Sie lief die Mönckebergstraße entlang.
––Er saß in der Mensa.
Ein azurblauer Kaschmir-Pullover in einem der Schaufenster gefiel ihr.
––Gulasch, er kaute lustlos.
Sie blieb stehen.
––Widerwillig stocherte er mit der Gabel zwischen den Fleischbrocken herum.
Den könnte sie sich eigentlich leisten.
––Er steckte sich ein Stück in den Mund, das weniger Zadder hatte.
Auf dem Rückweg vielleicht! Sie lief weiter, drängte sich zwischen die Menschen durch, die alle schlecht gelaunt und schlecht gelüftet in träger Bewegung vorwärtszuschieben schienen, armlos, beinlos, gesichtslos, Rümpfe, die über den Asphalt stuckerten, begrenzt von der rauschenden Kette der Wagen und der stummen Kette der Schaufenster, eingepfercht in Übergänge und Angebote, Plakate und Plastik.
––Er trank einen Schluck Bier: ausgelaugte Pisse.
Aber es schien nur so: Es war die hohe, kahle, finstere Straße; nicht die Menschen, sondern die Umgebung, in die sie hineingesetzt worden waren, der sie sich anpassten.
––Er zuckte zusammen.
Wenn man schon in Hamburg lebt, sollte man viel häufiger an der See sein, ging es ihr durch den Kopf.
––Er stand auf.
Sie verschwand in der blechgeschmückten Einschleuse eines Kaufhauses, rang sich durch zur Rolltreppe, ließ sich in die Lebensmittelabteilung transportieren und nahm einen Drahtkorb.
––Ihm war der Appetit vergangen.
Ziemlich wahllos griff sie in die Auslagen und ging nur an den Sonderangeboten strikt vorbei, um sich nicht manipulieren zu lassen.
––Er war froh, als er die bedrückende Atmosphäre der Speiseabfertigung hinter sich hatte und schlenderte planlos durch die Straßen der Umgebung.
Als sie an der Kasse anstand, fiel ihr auf, dass sie zu viel und zu unabgestimmt gekauft hatte: Dillgurken, Geflügelleberpastete, Malzbier, Artischockenherzen, Camembert, Maraschinokirschen, Mohnbrötchen.
––Das Welke der Häuser und Bäume fiel in den stillen Seitenstraßen weniger ins Gewicht, denn immerhin schien hier Eigenständigkeit möglich.
Nichts, worauf sie Lust hatte, passte zusammen: verkorkst.
––In einem kleinen Edeka-Laden kaufte er eine Flasche ‚Black & White‘.
Sie zahlte und packte ihre Sachen in die Plastiktüte.
––Die Flasche war staubig, der Verkäufer wischte sie mit der Hand ab und wickelte sie in Seidenpapier.
Sie sah auf die Uhr und hastete zum Ausgang.
––Als er das Geschäft verließ, war er leicht gerührt: Whisky aus dem Kramladen.
Sie rannte durch die Spitalerstraße zum Hauptbahnhof, die Leute kümmerten sich nicht darum.
––Er ging mit der Flasche in der Hand zurück.
Sie löste eine Fahrkarte 1. Klasse zum Berliner Tor: eine Station.
––Unterwegs blieb er an einer Litfaßsäule stehen und sah sich die Theaterprogramme an.
Als sie die Treppe runterkam, stand der Zug schon da.
––Er hatte zwar nicht vor, ins Theater zu gehen, aber ihn interessierten die Titel.
Sie nahm die Stufen so schnell sie konnte und stürzte in den nächsten Wagen.
––Titel, Überschriften, Schlagzeilen: Das liebte er, die Begriffe, unter denen man etwas zusammenfassen kann.
Nach einer halben Minute fuhr der Zug ab.
––Er ging weiter.
Schmutzige Gebäude blieben zurück, neue drängten vor.
––Er stieß einen Stein zur Seite – komisch, ein Stein hier.
Der Zug hielt, sie sprang heraus und war fünf Minuten später in ihrem Zimmer.
––Er nahm den Fahrstuhl, schlurfte den Flur entlang und ging in Raum 738.
Die Tür zum Zimmer ihres Chefs stand offen, er war nicht da.
––Die Arbeitsgemeinschaft hatte schon angefangen.
Erschöpft ließ sie sich auf ihren Stuhl fallen.
––Der Idiot mit dem Nazi-Haarschnitt hielt einen Vortrag.
Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht, stand auf und ging Kaffeewasser holen.
––Der Assistent sah ihn missbilligend an; der kriechende Knecht von diesem autoritären Schwein.
Sie nutzte die Gelegenheit und den Ort.
––Er setzte sich in die hinterste Reihe und zündete sich eine Zigarette an.
Mit dem Wassertopf in der Hand ging sie zurück und dachte daran, dass sie den Pullover nicht gekauft hatte.
––Das Mädchen neben ihm lächelte.
„Macht nichts, ein andermal“, dachte sie, „war sowieso zu teuer.“
––„Na, Muschi, hast es wohl nötig?“, er grinste zurück.
Sie verstaute ihre Sachen im Kühlschrank.
––Er hörte gelangweilt die Stimme des Vortragenden und überlegte, ob er mit dem Mädchen neben ihm schlafen würde.
Die Mohnbrötchen legte sie auf die Fensterbank.
––Er sah noch mal zu ihr hin: na vielleicht.
Sie machte das Glas mit Maraschinokirschen auf und nahm sich eine heraus.
––Der Assistent hüstelte.
Schmeckte eigentlich scheußlich.
––Offenbar hatte er doch keine Erkältung bekommen, fiel ihm ein.
Sie aß noch eine.
––Glück gehabt.
Sie leckte sich die Finger ab und schraubte den Deckel auf das Glas.
––Jemand stellte eine Frage.
Der Kaffee war fertig.
––Der Vortragende sagte etwas.
Sie goss sich eine Tasse voll und nahm einen Schluck.
––Jemand anders redete dazwischen.
„Au!“ Sie hatte sich die Zunge verbrannt.
––Der Vortragende versuchte, etwas zu sagen.
„Alles geht schief heute“, dachte sie.
––Ein allgemeines Gemurmel entstand.
„Ich werde doch hingehen!“
––„Ruhe!“, schrie der Vortragende mit dem Nazi-Schnitt.
„Was kann mir passieren?“
––Der Assistent sah aus dem Fenster.
Ich werde sagen, es war nur ein blöder Witz, und wir werden beide lachen.
––Es war eine richtige Diskussion.
Alles ist eine Frage der Einstellung – genau, der Einstellung.
––„Das ist doch alles Quatsch!“, rief er ungeduldig und plötzlich fing er an, sich zu engagieren.
Nein! Nein! Nein! So etwas darf man gar nicht denken, erst recht nicht planen und schon gar nicht machen – wenn man es plant, darf man es nicht tun, und wenn man es tun will, mein Gott!, dann darf man es nicht planen, sondern tut es eben im entscheidenden Augenblick, aber wenn man es planen will, auch gut, nur darf man es dann nicht ausführen, sondern muss es bei der Vorstellung bewenden lassen; ich werde verrückt, ich bin verrückt!
––Er redete, glasklar und logisch, wie er fand.
Sie fühlte Ekel und Abscheu gegen sich.
––Alle hörten ihm aufmerksam zu.
Wie hatte sie sich nur so weit herablassen können?!
––Er war fertig.
Sie begann, die Post zu sortieren.
––Der allgemeine Tumult brach wieder los, aber ihn kümmerte das nicht mehr.
Ein Telex musste sie sofort beantworten.
––Er trug sich in die Anwesenheitsliste ein, stand auf und ging.
Sie tippte es rasch in die Maschine und brachte es zur Annahmestelle.

Titel- und Abschlussgrafik mit Material von Shutterstock: ESB Professional (Frau), Lubos Chlubny (Brötchen), Ljupco Smokovski (Mann), Iasha (Flasche) | Inked Pixels (Briefe)

Hanno Rinke Rundbrief

40 Kommentare zu “1.4 | Wieder nichts Besonderes

      1. Kommt vielleicht auf die Größe an. Ich finde imner, dass man der Großstadt ruhig auch mal entfliehen kann. Danach kann man das Getümmel dann wieder umso mehr genießen.

      1. Ich würde auch sagen, man kann davon ausgehen, dass es nicht die ganze Erzählung über bei ’nicht Besonderem‘ bleiben wird.

  1. Mohnbrötchen mit Camembert und Dillgurken ist doch gar nicht so schlecht. Man hätte verwirrter einkaufen können.

  2. Den Studenten kann ich noch nicht greifen. Ich werde noch ein paar Kapitel oder ein paar weitere Gedanken und Aktionen seinerseits brauchen.

      1. Ein Stelldichein ist die von Joachim Heinrich Campe (1746–1818) eingedeutschte französische Bezeichnung rendez-vous im Sinne einer (romantischen) Verabredung. Im modernen Sprachgebrauch ist der Ausdruck in dieser Bedeutung verblasst und wird für neutrale Zusammenkünfte mehrerer Personen verwendet (z. B. ‚Stelldichein der Prominenz‘). (WIKIPEDIA)

      1. Hat das schon jemand öffentlich gesagt? Es würde mich nicht überraschen.

      2. Das wissen doch alle, die etwas weiter denken: „Mit der ersten Corona-Impfung wird uns ein Chip einsetzt, der unsere Gedanken liest und an Jeff Bezos weitergibt. Mit der Zweitimpfung werden unsere Gedanken so manipuliert, dass wir nichts anderes mehr wollen, als bei amazon einkaufen, und mit der Booster-Impfung vergessen wir, dass wir es gekauft haben und kaufen alles nochmal.“

      3. Wahrscheinlich bewirkt der Chip auch, dass man keine eigenen Gedanken mehr denken kann. Das Gehirn wird dann ja fremdgesteuert. Allerdings scheint mir auch immer, dass in den besagten Fällen etwas Fremdsteuerung gar nicht falsch wäre.

      4. Nicht erst Schopenhauer hielt den freien Willen für Illusion. Da ist es doch besser wie ein Tesla von Elon Musk gesteuert zu werden als von der eigenen Unbedarftheit.

      5. Nun kommt laut Scholz ja sowieso die Impfpflicht. Da wird also noch zu Genüge über die Freiheit diskutiert werden.

      6. Die Rudolf-Steiner-Schüler werden fürchten, dass sie die Verfehlungen des vorigen Lebens nicht auf der Intensiv-Station werden abbüßen dürfen.

      1. Am klimafreundlichsten ist der permanente Lockdown. Amazon und Lieferando bringen alles ins Haus, das man nur noch zur Beerdigung verlässt (von Verwandten ersten Grades und der eigenen).

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