Im Café traf er ein paar Freunde.
––Dann ging sie zu Frau Kleide, wegen Gutzenka.
Sie redeten übers Studium.
––Frau Kleide fragte: „Finden Sie wirklich, dass er gut aussieht?“
Er hatte die meisten Scheine; für die Anzahl seiner Semester war er ziemlich weit.
––Frau Kleide kramte in ihrer Ablage.
„Heute hab’ ich rumgegammelt“, sagte er, „blöder Tag heute.“
––Sie ging mit dem Vorgang Gutzenka und einigen abfälligen Gedanken über Frau Kleide in ihr Zimmer.
Er sah einer Blonden nach, der er gern, während sie ging, zwischen die Beine gegriffen hätte: hochfassen und zudrücken.
––Ihr Chef kam zurück; er nickte, sagte verspätet „Mahlzeit“ und schloss die Tür hinter sich.
Ihm fiel ein, dass er den Whisky drüben vergessen hatte.
––Der Drei-Uhr-Besucher kam.
Er ging zurück in Raum 738.
––Sie stand auf und gab ihm die Hand.
Die Arbeitsgemeinschaft war noch in vollem Gange.
––Der Besucher strahlte.
Alle sahen auf.
––„Ich wirke aber auch immer besonders frisch“, dachte sie.
Er ging zu dem Platz in der hintersten Reihe und nahm die Flasche.
––„‚Wie appetitlich‘, denkt er“, dachte sie.
Das Mädchen lächelte.
––Sie öffnete die Tür zum Zimmer ihres Chefs, um den Besuch zu melden.
Er lächelte zurück, und das konnte alles heißen, was sich ergab – oder nicht, und ging dann wortlos aus dem Raum.
––„Soll reinkommen“, sagte ihr Chef.
Der Assistent rief irgendwas hinter ihm her.
––Sie lächelte gewinnend – „Bitte sehr“ – und schloss die Tür hinter ihm.
„Am besten, ich geh’ jetzt nach Hause“, dachte er.
––„Unmöglich“, dachte sie stolz, „im Grunde bin ich wirklich unmöglich.“
Er stand unschlüssig auf der Straße.
––Sie goss den Rest des Wassers in den Blumentopf.
„Sicher eine ganz ausgekochte Nudel“, sein Mund wurde ganz trocken.
––Wenn ich nun doch hingehe, nur so zum Spaß, ich habe nichts gekauft, was schlecht wird bis morgen.
Sie ist es gar nicht anders wert, als dass man es tut.
––So sehr weit ist es nicht, ich würd’ ja auch eine Taxe nehmen.
Augen zu und losschießen.
––Vielleicht ist er gewalttätig.
Ein furchtbares Weib wird das sein.
––Die Gegend ist gar nicht so schlecht.
Ich mach’ ganz einfach nicht die Tür auf.
––Wie ich mir das vorstelle! Natürlich hat er so was tausendmal gemacht, ein abgebrühter Kerl: eine Stunde lang saufen in einem schwach beleuchteten Zimmer und dann … Am Telefon klang seine Stimme eher schüchtern.
Vielleicht hat sie es anders gemeint, nein, eigentlich war es ganz eindeutig, sie wird erst was trinken wollen, dummes Zeug reden und dann … Ob sie Geld hat?
––„Bin ich wirklich derart pervers?“, fragte sie sich. „Übersättigung kann es jedenfalls nicht sein.“
„Man muss sich drauf einstellen, nur richtig drauf einstellen“, machte er sich klar.
––„Ich bin krank“, dachte sie plötzlich, „todkrank.“
Selbst wenn ich die Augen schließe … Das Beste ist, ich gehe gleich nach Hause.
––Ihr war elend.
Ihm wurde übel.
––„Ich muss zum Psychiater, unbedingt“, dachte sie.
Er dachte: „Natürlich bin ich milieugeschädigt, wie komm’ ich da nur drüber weg?“
––Ihre Hände zitterten, als sie sich eine Beruhigungstablette in den Mund steckte.
Aber das ist sicher nicht der richtige Weg: Überkompensation.
––Sie spülte mit Kaffee nach.
„Am besten, ich geh’ gleich nach Hause“, dachte er.
––„Das Beste wäre, ich würde gleich nach Hause gehen“, dachte sie.
Aber dann ging er doch eine Dreiviertelstunde lang ins Seminar und hörte sich anschließend sogar die Vorlesung um vier Uhr an.
––Sie harrte tapfer aus und nahm noch drei Notizen auf, von denen sie zwei gleich tippte.
Von Zeit zu Zeit atmete er einmal kurz durch.
––Manchmal seufzte sie leicht.

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Hanno Rinke Rundbrief

32 Kommentare zu “1.5 | Immer noch nichts Besonderes

    1. Weil er geil auf jedes vorbeilaufende gut aussehende Mädchen ist? Da ist er in dem Alter sicher nicht der Einzige.

      1. Ich habe ja immer den Eindruck, dass man gar nicht woke sein muss so lange man kein Idiot ist. Wer fasst denn schon einer Frau ungefragt unter den Rock?

      2. Man muss auch gar nicht immer alles wahr werden lassen was man will. Unerfüllte Wünsche können auch mal aufregend sein.

    1. Das sollte man sich ja eh viel öfters vor Augen halten. So wahnsinnig unterschiedlich wie man immer denkt, sind wir am Ende ja sowieso nicht.

      1. Aber eben auch nicht so ‚gleich‘ wie einem oft suggeriert werden soll. Das ist ja das Schwierige an der Sache.

    2. Den Pöblern kann man schlecht helfen. Die haben ja geradezu Spaß dabei. Ob die Unterschiede groß oder klein sind, ich glaube es interessiert sie gar nicht.

      1. Und wenn es um Kriege geht, dann sind solche Unterschiede meistens eh nur vorgeschoben. Zumindest von den Machthabern. Das Volk wird entsprechend gegroomt und getriggert.

      2. Die Querdenker haben ja auch keinen Anführer. Hierzulande gibt es ja nicht einmal Q.

      3. Die Querdenker sind ja auch viel zusammengewürfelter als die Qanon-Leute. Hier gibt es ja nicht nur eine strikte Denkrichtung. Bei Qanon folgt man ja wirklich strikt jeder Vorhersage Qs. Auch wenn die sich nie so recht erfüllen…

      4. Da wird schon viel in einen Topf geworfen. Davon ist mir allerdings auch keine dieser Ideen so richtig sympathisch.

      1. Und das alles über eine Kontaktanzeige. Das gibt es heute ja fast nicht mehr. Dating-Apps sei Dank…

      2. Es geht nur deutlich schneller. Und man kann sich wenn man mag schon vorab anschauen wie es unter der Gürtellinie ausschaut.

      3. Ich bin selbst nicht besonders bewandert wenn es um Dating-Apps geht. Sucht man sich denn wirklich den Sexpartner anhand der Genitalien aus? Unabhängig vom sonstigen Aussehen?

    1. ‚Losschießen‘ hätte dann jedenfalls eine andere Bedeutung als ich ein paar Kapitel vorher erwartet hätte. Aber ein Stelldichein schließt wohl meistens keinen Mord ein.

      1. Im Tatort gibt es natürlich kein Stelldichein ohne Verbrechen. Aus eigener Erfahrung würde ich aber auch sagen, dass man zwar nicht immer glücklich aber immerhin meistens lebend aus der Sache raus kommt.

      2. Auch im Fernsehen wird ja oft überlebt. Verguckt sich aber die Kommissarsperson endet das übel. Entweder er/sie wacht benebelt ( 10 Korn oder 20 K.o.-Tropfen) neben der Leiche seines /ihres Objekts der Begierde auf, war’s aber nicht, oder 50 TV-Minuten später hat das Nachtspiel ein Nachspiel: Es entpuppt sich als Täter*in. Das ist zwar ärgerlich für den/ die Ermittler*in, aber bequem für den Sender: Das Drehbuch führt ins Gefängnis oder ins Grab. Gut so. Der/die Überführte ist meist prominent und deshalb ausgebucht und/oder teuer.

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