Plötzlich hatte Chico zu knurren angefangen. Ein langgezogener, aufdringlicher Laut, der in heftiges Bellen überging.
––Christoph drehte sich um, und in zwei Sätzen war der Hund bei ihm, sprang an seinen Beinen hoch und leckte ihm über die Oberschenkel. Etwas erschrocken riss Christoph die Beine auseinander, Chico bohrte seine Schnauze sofort in die entstehende Lücke. „Huu, das kitzelt“, schrie Christoph und beugte sich abwehrend nach vorn.
––Carola fuhr auf und griff ihm energisch zwischen die Beine, um Chicos Kopf zu packen, doch der Hund entwand sich ihr geschickt und schnappte spielerisch nach ihren Händen, während er die Vorderpfoten weich und behutsam auf Christophs Oberschenkel legte. „Chico, du Teufel!“ Carola sprang hoch, nahm den Hund beim Halsband und zerrte ihn zur Terrassentür, wo sie ihn unter nicht ernst gemeinten Verwünschungen an die Leine legte. „Gibst du nicht eher Ruhe, als bis man dich ankettet, du Scheusal, du! – Was, was?“
––Chico sah sie vorwurfsvoll an und ließ ein klagendes Jaulen hören.
––Sie kraulte ihm hingebungsvoll den Kopf. „Jaja, jetzt bist du beleidigt. Jetzt bist du beleidigt.“ Sie beugte sich tief zu ihm herunter und schüttelte seine Schnauze leicht hin und her. „Bist du jetzt beleidigt, mein Kleiner? Ist er jetzt beleidigt?“ Dann wandte sie sich unvermittelt ab und legte sich wieder neben Christoph.
––„Ist es dir nicht zu heiß?“, fragte sie.
––„Doch“, antwortete Christoph, „aber das macht nichts.“

Carola sah auf die Uhr. „Um halb zwölf wollte der Klempner kommen. Jetzt ist es halb eins.“ Sie schüttelte den Kopf. „Es ist doch wirklich zu ärgerlich! Unzuverlässigkeit ist etwas Schreckliches. Und hier sind alle unzuverlässig.“
––„Du bist eben zu tüchtig“, antwortete Christoph leichthin. „Für dieses Leben hier bist du viel zu tüchtig.“
––Sie gab einen missmutigen Laut von sich.
––„Wie hätte ich dieses Haus hier wohl aufbauen und einrichten können, wenn ich mich nicht um alles gekümmert hätte? Ich musste jedem Handwerker hinterherrennen. Wenn ich nicht dabeistand, passierte gar nichts – oder Schreckliches. Die Menschen hier sind nicht bösartig, aber gleichgültig. Mein Mann war damals noch in Deutschland. Ich musste alles allein überwachen und organisieren. Das war keine Kleinigkeit. Schließlich bin ich nicht das, was man als stämmige Geschäftsfrau bezeichnen würde.“
––Christoph lachte. „Bestimmt nicht.“
––„Wenn ich gewusst hätte, dass Georg schon zwei Monate, nachdem er sich hier zur Ruhe gesetzt hatte, sterben würde, dann hätte ich sicher nicht die Kraft dazu aufgebracht.“ Sie machte eine Pause. „Na ja, inzwischen bin ich einigermaßen drüber weg und ganz glücklich hier. Die Baronin Nerrau hat mir sehr geholfen in der ersten Zeit, sie ist eine sehr angenehme Frau. – Kennst du noch Mightbrittens? Ich glaube, wir waren mal mit ihnen bei deren Eltern, als sie gerade in Deutschland waren. Er hat eine bedeutende Rolle in der englischen Armee gespielt, bevor er pensioniert wurde. Seine Frau ist mit dem Herzog von Bedford verwandt. – Eigentlich ganz unwichtig, aber es sind sehr, sehr nette Leute. Sie hat außerordentlich viel Chic, etwas, was man hier nicht allzu häufig antrifft. Übrigens Losemüllers wohnen nur ein paar Häuser weiter. Du müsstest die Tochter doch aus dem Klub kennen.“
––„Flüchtig, ja.“ Christoph wischte sich den Schweiß von der Stirn.
––„Ich werde eine kleine Party für dich geben, dann wirst du alle kennenlernen. Und …“, sie öffnete die Augen, „… ich glaube, die Haugenstein ist noch hier. Ihr Mann ist schon wieder in Düsseldorf, aber sie müsste noch da sein. Das ist bestimmt interessant für dich. Baronin Nerrau sagte neulich, er gilt im Augenblick als der erfolgreichste Finanzier Deutschlands.“
––„Dein Mann war sehr viel älter als du, nicht wahr?“, fragte Christoph.
––„Zwanzig Jahre. Ich habe den Unterschied nie empfunden. Er war so viel lebendiger als die ganzen senilen Pensionäre, die man hier das Jahr über trifft. Mein Gott, wenn Miguel mich wieder sitzenlässt, dann geh’ ich zu einem anderen.“
––„Wer ist Miguel?“, fragte Christoph überrascht.
––„Miguel? – Ach so, der Klempner.“
––„Ist es so wichtig, ob der Wasserhahn einen Tag früher oder später repariert wird?“, fragte Christoph.
––„Er tropft und tropft“, sagte Carola. „Nachts liege ich oft stundenlang wach. Ich höre es pochen. Ich zähle die Tropfen und ich denke, ich werde verrückt. Ich habe den Hahn schon mit Lappen umwickelt und Handtücher ins Waschbecken gelegt. Aber es hilft alles nichts. Ich brauche einen Klempner.“
––„Dann such dir doch einen anderen“, sagte Christoph, während er sich auf den Bauch drehte.
––„Das werde ich auch tun. Miguel kannte ich noch vom Bau des Hauses. Er war recht nett, darum habe ich gedacht, er würde schnell vorbeikommen und die Sache in Ordnung bringen, aber offenbar … – Ohnehin ein komischer Junge: Abends seh’ ich ihn manchmal im Ort. Da sitzt er vor der ‚Bodega‘, allein auf einer Bank, und er starrt vor sich hin. Ich sage: ‚Na, Miguel, was ist los?‘ Er sieht auf mit verträumten Augen, lächelt ein wenig und sagt: ‚Buenas noches, Señora.‘ Dann senkt er den Kopf wieder. Das ist die ganze Unterhaltung.“ Sie lachte. „Tagsüber wirkt er gar nicht so schüchtern. Machst du uns noch einen Drink?“
––„Aber gern! Ich bin zuverlässiger als Miguel.“ Christoph stand auf und ging in die Küche.

Carola lag mit geschlossenen Augen da und überlegte, wen sie zu der Party, die sie für Christoph geben wollte, einladen könnte oder müsste. ‚Die meisten werden ihn nicht sehr interessieren‘, dachte sie, ‚aber es ist eine gute Gelegenheit, mich zu revanchieren für die vielen Einladungen, die ich während des letzten Jahres hatte. Na, so viele waren es auch wieder nicht. Immerhin ein Anlass zum Feiern, eine Unterbrechung. Und ein paar von den Leuten konnten Christoph sicher beruflich recht nützlich sein. Es ist schön, etwas für andere zu tun. Heute Abend werde ich Paella machen. Die wird er mögen. Alle sagen mir, meine Paella ist die beste.‘
––Christoph kam mit den Gläsern zurück. „Das Mädchen hat irgendetwas zu mir gesagt, aber ich habe es nicht verstanden.“
––Carola sah auf. „O ja, Maria hat heute Nachmittag frei. Wir müssen früher essen.“ Sie stand auf, nahm eins der Gläser, trank einen kleinen Schluck und stellte es dann neben ihren Liegestuhl. „Leg dich wieder hin!“, sagte sie zu Christoph und ging auf die Terrassentür zu.
––In dem Augenblick sprang der Hund auf und fing laut an zu bellen.
––„Chico!“, rief Carola und blieb stehen. „Chico, wirst du ruhig sein!“
––Der Hund bellte nur noch heftiger und riss an seiner Leine.
––Carola zog ihren Pantoffel aus und fuchtelte damit in der Luft herum. „Willst du jetzt ruhig sein oder …?!“
––Chico kläffte heiser.
––„Oder …?!“, drohte sie und ging auf ihn zu.
––Er knurrte und wich aus.
––Mit leichter Hand gab sie ihm einen Schlag auf die Schnauze. „… geht es nicht anders?!“, fragte sie und schlug noch mal heftiger.
––Chico stellte sich auf die Hinterbeine und sah sie bittend an.
––Sie lächelte stolz. „Wirst du jetzt artig sein?“
––Der Pantoffel kreiste noch ein paarmal vor dem Kopf des Hundes, dann drehte sie sich triumphierend zu Christoph um. „Ist er nicht lieb?“ Sie ließ den Pantoffel fallen und schlüpfte hinein.
––Chico ließ die Vorderbeine sinken, leckte ihr einmal über den Fuß und rollte sich still in seine Ecke.
––„Ich bin gleich wieder da“, sagte sie und verschwand im Zimmer.
––Christoph rückte sich den Liegestuhl in den Schatten. Er sah auf den kochenden Garten. Die Umrisse der Sträucher starrten reglos, ihre Blüten glichen erstorbenen Flammen. Brodelnd verdampfte der Horizont.

Titel- und Abschlussgrafik mit Material von Shutterstock: 
Wellnhofer Designs (Frau), Mockup Cloud (Mann), Photobox.ks (Hund), ANURAK PONGPATIMET (Pantoffel) | Olga Kurguzova (Wasserhahn)

Hanno Rinke Rundbrief

36 Kommentare zu “3.3 | An der Leine

  1. Da fährt er nach Andalusien und kennt trotzdem den halben Freundeskreis von Carola. Das wäre gar nicht meines.

      1. Na das ist ja selbstverständlich. Die beiden finden sich glaube ich gegenseitig sehr gut.

    1. Weil er nicht antworten kann und man deshalb selbst die ganze ‚Konversation‘ übernehmen muss? Weil man nicht weiss man sonst sagen soll?

      1. Gerade las ich, dass Hunde Sprachen unterscheiden können – laut Hirnmessungen. Wenn ein Hund sich auch nach dem dritten „Platz!!!“ nicht setzen mag, hat er wohl keine Lust. Für Hündinnen gilt dasselbe.

      2. Damit sind schlecht erzogene Hunde trotzdem ein Zeichen von schlechter Erziehung? Ich dachte Hunde macht die Zusammenarbeit mit dem Menschen grundsätzlich Freude. Auch irgendwo gelesen.

  2. Ob ein Partner oder die Partnerin älter oder jünger ist, hat mich auch noch nie interessiert. Es gibt so viele junge Menschen, die wahnsinnig alt erscheinen, und andersherum viele Alte, die ewig jung bleiben. Warum soll man sich mit diesen Zahlen zu sehr aufhalten?

      1. Das stimmt. Uninteressant ist das Alter nicht. Nur sollte es kein (alleiniger) Grund sein eine Beziehung (nicht) einzugehen. Oder?

      2. Früher gab es viel Klatsch um Altersunterschiede bei Paaren. Die Menschen selbst hat das auch damals bei ein wenig Selbstbewusstsein kaum gestört. Die in 26 Ländern gebräuchliche Zwangsehe zwischen jungen Frauen und alten Männern sind natürlich etwas Anderes und abzulehnen.

      3. Immer noch 26 Länder? Ich weiss gerade gar nicht ob ich das viel oder wenig finden soll. Ohne Frage sind es natürlich 26 Länder zu viel.

      1. Haha! Ich sag ja auch nur, dass ich nicht den Eindruck habe, dass er eng an der Leine gehalten wird. Wie bissig er ist oder ob er ähnlich übergriffig wird wie Chico wird sich wohl noch herausstellen.

    1. Oder er ist einfach ein Alleingänger. Die werden ja oft als komisch angesehen. Dabei gibt es doch mehr als genug Gründe sich von anderen Menschen fern zu halten.

  3. Oh, das Detail, dass Carolas Mann kurz nach dem Auswandern nach Spanien gestorben ist, hätte ich fast überlesen. So etwas möchte man sich ja wirklich nicht vorstellen. Ganz allein in einem neuen Land … Das ist keine einfache Aufgabe.

    1. Immerhin hat man nicht den Eindruck, dass Carola sich finanziell Sorgen machen musste. Das nimmt natürlich nicht die Einsamkeit, aber es löst sonst sicher schon mal viele Probleme.

      1. Die große Frage bleibt auf welches der drei Dinge man am ehesten verzichten könnte.

      2. Nur stellt das Schicksal diese Frage nicht, sondern entscheidet selbst. Mir erscheint reich und gesund am aushaltbarsten. Sterbenskrank und geliebt zu sein kommt mir nicht so toll vor, reich und schreiend vor Schmerzen auch nicht.

      3. Ich hätte instinktiv gesund und geliebt gewählt. Wobei ich nicht bestreiten möchte, dass Armut eine schreckliche Last sein kann.

      4. Man muss ja auch nicht gleich verarmt sein, nur weil man nicht reich ist.

      5. Das stimmt. Aber Geld im Leben zu haben ändert einfach alles. Da braucht man sich auch nichts vormachen.

      6. Armut, wo es warm ist, ist leichter zu ertragen als in der Kälte, auf dem Lande leichter als in der Millionenstadt, dort, wo alle arm sind, besser als allein unter Reichen. Ich spreche nicht aus Erfahrung: reine Theorie. Die Schere zu schließen scheint unmöglich. In allen nicht demokratischen Staaten (links oder rechst) kommt es zu einer reichen Clique und einer bescheiden lebenden Masse.

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