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Atlantische Turbulenzen

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#7 – Boston (3)

Pünktlich um neun waren wir zur Stelle, Gidon mitsamt seinem wiedergewonnenen Appetit auch. Seit dem Nachtisch vom Vorabend hatte der ihn nicht mehr verlassen, und während er darüber klagte, dass er kein Auge zugedrückt habe und die Welt auch sonst scheußlich sei, verdrückte er mehrere Eier mit Schinken, ohne darüber Brötchen, Käse oder Marmelade zu vergessen. Das mit dem zugedrückten Auge hatte noch eine besondere Bewandtnis, die seinen Weltschmerz sichtlich steigerte: War ihm doch eine Wimper unters Lid gerutscht und dort, bei dem Versuch, sie zu entfernen, abgebrochen. Nun war die Beeinträchtigung noch größer und die Chance, das verbliebene Wimpernrudiment zu entfernen, noch geringer geworden. War es Tollkühnheit oder die übliche Unterwürfigkeit gegenüber Künstlern, jedenfalls erbot sich Alison, das Relikt mittels Pinzette zu entfernen. Mich schauderte, als die beiden sich eine Schneise durch die Rühreiesser bahnten und ans Licht des Fensters traten. Kremer bog die Halswirbel nach hinten, wie immer willig, das Äußerste zu erdulden. Alison fummelte angespannt in seiner oberen Gesichtshälfte rum. Es gelang ihr jedoch weder das Auge noch das Wimpernteilstück zu entfernen, und so kehrten beide missmutig zum Tisch zurück und begnügten sich mit einem weiteren Buttertoast.

Foto: stockcreations/Shutterstock

Dann ging Kremer üben, weil abends Konzert war, Alison und ich machten einen Stadtbummel. Als Erstes zog es Alison in einen schrecklich feinen Laden, wo es Europäisches zu Höchstpreisen gab. Alison zupfte an allem und erinnerte sich wehmütig daran, dass man sich im vorigen Jahr noch das eine oder andere Stück habe leisten können. Ich wurde gebeten, nicht zu filmen, und Alison sagte stolz: „Die denken, wir sind von der Konkurrenz.“

Foto: Kateryna Kuc/Shutterstock

Es folgte noch ein längerer Gang durch die aprilfrische Luft, als dessen Zielpunkt ‚The Olde Oyster House’ einen von Alison auf der Wegstrecke ausführlich beschriebenen Genuss versprach.

Foto: Elijah Lovkoff/Shutterstock

Nach ungefähr zwei Stunden waren wir dort, und die Austern waren so fies, dass ich sie gleich nach der ersten zurückgehen ließ. Alison hatte sicherheitshalber Hummersandwich bestellt, denn sie sagte, sie könne Austern nur essen, wenn sie betrunken sei, sonst habe sie zu große Angst vor den Folgen. – Für die Fiesigkeit der Austern gab es auch eine Erklärung: Sie kamen nämlich aus Virginia, wo sie in einer Flussmündung gefischt wurden. Deshalb waren sie praktisch nur von Süß- und nicht von Salzwasser umgeben. Statt nach dem Kuss des Meeres zu schmecken, lösten sie also nur noch die Vorstellung riesiger Popel aus.

Foto: Lisovskaya Natalia/Shutterstock

Während ich einen Mittagsschlaf hielt, brachte Alison ihre Eltern, die – welch’ Zufall – auch nach Houston wollten, zum Flugplatz, um dort eine von Alisons Schwestern zu besuchen. Alisons Vater hat praktisch gar kein Gedächtnis mehr, wusste also sicher gar nicht, dass er nach Houston wollte, ihre Mutter, sagte Alison, sei nahezu blind. Nachdem sie sie an die Sperre gebracht hatte, tappten sie denn auch sofort in die verkehrte Richtung, so dass sie hinterhermusste, um sie ans Flugzeug zu geleiten. Ich dachte an die Reise, die ich sechs Jahre zuvor mit meiner Mutter gemacht hatte: Boston im Hochsommer.

Es folgte eine Unterredung mit Dan Gustin, der die Bernstein-Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag in Tanglewood befehligte. Er gab zu verstehen, dass es durchaus von der ‚Deutschen Grammophon‘ erwartet wurde, etliche Konzertkarten à 5.000 US-Dollar zu kaufen. Der Beitrag schlösse, anschließend an die Darbietung, Häppchen mit dem Künstler und den anderen 5.000-Dollar-Zahlern ein. CBS/Sony habe auch schon gekauft. Mir war die Angelegenheit zuwider, und ich sagte, wir würden für Bernstein sowieso eine Party in Wien geben, so dass wir zu der viertägigen Gesellschaftsorgie eigentlich nicht maßgeblich beitragen wollten. Und ich ließ auch durchblicken, wie sehr es mir gefiel, dass Karajan, unser wichtigster Dirigent, am Morgen seines Geburtstages aufsehenslos nach St. Moritz verschwunden war. Zuvor schon hatte ich erfahren müssen, dass wir „sicher irgendwie“ untergebracht würden, aber das noble ‚Red Lion Inn‘ stünde zunächst mal den an der Gala beteiligten Künstlern und 5.000-Dollar-Zahlern zu.

Foto: sevenMaps7/Shutterstock

Mich überkam beißende Lust, überhaupt nicht nach Tanglewood zu fahren, aber dort schmerzlich vermisst zu werden.

Vorweggenommen: Ich kümmerte mich selbst um die Bleibe und bekam das Nebenhaus des ‚Red Lion Inns‘ für uns, genau wie ich es wollte.

Um sieben sagte ich, ich müsse gehen, ich hätte einen Termin mit Ozawa. „Der kommt sowieso immer zu spät“, sagte Dan Gustin. „Ich weiß“, antwortete ich, ging aber trotzdem. Ozawa wartete schon auf mich, und das Gespräch verlief zufriedenstellend.

Foto: create jobs 51/Shutterstock

Ich schreibe bei Kerzenlicht weiter, weil nun – wie angekündigt – die Elektrizität weggeblieben ist. Schlimmer kann es nun eigentlich nicht mehr kommen. Oder ist Caracas erdbebengefährdet?

Nach dem Ozawa-Termin stand das Dutoit-Konzert bevor: Gubaidulina, diesmal vor Publikum. Ich wäre gern eingeschlafen, aber die Air-Condition war zu kalt und der Lärm zu laut. Anschließend Abendessen mit dem ‚Boston Symphony‘-Management. Die Planungsgespräche waren am Vortag in Harmonie geführt worden.

Foto: Bogdan Sonjachnyj/Shutterstock

Alison und Gidon versuchten noch mal – erfolglos – die Wimper zu entfernen, klar, wenn der eisige Zug der Klimaanlage des Lokals sie nicht herausblies, konnte gar nichts helfen. Dann aß Kremer Austern, und er starrte dabei so traurig aus seinen austernweichen Augen, dass mir klar war, die kamen auch salzlos aus Virginia.

Foto: Kong Vector/Shutterstock

Ich bestellte Lemon Sole, weil ich das für Seezunge hielt, es war aber schlabbrige Flunder, die nach aufgequollener Watte schmeckte. Nur ‚Dover Sole‘ sei Seezunge, belehrte mich Alison zu spät. Na, egal. Allseits gerührter Abschied in der kühl gewordenen Luft, dann hasteten Alison und ich fröstelnd zum nahen Hotel zurück, die anderen bestiegen Taxen.

Foto: Monkey Business Images/Shutterstock

Am nächsten Morgen reiste ich – wieder mit Propellermaschine – nach New York, wo ich pünktlich landete und rechtzeitig zu meinem 13-Uhr-Termin in der Stadt war. Ein knappes japanisches Essen, ein weiteres Gespräch, erfolgreich, dann per Taxe zurück zum Kennedy Airport. Wenn ich Krankenpfleger oder Revolutionär wäre, wäre ich auch erfolgreich. So ist es etwas weniger aufreibend, aber nicht viel. Lässt sich ein Mahlerzyklus gegen eine Malariastation aufwiegen? Frivol. Unwesentliche Verspätung des Fluges, aber wieder die endlose Warterei auf dem Rollfeld. Das sind wirklich luxuriöse Nöte, aber wenn man sie durchlebt, nutzt es einem nichts, dass man es in Bangladesch schlimmer hätte.

25 Kommentare zu “#7 – Boston (3)

  1. Kühle AC wünsche ich mir viel öfters in Konzertsälen, Theatern und Kinos. Meist kriegt man nach der Hälfte der Veranstaltung ja kaum noch Luft.

  2. Konzertkarten à 5.000 US-Dollar? Oh Mann, so verrückt geht’s also auch. Man hofft die Einnahmen wurden nicht nur für die Feierlichkeiten verpulvert sondern irgendwie einem guten Zweck zugeführt. Wahrscheinlich eine naive Idee.

    1. Der gute Zweck wird immer behauptet, aber fast nie nachgeprüft.
      Während der Aufnahme von Mozarts Requiem habe ich Bernstein zu einem Würstchen für 1,80 DM eingeladen und die Rechnung später eingereicht, damit die Buchhaltung mal sah, dass ich nicht nur zu Hummer und Rehrücken bitte.

      1. Hahaha, solche aberwitzigen Belege sind immer das einzige, was mir die Arbeit an der jährlichen Steuererklärung erträglich macht.

      2. Das erinnert mich an die Rolling Stones Tour, wo die Tickets 624$ kosten sollten. Ohne wohltätigen Zweck wohlgemerkt.

  3. Mit meinen Eltern habe ich zum 50. Hochzeitstag ihre Honeymoon-Reise nochmal wiederholt. Ein wahnsinnig anstrengendes und ein mir gleichzeitig unglaublich wertvolles Unternehmen.

      1. Toll! Diese schöne Idee merke ich mir auf alle Fälle für meine Eltern. Danke fürs Teilen.

    1. Wenn ich zu sehen bin, hat meine Reisebegleitung die Kamera gehalten: Vater, Mutter, Freund(in). Nur in Paris habe ich mal für eine Serie die Kamera mit abgewinkelter Hand auf mich gehalten – die ersten Selfie: 1982.

      1. Dafür, dass es so etwas wie Selfies schon seit Jahrzehnten gibt (photographisch denke man z.B. an Vivian Maier, von Selbstportraits ind er Malerei ganz zu schweigen), ist es doch interessant, dass der Begriff erst seit Anfang der 2000er in unseren Wortschatz übergegangen ist.

      2. „Die ersten Selbstbildnisse soll es bereits in der Antike gegeben haben. Der berühmte griechische Bildhauer Phidias soll sich etwa auf dem Schild der von ihm geschaffenen Statue der Athena Partenos selbst abgebildet haben.“ Wikipedia weiss mal wieder Bescheid.

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