Aus Carolas Schlafzimmer drang ein kurzes Lachen, etwas nervös, etwas unecht.
––Christoph klopfte vorsichtig.
––„Christoph?“
––„Ja.“
––„Komm rein!“
––Er öffnete die Tür.
––Carola stand am Fenster. Der junge Mann von vorhin war in ihrem Badezimmer über das Waschbecken gebeugt.
––Er wandte kurz den Kopf, nickte Christoph zu und machte sich dann weiter am Wasserhahn zu schaffen.
––„Miguel ist doch noch gekommen“, erklärte Carola.
––„Ja, das sehe ich“, sagte Christoph.
––„Warst du am Meer? Komm in den Garten!“
––Chico bellte freudig, als er sie sah.
––„Ach, sei still!“, rief Carola.
––Der Hund lag immer noch an der Leine. Er gehorchte und rollte sich in die Ecke.
––Sie setzten sich auf die Terrasse. „Sei froh, dass du nicht mit warst“, sagte Carola, „es war mörderisch heiß. Ich hätte auch lieber gebadet.“
––„Das Meer ist herrlich. Ich habe es sehr genossen.“ – So sagt man es doch zu seinen Gastgebern? Christoph lehnte sich zurück.
––„Nicht wahr? Ich geh’ jeden Morgen schwimmen“, erklärte Carola. Sie trommelte mit den Fingerspitzen auf der Tischplatte. „Macht es dir was aus, wenn ich in die Küche gehe?“, fragte sie. „Du weißt, Maria ist nicht da, und ich muss mich selbst ums Essen kümmern.“
––„Vielleicht kann ich dir helfen?“, schlug Christoph vor.
––„Nein, vielen Dank, die Küche ist sowieso zu klein. Bleib hier und sieh dir den Sonnenuntergang an!“ Sie verschwand ins Haus.
––Chico knurrte kurz auf wie in schweren Träumen.

Christoph sah in den Himmel.
––Das Licht war etwas milder geworden, aber es würde noch eine ganze Weile dauern, bis die Sonne versunken wäre. Allmählich stiegen die Düfte auf, die in der schneidenden Helligkeit des Tages keinen Platz gehabt hatten. Die Farben gewannen mehr Abstand voneinander. Die Geräusche wurden voller.
––Christoph stand auf und ging ums Haus.
––Der Junge im Jeansanzug kniete an der Garagenmauer.
––Wie konnte dieses Weiß so weiß bleiben? Es sah richtig schuldig aus.
––Miguel hatte den Verschluss des Wasserhahns abgeschraubt und prüfte ihn gerade. Er sah auf, als Christoph um die Ecke kam, aber er senkte den Kopf gleich wieder.
––Christoph blieb stehen, er hielt fast den Atem an.
––Der andere fummelte eine Weile, dann drehte er den Kopf wieder; ein kurzer, abschätzender Blick. Miguel schraubte den Verschluss mit ruhigen Händen an den Hahn.
––Christoph ging ein paar Schritte um den Klempner herum und blieb wieder stehen.
––Miguel sah auf, lächelte kurz und drehte den Wasserhahn auf. Ein harter Strahl knallte gegen den ausgedörrten Boden. Er schloss den Hahn, erhob sich und ging langsam um die Ecke zum Garten hin. Dahinter schien er stehen zu bleiben.
––Einen Augenblick lang war es ganz still. Dann wieder das Geräusch von Wasser, ein feinerer Strahl diesmal, der gegen die Wand spritzte.
––Christoph stand reglos.
––Kurz darauf kam der Klempner zurück, packte sein auf der Erde liegendes Werkzeug und ging grußlos an Christoph vorbei zum Eingang des Hauses.
––Christoph hörte, wie er ein paar Worte mit Carola wechselte, die offenbar am Küchenfenster stand. Ihr Lachen taumelte in die Luft.
––Die Gartenpforte quietschte leise.
––Miguels Schritte knirschten.
––Stille.

Der scharfe, ätzende Geruch von Schweiß stieg Christoph in die Nase, und er wusste, dass es sein Schweiß war.
––„Nicht ich bin kitschig, sondern das Leben“, sagte er. „Ich habe das alles doch gleich gewusst. – Und der Garten braucht auch nicht zu vertrocknen.“ Ein Lachen, ähnlich dem von Carola, bohrte in seiner Brust. Er ging duschen.

Als Christoph auf die Terrasse zurückkam, lag Carola auf einem Liegestuhl.
––Chico kam quer durch den Garten auf ihn zugeschossen und sprang begeistert bellend an ihm hoch.
––„Ist ja gut, ist ja gut“, sagte Christoph.
––Carola stand auf. „Ein verrücktes Tier. Lass das, Chico! Lass das!“ Der Hund beruhigte sich allmählich. Schwanzwedelnd lief er von einem zum andern.
––Dämmerung hatte eingesetzt. Frühe Sterne glitzerten. Lau und süß glitt die Luft in den Abend. Eine ausgewaschene Betörung, immer noch gültig.
––Carola nahm Christoph sanft am Arm. Sie schlenderten durch den Garten, dicht nebeneinander, nahezu friedlich. Wie dunkler, feiner Regen duftete es vom Himmel herab. Sie gingen ums Haus, mit langsamen Schritten, behutsam.
––Plötzlich blieb Carola stehen. „Nein!“, schrie sie. Sie war wie erstarrt. „Chico! Chico!“
––Der Hund kam angelaufen.
––Sie packte ihn beim Halsband. „Was ist das?“, rief sie. Mit einem wütenden Ruck stieß sie seine Schnauze gegen die feuchte Stelle an der Wand. „Was ist das?“ Sie schlug dem Hund zweimal kräftig auf den Rücken und zerrte ihn mit Gewalt zur Terrasse, wo sie ihn unter heftigem Schimpfen an die Leine nahm.
––Chico jaulte gequält, aber er fügte sich. Verängstigt kroch er in die Ecke und betrachtete von dort aus geduckt und furchtsam den Menschen, der ihn ernährte, der ihn schützte, der ihn quälte.
––Carola schien das Schauspiel zu genießen. Sie wandte sich Christoph zu. „Ein Hund ist das!“, sagte sie lachend. „Damit will er zeigen, dieses Haus ist sein Revier. Als ob wir das nicht auch so wüssten!“ Sie ging ins Haus, um das Essen auf den Tisch zu bringen.
––Christoph war stehen geblieben. Er starrte die Wand an: Auf dem makellosen, harten Weiß zeichnete sich schattenhaft ein Fleck ab, der mit zahllosen Armen nach der Erde griff, Wurzeln, die in den Boden wucherten. Er streckte die Hand aus und tastete mit den Fingerspitzen nach der dunklen Stelle. Erschrocken spürte er die Feuchtigkeit auf seiner Haut. Er zuckte zurück, ratlos. Doch dann strich er in weit ausholender Bewegung mit der ganzen Handfläche die Mauer entlang.

Titel- und Abschlussgrafik mit Material von Shutterstock: 
Wellnhofer Designs (Frau)
, Viorel Sima (Mann), Chepko Danil Vitalevich (Wasserhahn) | Dragon_Fly (Hand)

Hanno Rinke Rundbrief

41 Kommentare zu “3.6 | Dunkler Fleck

    1. Mit dem Spruch kann ich mich identifizieren. Das Leben ist wenn man ehrlich sein will ja tatsächlich oft kitschiger als man wahrhaben will.

      1. Das Leben ist – ärgerlich oder erfreulich – immer wahr. Was wahr ist, kann erstaunlich sein oder vorhersehbar, aber nie kitschig, denn zum Kitsch gehört die Verlogenheit.

  1. Der Hund scheint mir nach wie vor ein Spiegel für Christoph zu sein. Und trotzdem werde ich nicht ganz schlau…

      1. Hahaha! Diese Diskussion hat mich jetzt wirklich amüsiert. Wer hier nun wohin gepinkelt hat … Mal schauen ob die Meinungen genauso auseinandergehen wenn es um die Frage geht warum gepinkelt wurde. Oder vielmehr welche Spannungen da zwischen Miguel und Christoph in der Luft liegen.

      1. Also doch wohl eher Miguel. Er steht doch auf und geht um die Ecke nachdem er den Wasserhahn schließt! Christoph beobachtet doch nur.

      2. Ich fand das eigentlich auch sehr eindeutig beschrieben: Miguel arbeitet am Wasserhahn, Christoph nähert sich, Miguel schließt den Hahn und geht um die Ecke, es plätschert wieder, Miguel geht wortlos an Christoph vorbei…

  2. Möglicherweise war die Beziehung zwischen Carola und Christoph also so etwas wie eine falsche Fährte. Oder eine Rahmenhandlung. Die entscheidende Begegnung dieser Geschichte könnte auch Miguel werden.

    1. Der scharfe, ätzende Geruch von Schweiß vermischt sich mit dem stechenden Geruch von Pisse. Los geht’s.

      1. Es wird hier in Andalusien sicher nicht so schwül zugehen wie beim Eremiten. Aber neugierig bin ich trotzdem.

      2. Oh ja, Touristen am All-Inclusive-Buffet sind dem Wahnsinn wirklich ziemlich nahe! 😂

      1. Immerhin bekommt ER Zuneigung. Ich habe ja ein wenig das Gefühl, das Carola am Ende der Geschichte noch etwas enttäuschter ist, als sie es momentan bereits ist.

      2. Ich bin noch nicht sicher, was sie sucht bzw. was sie von Christoph erwartet. Zuneigung sicher. Aber ob das zwangsläufig auch etwas Sexuelles meint…?

      1. Es kommt sehr auf die Erwartung an. Und wenn man sich in eine Überraschung erst mal hineingesteigert hat, kann einen nichts mehr überraschen

      2. Zu hohe Erwartungen können ja so viele Erlebnisse versauen. Aber seine Erwartungen zu regulieren ist eben echt schwere Arbeit.

      3. Ja das mag sein. Aber man kann ja auch nicht völlig erwartungslos durchs Leben gehen. Das funktioniert ja nicht.

      4. Man muss alles planen in der Gewissheit, dass die Planungen über den Haufen geworfen werden. Dann gibt es manchmal die schöne Überraschung, dass doch alles nach Plan läuft.

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