Eine Weile lang sagen sie nichts.

––„Freiburg“, eröffnet Mark das Gespräch wieder, als sie an der Ausfahrt vorbeifahren.
––Der Himmel hat sich bewölkt. Kleine, harmlose Schäfchenwolken.
––„Ja, wir sind bald an der Grenze“, sagt Gregor. „Ich hoffe, dein Pass ist nicht abgelaufen.“
––„Er ist abgelaufen“, sagt Mark, „aber das werden die nicht merken. Ich hab’ ihn nämlich zu Hause gelassen.“
––Gregor wendet den Kopf. „Was?“
––„Personalausweis genügt in der Schweiz“, erklärt Mark.
––„Ach, du Idiot!“ Gregor schüttelt den Kopf.
––„Hast du denn deinen Pass mit?“, fragt Mark.
––„Ja, immer. Es ist zwar der von meinem Bruder, aber, keine Angst, wir sehen uns ziemlich ähnlich.“
––Mark lacht. „Notfalls reib’ ich dich mit Schuhcreme ein, und du gehst schwarz über die Grenze.“
––„Auuu!“, Gregor verzieht das Gesicht.
––Ihre Kalauer ziehen nicht mehr recht. Sie lassen die Unterhaltung.
––Mark macht die Augen zu und tut, als ob er schläft.
––Es fängt an zu regnen.
––Gregor macht das Verdeck zu und stellt die Scheibenwischer an.
––„Ich hab’ mir was eingehandelt!“, denkt er.
––Mark hebt ganz kurz die Lider. „Regen!“ sagt er und leichthin:

„Gut für die Ernte.
Da freut sich der Bauer.
Die Scheune wird voll.
Im ‚Dorfkrug‘ ist Tanz.
Der Jäger kehrt zurück mit reicher Beute.“

Er schließt die Lider wieder.

„Wach auf!“, sagt Gregor.
––Mark reibt sich die Augen. Er hat tatsächlich etwas geschlafen.
––Sie sind an der Grenze. Nur drei Wagen vor ihnen.
––Mark holt seinen Ausweis raus und gibt ihn Gregor, der seinen schon in der Hand hat.
––Der Beamte nimmt beide Ausweise, blättert, gibt sie zurück. Dasselbe noch mal auf der Schweizer Seite. Der Zollbeamte tritt vor. „Haben Sie etwas anzumelden, bitte schön?“
––Gregor zeigt auf Mark. „Ja, den da!“
––Der Zollbeamte gibt ihnen einen Wink, weiterzufahren, ohne noch etwas zu sagen. Solche Scherze liebt er nicht.
––„Du bist ganz schön leichtsinnig!“ Mark zieht die Augenbrauen hoch. „Der hätte uns filzen können.“
––„Ach ja, stimmt“, erinnert sich Gregor. „Deine Tierchen.“

Sie fahren durch Basel. Ziemlich starker Verkehr. Viele Lastwagen.
––„Wie weit woll’n wir denn noch?“, erkundigt sich Mark.
––„Bist du hungrig?“, fragt Gregor.
––„Es geht“, sagt Mark. „Vor allem muss ich aufs Klo.“
––„Und müde bist du sicher auch. Ich denke, du wolltest bis tief in die Schweiz.“
––„Na ja“, Mark schluckt. „Ich bin ja auch sehr dankbar.“
––„Pass auf“, Gregor ist gut gelaunt, „wir fahren noch bis zum Vierwaldstättersee und übernachten kurz hinter Luzern.“
––An der ersten Tankstelle an der Autobahn nach Zürich tanken sie.
––Mark geht zur Toilette.
––Gregor läuft vor dem Wagen auf und ab.
––Der Himmel hat sich wieder aufgeklärt. Ein schöner Spätnachmittag.
––Mark kommt zurück.
––„Kann ich in Mark zahlen?“, fragt Gregor. Plötzlich findet er den Satz komisch.
––„Ich hab’ Franken“, sagt Mark schnell.
––Gregor zögert, aber Mark gibt dem Mann schon das Geld. „Danke!“, sagt Gregor und berührt Marks Schulter. „Ich geh’ da auch mal hin.“
––„Du wirst es genießen“, verspricht Mark und setzt sich wieder ans Steuer.
––Gregor kommt zurück. Sie fahren weiter. Viele Bäume, viele Autos. Sie überholen alle.
––„Was willst du eigentlich in Lugano?“, fragt Gregor.
––„Ich besuche meine Freundin.“
––Klingt es wie ein Geständnis oder fasst Gregor es nur so auf? Erst mal fühlt er gar nichts. „Ach!“, macht er. „Ist sie nett?“
––„Ob sie nett ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es schwer für mich ist, ohne sie zu leben, und dass ich mich riesig auf sie freue.“
––„Doch ein Geständnis“, denkt Gregor. „Du liebst sie?“, fragt er.
––Mark nickt und es kommt ihm ganz leicht von den Lippen: „Ja, wir lieben uns.“
––„Abspringen geht jetzt nicht mehr“, denkt Gregor. Wer A sagt … Aber das gilt auch für den anderen. – „Was macht sie in Lugano?“, fragt er.
––„Sie ist dort in einem Hotel. Am Empfang. Nur für ein halbes Jahr.“
––Gregor sieht hinaus. Wiesen, Wälder.
––Der Jäger kehrt zurück mit reicher Beute. Der Wilddieb legt die Schlingen aus bei Nacht.
––„Iris ist einmalig.“ Mark bekommt einen versonnenen Gesichtsausdruck. „Du wirst sie bestimmt mögen, wenn du sie kennenlernst.“
––„Iris heißt sie?“, fragt Gregor. „Wie das Bunte um die Pupille?“
––„Ja, genau so“, sagt Mark schroff.
––„Ich wollte dich nicht kränken.“
––„Du kannst mich gar nicht kränken.“
––„Wenn du damit meinst, dass ich dir nichts bedeute, so brauchst du das nicht zu betonen. Das weiß ich. – Wie viele Stunden kennen wir uns?“
––„Acht, neun. Ist das ein Maßstab?“
––Gregor ist betreten.
Die ganze Zeit über hat er den Jungen belauert und begutachtet, einen verqueren Eiertanz aufgeführt, und jetzt ist Mark es gewesen, der … Der was?
––„Nein, sicher nicht“, sagt er. Und er würde gern noch viel mehr sagen. Worte sind Laute, nichts als Laute. Aber manchmal ist es schwer, sie zu formen.

Gregor starrt vor sich hin. Er starrt auf die Sonne, die rote Sonne. Was für ein Licht! Er reißt sich los und sieht zu Mark. Sein Blick bekommt etwas Schüchternes, plötzlich. Marks Gesicht ist ausdruckslos, weder offen noch verschlossen. Maske?
––Mark sieht die Sonne sinken, die ihn geblendet hat. Er hört das Geräusch des Wagens, das er kennt, das Sicherheit gibt, und er spürt den Blick.
––„Wir können in Küssnacht übernachten. In der hohlen Gasse.“ Gregor will nicht aufgeben.
––„Wenn es da nicht zu voll ist“, wendet Mark ein.
––„Dann fahr’n wir eben weiter.“ Gregor grinst. „Als Tramper bist du das ja gewohnt.“
––„Sicher, sicher“, sagt Mark. „Ich denk’ ja nur an dich.“
––„Was hättest du überhaupt gemacht, wenn ich nicht auf deine engen Hosen reingefallen wäre?“, fragt Gregor.
––„Bis Basel wär’ ich schon irgendwie gekommen“, antwortet Mark, „da wollt’ ich übernachten. Und morgen wär’ ich mit dem Zug weitergefahren.“
––Gregor fühlt sich betrogen, obwohl er nicht recht weiß, warum. „Ich kann ja umdrehen“, sagt er.
––Mark sieht ihn an. „Umgedreht wird nicht!“
––Sie fahren weiter.

Titel- und Abschlussgrafik mit Material von Shutterstock: studioloco (Kopf Mann re.), kiuikson (Körper Mann re.), hamburg_berlin (Personalausweis, bearb.), trabantos (Stadt), Roman Samborskyi (Mann li.), autsawin uttisin (Papier) | Sichon (Schild), Duda Vasilii (Tankstellen-Icon)

Hanno Rinke Rundbrief

34 Kommentare zu “2.06 | Hart an der Grenze

  1. Küssnacht, ja? Ich drücke Gregor die Daumen 😉 Aber vielleicht hat er mit dieser Fahrt ja eh schon mehr erreicht als er erwarten konnte.

    1. Er erlebt zumindest einiges. Er wollte ursprünglich doch auch nur, dass seine Fahrt kurzweiliger wird. Das hat ja ohne Frage funktioniert.

  2. Mit Grenz- oder Sicherheitsbeamten scherzt man nicht. Das habe ich auch schon mal feststellen müssen. Dabei ist es immer so befriedigend die zum Lachen zu bringen. Nur eben doof wenn das nicht so klappt wie gewünscht.

    1. Nicht funktionierende Witze sind peinlicher als Schweigen. Inzwischen muss man ja auch auf Tabubrüche achten. Das ist achtbar. Aber Witze ohne Tabubruch funktionieren nicht.

  3. Na aber hallo! Umgedreht wird natürlich nicht. Das würde die Protagonisten der Geschichte enttäuschen und die Leser auch.

      1. Ich glaube mittlerweile ist er sich sehr wohl darüber im Klaren was er von Mark will und wohin die Reise am liebsten gehen sollte. Dass Mark eigentlich eine Freundin hat war vielleicht abzusehen, ändert aber doch letztlich nichts an Gregors Wünschen.

      2. Nicht an seinen Wünschen, aber höchstwahrscheinlich an seinen Chancen…

  4. Ich bin nach wie vor überrascht wie glatt diese Reise abläuft. Ich bin immer davon ausgegangen, dass solche Mitfahrten als Anhalter sehr verkrampft ablaufen. Also dass man beidseitig froh ist, wenn man sich wieder verabschiedet, auch wenn man grundsätzlich einem Menschen aushelfen möchte und anhält. Aber die beiden Männer machen hier eher den Eindruck als wären sie Freunde, die sich schon eine lange Zeit kennen.

      1. Freunde fürs Leben? Gregor war ja doch mehr an der eng sitzenden Hose und dem weit offenen Hemd interessiert…

  5. Was Mark über die Stunden sagt fand ich ganz gut. Es kommt ja wirklich nicht darauf an wie lange man sich kennt. Also zumindest ist das nicht der einzige Faktor.

    1. Es ist aber schon ein entscheidender, oder nicht? Es geht ja oft darum, dass was man alles miteinander erlebt hat. Dafür braucht es eben Zeit.

      1. man kann auch innerhalb eines tages viel miteinander erleben. aber das kommt wahrscheinlich weniger häufig vor. die meisten stürzen sich ja nicht gleich hals über kopf in abenteuer mit fremden menschen.

      2. Nein, wahrscheinlich nicht. Aber wenn, dann gibt es spannende Geschichten zu erzählen. Im Blog wie im Leben.

      3. Darauf baut ja dann wohl das Metaverse auf, so wie ich das verstanden habe. Ob das wirklich eine Alternative sein kann? Und wenn, für wen eigentlich?

  6. Kehrt der Jäger tatsächlich mit reicher Beute zurück? Gregor erinnert mich eigentlich sowieso mehr an einen Angler. Anstatt gezielt zu jagen wirft er geduldig die Rute aus und schaut was anbeißt.

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