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Denkabfall

Eine bewundernswerte Frau

Wir nannten sie alle immer ‚Jája‘. Das kam eigentlich von ‚Juliane‘, aber es hing auch damit zusammen, dass sie immer so positiv war: Es war eine abkürzende Zärtlichkeitsform ihres Charakters. Aber gerade diese entwaffnende Fröhlichkeit war es auch, die ihr den ersten großen Schmerz zufügte: Sie lernte Thomas Derkian kennen und verliebte sich in ihn. Sein ungestümes, hochfahrendes Wesen, das war wie Feuer an die Lunte ihrer Begeisterung gelegt. Sie brannte lichterloh, sie heiratete ihn – und das Strohfeuer erlosch. Sie begann, quengelig zu werden wie ein verwöhntes Kind, und er hatte keine Geduld mit ihr, sondern stellte sie bloß, wenn sie sich nicht mehr beherrschen konnte und gegen ihn stichelte.

Als sie anfingen, von Scheidung zu reden, waren ihre Freunde weniger überrascht als sie selbst.

Er war ein Egoist, aber er war nicht kleinlich. Die Scheidung lief ohne jedes Waschen von Schmutzwäsche ab, und er zeigte sich nobel.

‚Jaja‘ hatte ihr Medizinstudium nicht beendet und mochte nicht wieder zurückgehen auf die Universität. Sie machte eine Ausbildung als Krankenschwester und wollte dort tätig sein, wo sie wirklich gebraucht wurde: In der Notaufnahme des Marien-Krankenhauses fand sie genau die Bestätigung, die ihr in ihrem Leben mit Thomas Derkian immer gefehlt hatte.

Eines Tages wurde ein Mann eingeliefert, der zusammengeschlagen worden war, als er einem Jungen helfen wollte, den Skinheads bedroht hatten. Es war etwas im Gesicht dieses Mannes, das sie mehr berührte als alles, was sie zuvor erlebt hatte. Es war, als ob sie plötzlich aus einem langen Schlaf aufgewacht sei. Sie besuchte ihn auf der neurologischen Station, sie fassten Vertrauen zueinander. Sein Name war Gregor Tiwein, und sein Lächeln war wie ein Sonnenaufgang.

Sie trafen sich. Sie merkten, dass sie sich liebten. Er bat sie, seine Frau zu werden. Sie wollte, oh, wie sehr sie es wollte! Aber sie fand, es wäre kein guter Anfang für ihre neue Verbindung, wenn sie versuchen würde, ihre Vergangenheit auszulöschen. Deshalb entschied sie sich, den Namen ihres ersten Mannes beizubehalten, und sie nannte sich nach ihrer Heirat: ‚Jaja‘ Derkian-Tiwein. Da kam der begnadete Komponist Gerhard Winkler des Weges und schuf ihr zu Ehren das berühmte Lied: ‚Jaja, der Chiantiwein!‘, das wohl allen Italienliebhabern aus der Seele gesungen ist.

Titel- und Abschlussgrafik mit Material von Shutterstock: Ollyy (Männer), CW Pix (Krankenschwester, Körper), Irina Bg (Krankenschwester, Gesicht), Vector Tradition (Weinwellen), Rostislav_Sedlacek (Weinrebe) und von Unsplash: Marjan Blan (Papiertextur) | Video: ‚Chianti-Lied‘, Musik: Gerhard Winkler, Text: Ralph-Maria Siegel

Hanno Rinke Rundbrief

35 Kommentare zu “Eine bewundernswerte Frau

  1. Dass die Freunde weniger überrascht sind als man selbst, das ist ja eigentlich die Regel. Schließlich ist man mit etwas Abstand meistens objektiver.

      1. Sind die Hormone immer noch aktiv wenn es Richtung Scheidung geht? Oder ist das dann eher ein Verdrängen des eigenen Versagens (…Versagen ist dabei natürlich nur subjektiv gemeint…) oder die Angst alleine zu sein!?

      2. Da muss man wohl teilweise unterscheiden, ob man sich scheiden lassen will oder vom Partner die Scheidung eingereicht wird.

      1. DIe gesamte Geschichte!? Dass Winkler sein Lied nicht zu Ehren von Jaja geschrieben hat, wird ja wohl offensichtlich sein.

      2. Das Lied ist jedenfalls ebenso fröhlich (oder gar euphorisch) wie es Juliane wohl gewesen ist.

      3. Derkian-Tiwein. LOL. Ich glaube dreist erlogen bleibt ziemlich eindeutig als einzige Möglichkeit über 😉

      4. Nicht zuletzt weil diese Hymne auf die gute Jaja schon 1940 veröffentlicht wurde…

      5. Ich hasse dieses dumme Lied. Nicolai Gedda schmettert im Gegensatz zu allen anderen Tenören sein letztes ‚JA‘ nicht eine Sekunde abwärts, sondern eine Terz aufwärts und steuert auch den höchsten Schlusston aller Versionen bei. Mehr konnte ich für meine Leser- und Hörerschaft nicht rausschlagen.

      6. Ralph Maria Siegels Texte waren eben auch nicht viel gehaltvoller als die Kompositionen seines Sohnes.

      7. Der Reim: ‚Da sagt uns keine nein!‘ auf ‚Chiantiwein‘ ist doch sehr erfinderisch. Und wenn ‚Nein‘ nicht gesagt wurde, gibt es auch für #Me-too-rer(innen) nix zu meckern.

      8. Die Dopplung „keine nein“ rollt ja auch recht fröhlich über die Lippen 😂 Zum Mitsingen auf einem Teamausflug sehr geeignet.

    1. Die ganze Geschichte ist ein Fake, der vom letzten Satz her nach vorn hin ausgedacht wurde. Ich dachte eigentlich, er unterscheidet sich stilistisch ziemlich von meinem üblichen (echten) Schreiben.

      1. Fake News!
        Die Geschichte unterscheidet sich nicht nur vom ‚echten‘ Schreiben, es wurden ja sogar vorab vier Albernheiten angekündigt.

  2. Ich finde ja immer noch, dass man besser offen und fröhlich ist, auch wenn man dann Gefahr läuft sich zu verbrennen, als dass man sich von vornherein verschließt.

    1. Die meisten machen ja auch erst „dicht“ nachdem sie das erste mal enttäuscht wurden. Offen und fröhlich zu bleiben ist eben nicht immer einfach.

      1. Offen und fröhlich liegt nicht jedem. Es allzeit zu bleiben, setzt ein Maß an Einfalt voraus, das man sich auch nicht wünschen mag.

      2. Mir gehen Menschen, die in jeder Situation fröhlich sind, einfach auf die Nerven. Entweder das ist, wie von Ihnen angedeutet, überaus naiv oder alternativ fake. Beides muss ich nicht um mich haben.

      1. Was weiß man eigentlich über ihn? Abseits der Politik? Er scheint so ein unsäglich langweiliger und verbissener Mann zu sein.

      2. Putin ist seit April 2014 geschieden. Ob er sich eine Art Eva Braun hält, darf unter Androhung höchster Strafen nicht eruiert werden.

      3. Ah, ich dachte aber, es gäbe eine Freundin und Kinder in der Schweiz!? Ist das nur Gossip?

      4. Angeblich hat er mit der russischen Turnerin Alina Kabajewa ja vier germeinsame Kinder. Aber offiziell bestätigt wurde dieses Beziehung vom Kreml tatsächlich nie.

      5. Das mit der Schweiz habe ich auch gelesen. Derweil glauben immer noch die meisten – vor allem älteren – Russen, die Ukrainer müssten von einer drogensüchtigen, folternden Nazi-Horde befreit werden. Geschieht denen recht, wenn sie unter den Sanktionen leiden werden. Aber ‚der Russe‘ ist ja sooo leidensfähig. Und sie erst!

      6. Laut den Tabloids verdient sie 7,5 Millionen £ im Jahr. Putin hin oder her, sie scheint fein raus zu sein.

  3. Zwischen den ganzen schrecklichen Nachrichten tut ein wenig Albernheit wirklich ganz gut. Man kann ja nicht von morgens bis abends über COVID und die Ukraine nachdenken.

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