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Denkabfall  —   TAGEWERK

Bedeutungen

Der ungeordnete Brexit ist, wie zu erwarten war, vom Tisch. Brüssel und London verkünden stolz ihre hart errungenen Siege. Die Seuche bleibt, wird aber allmählich weggeimpft. Das Wort ‚Pandemie‘ kannte ich bis Februar nicht. Bis zur Fernsehserie im Februar 1978 hatte ich auch das Wort ‚Holocaust‘ noch nie gehört, und vor Dezember 2004 gab es das Wort ‚Tsunami‘ nicht in meinem Wortschatz. Vokabeln des Schreckens. Eine Epidemie hatte mir schon gereicht, und sie war auch immer entweder lange her oder ganz woanders. Und nun mitten unter uns: Corona. Der Lorbeerkranz, der die antiken Helden schmückte, und die mexikanische Biermarke haben bis auf Weiteres ihren Glanz verloren, und es wird Generationen brauchen, bis der Klang des Wortes wieder freundliche Assoziationen wachruft. Der Wechsel zu ‚COVID-19‘ bringt nichts mehr: Der Ruf ist hin.

Immer schon hat mich gestört, dass es nur eine Gesundheit gibt, aber unzählige Krankheiten. Und dann mutieren die auch noch! Wie jetzt Corona. Wenn man gesund ist, fällt einem das normalerweise gar nicht auf, und es ist keinesfalls gesagt, dass man auch glücklich ist. Aber wenn man krank ist, ist man bestimmt nicht glücklich. Wenn man sehr krank ist, ist man sogar sehr unglücklich. Natürlich versuche ich mich zu trösten: Vielen geht es gesundheitlich schlechter als mir, auch im Kopf sind viele übler dran als ich. Gut für sie, wenn sie es nicht mal merken.

Ist es nicht schön, dass Krebs nicht ansteckend ist? Das wäre doch schrecklich, wenn man Krebskranke absondern müsste wie die Aussätzigen aus der Bibel. Und was für ein Glück, dass wir in Haaren und Nägeln keine Nerven haben. Sonst bräuchten wir beim Friseur immer eine Narkose oder eine Flasche Schnaps. Nagelstudios wären Krankenhäuser mit Fachärzten. Eine Nagelschere im Badezimmerschrank hätte man genauso selten wie eine Herz-Lungen-Maschine im Schlafzimmer. Ja, wer sich ausmalen kann, was es alles Schlimmes geben könnte, der ist wirklich ein glücklicher Mensch (männlich/weiblich/usw.). Er kann ermessen, wie gut er es hat, dass seine Fantasie grässlicher ist als sein Leben – und als ihrs.

30 Kommentare zu “Bedeutungen

  1. Der Brexit ist ungeordnet geordnet, das Chaos wird uns wahrscheinlich die nächste Zeit weiterhin begleiten…

    1. Ach Gott, ich mache mir auch Sorgen wie sich das noch entwickeln wird. Vor allem mit Großbritannien als Beispiel für andere Staaten, die möglicherweise nachziehen wollen.

      1. Das sehe ich auch so. Es kann ja nun wirklich niemand sonderlich motiviert sein diesem Beispiel zu folgen. So ein Chaos (Kriege ausgenommen) hat man weltpolitisch doch selten gesehen.

      2. Man muss mal abwarten wie sich das alles entwickelt. Die Briten werden diese Entscheidung sicherlich noch bereuen.

  2. Wenn man die Ärzte fragt, gibt es nur eine Gesundheit. Aber gefühlt schätzen wir die ja doch alle ein wenig anders ein.

      1. Der eine geht mit Fieber zur Arbeit, der andere denkt eine Erkältung bringt ihn ins Grab. Aus ärztlicher Sicht wäre die jeweilige Lage wahrscheinlich dennoch recht eindeutig.

  3. Wenn Krebs ansteckend wäre, oder es ständig neue Pandemien und Bedrohungen für die ganze Weltgemeinschaft gäbe, na dann Prost Mahlzeit, dann wäre jedwede Leichtigkeit für immer dahin.

    1. Nach Globalisierung und Vernetzung würde zumindest wieder deutlich entnetzt werden. Die ersten Anzeichen davon sieht man ja auch jetzt schon.

      1. Nun ja, es gibt den Brexit, Separatismus und Protektionismus sind außenpolitisch auch wieder groß im Kommen, wir sollen möglichst weniger reisen um das Klima zu schützen, wir zoomen von unseren Wohnzimmern anstatt uns persönlich zu treffen… Vielleicht sind wir durch Corona ja sogar nochmal besser vernetzt als vorher, die technischen Möglichkeiten werden zumindest immer ausgefeilter, aber diese Tendenz zum Lokalen sehe ich auch ein wenig.

      2. Diese außenpolitischen Phänomene gibt es natürlich alle, aber grundsätzlich würde ich doch sagen, dass wir uns während der Pandemie eher mehr vernetzt haben. Es wird doch weltweit gezoomt bis es kein Morgen gibt.

  4. Es hilft einem ja nicht immer direkt weiter wenn es anderen schlechter geht. Das subjektiv wahrgenommene Gefühl dominiert leider oft.

    1. Bis direkt zum Tod gibt es Steigerungen des Schlimmen. Ich sage immer: „Wenn die Titanic untergegangen ist und du im Eiswasser schwimmst, kann dir, unmittelbar bevor du stirbst, schnell noch eine Möwe ist Gesicht kacken.“

      1. Die Möwe kackt bei Monty Python, das Rettungsboot kommt in der Hollywood-RomCom. Beides hat ja seine Zuschauer.

  5. Corona (also das Bier) hat es wirklich schwer getroffen. Man kann sich ja schwerlich vorstellen, im nächsten Jahr wieder gutgelaunt ein Corona zu trinken. Da macht es auch keinen Unterschied ob man geimpft ist oder nicht.

    1. Wahrscheinlich haben Sie mit dieser Analyse recht, soweit ich weiss wurde die Marke „Corona“ doch auch schon abgewickelt. Allerdings muss ich zugeben, dass die Sorge um die mexikanische Bierproduktion bei mir momentan auch nicht an erster Stelle steht.

      1. Vielleicht wieder eine Möglichkeit weniger, Drogengelder zu waschen. Bei wikipedia steht noch: Corona zählt heute in 180 Ländern zu den führenden importierten Premium-Biersorten. Prost!

      2. Ich finde es ja durchaus witzig, dass es zumindest in der englischen Ausgabe der Wikipedia einen ganzen Abschnitt mit dem Titel „Impact of the COVID-19 pandemic“ gibt.

  6. Das mit dem Ausmalen ist eine verzwickte Sache. Man muss sich natürlich vor allem ausmalen, was den anderen Schlimmes passieren könnte oder was einem selbst passieren könnte, das noch viel schlimmer wäre. Ansonsten verfängt man sich allzu leicht in den eigenen Horrorszenarien.

    1. Vorsicht und in gewisser Weise auch Angst sind Eigenschaften, die sehr nützlich sein können. Grundsätzlich finde ich aber auch, dass man sich nicht unbedingt zu sehr mit Problemen beschäftigen sollte, die man noch gar nicht hat.

      1. Beschäftigen schadet ja nicht, aber Sorgen muss man sich im Vorfeld ja nicht so richtig.

      2. Tricky. Wer das so klar trennen kann hat sicher Glück. Alle anderen werden da von Mal zu Mal schwanken ob sie sich um ihr eigenes „schlimmes“ Schicksal sorgen oder ihre Situation realistisch einschätzen können.

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