dass der Sexclub hier als so etwas alltägliches dargestellt wird. Vielleicht nicht unbedingt für die aufgeregten Protagonisten, aber eben doch wenn man das ganze Rundum betrachtet.

      2. 79 war das alles möglicherweise sogar noch viel selbstverständlicher als heute. Zumindest befand man sich ja immer noch in den letzten Wellen der sexuellen Revolution der 70er Jahre.

  6. Ich würde Martins Gedanken, dass geteilte Lust ohne Ausnahme wertvoller ist als ‚einsame‘, ja widersprechen. Gerade weil es auch häufig vorkommt, dass man zu zweit eben nicht die selbe Art von Lust teilt.

    1. Man muss sich allein auch nicht zwangsweise einsam fühlen. Aber auf Dauer macht es natürlich schon mehr Spaß, wenn man seine Lust mit jemandem teilen kann.

    2. Genau solche Bars oder Clubs, die in der Geschichte beschrieben werden, helfen ja durchaus dabei einen geeigneten Lustpartner zu finden.

      1. Früher gaben rechts oder links getragene Taschentücher in kennzeichnenden Farben Auskunft darüber, was jemand will. Heute kann man das bereits auf Dating-Portalen im Internet mitteilen. Hauptsache, die Zielperson muss nicht selber forschen, sondern wird von vorn herein umfassend aufgeklärt. Komisch, wie viele Missverständnisse es trotzdem immer noch gibt.

      2. Der Club hat natürlich den großen Vorteil, dass die potentiellen Partner dort ihre Photoshop-Kenntnisse nicht so gut einsetzen können wie online. Man spart sich also wenigstens die optische Enttäuschung. Wie der Sex wird, weiss man leider trotzdem erst nachher.

      3. Dafür kann man online kurz miteinander chatten und einfach wegklicken wenn man nicht interessiert ist. Live ist das manchmal aufwendiger.

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