„Die Tankstelle hinter Rastatt hat eine Raststätte“, sagt Mark.
––„Das beflügelt wohl dein Texterhirn, ist aber, wie das meiste in der Werbung, falsch!“, berichtigt ihn Gregor. „Es handelt sich hier um eine Imbissstube.“
––Sie gehen hinein. Mehr ist es wirklich nicht.
––Mark nimmt eine Cola.
––Gregor bestellt sich einen Kaffee.
––Sie trinken im Stehen.
––„Wir kommen bestimmt bis Luzern heute“, sagt Mark.
––Gregor nickt. „Ich kann gleich durchfahren bis San Remo. In Lugano setz’ ich dich ab.“
––„Im Ernst!“ Mark nimmt einen großen Schluck. „Wir schaffen das bestimmt.“
––„Sag mal, bist du dir eigentlich im Klaren darüber, was ich hier für dich tue?“, fragt Gregor ärgerlich.
––„Ja, natürlich“, Mark senkt den Kopf. Er zerdrückt seinen Pappbecher und sagt: „Wir machen’s, wie du denkst. Entschuldigung.“
––Gregor trinkt seinen Kaffee aus. „Wir werden ja sehen, wie weit wir kommen. – Wie viel macht das?“, fragt er das Mädchen.
––Mark holt sein Portemonnaie raus.
––Gregor winkt ab. „Lass, ich zahle!“
––„Danke“, sagt Mark leise.
––Sie gehen schweigend zum Auto zurück.
––Gregor setzt sich ans Steuer. Er öffnet Mark die Tür von innen.
––Zum zweiten Mal gleitet der Junge auf den Beifahrersitz, geschmeidig: zutraulich, aber wachsam.
––Gregor fährt ruhig.
––Die Sonne blendet. Es ist immer noch sehr warm im Wagen.
––„Soll ich das Verdeck etwas weiter aufmachen?“, fragt Mark.
––„Gute Idee. Weißt du wie?“
––„Ja“, sagt Mark. Er sieht nach oben und hebt die Hände.
––Gregor grinst. Er drückt den Knopf. Das Schiebedach setzt sich in Bewegung. „Geht ganz von selbst“, sagt er.
––Mark schluckt. „Ich bin doof, was?“
––Gregor schüttelt den Kopf. „Du bist schon ganz gut. Wenn du doof bist, was soll man dann erst von mir halten? Von Hamburg nach Travemünde über die Alpen.“
––Mark lächelt. Irgendwie imponiert ihm der Kerl. „Vielleicht werd’ ich auch mal so“, denkt er und verbessert sich schnell, „oder so ähnlich.“

Mark sieht eine Weile aus dem Fenster auf die hügelige Landschaft. „Nett hier“, sagt er.
––„Wir können nach Baden-Baden fahren“, schlägt Gregor vor.
––„Woll’n wir zusammen ins Casino gehen?“, fragt Mark.
––„Das wär gut.“ Gregor nickt. „Ich hab’ sowieso zu wenig Geld mit. Das sollte ja nur für eine heiße Nacht in Travemünde reichen. Und mit Schecks zahlen ist gefährlich, wenn sie nicht gedeckt sind.“
––„Ein Problem gibt’s allerdings.“ Mark sieht nach hinten.
––„Ich fürchte, mein Smoking wird etwas gedrückt sein.“
––„Und wenn wir einfach nur kuren?“, fragt Gregor.
––„Was, ganz ohne Golf?“ Mark schüttelt den Kopf.
––„Dann lieber Richtung Grenze – dein Einverständnis vorausgesetzt.“

Die Ausfahrt bleibt zurück.
––„Findest du Baden-Baden gut?“, fragt Mark.
––Gregor zuckt die Achseln. „Ich kenn’ es nicht richtig, bin nur einmal durchgefahren. Es ist elegant, gepflegt, hübsche Umgebung. Doch, ich glaub’, mir gefällt es. – Und dir?“
––„Es ist entsetzlich!“
––„Kennst du es?“
––Mark lacht. „Ob du ’s glaubst oder nicht, ich bin in Baden-Baden geboren.“
––„Ach!“ Gregor ist wirklich erstaunt. „Und aufgewachsen?“
––„Nur sieben Jahre. Mein Vater ist Arzt da gewesen.“
––„Und jetzt lebt er in Hamburg?“
––„Nein, in München.“
––Gregor will nicht weiterfragen, obwohl es ihn interessiert. Der Bursche interessiert ihn immer mehr.

Sie fahren an einer Militärkolonne vorbei.
––„Scheiß-Amis. Überall müssen sie sich reinmischen.“
––„Ein sehr fundiertes Urteil!“, lobt Gregor.
––„Ja, sieh dir das doch an! Südamerika, Vietnam, Europa. Überall steht das amerikanische Kapital dahinter. Was da in Vietnam passiert, das ist nichts als wirtschaftliches Interesse, Machtgier und Prestige-Denken. Was haben die da zu suchen? Wen machen sie glücklich? Und wie die vorgehen! Die eine Seite wird blind verteufelt – die andere: ‚Glory, Glory, Hallelujah‘. Ich weiß, es ist Mode, auf die Amerikaner zu schimpfen, genauso wie die Deutschen sie nach dem Krieg angehimmelt haben – die GIs sind ja auch fast besser als die Urlauber –, aber ich kann mich darüber echt aufregen.“
––Gregor nickt nur. Er will sich nicht auf solch eine Diskussion einlassen. Dafür sind sie beide nicht die richtigen Gesprächspartner, und die Sache ist zu heikel.
––Die Kolonne liegt hinter ihnen.
––„Findest du nicht?“, fragt Mark.
––„Doch, du hast schon recht, soweit man das übersehen kann“, sagt Gregor, „zum Teil leben wir natürlich auch davon.“
––„Ich will ja nicht unbedingt Kapitalentflechtung“, erklärt Mark, „wofür man kämpfen muss, ist eine klare, unmanipulierte Selbstbestimmung, ganz egal wo. Jeder hat die Verantwortung, dafür einzutreten.“
––Gregor nickt noch mal und macht „hmm“.
––Schließlich ist es doch Marks brauner Bauch, der durch das knapp sitzende Batisthemd schimmert und nicht sein engagierter Monolog, der Gregor beunruhigt, so sehr er die Handlungsweise der Amerikaner im Fernen Osten auch verurteilen mag.
––Mark ärgert diese Trägheit. Er fühlt sich aufgestachelt. Nach einer Pause fragt er wie nebenbei: „Du bist schwul, oder?“
––„Was dagegen?“ Gregor zuckt mit keiner Wimper.
––„Phh, ist mir doch egal, womit du dir den Magen verdirbst.“
––Gregor wirft ihm einen kurzen Blick zu. „Auch eine Form von Toleranz.“
––Mark lacht plötzlich auf. „Ich kannte mal einen Engländer, der sagte: ‚Der Unterschied von Männern und Frauen ist der Unterschied von Sausages und Mash Potatoes.“ Er lacht wieder. „Würstchen mit Kartoffelbrei, das Leibgericht der Londoner.“
––„Magst du Würstchen?“, erkundigt sich Gregor.
––„Kommt auf den Senf an“, sagt Mark, „und auf die Pelle.“
––Gregor macht „tzzz“ und schüttelt den Kopf.
––„So ’n richtiges Männergespräch“, Marks Stimme ist etwas tiefer gerutscht. „Was sind wir doch für raue Kerle!“
––Sie lächeln beide und fühlen sich etwas unbehaglich.
––Eine Weile lang sagen sie nichts.

Titel- und Abschlussgrafik mit Material von Shutterstock: julian-hochgesang (Auto), trekandshoot (Schild), studioloco (Kopf li.), Dean Drobot (Mann li.), Roman Samborskyi (Mann re.), topseller (Kaffeetasse) | Valentina Proskurina (Bockwurst)

Hanno Rinke Rundbrief

33 Kommentare zu “2.05 | Roadmovie

    1. Und die Tatsache, dass ihm das Gespräch genau wie Gregor unbehaglich ist (trotz all seiner Keckheit), macht ihn mir sogar noch eine Spur sympathischer.

      1. Das hat mir auch an ihm gefallen. Man kann sich eigentlich in beide ziemlich gut hineinversetzen.

  1. „Dafür sind sie beide nicht die richtigen Gesprächspartner“ finde ich ein gutes Argument. Sollte man öfters verwenden. Es gibt ja tatsächlich Themen, die diskutiert werden müssen, aber eben nicht unbedingt von einem selbst, oder nicht mit dem Gegenüber.

    1. Kein schlechter Gedanke. Aber wie geht man sicher, dass das Thema ausdiskutiert wird, wenn man sich nicht selbst involviert?

      1. In einer Demokratie sollte man, wenn man zu einem Thema eine Meinung hat, diese Meinung auch vertreten. Hat man keine Meinung, sollte man nicht mitschwätzen.

      2. Finde ich auch. Gleichzeitig sollte man aber vorsichtig sein und hinterfragen ob es wirklich eine eigenen Meinung ist, die man sich da gebildet hat, oder ob man nur nachquatscht was man online gelesen hat.

      3. Naja, man liest ja im Optimalfall viel bevor man seine eigene Meinung kundtut. Nachplappern gilt natürlich nicht.

      4. Klar: die eigene Meinung beruht oft mehr auf Erlesenem als auf Erlebten. Ein Grundmakel der Demokratie. Aber muss deshalb jeder zu den jeweiligen Themen schweigen, die nie in Auschwitz, Schwarzer oder lesbisch war? Experten verbessern oft unsere Einsichten, aber selten unser Leben.

      5. Schweigen soll niemand, allein weil sich ja sonst wieder viele beschweren man dürfte nichts mehr sagen. Aber muss man deshalb zu jedem Thema etwas sagen? Vornehme Zurückhaltung war doch auch mal schick.

  2. Ich bin nie in Baden-Baden gewesen. Es klingt aber schon ähnlich entsetzlich wie Mark es beschreibt. Sind natürlich alles Vorurteile.

      1. Noch weiss man ja nicht so richtig, was Mark gerne will. Aber eine wirksame Provokation wäre das ggf.

  3. Die Amerikaner müssen sich überall einmischen, das ist keine Frage. Oft zum Guten, manchmal ist das aber auch ein wenig Größenwahn und Überschätzung.

    1. Es ist natürlich eine Verallgemeinerung, aber amerikanische Touristen sind wirklich ein Graus. Woran liegt das, dass man sie wirklich aus jeder Menge und in jeder Stadt innerhalb weniger Sekunden erkennen kann?

      1. Ich hatte beruflich sehr viel mit US-Bürgern zu tun: gebildete, weltoffene Menschen. Ich kenne aber auch nur Ost- und Westküste. In der Mitte wohnt wohl zum Teil das Grauen. Allerdings kenne ich kein Volk, dessen Touristenmassen im Ausland mich begeistern.

      2. Ich würde sagen die Amis sind nicht unbedingt nerviger, aber gerne lauter als andere Touris. Touristenmassen sind aber generell kein Spaß. Da schließe ich mich HR sofort an.

      3. Da hat Hanno Rinke doch vollkommen recht. Nervige Touristen sind nervige Touristen. Da spielt die Nationalität keine Rolle.

      4. Mir fallen die Amerikaner auch immer am unangenehmsten auf. Aber wahrscheinlich sind das nur Vorurteile. Außerdem kann man über so subjektive Empfindungen schlecht diskutieren.

    2. In Syrien haben sich die Amerikaner zu wenig eingemischt, in Afghanistan zu halbherzig. Von Sendungsbewusstsein über Machtstreben bis zur Gleichgültigkeit war schon alles im Weißen Haus vertreten. Kritiker wie Bewunderer werden immer Gründe für ihre Einstellung zu den USA finden.

  4. Was für eine kurzweilige Erzählung. Ich bin gerade erst hier reingerutscht, aber das scheint alles wunderbar lebhaft. Ich bin gespannt.

      1. Geboostert bin ich mittlerweile zum Glück auch. Meine Hoffnung, dass damit das Ende der Pandemie eingeläutet würde ist allerdings schon wieder verflogen.

      2. Darüber müssen sich Gregor und Mark zum Glück keine Gedanken machen. Die Reise nach Lugano erfolgt ja sogar ohne Maske. Andere Zeiten.

      3. Bei der kommenden Buchmesse gibt es hoffentlich nicht nur Corona-Romane. Wer will so etwas nach zwei Jahren Pandemie noch lesen?

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

drei × 4 =