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Denkabfall  —   TAGEWERK

Eine Veränderung

Seit Juni ist Rafał nicht mehr bei uns. Zwei weiße Raben hatten ihm gesagt, dass er für sich und die Welt noch andere Herausforderungen zu meistern habe, als mich zu versorgen. Ich glaube ja eher, dass ihm diese Einsicht seine Freunde aus der Drogenszene, also etwas schrägere Vögel, vermitteln mussten, aber das macht im Ergebnis eigentlich keinen Unterschied. Der Erzengel Raphael erschien ihm ebenfalls, um ihn wissen zu lassen, dass sowohl er als auch die Menschen seines Dunstkreises vor Corona gefeit seien, was Schutzmaßnahmen überflüssig mache. Fürchtet euch nicht! Ich fürchtete mich aber doch, und so war ich zwar traurig, aber auch ein bisschen erleichtert, als Rafał mitten im Monat von einem Tag auf den anderen aus unserem Leben verschwand. Seine Angewohnheit, Obdachlose von der Straße mit auf seine Bude im Schanzenviertel zu nehmen, schien für mich weniger freundlich als fahrlässig zu sein, und mir davon auch noch zu erzählen, kam mir fast einfältig vor.

Seither betreut mich nicht mehr der kleine, schmale Pole Rafał, sondern die große, üppige Griechin Chariklia, genannt Joy. Sie sorgt noch umfassender für mich als ihr Vorgänger: von Montagmorgen bis Sonntagabend. Und sie kann sogar bei mir wohnen, weil sie weit weniger von nächtlichen Großstadtabenteuern abhängig ist als er.

Zu Weihnachten kommt noch mein enger Freund und ehemaliger Kollege Rüdiger, der bis vor einiger Zeit Direktor der Freiburger Musikhochschule war und jetzt in Berlin lebt. Und mehr Familie ist ja von Amts wegen auch gar nicht erwünscht. Rüdiger ist ein fabelhafter Koch und hat schon alle Festtagsmenüs ausgearbeitet. Aber selbst wenn es zum Schlimmsten kommen sollte und man Heiligmorgen gar nicht mehr vor die Tür darf: Wein haben wir im Keller, Dosentomaten und Spaghetti in der Küche, und in der Tiefkühltruhe warten auch noch ein paar Überraschungen aus vergangenen Tagen. Ob es sonst noch Unerwartetes an Einbrüchen oder Geschenken geben wird, kann ich ja nicht wissen. Ich sage immer: ‚Bei schlimmen Dingen ist mir die Überraschung lieber‘, weil ich mich sonst schon nächtelang vorher grusele. Bei schönen Dingen genieße ich gern auch die Vorfreude. Auf Weihnachten freu’ ich mich. Es wird schon nicht bei den Dosentomaten bleiben!

33 Kommentare zu “Eine Veränderung

  1. Aiihh, Menschen, die allen Ernstes denken sie sind vor Corona gefeit, kann man nicht so richtig verstehen. Jedenfalls nicht wenn man von den Fällen hört, wo junge fitte Menschen auf einmal sterben.

    1. Rafal erschien mir aus den Erzählungen eigentlich immer recht sympathisch, aber da scheint Ihre Joy ja wohl sogar noch eine Verbesserung zu sein. Das freut mich für Sie!

      1. Danke. Erstaunlich, dass sich jemand über mit 42 noch so verrennen kann. Für Pubertät zu alt, für Midlife crisis eigentlich zu jung. Ich wünsche ihm Glück, aber das schließt Einsicht wohl aus.

      2. Verrennen kann man sich ja in jedem Alter. Da habe ich auch einige Beispiele in meinem Bekanntenkreis.

      3. Na 42 Jahre ist für eine Midlife-Crisis doch das beste Alter. Man kann ihm natürlich trotzdem nur alles Gute für die Zukunft wünschen.

  2. Das klingt nach einer positiven, aber dennoch nach einer sehr großen Veränderung. Schließlich verbringt man ja eine ganze Menge Zeit mit so einem Menschen.

      1. Das klingt nach einem Traum! Vielleicht gibt es im Rahmen der Stand Up – Bloggerei dazu ein paar Beweisfotos?

    1. Selbst diese Kombi würde ich ertragen, solange der Weinkeller zu Genüge gefüllt ist. Ich wünschte ich hätte auch Freunde, die Weihnachten zum kochen vorbei kommen. Das klingt toll.

      1. Ach ja, wär die Bidet-Kultur doch nur weiter verbreitet; dann würde man sich diese Kämpfe um das Klopapier im Supermarkt sparen.

    1. Der ein oder andere wird auch hier, also gerade über die Feiertage, froh sein nicht die ganze Großfamilie sehen zu müssen. Das ist ja in der Tat manchmal durchaus anstrengend.

      1. In den letzten Jahren war mir Weihnachten manchmal stressig, dieses Mal freue ich mich aber wirklich darauf. Man weiß Gesellschaft nach einem halben Jahr Lockdown/Pandemie vielleicht nochmal anders zu schätzen.

    1. Die Wahlverwandschaften sind mir generell auch lieber, aber zum Glück ist meine Familie eh relativ klein. Da gibt es nicht viele Möglichkeiten jemandem auf die Füße zu treten.

  3. Ich überlege gerade wie ich zum ersten Mal über das Coronavirus gelesen habe. Und auf einmal wird über das Weihnachtsmenu gesprochen. Für mich ist dieses Jahr 2020 wirklich äußerst schnell vergangen. Aber scheinbar bin ich mit diesem Empfinden in der Minderheit.

      1. Und plötzlich 2021. Wahrscheinlich ist es trotzdem gut, dass 2020 nun bald vorbei sein wird. Es war ja doch ein seltsames Jahr.

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