Sie wollte eine Beruhigungspille nehmen und griff, immer noch benebelt von der Schlaftablette, in die Nachttischschublade. Ihre Finger fühlten Papier.
––Ein Zucken durchlief ihren ganzen Körper.
––Sie sprang auf, riss das Paket heraus und zerrte an dem Umschlag. Es war ein Stoß Papier. Handbeschriebene Blätter, in schwer lesbarer, fliegender Handschrift. Sie überflog die erste Seite. Es begann ohne Überschrift.
––„Eine Überschrift gibt es nicht“, las sie, „und wenn ich mir eines wünsche, so ist es, dass du, wenn du alle diese Seiten gelesen hast, eine Überschrift hinzufügst, bevor du mit dem ganzen Stapel machst, was du für richtig hältst.“
––Sie lehnte sich zurück und begann zu lesen. Die Augen waren ihr schwer. Sie kämpfte mühsam gegen den lähmenden Schlaf an.
––Das Schiff schlingerte hin und her. Die Buchstaben kreisten, aber sie zwang sich, aufzunehmen, zu begreifen, Seite um Seite …
––Es war die Geschichte eines Mannes, dessen Frau während der Hochzeitsreise beim Besteigen eines Schiffes plötzlich behauptete, ihn nicht zu kennen. Sie hatte sich vor der Reise eine eigene Kabine bestellt, in der sie schläft. Sie versteckt den Pass ihres Mannes und erklärt, sie könne nur deshalb nicht beweisen, dass sie nicht seine Frau sei, weil er ihren Pass gestohlen habe. Sie ringen einen stummen Kampf miteinander, aber lassen die anderen Passagiere und die Besatzung nichts davon merken. Den Mann erschüttert weniger die Lüge als die Erbarmungslosigkeit der Frau, die er liebt. Selbst wenn er ihr beweist, dass er mit ihr verheiratet ist, ändert das nichts daran, dass er sie nicht für sich zurückgewinnen kann. Gleich ob es Berechnung von ihr ist oder Wahnsinn. – In einer stürmischen Nacht packt er seinen Koffer, wirft ihn über Bord und springt hinterher.

Kein Zweifel, Andreas war geistesgestört gewesen. Besessen von einer völlig abwegigen Idee. Vielleicht bereiste er schon lange die Meere der Welt und hatte erst jetzt ein geeignetes Opfer gefunden, an dem er seine zerstörerische Fantasie hatte austoben können. Dabei war er selbst zum Opfer geworden. Die Wirklichkeit hatte seinen Plan übertroffen. Seine Rolle war ausgespielt.
––Doch was Anette an dieser abstrusen Erzählung entsetzte, war, dass es gar nicht ihre, sondern Richards Geschichte war, aus seiner Perspektive geschrieben. Alles war verschoben, verdreht.
––Hinter der Gardine schimmerte Helligkeit. Der Sturm tobte unvermindert fort.
––Wenn ich das gestern Abend gelesen hätte, wäre er noch bei mir, kam es ihr plötzlich in den Sinn. – Eine alberne Vorstellung, an der sie fast erstickte. – Ich bin es, die ihn nicht geliebt hat. Ich bin es, die niemanden liebt. Doch! Doch, doch. Ich habe ihn geliebt. Seine Nähe, seinen Körper, sein Gesicht. Seine Berührung, vor allem: seine Hitze. Nie würde sie ihn wiedersehen, das wusste sie. Warum hatte er kein normaler Mensch sein können, mit dem man lebt und glücklich ist? Warum hatte er nicht wenigstens ein bisschen normal sein können? Warum nicht? – Sie begann wieder zu weinen.
––„Du bist nicht hässlich“, hatte er zu ihr gesagt. „Und der Schmerz macht dich noch schöner.“
––Sie weinte um etwas, das sie nie besessen und nun verloren hatte. – Oh, wenn ich doch schon bei Richard wäre, damit ich versuchen kann, ihn zu lieben! Wenn Vater und Mutter nicht bei diesem entsetzlichen Unfall umgekommen wären, dann würde ich nie nach Amerika gehen. Dann hätte ich mich nie entschlossen, Richard zu heiraten. Aber Unglück und Zusammenbruch ziehen Unglück und Zusammenbruch an, magnetisch. Ich lenke das Unerträgliche auf mich, es sucht mich, und ich greife es mir. – Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. – Es hat mich nicht mehr mitgenommen, als es jeden anderen auch mitgenommen hätte. Natürlich war diese Schiffsreise ein Fehler, aber ich hatte das Meer sehen wollen, das Meer … und ich hatte Zeit gewinnen wollen. Vielleicht mache ich ganz etwas anderes – an einem anderen Ort. Ich weiß nicht, was, nur irgendwas. Ich will leben. Ich brauche Richard. Wenn er doch schon da wäre und mir so oft sagte, dass ich ihn liebe, bis ich es glaube. Richard … Richard … Andreas.

Sie wachte auf. Sie sah sich um.
––Der Sturm hatte sich nicht gelegt, aber die Sonne schien durch die Gardine.
––Sie stand auf und schob den Vorhang zur Seite. Tatsächlich! Blauer Himmel. Sie sah auf ihre Armbanduhr. Elf Uhr schon! Sie wusch sich flüchtig und zog sich an. Dann hob sie die Seiten auf, die neben ihrem Bett lagen. Sie nahm den Kugelschreiber aus ihrer Handtasche und schrieb die Überschrift auf das erste Blatt:

Die Liebe und das Meer und die Liebe.

Sie las es, strich es durch und setzte in Druckbuchstaben darunter:

DIE LETZTE GESCHICHTE.

Gleich würde sie wieder weinen, sie fühlte es. Sie stopfte alle Seiten in den Umschlag zurück und ging mit dem Paket an Deck, ohne jemanden zu sehen, mehr von ihrem Willen getragen als von ihren Beinen.
––Das Haar wehte ihr ins Gesicht, Gischt schlug ihr entgegen.
––Mit einer Hand klammerte sie sich an die Reling, mit der anderen schleuderte sie das Paket ins Wasser.
––Der Umschlag riss in der Luft, die Seiten quollen heraus und tanzten wild und verzweifelt wie ein Ballett, das aus dem Konzept geraten ist. Dann taumelten sie trunken ins Meer. Nur ein Blatt kam mit einer plötzlichen Bewegung des Windes zu ihr zurückgeflattert.
––Sie griff danach: Es war die Vorderseite mit ihrer Überschrift, das oberste Blatt. Sie hielt es in der Hand und starrte über den Rand des Papiers hinweg auf den Horizont. Irgendetwas zeichnete sich dort ab. Eine Küste, eine Insel.
––Sie hatte geglaubt, das nächste Mal, wenn sie Land sehen würde, wäre es Amerika. Sie hatte sich geirrt.
––Der Sturm schüttelte sie. Ja, es war der Sturm.
––Sie knüllte das Blatt Papier zusammen und warf es ins Meer.
––Keine Erinnerung. Nichts war geschehen. Nichts, was mehr als Einbildung gewesen wäre. Und wenn er jetzt plötzlich auf sie zukäme, übermütig lachend, und sie in die Arme nähme? Wenn er nur die Kabine gewechselt hätte? Wenn er weinte, wenn er sie um Verzeihung bäte, wenn es ihn gäbe? – Was würde sie machen? Würde sie ihn lieben?

Sie sah zum Himmel.
––Es musste tatsächlich Land in der Nähe sein. Ein paar Möwen kreisten in der Luft.
––In einem Monat würde sie verheiratet, in zwei Monaten würde sie wieder allein sein. Sie beugte sich über die Reling und sah auf das Meer.
––Die Wellen brachen sich grell. Schneidend, blendend, tobend. Jedes Mal, wenn sich das Wasser überschlug, heulte es gepeitscht auf. Ein Blitz aus Gischt und Gewalt, gierig, gefräßig, ein Ziehen, Würgen. Aufgelöster Wirbel, der alles zerstörte in tosender Wiederholung. Wegspült, fortreißt, vernichtet. Abgründe klafft, Hügel türmt, Mahle, Schächte, Gräber.

Ein Vogel mit verklebten Flügeln. Er schwimmt erschöpft: auf den Kämmen, in den Tälern. Sein Flattern bleibt erfolglos. Einsam auf den Wellen, gegen die Wellen, die ihn tragen und überrollen. Stumm kämpft er gegen die Bewegung an, fügt sich, lehnt sich auf, gibt nach. Schwimmt. Das Meer und der Himmel. Bald liegt er am Strand. Wenn niemand ihn findet und seine Flügel säubert, muss er sterben. Die Chancen stehen nicht gut, aber hoffnungslos ist es auch nicht.

Titel- und Abschlussgrafik mit Material von Shutterstock: PanicAttack (Frau), Rejean Bedard (Vogel) | showcake (Papier)

Hanno Rinke Rundbrief

35 Kommentare zu “4.5 | Die Überschrift

    1. Na ja, so richtig viel Hoffnung macht das aber auch nicht. Auch Anette macht ja keinen all zu guten Eindruck zum Ende.

      1. Trotzdem bekomme ich das Gefühl, dass sie das alles durchstehen wird. Ich kann nicht richtig sagen warum.

      2. Sie ist ja jedenfalls die einzige Hauptfigur, bei welcher die Geschichte mit der Möwe am Strand etwas offener endet…

      3. Den Wünschen schließe ich mich an 😉 Aber vor allem bin ich gespannt welches Blogprojekt uns als nächstes erwartet!

      4. Ich mochte diese unterschiedlichen Begegnungen sehr. Vor allem Kapitel 2 und 4 fand ich spannend. Erstaunlicherweise dachte ich auch bei keiner, dass sie nicht in der Gegenwart spielt oder spielen könnte. Aber neugierig bin ich trotzdem…

  1. Ich muss auch sagen, dass mich diese Geschichte ziemlich fasziniert. Man zerbricht sich ja wirklich den Kopf was in wessen Kopf vorgeht.

      1. Es muss ja auch gar nicht immer alles erklärt werden. Selbst im Informationszeitalter nicht.

    1. Sie wünscht sich eben einen Andreas herbei. Nur gibt es ihn leider nicht, nicht in ihrer Reichweite. Es gibt nur Richard, und Richard ist nicht das, was sie glücklich machen würde.

      1. Besser Richard als niemand? Eine lange Zufriedenheit kann erstrebenswerter sein als ein kurzer Rausch. (Noch unverbackener Glückskeks-Sinnspruch)

      2. Für manche(n) ist das ja wirklich wahr. Andere würden es nicht über such bringen so eine Entscheidung nicht treffen.

      3. Mit viel Glück und ein bisschen Initiative hat man ja sogar Beides. Kurze Räusche hier und da … und trotzdem eine langfristige Zufriedenheit 😉

      1. Man weiss es natürlich nicht so richtig. Aber als Leser kann man sich ja nur auf die Schilderungen des Erzählers verlassen. Egal wie (un)zuverlässig er berichtet 😉

    1. Das klingt natürlich schöner als es bei Anette der Fall war. Aber man muss sich ja an Idealen orientieren. Relativiert wird das im Alltag dann ja eh wieder alles.

      1. Da wird jetzt mancher Grünen-Wähler enttäuscht sein, der sich am Ideal orientiert hat und nun den Alltag des Regierens miterlebt.

      2. In der Tat. Die Ernüchterung kommt ja bei den meisten neuen Regierungen relativ schnell. Politik funktioniert nun einmal so wie sie funktioniert.

  2. Da gibt es diesen Satz in der Mitte: „Der Sturm hatte sich nicht gelegt, aber die Sonne schien durch die Gardine.“ – Der scheint mir ziemlich gut Anettes Situation zusammenzufassen. Die schlimmste Aufregung ist erstmal vorüber, aber sie steckt trotzdem noch mitten im Geschehen.

    1. Die Sonnenstrahlen wären dann einfach der Fakt, dass sie langsam aus ihren doch etwas wirren Gedanken herauskommt?

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