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Atlantische Turbulenzen

#21 – Houston (4)

Nun war es Nacht, und Texas stellte in fast obszön anmutender Geste den Sternenhimmel zur Schau, den ich in den Tropen erwartet, aber wegen des Smogs nicht zu sehen bekommen hatte. Wir zogen durch die Bars. Im wahrsten Sinne des Wortes: rein, durch, raus – grußlos, drinklos. Im Innern der Stätten, dem Innern von Unterleibern, schien die Zeit stehengeblieben. Gelächter, Gesten, Grimassen und nur der Dicke mit den wildesten Gesten, den ausgelassensten Grimassen und den Purpurflecken im Gesicht und am Hals wies die Vergangenheit in ihre Schranken. Traurig.

Foto: Thammanoon Khamchalee/Shutterstock

Auch wenn man völlig appetitlos ist, kann man sich beim Anblick von Nahrung das, was man nicht will, anziehender präsentiert wünschen. In der Hoffnung, dass dann was? … doch der Appetit kommt?

Foto links: Africa Studio/Shutterstock | Foto rechts: Foxys Forest Manufacture/Shutterstock

Erst mal kam früher Schlaf, schon vor zwölf, und dann nach wirrer Nacht eine tröstliche Stunde am Pool. Dort habe ich, am Vortag von vier bis sieben und nun noch mal von neun bis zehn von der Geruhsamkeit geschnuppert, die ich eine Woche lang zu atmen gehofft hatte. Ich sog den Anstieg von Wärme und Licht in mich auf, durch die geschlossenen Augen nahm ich sie wahr, und ich nahm wahr, wie die Zeit verging und dass ich Abschied nehmen musste.

Als ich zurückkam ins Haus, hörte ich Bill im Bad. Während das Wasser lief, keuchte und schniefte er. Er stieß, wie trunken vom Wasser, seltsame Urlaute aus, fast ein Weinen, in das Worte gestammelt waren. Dann bemerkte ich, dass er nicht allein war. Eine ruhige Stimme schien Fragen zu stellen, die durch wimmernde Schreie beantwortet wurden. Die andere Stimme, die ohne das prasselnde Wasser klar zu verstehen gewesen wäre, schien zu beschwichtigen, und dann wieder das Schnaufen und gequälte Ächzen. Ich wusste nicht, wer bei ihm war, aber ich fand es indiskret, diese beklemmende Szene zu belauschen, doch die Zeit drängte. Also ging ich noch einmal nach draußen, öffnete die Tür laut, schloss sie vernehmlich und räusperte mich im Raum. Im Bad trat Ruhe ein, Bill prustete noch ein paar Mal unter Wasser und steckte dann den Kopf zur Tür heraus.

Foto: Sjstudio6/Shutterstock

Ich fragte, ob ich Tee machen solle, und er sagte, ja. Ich setzte den Kessel auf und rief, dass ich auch noch duschen und die Haare waschen wolle, bevor ich abreisen müsse. Bill stellte das Wasser ab und kam, in ein riesiges Handtuch gewickelt, aus dem Bad, und ich ahnte, was ich kurz darauf, als ich unter die Dusche ging, wusste: Es war niemand anderes da. Es war wie Psycho, nur dass er unter dem fließenden Wasser Mutter, Sohn und Opfer zugleich war.

Foto links: Sisacorn/Shutterstock | Foto rechts: Evgeniy pavlovski/Shutterstock

„Du solltest dir die Nase nicht mit Leitungswasser spülen“, sagte ich später, „kein Wunder, dass sie gereizt ist. Nimm destilliertes Wasser oder Dampfbäder!“ Irgendetwas wollte ich sagen. Ich hatte nicht gewusst, wie es um ihn stand. „Es ist AIDS“, sagte er erst, aber dann schienen ihm meine Einwände einzuleuchten. Doch wenn er nun diese barbarischen Schleimhautspülungen gar nicht vornimmt, um sich zu helfen, sondern um sich zu betäuben? – Nicht erst auf dieser Reise, schon früher, habe ich Bill, so weit es irgend ging, alles machen lassen: beim Kochen, Fahren, Hotelaussuchen, Preiseerfragen. Seine Ziellosigkeit im Großen macht ihn in den kleinen Dingen des Lebens unnachgiebiger und damit besser. Ich mit meiner langen Linie stolpere noch über die Schnürsenkel, wenn ich Slipper trage. Bill ist, im Gegensatz zu Giuseppe, nicht ohne Weiteres freundlich. Das ist kein hergesuchtes Beispiel, beide lassen sich durchaus vergleichen. Nur ist der eine in seiner zärtlichkeitsbedürftigen, befangenen Einsamkeit streng christlich, der andere nicht. Irenehafte Gedanken von Glück im Halt drängen sich auf. „Glauben“, sagte schon meine Großmutter, „ist eine Gnade.“ Also nicht einmal für sie eine Selbstverständlichkeit? Das Wort ‚Gnade‘ gibt es. Das beweist nicht, dass es Gott gibt, aber es beweist, dass sich die Menschen unter diesem Wort etwas vorstellen können. – Ich sagte noch so vieles auf dem Weg zum Flugplatz, auch dass er hier raus müsse und dass er im Juli den unerträglich schwülen Sommer in Houston mit dem verregneten in Hamburg vertauschen solle. Ich sagte, was ich hoffte, dass es ihm guttäte, und ich sagte, wovon ich glaubte, dass es wahr wäre. Ich wusste, dass er das, was ich sagte, wusste, aber ich hoffte, dass er es trotzdem hören wollte.

Foto: Kleber Cordeiro/Shutterstock

Mein Ticket war wirklich am Schalter, und ich dachte, dass ich nie erfahren würde, wo ich es verloren hatte und wie es an seinen Bestimmungsort gekommen war.

Foto: Pressmaster/Shutterstock

Bill und ich umarmten einander, er sagte, es täte ihm leid, dass alles so unglücklich verlaufen sei. Eine wässrige Verzweiflung lag in seinem Gesicht, verdünnt durch die vielen gescheiterten Versuche, ihr zu entgehen. Nun würde er allein über den Highway zurückrasen und in den von mir hinterlassenen ‚Sternen‘ und ‚Spiegeln‘ blättern.

Fotos (3): Privatarchiv H. R.

„Vielleicht komm ich wirklich“, sagte er. Ich brachte ihn bis an die Treppe zurück, so dass er es war, der wegging, und nicht ich. Für seine athletische Figur war sein Gang zu staksig, und die andauernde Pflege erhielt seinem Gesicht eine Jugendlichkeit, die ihm schon jetzt nicht mehr zustand. Er verschwand, nachdem er sich noch einmal kurz und teilnahmslos wirkend umgesehen hatte – ein Abschied für Monate, für Jahre oder für immer.

Foto: Lukas Gojda/Shutterstock

25 Kommentare zu “#21 – Houston (4)

  1. Selbstgespräche im Bad? Das kennt man wohl tatsächlich eher aus Gruselfilmen. Ich hätte wahrscheinlich sofort ein paar schlaflose Nächte in Folge einer solchen Begegnung.

      1. Selbstauferlegte schlaflose Nächte können ja auch total spaßig oder erfüllend sein. Jedenfalls hab ich da einige nette Nächte in Erinnerung.

      2. Das ist wie bei (fast) allem anderen: Sucht man sich’s selbst aus ist es wunderbar, wird es einem aufgezwungen hält man es nur schwerlich aus.

  2. Ich habe mittlerweile schon mehr Glück auf Reisen, an Flughäfen, in fremden Ländern gehabt, als ich wahrscheinlich haben sollte. Fingers crossed, dass es nicht bald mal ein Desaster gibt.

    1. Es kann immer etwas schief gehen. Verpasste Flüge, verlorene Gepäckstücke, unangenehme Sitznachbarn auf Langstreckenflügen. Das Leben geht in den meisten Fällen weiter.

      1. Das dachte ich mir. Heute würde er sich wunderbar für die Rubrik #HotDudesWithKittens auf Instagram eigenen 😉

    1. Als ich klein war, wurde mir immer (nicht von meinen Kummer gewohnten Eltern) mahnend vorgehalten: Mit Essen spielt man nicht! Spielen fand ich schöner als schlucken, ich war eben kein Kriegskind. Das ‚visual feast‘ bietet mir eine späte Rehabilitierung. Dass Hungernde das dekadent finden, sehe ich ein. Aber was wird heute nicht pornographisiert?

  3. Abschiede sind mir ein wirklich ein richtig großer Graus. Am liebsten fahre ich mittlerweile allein zum Flughafen um die Prozedur nicht noch unnötig hinauszuzögern. Gerade dort, zwischen den ganzen Menschenmassen, kommt man sich so verloren vor mit seiner Traurigkeit.

    1. Zum Glück sieht man sich immer mehrmals im Leben. Zumindest ist diese Theorie (bis auf eine unglückliche Ausnahme) bisher immer aufgegangen.

      1. Aber will man das Risiko eingehen, dass genau der eine nachlässige Abschied später zur unglücklichen Ausnahme führt?

      2. Besser man nimm sich Zeit, Abschied zu nehmen… sonst zahlt man irgendwann den Preis für einen versäumten Abschied.

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